Der mausgraue Mantel
Du, echt jetzt, schau sie dir doch mal an. Steht da, als wärs ihr egal. Trägt son mausgrauen Mantel, die Handtasche bestimmt noch aus DDR-Zeiten. Und das im Oktober, wo Menschen mit Verstand längst ihre Winterjacken rausholen.
Die Frau im cappuccinobraunen Nerzmantel sprach laut, ohne sich im Geringsten daran zu stören, dass ihr Spottobjekt keine zwei Meter entfernt stand. Gerade eben war sie aus ihrem Wagen gestiegen der parkte direkt am Haupteingang vom Erfurter Busbahnhof und blickte sich jetzt um, so, als hätte sie der halben Stadt mit ihrer bloßen Anwesenheit einen Gefallen getan. Das Auto riesengroß, blitzend, perlmuttsilber, Chromleisten, Felgen wie Kronleuchter im Kuhstall stach so richtig heraus in der Thüringer Provinz.
Die Frau, die sie so musterte, war ungefähr im selben Alter. Vielleicht fünfundvierzig, eventuell ein paar Jahre mehr. Sie stand an einer kleinen Bank mit einer dunkelbraunen Ledertasche, blickte in ihr Handy. Ihr Mantel passte wirklich wenig auf. Dunkelgrau, schlicht, ganz zugeknöpft. Haare einfach nach hinten, kein Styling. Keine auffälligen Ohrringe, kein schillernder Schal.
Tja, so läufts. Irgendwo angekommen und dann steht sie nur rum. Wartet bestimmt aufs Taxi. Aber das kommt hier, wenn überhaupt, nur jede halbe Stunde, plapperte die Nerz-Dame weiter zur schlaksigen Teenie-Tochter, die ihr direkt aus dem Auto folgte und sofort ins Handy versank. Annemarie, hörst du zu?
Ja, Mama, ich hör zu, antwortete Annemarie, weiter in den Bildschirm vertieft.
So geht das eben. Kommen in die Stadt, und wissen doch selbst nicht, was sie hier wollen. Provinz bleibt Provinz, da kannste nix machen.
Die Frau im grauen Mantel hob den Blick vom Handy. Sie schaute zu ihr; nicht genervt, nicht beleidigt. Neutral, wie auf eine vorbeirauschende Landschaft aus dem Bahnfester.
Sind Sie von hier? fragte sie ruhig.
Die Dame im Nerz schien sich über den Gesprächsanschluss zu freuen, drehte sich ihr Körpchenganz zu.
Natürlich bin ich von hier. Lebe seit über dreißig Jahren in Erfurt. Genauer: Ich gebe der Stadt seitdem Glanz. Sie lachte über ihren eigenen Witz. Sabine Ulrike Schirmer. Mein Mann, Harald Schirmer, ist Finanzchef im großen Maschinenbauwerk. Kennen Sie bestimmt, oder? Nein? Na, kein Wunder. Der hält hier das halbe Erfurt am Laufen, so siehts aus.
Hab schon von gehört, erwiderte die Frau im Mantel knapp.
Ach, wunderbar. Dann wissen Sie ja jetzt, mit wem Sie sprechen. Sabine Ulrike zog aus ihrer Tasche, die ganz sicher mehr kostete als ein Verkäufer im Viertel in drei Monaten verdient, ein kleines Spiegelchen, richtete ihre Ponyfrisur. Und, sind Sie geschäftlich hier?
Ja, geschäftlich.
Was für Geschäfte denn so? Sabine ließ nicht locker, die Augen zusammengekniffen. Wenns kein Geheimnis ist, natürlich. Aber in einer Kleinstadt bleibt eh nix lange geheim, das wissen Sie doch.
Kein Geheimnis. Ich schaue mir ein paar Dinge an.
Sabine Ulrike wartete auf mehr, doch da kam nichts. Das wurmte sie denn sonst hörten Leute ihr gern zu, auch wenn sie eigentlich nur selbst redete.
Eigentlich eine schöne Stadt hier, sagte sie gönnerhafter. Nur leider auch ziemlich grau, wissen Sie? Die Leute haben keine Ambitionen. Arbeiten im Werk, nehmen ihr Gehalt und sind zufrieden. Aber wir Harald und ich wir machen es anders. Wir waren im Sommer also, richtig weit weg, im Ausland. Mit einer Yacht. Waren Sie mal auf einer Yacht?
Ja, schon.
Sabine musterte sie ungläubig.
Naja, aufn Bötchen, klar. Aber ne richtige Yacht, da ist alles anders. Das Essen, der Service. Ganz andere Liga. Eben nicht für jeden.
Die Frau im Mantel schwieg, blickte ins Handy.
Ist übrigens ein neuer Mantel, stichelte Sabine und strich den Ärmel glatt. Skandinavischer Nerz. Wissen Sie, was sowas kostet? Nein, kann man nicht sagen, ist unanständig. Aber viel. Sehr viel. Geschenk von Harald zum Geburtstag. Der kennt sich aus. Letztes Jahr gabs eine Uhr mit Diamanten. Hab ich in München gesehen im Schaufenster dachte, die schnapp ich mir. Aber Harald hatte sie schon gekauft, ohne mich. So läuft das.
Sie legte eine Pause ein und wartete auf irgendein Zeichen von Bewunderung oder wenigstens Neid. Aber die Frau im grauen Mantel stand einfach nur da. Wirkte nicht, als würde sie frieren, oder sich unwohl fühlen, keine Spur von Sehnsucht.
Sabine fand das irritierend.
Mit leisen, unauffälligen Leuten konnte sie nie etwas anfangen. Es war fast, als würden die sich extra so geben, nur um sie mit ihrem Gleichmut zu kränken.
Und Sie, wo kommen Sie her? wechselte sie das Thema.
Aus Berlin.
Ach, Berlin also, Sabine zog das Wort genüsslich, halb anerkennend, halb skeptisch. Eine Berlinerin. Wie ists denn so in Berlin? War im Frühjahr das letzte Mal da, auf einer Messe. Wir haben im Hotel in Mitte gewohnt, Frühstücksbuffet vom Allerfeinsten. So gut, dass man zu Hause gar nicht mehr essen will. Sie wissen das sicher. Wobei: Berliner, die übernachten doch nicht im Hotel.
Eher selten, sagte die Frau.
Und Sie arbeiten da?
Ja.
Und als was, wenn ich fragen darf?
Ich leite etwas.
Da musste Sabine kichern, ehrlich gesagt fast automatisch.
Ich leite etwas”, sie grinste. Na, klar. Alle leiten inzwischen was. Sogar die Sekretärin leitet ihren Schreibtisch, die Putzfrau ihren Mopp. Sie lachte. Ist kein Angriff, wirklich nicht. Bloß so’n Modewort. Mein Mann ist Finanzchef, das heißt was.
Die Frau sah sie an. Unaufgeregt, aber irgendwie genauer als zuvor.
Verstehe, sagte sie.
Annemarie, weg mit dem Handy, rief Sabine. Die Tochter verstaute das Smartphone widerwillig, als wäre das Höchststrafe. Die Jugend! Kriegen gar nichts mehr mit. Dabei ist das Leben hier, vor ihren Augen, nicht im Bildschirm.
Der Platz vorm Erfurter Busbahnhof war recht klein, das Pflaster bunt geflickt wie ein alter Flickenteppich. Entlang der Kante standen ein paar Bäume, die schon fast keine Blätter mehr hatten. Oktoberwind fegte Müll über den Asphalt. Es roch nach Kälte und ein wenig nach Diesel vom letzten Bus.
Sie wollen ins Hotel? fragte Sabine weiter. Es gibt hier im Grunde nur eins, was man guten Gewissens empfehlen kann, das Hotel Am Gera-Ufer. Da ists wenigstens okay. Die anderen naja. Wenn Sie nur beruflich hier sind, ists Ihnen wahrscheinlich eh egal.
Ist mir nicht egal, entgegnete die Frau im Mantel.
Also, dann Am Gera-Ufer. Schicke Zimmer, schick genug für meine eigenen Verwandten. Ich selbst brauchs ja nicht, unser Haus hat alles Harald hat jahrelang gebaut. Fünfzig Ar Grundstück, Sauna, Garage für drei Autos. Der sie deutete auf ihr Auto ist nur eines. Haralds hat seine eigene, und Annemarie hat jetzt auch einen, obwohls zu früh ist. Sie macht schon den Führerschein, stimmts, Annemarie?
Ja, bestätigte das Mädchen emotionslos.
Wir planen voraus. Das können nicht viele.
Ganz am Ende vom Platz tauchte ein Mann in dunkler Jacke auf, der zügig suchend durch die Gegend sah. Sabine schenkte ihm einen kurzen Blick, wandte sich aber wieder ab. Die Frau im Mantel dagegen wurde aufmerksamer.
Haben Sie einen Mann? fragte Sabine. Oder gehabt? In Berlin, sagt man, sind Männer rar. Alle sind dauernd getrennt, keiner braucht Familie.
Brauch ich auch nicht, sagte die Frau leicht und man wusste nicht, ob sie das traurig meinte.
Schade. In Berlin ists für Frauen allein schwer. Harald wäre ohne mich aufgeschmissen. Ich manag alles: Haus, Kinder, Termine und muss trotzdem noch gut aussehen. Das kostet viel Kraft. Jeden Morgen mindestens zwei Stunden für mich.
Sie fuhr sich durch die perfekt gelegte blonde Mähne. Ja, die war wirklich teuer rausgeputzt.
Nun kam der Mann in der dunklen Jacke zur Bank, schaute sich um und blieb vor der Frau im Mantel stehen. Sabine beobachtete das aus dem Augenwinkel.
Frau Dr. von Falkenhorst, sagte der Mann leise. Guten Tag. Entschuldigung für die Verzögerung. Ihr Wagen wartet schon seit zwanzig Minuten am Seiteneingang. Die Besprechung im Werk wurde auf morgen früh angesetzt, um neun. Man müsste Sie schon benachrichtigt haben. Ihr Hotelzimmer steht bereit. Sollen wir aufbrechen?
Nach seinen Worten entstand eine dichte, wattige Stille.
Sabine blickte abwechselnd den Fahrer und die Frau an.
Ja, bitte, erwiderte die Frau ruhig. Sie nahm ihre braune Tasche.
Lassen Sie mich, sagte der Fahrer höflich und nahm ihr das Gepäck ab.
Danke.
Sie wandte sich noch zu Sabine. Nicht selbstgefällig. Nicht überheblich. Einfach nur so, wie man sich von einem zufälligen Mitreisenden verabschiedet.
Alles Gute, sagte sie.
Dann ging sie auf den Wagen zu, der hinter den Bäumen am Bordstein wartete: ein langer, schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben. Der Fahrer öffnete die Tür. Sie stieg, ohne Eile, sorgfältig ein. Die Tür schloss sich geräuschlos. Das Auto fuhr an.
Sabine blieb auf dem Platz stehen und schaute hinterher.
Mama, fragte Annemarie leise, warum sind wir doch gleich hergekommen?
Sabine schwieg. Sie starrte noch immer den Straßeneck an, an dem der schwarze Wagen verschwunden war. In ihrem Kopf kreisten Worte und fanden keinen Platz. Dr. von Falkenhorst. Das Werk. Besprechung auf morgen. Das Zimmer wartet.
Wer? Wer war das eben?
Dann fiel es ihr ein. Und lieber wäre es ihr nicht eingefallen.
Mein Gott.
Manchmal bekommt Wissen dich schlagartig, wie ein Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf; ein Moment stehst du noch warm und sicher, im nächsten bist du klatschnass und frierst.
Elena von Falkenhorst. Geborene Becker.
Lena Becker.
Sabine erinnerte sich: ein dürres Mädchen mit Zopf, immer in der letzten Reihe; ruhig, unscheinbar, in alten Pullovern von der Cousine. Sie senkte stets die Augen, wenn man hinsah. Sie schwieg, als man sie foppte. Und das tat man ständig. Spitznamen, versteckte Ranzen, Tuscheln hinterm Rücken. Sabine war dabei meist die Anführerin, fand es lustig, glaubte, so was macht jeder, Lena würde schon durchhalten.
Die hat wirklich alles durchgehalten.
Ging nach dem Abi fort nach Berlin. Kam nie wieder.
Bis heute.
Mit Chauffeur und Firmenwagen.
Sabine fasste ihre Tochter an der Schulter und führte sie zum silbernen Wagen. Annemarie sah ihre Mutter verwundert an, schwieg aber. Kluges Mädchen.
Sie setzten sich. Lange startete Sabine den Motor nicht.
Ist schon okay, redete sie sich ein. Bloß so ein Zufall. Die weiß das doch alles nicht mehr, das ist zu lang her. Oder sie weiß es aber es ist ihr egal mittlerweile. Die ist jetzt wichtig, hat dafür keinen Kopf.
Aber ihr Inneres glaubte das schon nicht mehr. Ihr fiel wieder ein, wie Lena Becker damals im Klo heimlich geweint hatte. Sabine hatte es gesehen und dem ganzen Kurs weitererzählt.
Jetzt sprang der Motor an. Sie fuhren los.
Sabine starrte auf die Straße und wusste: Sie musste Harald anrufen.
Er musste gewarnt werden. Auf das, was da kam.
Aber worauf genau?
Harald ging beim dritten Klingeln ran.
Harald, sagte Sabine, weißt du, wer das Werk kaufen will?
Eine Pause.
Woher weißt du davon? Das ist vertraulich!
Das ganze Erfurt weiß es schon, entspann dich. Sag mal, weißt du den Namen?
Von Falkenhorst. Elena von Falkenhorst, Industriebeteiligungen aus Berlin. Sehr seriös.
Ich habe gerade mit ihr gesprochen. Direkt am Busbahnhof.
Wieder eine Pause, diesmal länger.
Du machst Witze.
Nein, Harald. Sie stand da wie eine normale Frau. Ich habe sie nicht erkannt Hab normal mit ihr geredet, einfach so
Und?
Sie ist Becker. Lena Becker. Aus unserer Klasse. Erinnerst du dich?
Jetzt schwieg Harald richtig lange.
Klar erinnere ich mich, sagte er dann. Die war so schmal. Leise.
Genau. Und die ist jetzt hier.
Harald hustete.
Sabine, mach dir da keine Sorgen. Das wird alles auf professioneller Ebene laufen. Sie kauft das Werk, wir arbeiten, alles läuft.
Aber er hörte sich gar nicht sicher an. Überhaupt nicht.
Drei Wochen später kamen die Wirtschaftsprüfer.
Sabine erfuhr es von der Nachbarin Andrea, die in der Werksbuchhaltung arbeitete. Andrea rief am Morgen an, als Sabine noch frühstückte, und ihre Stimme klang wie bei einer schlechten Nachricht: leise, ein bisschen aufgeregt.
Sabine, hier läuft ne Prüfung. Eine richtig große Nummer. Gestern Abend kamen die, haben die Finanzen versiegelt. Harald war mit ihnen alleine drin, ich habs selber gesehen.
Ist sicher nur Routine, erwiderte Sabine, doch ihre Hand, die die Tasse hielt, zitterte leicht.
Routine, von wegen, raunte Andrea fast. Das wurde von der neuen Eigentümerin veranlasst. Die schauen sich die letzten fünf Jahre komplett an. Sabine, ich sags dir freundschaftlich, verstehst du?
Sabine verstand.
Schon nach dem Gespräch mit Harald hatte sie es gespürt. Kein Angstgefühl, nur eine schwere Last irgendwo tief unten, die einfach nicht wegging. Sie zwang sich, nicht dran zu denken. Machte im Haus alles wie immer, ging zum Maßnehmen fürs neue Kleid, frisierte sich. Der Alltag lief, also wird schon alles gut.
Aber diesmal lief es wirklich nicht mehr normal.
Harald kam an dem Abend erst nach Mitternacht zurück. Sabine saß in der Küche am kalten Tee. Er hing den Mantel schlampig auf, setzte sich.
Und?, fragte sie.
Er starrte lange auf die Tischkante.
Sie habens gefunden, Sabine.
Was?
Alles. Fast alles.
Sie fragte nicht was. Sie wusste es eigentlich. Nicht die Details, nicht die Summen aber dass Harald nicht von seinem Gehalt allein lebte, das war ihr schon klar gewesen. Sie fragte nicht nach. Lebte einfach. Gab das Geld aus, freute sich über den Mantel, die Reisen, stellte nicht die Fragen, die sie nicht hören wollte.
Jetzt ließ sich das nicht mehr wegdrücken.
Ab da ging alles schnell und schlimm. Nicht wie im Fernsehen, mit dramatisch inszenierter Verhaftung und lauter Musik, sondern echt: unangenehm, chaotisch, mit Zetteln und Anrufen, Fremden in der Wohnung und Nachbarn hinterm Vorhang. Die Ermittler kamen zweimal. Die Konten waren schneller eingefroren, als Sabine reagieren konnte. Harald wurde noch in der ersten Woche suspendiert, rasch kam das Strafverfahren. Der Anwalt wollte Vorschuss und blieb vage. Das perlmuttfarbene Auto wurde mitbeschlagnahmt.
Freundinnen rief Sabine anfangs noch an. Zweimal nahmen sie ab. Beim dritten Mal kaum noch eine.
Andrea aus der Buchhaltung meldete sich gar nicht mehr.
Die Menschen, von denen Sabine dachte, sie gehörten zu ihrer Welt, waren schneller weg, als sie glauben wollte. Einfach verschwunden.
Den Mantel aus Nerz musste sie verkaufen. Nicht sofort, aber irgendwann blieb keine Wahl. Die Uhr mit Diamanten Harald hatte sie mitgenommen, sie weiß nicht, wo die ist. Annemarie wechselte die Schule, weil es an der alten nicht mehr auszuhalten war. Kinder sind grausam, die helfen Dir, tiefer zu fallen, wenn du schon am Boden bist.
Das Haus wurde ihr gelassen. Zunächst. Aber wohl nicht mehr lange. Der Anwalt sagte, es werde wohl auch gepfändet. Sabine saß in der großen Wohnstube hohe Decke, Stuck, schwere Stoffgardinen und dachte: Das war alles nie echt. Das war nur eine Kulisse. Deko für Fotos.
Sie musste an Lena Becker denken. Die auf dem Busbahnhof in ihrem schlichten Mantel mit der braunen Tasche dastand. An das, was sie selbst gesagt hatte: Über Mantel, Yacht, das Haus mit drei Garagen
Mein Gott.
Wäre die andere nur wütend geworden, hätte sie Du blöde Kuh! gesagt! Hätte sie brüllen können: Weißt du noch, wie du mich damals fertiggemacht hast? Jetzt mache ich das mit dir! Das wäre verständlich. Ehrlich.
Aber sie sagte nur Alles Gute und ging.
Und das war schlimmer als jeder Brüller.
Das Klassentreffen ein paar Wochen später organisierte Frau Walther, die alte Deutschlehrerin, inzwischen über siebzig, aber energisch wie eh und je. Sie rief jeden persönlich an, notierte akribisch, wer kommt, wer nicht, und fand immer die richtigen Worte, damit man gar nicht absagen konnte.
Sabine rief sie Ende Oktober an.
Sabinchen, komm einfach. Es interessiert uns gar nicht, was bei dir gerade läuft. Wir fallen doch alle mal. Die Schule erinnert sich an uns, wie wir früher waren. Komm einfach.
Sabine schwieg lange.
Frau Walther, was soll ich dort?
Es ist Zeit für dich, unter Menschen zu sein, die dich schon als Kind kannten.
Und tatsächlich ging sie hin.
Warum, hätte sie nicht sagen können. Vielleicht weil Frau Walther die richtigen Worte fand. Vielleicht wars zu Hause einfach nicht mehr auszuhalten. Vielleicht auch, weil einen kleinen Schritt nach vorne zu tun oft weniger Kraft kostet, als man denkt.
Sie zog den alten Wintermantel an, den sie eigentlich nur für die Gartenarbeit hatte. Eine spöttische Ironie: Das war jetzt ihr Ausgehstück. Haare streng zusammengenommen. Ein bisschen Creme, aber kein Make-up, keine Mascara. Nicht aus Faulheit, sondern weil die Hände beim Versuch zitterten.
Der Saal war notdürftig geschmückt, Papiergirlanden, Fotostellwände, lange Tische mit weißen Tüchern. Es roch nach Kuchen und altem Holz. Frau Walther empfing jeden mit einer Umarmung.
Sabine, sagte sie leise, eng umarmend. Gut, dass du da bist.
Sabine ging in den Saal. Sie spürte die Blicke, sogar im Nacken. Manche drehten sich weg. Andere glotzten offen. Zwei am Rand beugten sich zueinander und tuschelten.
Sie wusste schon, warum.
Sie suchte sich einen Platz am Fenster, so weit weg vom Getümmel wie nur möglich. Stand da, die Tasche umklammert, und starrte ins dunkle Glas und sah sich so im hellen Saal gespiegelt.
Tja.
So fühlt sich das also an. Wenn du der andere bist, und alle tuscheln. Wenn du reinkommst und die Luft knistert. Wenn Blicke dich scannen, abwerten, zur Seite schweifen.
Und sie dachte, dass wohl Lena Becker in ihrer Schulzeit oft so gestanden haben musste. Nur war die damals fünfzehn. Das ist ein Unterschied: Mit fünfundvierzig hast du wenigstens ein bisschen innere Haltung. Mit fünfzehn wackelst du vor Unsicherheit.
Hinter ihr hörte sie Die Schirmer und dann verhaltenes Kichern. Sie drehte sich nicht um.
Mehr und mehr Mitschüler kamen hinein. Sabine beobachtete ihr Spiegelbild. Sah, wie die Tür aufschwang und eine Frau im hochwertigen, dezenten Mantel eintrat. Guter Schal, zurückgebundene Haare, fast streng. Nicht zuviel, nicht zuwenig.
Lena Becker.
Die Runde an den Tischen wurde quirlig, viele drängten sofort zu ihr. Frau Walther begrüßte sie mit besonders herzlicher Umarmung. Ein paar andere Frauen redeten und lachten mit ihr. Lena blieb gelassen, nickte. Keine Überlegenheit, kein Triumph. Einfach so, als ob sie auch nur eine ganz normale Ehemalige wäre.
Sabine blickte durch das Fenster auf die dunkle Straße. Merkte gar nicht, wie die Zeit verging, zehn, zwanzig Minuten vielleicht. Plötzlich stand jemand bei ihr am Fenster. Sabine drehte sich.
Lena stand einen halben Meter entfernt. Sie schaute nicht ins Glas, sondern direkt zu Sabine. Freundlich, ohne jede Bitterkeit.
Hallo, Sabine, sagte sie.
Sabine schnürte kurz die Kehle zu. Nicht vor Schmerz, auch nicht vor Angst etwas Altes, Wahres regte sich, das sie lange weggeschoben hatte.
Hallo, brachte sie heraus.
Schweigen. Draußen war dunkle Straße, einige Laternen. Die Blätter längst verschwunden.
Ich wusste gar nicht, dass du kommst, sagte Sabine schließlich, leise, fast schüchtern.
Ich bin noch ein paar Wochen wegen Werkssachen hier. Frau Walther hat mich eingeladen, antwortete Lena einfach.
Klar.
Pause. Im Hintergrund wurde gelacht, leise Musik, Tische wurden herangerückt.
Lena, begann Sabine, ohne es geplant zu haben. Ich wollte Ich muss
Lass gut sein, meinte Lena ruhig. Wirklich, Sabine.
Doch, warte. Ich muss das sagen. Damals, in der Schule… Ich war…
Sabine. Lena sprach sachlich, ohne einen Funken Abwertung. Wir sind beide fünfundvierzig. Keiner von uns hat Zeit, zurück in das alte Klassenzimmer zu reisen. Ich bin längst weg von dort. Lass es einfach.
Sabine sah sie an.
Lena vergab ihr nicht, sagte aber auch nicht, dass alles okay, sie nicht nachtragend sei. Sie ging einfach nicht zurück in die Vergangenheit. Und irgendwie war das ehrlicher als alles Verzeihen.
Okay, flüsterte Sabine.
Ich wollte dir etwas sagen, meinte Lena weiter. Es gibt eine neue Stelle am Werk. Sozialprojekt, Hilfe für Mitarbeiter, die in Not geraten sind. Jemand wird gebraucht, der die Abläufe kennt. Nicht wichtig, welche Titel auf dem Papier stehen, es braucht Herz und Geduld. Kein Riesending, einfache Bezahlung aber es ist eine solide Arbeit.
Sabine schwieg.
Ich weiß nicht, ob das für dich ist, du entscheidest selbst. Aber falls du willst, sie reichte ihr eine schlichte Visitenkarte, weiß, schwarze Buchstaben, ganz unaufgeregt. Ruf am Montag an, nach Frau Dr. Seidel fragen. Sag, dass ich dich empfohlen habe.
Sabine nahm die Karte. Schaute lange drauf, die Buchstaben verschwammen.
Warum? fragte sie schließlich leise. Warum mir das anbieten?
Lena überlegte kurz.
Ich weiß nicht. Weil ichs kann. Und weil ich nicht will, dass du fällst. Das bringt mir nichts.
Sie sagte das ruhig, sachlich, ohne große Gesten es war eine klare Entscheidung, die keiner Debatte bedurfte.
Und das Werk? Das mit Harald Hast du traute sich Sabine kaum zu fragen.
Das waren die Prüfer, sagte Lena nüchtern. Es gab starke Unregelmäßigkeiten. Ich musste vor dem Kauf für Klarheit sorgen. Da arbeiten Menschen.
Ich verstehe.
Und sie verstand es wirklich. Es war bitter. Und richtig zugleich. So ist das eben manchmal.
Ich muss zurück, sagte Lena. Frau Walther winkt mich an den Tisch.
Sie nickte Sabine zu, dann ging sie zu den anderen, zu Frau Walther, die ihr herzlich zuwinkte.
Sabine blieb am Fenster.
Die Visitenkarte war schlicht. Sabine drehte sie zwischen den Fingern. Namen, Telefonnummer, Firmenzeile. Keine Goldprägung.
Hinter ihr tuschelte wieder jemand, jemand lachte. Es war ihr fast egal. Fast.
Sie überlegte, wie sie sich entscheiden würde. Montag anrufen. Nach Frau Dr. Seidel fragen. Sagen: Empfehlung von Lena. Und dann? Anfangen, unter Kollegen, die alle wussten, wer ihr Mann war, was passiert war. Wenig Geld. Ein kleines Büro.
Kaum zu ertragen.
Aber Annemarie, die Tochter. Die musste die Schule packen. Der Anwalt wollte Geld. Das Haus war bald weg. Aber das Leben, das hört ja nicht auf, bloß weil der Status weg ist. Das geht weiter, und irgendwie muss man es leben.
Sie dachte an ihr Gerede damals am Busbahnhof: Über Mantel, Yacht, zwei Stunden jeden Morgen für mich, über den Ehemann, der sie braucht.
Und Lena Becker hat einfach nur zugehört. Mit diesem Blick, den Sabine damals für Dummheit gehalten hatte und jetzt verstand: Das war Geduld. Kein Nachgeben, sondern Standhalten, weil sie nichts mehr beweisen musste.
Draußen fuhr ein Wagen vorbei, die Scheinwerfer streiften kurz das Fenster.
Sabine dachte: Morgen ist Samstag. Annemarie kommt aus der Schule und will was essen. Muss einkaufen, Geld ist knapp.
Sie betrachtete noch einmal die Visitenkarte.
Dann steckte sie sie ins Mantelfutter.
Diese Geschichte, die später in Erfurt die Runde machte, wuchs wie alle guten Stadtgeschichten: immer neue Ausschmückungen, jeder wusste es besser. Man munkelte, dass Frau von Falkenhorst auf das Treffen kam, nur um Sabine Schirmer zu demütigen. Man munkelte, Sabine habe um Verzeihung gefleht. Manche sagten, sie hätten sich beinahe gestritten. Natürlich war das alles Quatsch.
Da waren nur zwei Frauen am Fenster, ein leises Gespräch. Eine Visitenkarte.
Und dann noch eine Geschichte: Andrea, die Buchhalterin, wusste davon. Frau Walther wusste es. Und Annemarie, die ihre Mutter am Küchentisch sitzen sah, den Blick ins Nichts, vor sich die weiße Karte.
Mama, was ist das?, fragte sie.
Vielleicht ein neuer Job, antwortete Sabine.
Annemarie las, legte die Karte wieder hin.
Wirst du hingehen?
Sabine schwieg lange.
Ich weiß noch nicht.
Annemarie goß sich Tee ein und stellte der Mutter den Becher hin.
Geh hin, sagte sie. Du kannst mit Menschen umgehen. Das konntest du immer.
Sabine blickte ihr in die Augen. Vierzehn Jahre, kurzer Haarschnitt, ernstes Gesicht. Annemarie sah ruhig zurück.
Wenn Sabine sich später an diesen Herbstabend erinnerte, dachte sie: Da hat sich in mir leise und unwiderruflich etwas bewegt. Nicht wegen Lenas Worten vor allem, sondern wegen Annemaries Blick. Ihr du kannst das. Als hätte die Tochter ihr gezeigt, dass es einen Teil von ihr gibt, der vor Dauer-Make-up, Status und Autos lag.
Etwas Echtes. Etwas, das man nicht pfänden kann.
Montagmorgen rief Sabine an. Bat um ein Gespräch mit Frau Dr. Seidel. Sagte, das sei auf Empfehlung von Lena.
Die Pause war ganz kurz.
Kommen Sie morgen um zehn, meinte Frau Dr. Seidel. Ich trag Sie ein.
Danke, sagte Sabine.
Sie legte auf, blieb noch einen Moment auf dem Sofa sitzen. Draußen ein grauer, ruhiger Morgen, aus dem Hausflur:
dumpf schlug eine Tür. Schritte auf dem Hof.
Ein ganz normaler Tag.
So ein Tag, an dem was Neues anfängt. Was, wusste sie noch nicht. Aber vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit: Man weiß es nicht, und geht trotzdem los.
***
Monate später, als der erste Sturm sich gelegt hatte, das Leben zwar noch ungewohnt, aber schon wieder lebbar war, dachte Sabine manchmal an die Szene am Busbahnhof. Anfangs mit Scham, irgendwann fast mit Neugier auf das frühere Ich. Wer war das nur gewesen diese Frau im edlen Pelz, die von der Yacht sprach und andere wegen ihres Mantels verspottete? Was wollte sie eigentlich beweisen? Und wem? Einer Geschäftsreisenden, die vielleicht an Verträge und Zahlen dachte, an das Werk, aber bestimmt nicht an den Mantel der Wartenden neben sich?
Das war wohl die ehrlichste Antwort: Lena hat sie nie herabgewürdigt, nie schadenfroh grinsend zurückgeschaut. Sie hat einfach nicht mitgespielt; nicht, weil sie sich besser fühlte, sondern, weils sie nicht interessierte. Ihr Leben war längst mit anderem gefüllt.
Sabines Leben hatte sich nur ums Vorzeigen gedreht. Bedeutend wirken wollen, erfolgreich, immer besser als die anderen aus Angst, weniger zu sein als gedacht. Deshalb endloses Gerede über Mantel und Auto. Als wäre das alles.
Das war kein Leben. Das war ein Schaufenster.
Das Schaufenster fiel in sich zusammen. Was blieb, war Sabine: kein Glamour, aber endlich echt.
Im neuen Job saß sie im kleinen Büro im dritten Stock des Werktrakts, es roch frisch nach Farbe. Mitarbeiter kamen mit Fragen, Papieren und Sorgen. Sabine half ihnen, ordnete, hörte zu. Der Lohn bescheiden. Aber die Menschen sagten Danke. Manchmal kamen sie wieder einfach so, um zu erzählen, wie es geklappt hatte.
Das war ganz anders als früher. Viel anstrengender. Aber leichter fürs Herz.
Mit Lena begegnete sie sich selten. Manchmal sah Sabine sie auf dem Flur; Lena nickte dann genauso wie jedem anderen im Betrieb. Nicht besonders warm, nicht kalt. Einfach klar.
Einmal trafen sie sich an der Kaffeemaschine. Sabine nahm sich ihren Kaffee, trat zurück, damit Lena ran konnte. Beide schwiegen zehn Sekunden.
Wie läufts? fragte Lena.
Ich gewöhne mich dran, sagte Sabine.
Gut so.
Lena nahm den Becher und ging.
Sabine blickte ihr hinterher. Sie dachte: So läuft es im richtigen Leben. Nicht wie im Kino, kein großes Versöhnen, kein lautes Umarmen. Sondern: man fragt, man nickt, geht weiter; das Leben bleibt nicht stehen, es gibt immer das Nächste.
Das hätte sie früher verstehen müssen. Aber besser spät als nie.
Auch wenn das ja, genau genommen, auch wieder nicht ganz stimmt.




