Die Schwiegermutter wollte Olga auf die Probe stellen – das Ergebnis war völlig überraschend

Die Schwiegermutter beschloss, Katharina auf die Probe zu stellen. Das Ergebnis war unerwartet.

Es war an einem Donnerstagabend, schon vor vielen Jahren. Hermann nahm das Telefon ab, sprach fast zehn Minuten, dann kam er in die Küche mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der keine besonders gute Nachricht überbringen muss aber noch nicht weiß, wie er sie verpacken soll.

Meine Mutter kommt, sagte er. Für ein, zwei Wochen.

Katharina rührte in der Suppe.

Wann?

Am Samstag.

Katharina stellte den Herd ab.

Ein, zwei Wochen. Sie wusste längst, was das hieß, wenn Hildegard Riemann ein, zwei Wochen ankündigte. Das war so dehnbar wie ein bisschen Salz in ihren Rezepten immer ganz subjektiv gemeint.

Am Samstag kam Hildegard dann pünktlich um zwölf zur Tür herein mit einer großen Reisetasche, aus der es verdächtig klirrte, und dem Gesichtsausdruck einer Inspektorin, die eine Wohnung vor dem Kauf prüft. Ihr Blick war prüfend, abschätzend.

Na ja, sagte sie und schaute sich im Flur um, kein Staub. Das ist schon mal gut.

Hermann lachte. Katharina lächelte.

Schon mal gut für Hildegard war das wahrscheinlich ein Kompliment.

Sie ging in die Küche, öffnete wie beiläufig den Kühlschrank, ließ den Blick schweifen und murmelte nachdenklich:

Du kaufst den fettarmen Joghurt? Hermann braucht den normalen, wegen dem Magen.

Er hat sich den selbst gewünscht, sagte Katharina.

Naja, was die Männer so sagen… Hildegard schloss den Kühlschrank und tat, als hätte sie eine wichtige Entdeckung gemacht.

Am Abend, als Hermann unter der Dusche war, setzte sich Hildegard zu Katharina auf das Sofa, legte die Hände ordentlich auf die Knie und sagte ganz ruhig, fast freundlich:

Weißt du, Katharina, sei mir nicht böse. Mir ist es wichtig zu wissen, wie du wirklich bist.

Hildegard war eine Meisterin ihrer Disziplin.

Sie arbeitete leise und geschickt, wie eine Restauratorin, die Schicht für Schicht freilegt, was ihr wichtig ist. Jede Bemerkung kam wohlplatziert, mit Lächeln und scheinbarer Harmlosigkeit.

Am zweiten Tag entdeckte sie die Handtücher.

Katharina, sagte sie nachdenklich, mit dem Handtuch in der Hand im Bad stehend weißt du eigentlich, dass man Handtücher immer mit der Schlaufe nach unten aufhängen muss? Dann trocknen sie besser.

Ich hänge meine immer so, erwiderte Katharina.

Na ja, na ja, sagte die Schwiegermutter und hängte ihr eigenes Handtuch mit demonstrativem Nachdruck anders auf mit der Schlaufe nach unten, wie ein Banner der neuen Ordnung.

Hermanns Hemden hingen fein säuberlich nach Farben geordnet auf Bügeln im Schrank. Die Schwiegermutter öffnete den Schrank, musterte die Hemden lange und sagte dann leise, fast zu sich selbst:

Die Kragen sind ein wenig verknittert. Aber vielleicht ist das ja Absicht.

Katharina stand neben ihr und dachte: Das ist keine Frage. Das ist eine Feststellung. So formuliert, dass man darauf nichts sagen kann.

Die Pflanze am Fensterbrett ein alter Gummibaum, den Katharina schon zwei Wohnungen mitgeschleppt hatte war ihrer Meinung nach ganz falsch gegossen.

Katharina, Gummibäume mögen es nicht, wenn man von oben gießt. Immer in den Untersetzer!

Dieser Gummibaum lebt seit acht Jahren bei mir, sagte Katharina.

Und trotzdem. Er könnte besser dastehen.

Der Gummibaum schwieg und mischte sich nicht ein. Das war klug von ihm.

Die Lagerung der Lebensmittel im Kühlschrank war für Hildegard Anlass zu einem ausführlichen Vortrag mit praktischen Beispielen: Milchprodukte immer ins mittlere Fach, Fleisch unten und nur in einer Dose, Kräuter in eine Tüte mit Löchern oder sie welken, Eier in die richtige Eierschale, nicht in die Tür. Die Tür wackelt zu viel. Katharina nickte und hörte zu. Sie hörte zu und nickte. Die Eier blieben in der Tür.

Abends telefonierte Hildegard, die Wohnung war hellhörig und ihr Lehrerton nicht zu überhören.

Nein, Rita, im Großen und Ganzen ist alles okay. Sie bemüht sich. Aber es ist klar, dass sie sich nicht gut auskennt. Sie kocht Eintopf mit Bohnen, stell dir das vor! Hermann issts, weil er höflich ist, aber ich sehe es doch. Sie hängt die Handtücher nicht richtig. Und Blumen kann sie auch nicht…

Katharina spülte am Waschbecken eine Tasse und dachte: Wie lange noch? Sie hatte das Gefühl, die Prüfung längst nicht bestanden zu haben. Was kam jetzt noch?

Hermann beobachtete all das mit einer typisch männlichen Gleichgültigkeit, die in Wahrheit so viel heißt wie: Ich merke alles, weiß aber nicht, was ich tun soll, und hoffe, es legt sich von selbst.

Abends sagte er zu Katharina:

Mach dir keinen Kopf. Sie meint es nicht böse.

Ich weiß, sagte Katharina.

Sie ist einfach besorgt.

Ich weiß, Hermann.

Sie will nur wissen, dass es uns gut geht.

Ich weiß.

Er sah sie ein wenig schuldig an, ein wenig erleichtert. Gut, dass sie das versteht. Gut, dass es keinen Streit gibt. Gut, dass Ruhe herrscht.

Gut, dachte Katharina und ging zurück zum Abwasch.

Am zehnten Tag ließ Hildegard absichtlich Unordnung in der Küche. Katharina kam nach Feierabend gegen halb sieben heim auf dem Tisch standen ungewaschene Tassen, Brotkrümel, die Butter war offen. Hildegard saß im Wohnzimmer und sah fern.

Katharina räumte auf. Wusch ab. Wischte nach.

Abends hörte sie, wie Hildegard im Flur zu Hermann sagte, glaubend, Katharina sei im Bad:

Hermann, hast du gesehen, die Küche war schon wieder nicht aufgeräumt? Sie kommt vielleicht nicht hinterher.

Katharina stand mit dem Handtuch in der Hand im Flur.

Hermann schwieg.

Na dann, dachte Katharina. Jetzt ist es klar.

Sie war nicht beleidigt, jedenfalls nicht so, dass es sichtbar gewesen wäre.

Am nächsten Tag dann, beim Frühstück, verkündete Hildegard, dass ihre drei Schwestern nächste Woche zu Besuch kämen einfach so, mal zusammensitzen, sich besser kennenlernen. Katharina lächelte und sagte:

Hervorragend. Wir freuen uns.

Hermann kam das merkwürdig vor. Hildegard auch. Katharina jedoch trank nur ihren Kaffee aus und ging zur Arbeit.

Schauen wir mal, wie die Schwiegermutter immer zu sagen pflegte.

Am Samstag kamen sie, kurz vor halb drei.

Die drei Schwestern von Hildegard Elisabeth, Gertrud und Margarete waren grundsolide, in den besten Jahren, mit klarer Meinung zu jedem Thema und kräftigen Stimmen. Sie traten ein, schauten sich routiniert im Flur um, als prüften sie eine Lagerhalle, und zogen sich aus.

Hübsche Wohnung, meinte Elisabeth. Schön hell.

Wann habt ihr zuletzt renoviert? wollte Margarete wissen.

Vor drei Jahren, antwortete Katharina.

Sieht man, sagte Margarete. Was genau, ließ sie offen.

Hildegard begrüßte die Schwestern mit dem Ausdruck einer Regisseurin, die ihre Schauspieler auf die Bühne geführt hat und nun den weiteren Verlauf abwartet. Hermann half beim Ablegen der Jacken. Katharina stand ein wenig abseits, ganz ruhig, mit leichtem Lächeln, keinen Funken Hektik zeigend.

Das machte Hildegard ein wenig nervös.

Alle gingen ins Wohnzimmer. Setzten sich. Elisabeth rückte das Sofakissen geräuschvoll zurecht und fragte:

Nun, Katharina, was gibt es heute zum Essen?

Und dann und das war der entscheidende Moment tat Katharina das Unerwartete.

Sie wandte sich an Hildegard. Ruhig, ohne Theatralik, ohne Nachdruck.

Hildegard, ich dachte heute übernehmen Sie die Küche. Sie sagten doch selbst, Sie könnten alles viel besser. Es wird sicher vor Ihren Gästen niemanden beschämen.

Stille.

Hildegard sah Katharina an. Katharina sah freundlich und offen zurück als hätte sie gerade das Natürlichste der Welt vorgeschlagen und verstünde gar nicht, warum das plötzlich alle so verstummen ließ.

Ich, fing Hildegard an.

Alles ist da, ergänzte Katharina. Hähnchen, Gemüse, Kräuter. Ich war heute morgen einkaufen. Hermann sagt immer, wie gut Sie kochen.

Hermann betrachtete mit großem Ernst das Muster des Teppichs.

Gertrud schielte zu Elisabeth. Margarete musterte interessiert Hildegard.

Na gut, sagte Hildegard. Wenns sein muss.

Und sie ging in die Küche.

Katharina setzte sich zu Elisabeth aufs Sofa und fragte dann ganz gelassen:

Wie war die Fahrt? Viel Verkehr?

Elisabeth war etwas überrumpelt, antwortete aber. Dann sagte Margarete noch etwas über das Verkehrsaufkommen, und Gertrud klagte, dass man samstags kaum durchkomme in ihrem Viertel. Das Gespräch entspann sich notgedrungen, aber bald wie von selbst.

Aus der Küche kamen die Geräusche der Aktivität.

Erst das Klacken der Kühlschranktür. Dann langes Schweigen. Dann wieder Türen. Dann Töpfeklappern. Dann das typische Scharren, wenn jemand ewig in einem Schrank sucht.

Katharina! rief Hildegard schließlich aus der Küche. Wo ist deine Auflaufform?

Im Unterschrank rechts, rief Katharina zurück, ohne aufzustehen.

Pause.

Ich seh sie nicht.

Unter dem Backblech.

Längere Pause.

Ach, da ist sie.

Elisabeth räusperte sich. Gertrud betrachtete interessiert ein Bild an der Wand. Margarete schaute unschuldig aus dem Fenster.

Katharina wandte sich Gertrud zu:

Gertrud, möchten Sie schon mal einen Tee? Ich stelle einen Wasserkocher auf.

Sehr gerne, sagte Gertrud erleichtert.

Katharina ging in die Küche und stand dort einige Sekunden neben Hildegard, die mit dem Gesichtsausdruck eines Feldherrn über der Schneidebrett stand, der unvermutet Kartoffeln schälen muss.

Sie sagten kein Wort zueinander.

Katharina setzte Wasser auf, nahm Tassen und ging zurück ins Wohnzimmer.

Das Essen gelang na ja. Nach anderthalb Stunden war alles fertig, es war nicht der schnellste, etwas durcheinandergeratene Abend, das Hähnchen war etwas trocken, die Soße zu dünn. Hildegard deckte den Tisch mit dem Gesichtsausdruck einer Frau, die ihre Pflicht tut, sich aber lieber anderswo sähe.

Elisabeth probierte vorsichtig das Hähnchen. Sie sagte diplomatisch:

Hildegard, du hast schon immer gut gekocht.

Am Tisch war es recht ruhig. Nicht peinlich, nur ruhig. Jeder verstand die Situation, aber niemand sprach sie aus. Man aß, plauderte, lobte das Hähnchen ein bisschen bemüht, aber ehrlich.

Katharina hielt sich beim Essen zurück, fragte nach Gertruds Kindern, plauderte über den Schrebergarten, schenkte Tee nach.

Hildegard saß am Kopfende und schwieg.

Als die Gäste gegangen waren und das Geschirr gespült war, kam Hildegard aus der Küche, das Handtuch in der Hand das berüchtigte, mit der Schlaufe nach unten.

Katharina saß mit ihrem Tee im Wohnzimmer. Hermann daneben.

Hildegard blieb kurz an der Tür stehen, trat ein, setzte sich in den Sessel. Sie schwieg. Draußen war es längst dunkel, und durch die Wand hörte man den Fernseher der Nachbarn.

Das hast du geschickt gemacht, sagte Hildegard schließlich.

Ich weiß eben, was ich will, antwortete Katharina.

Hildegard nickte. Stand auf. Ging Richtung ihres Zimmers, blieb im Türrahmen kurz stehen und sagte, ohne sich umzudrehen:

Der Eintopf mit Bohnen war übrigens nicht schlecht. Wirklich.

Und sie verschwand.

Hermann sah zu Katharina.

Wie lange hast du dir das überlegt? fragte er leise. Das mit der Küche.

Seit du im Flur geschwiegen hast, antwortete sie.

Er nickte und fragte nie wieder danach.

Drei Tage später reiste Hildegard ab. Packte selbst, bestellte sich ein Taxi. Zum Abschied umarmte sie Hermann und, nach kurzem Zögern, auch Katharina.

Katharina schloss hinter ihr die Tür. Ging dann ins Bad und hängte ihr Handtuch wieder auf Schlaufe nach oben, wie immer.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die Schwiegermutter wollte Olga auf die Probe stellen – das Ergebnis war völlig überraschend
Herzlicher Besuch