– Hallo, Lüdi! Mach dich bereit für Besuch, – sagte meine Schwester und schob mit dem Fuß den Koffer in den Flur

Gretel, hallo! Nimm mal deine Besucherin auf, sagte meine Schwester und schob den Koffer schwungvoll mit dem Fuß in den Flur.

Samstag, gegen Mittag. Während Gretel an nichts Ernsthaftes dachte, klingelte es zweifach. Dann dreimal. Dann lang, ohne Pause.

Heinrich sagte, den Blick am Fernseher festgeklebt, nachdenklich:

Jemand ist aber hartnäckig.

Vor der Tür stand Leni, ihre jüngere Schwester. Zwei riesige Koffer, eine Umhängetasche, das Gesicht voller Zufriedenheit über eine große Entscheidung, die sich schon anfühlte wie ein Pokalgewinn.

Gretel, hallo! Besuch ist da, rief sie, schob den ersten Koffer professionell in den Flur. Als hätte sie das ihr Leben lang geübt.

Gretel wich zur Seite, reflexhaft. Vierzig Jahre Geschwisterschaft das prägt. Der Körper weiß vor dem Kopf Bescheid.

Wie lange bleibst du? fragte sie und warf einen Blick auf den zweiten Koffer.

Leni zog die Jacke aus, hängte sie an genau den Haken, an dem Gretels Mantel war, inspizierte die Wohnung mit dem prüfenden Blick einer Bauaufsicht.

Für immer, Gretel. Ich ziehe ein. Die Wohnung ist groß, drei Zimmer, ihr seid zu zweit. Eins ist doch überflüssig. Da hab ich entschieden…

Gretel betrachtete ihre Schwester eine Weile. Entschieden hat sie.

Heinrich drehte den Fernseher lauter sehr zuvorkommend.

Leni, warte mal. Das meinst du ernst?

Und wie, Leni war schon im Flur, guckte in jedes Zimmer. Oh, das Zimmer taugt mir. Hell. Und Fenster zum Hof, schön ruhig.

Es war das Gästezimmer. Da stand das alte Sofa, eine Nähmaschine, drei Kisten mit Sachen, die Gretel seit Monaten nicht sortiert hatte.

Leni. Gretel holte sie an der Tür ein. Wir haben ja nicht mal drüber gesprochen.

Worüber denn? Leni zog die Augenbrauen hoch. Wir sind Schwestern, Gretel. Bei Familie ist alles gemeinsam. Hat Mama immer gesagt.

Gretel dachte, am besten sollte man Mama gerade gar nicht zitieren.

Hinter der Wand brummelte der Fernseher den Wetterbericht. Heinrich schien ihn sehr aufmerksam zu studieren.

Leni öffnete bereits ihren Koffer.

Sie richtete sich ein. Bestimmt. Mit der Selbstverständlichkeit einer Besitzerin, die sich holt, was ihr zusteht.

Als Erstes stellte sie das Bett um. Das Kopfende am Fenster ging nicht: Zugluft, Gretel, da fällt mir doch der Nacken ab. Die Nähmaschine wurde in die Ecke geschoben: Wann hast du zuletzt genäht? Nie? Eben. Gretel sah zu, wie die Maschine leise rollte.

Am Abend des ersten Tages lagen Lenis Hausschuhe im Flur riesig, plüschig, mit Bommeln, wie frisch von einem Trödelmarkt auf dem Flohmarkt. Daneben Gretels elegante Slipper, eine Bibliothekarin neben einem Zirkusbären.

Beim Abendessen aß Heinrich schweigend. Er starrte in die Suppe wie auf der Suche nach einer verschollenen Botschaft.

Die Suppe ist gelungen, sagte er.

Ganz normal, erwiderte Leni geschäftig. Heinrich, habt ihr eigentlich einen Ventilator? In meinem Zimmer ist stickig.

Heinrich hob die Augen, sah Leni an, dann Gretel.

Wir schauen mal, sagte er.

Gretel seufzte tief so tief, dass ihr irgendwas im Fuß vibrierte.

Am dritten Tag kümmerte sich Leni um den Kühlschrank.

Sie öffnete ihn nicht einfach sie erforschte ihn wie ein Wissenschaftler ein seltsames Insekt.

Gretel, deine Buttermilch ist abgelaufen.

Ich weiß, ich wollte noch wegwerfen.

Wozu kaufst du drei Pakete Butter auf einmal? Die stehen nur im Weg.

Leni, das ist mein Kühlschrank.

Na und? Ich bin doch keine Fremde.

Das war ihr Allzweckschlüssel. Gretel hörte ihn fünfmal täglich und überlegte manchmal, zu sagen: Doch, in dieser Frage bist du mir fremd. Sagte es aber nicht.

Inzwischen fühlte sich Leni schon ganz zuhause.

Sie wusste, wann Heinrich zur Holzschnitzerei fährt und zurückkommt. Sie kannte Gretels Serienzeit und kam dann immer mit Tee und Gesprächsbedarf. Über das Leben, Nachbarn, das Wetter, die Jugend, die doch heute Und Politik da war Leni besonders unerschöpflich.

Gretel hörte zu, nickte, sah aus dem Augenwinkel, wie auf dem Bildschirm ihre Heldin ein Drama durchlitt, und dachte: Mein eigenes ist auch nicht klein.

Morgens war Leni immer als Erste wach.

Früher hielt Gretel ihre Schwester für eine Nachteule, nun war sie offenbar ein Frühaufsteher mit Programm. Sechs Uhr, die Küche rumpelte, Pfanne zischte, Lenis Stimme schallte munter durch die Wohnung:

Heinrich, willst du Rührei? Gretel, mit oder ohne Tomate? Käse hab ich im Kühlschrank gefunden, bisschen hart, aber ich hab ihn gerieben Wegwerfen ist ja Verschwendung!

Heinrich kam in die Küche wie einer, der geweckt wurde, aber nicht weiß, warum das Unrecht ist. Setzte sich. Aß Rührei. Sagte höflich Danke.

Und Gretel stand im Bademantel in der Küchentür.

Sie füttert meinen Mann. In meiner Wohnung.

Und das war der Morgen, an dem drinnen in Gretel etwas knackte.

Sie kochte sich Kaffee, setzte sich ans Fenster und rief ihre Tochter an.

Margarete, hast du gerade Zeit?

Ja, Mama, was ist?

Komm vorbei. Ich muss reden.

Margarete kam am Sonntag zum Mittag, brachte Kuchen, stellte ihn auf den Tisch, umarmte die Mutter und fragte leise:

Na los, erzähl.

Gretel erzählte. Alles. Über die Koffer. Über die Bommelhausschuhe. Die Nähmaschine im Eck. Den geriebenen Käse, den sie nicht wegwerfen wollte. Die morgendlichen Eier.

Margarete hörte zu, unterbrach nur für erstaunte Augenbrauen.

Sag mal, zahlt sie dir denn wenigstens was? Für Essen, für Nebenkosten?

Sie sagt, fürs Essen.

Sagt oder zahlt?

Gretel schwieg.

Sagt.

Margarete blickte in Richtung Flur und getäfelter Tür des Gästezimmers.

In diesem Moment kam Leni heraus, sah Margarete, freute sich ehrlich so froh, wie man sich nur freuen kann, wenn man nichts zu verbergen hat.

Margarete! Wie schön, dass du da bist! Gretel, wo ist Zucker? In der Schale ist nix mehr.

Im Schrank, sagte Gretel.

Ich nehm mir mal, ja?

Klar.

Leni nahm. Rührte in den Kaffee, nickte sich zufrieden zu.

Margarete beobachtete sie mit der Ruhe von Leuten, die ihre Entscheidung längst getroffen haben.

Tante Leni, sagte sie schließlich, wann hast du denn die Wohnung verkauft?

Stille.

Kurz, aber vielsagend.

Woher weißt du das? Leni stellte die Tasse ab.

Tante Hannelore hats erzählt. Ganz nebenbei.

Leni sah Gretel an. Gretel sah aus dem Fenster.

Und? Ist verkauft. Ich hab Geld. Ich guck erstmal, kaufe nix überhastet, der Markt ist verrückt. Ich bleib bisschen, spare noch, dann entscheide ich.

Bisschen heißt wie lang? fragte Margarete.

Vielleicht ein Jahr. Oder zwei. Sehe ich dann.

Gretel drehte sich vom Fenster.

Leni, sagte sie leise, ruhig. Du hast Geld und wohnst bei mir, damit du es nicht anrührst. Stimmts?

Ach Gretel, bitte

Stimmts?

Wir sind doch Familie, sagte Leni. Der letzte Universalschlüssel.

Doch bei Gretel funktionierte er diesmal nicht mehr.

Margarete und ihre Familie ziehen ins Gästezimmer. Ich habe sie eingeladen. Nächsten Samstag kommen sie.

Leni starrte Margarete an. Die trank Tee und sah in ihre Tasse wie jemand, der mehr weiß als er sagt.

Seit wann, wollte Leni beginnen.

Schon erledigt, sagte Gretel.

Stimmte natürlich nicht. Margarete wohnte in ihrer eigenen Wohnung und hatte nicht vor umzuziehen. Aber Gretel blickte so unerschütterlich, wie Leni es nicht erwartet hatte.

Leni schwieg lange. Dann stand sie auf, zupfte am Bademantel.

Verstehe, sagte sie nur. Trocken.

Und verschwand.

Zwei Tage packte Leni.

Systematisch. So methodisch, wie sie gekommen war. Tüten raschelten, Kleiderbügel klirrten, Möbel schoben sich zurück. Gretel kam nicht rein. Heinrich auch nicht.

Am Mittwochmorgen erschien Leni mit beiden Koffern in der Küche. Parkte sie an der Tür.

Ich geh zu Tamara, sagte sie. Die lädt mich schon lange ein.

Gut, sagte Gretel.

Ruf ab und zu mal an.

Mach ich.

Leni griff ihren Koffer.

Gretel, meinte sie an der Tür, ohne sich umzudrehen. Du hast dich verändert.

Gretel überlegte einen Moment.

Ja, antwortete sie. Wohl wahr.

Die Tür fiel zu.

Gretel stand eine Weile im Flur, sah auf den Haken, wo Lenis Jacke gefehlt hatte, auf den Teppich, leer, ohne flauschige Bommelpantoffeln. Der Flur atmete freier.

Sie ging ins Gästezimmer. Öffnete das Fenster.

Dann schob sie die Nähmaschine zurück ans Fenster, dahin, wo sie immer gestanden hatte.

Am Abend rief Margarete an:

Und? Ist sie weg?

Sie ist weg.

Und wie fühlst du dich?

Gretel dachte nach.

Gut, sagte sie. Sehr gut.

Draußen wurde es dämmrig, Heinrich klapperte in der Küche mit dem Geschirr, und das war ein wohliger, vertrauter Klang.

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Homy
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– Hallo, Lüdi! Mach dich bereit für Besuch, – sagte meine Schwester und schob mit dem Fuß den Koffer in den Flur
– Das Wichtigste: Erfolgreich heiratenSie stellte fest, dass wahre Liebe nicht im perfekten Hochzeitskleid, sondern im gegenseitigen Verstehen und gemeinsamen Lachen lag.