„Du bist doch im Ruhestand. Du solltest auf die Enkel aufpassen“, sagte die Tochter. Doch die Antwort der Mutter überraschte sie.

Du bist doch jetzt in Rente. Da kannst du dich ruhig um die Enkel kümmern, stellte ihre Tochter fest. Die Antwort der Mutter überraschte sie.

Marianne Schneider trat am Freitag in den Ruhestand. Und schon am Montag merkte sie: Das ist eine Falle.

Freitag war feierlich die Kollegen brachten einen Kuchen mit Marzipanrosen, die Buchhaltung überreichte einen Strauß Nelken und eine Karte, unterschrieben von allen, sogar vom Hausmeister Herrn Petersen, der sich in dreißig Jahren nie ihren Namen gemerkt hatte. Marianne lächelte und aß Kuchen. Alles war wie geplant.

Sonntag Abend rief ihre Tochter Heike an.

Mama, wir haben uns überlegt du bist ja jetzt in Rente. Ganz viel Zeit, oder?

Tja, eigentlich schon, sagte Marianne vorsichtig, und irgendwo in ihrem Bauch knipste leise ein Schalter um.

Super! Dann holst du die Kinder aus der Kita ab und passt auf sie auf, bis wir zurück sind.

Jeden Tag? vergewisserte sich Marianne.

Ja, wieso denn nicht? Bist ja eh zuhause.

Bist ja eh zuhause. Dieser Tonfall, wie wenn man sagt Du hast doch sowieso nichts zu tun. Marianne sagte:

Ist gut, Heike.

Und in diesem Moment begann etwas langsam zu brodeln, in Höhe des Sonnengeflechts.

Denn eigentlich sollte Marianne am Montag um zehn das erste Mal zum Tanzkurs gehen. Tanzen für Erwachsene, Kurs in der Lindenstraße, bezahlt war schon alles. Das hatte sie sich schon vor zwei Jahren fest vorgenommen, als sie in der Stadt eine unbekannte ältere Dame mit geradem Rücken und federndem Schritt sah. Da dachte sie: So will ich auch mal sein.

Aber am Montag ging sie in die Kita und holte ihre Enkel ab.

Lena verlangte sofort einen Zopf wie Elsa, während Klaus den Apfelsaft auf den weißen Teppich kippte. Am Abend fühlte sich Marianne wie ein Mathematikbuch Ende September: Angestoßen, mit Eselsohren.

Heike holte die Kinder um halb acht ab, drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange:

Danke Mama! Du bist ein Goldstück!

Natürlich, ein Goldstück, dachte Marianne, und blickte auf die geschlossene Tür.

So ging es drei Wochen. Drei Wochen nicht lang, eigentlich. Kommt drauf an, wofür.

Für eine Renovierung nicht. Für eine Diät auch nicht. Aber um zu merken, dass man still und heimlich einfach ausgenutzt wird, reichen drei Wochen vollkommen.

Morgens rief Heike an, mit einem fröhlichen Tonfall:

Mama, du holst heute, ja?

Kein Fragezeichen. Eine Mitteilung. Wie eine SMS von der Bank: Von Ihrem Konto wurde abgebucht.

Marianne antwortete Ja, aus einer Gewohnheit, die sie in 67 Jahren eingeübt hatte. Die Angewohnheit hieß keine Umstände machen. Sehr praktisch. Für alle, außer für Marianne.

Tanzen sagte sie ab. Rief im Studio an, erklärte, sie müsse den Kurs vielleicht später wahrnehmen. Kein Problem, die Anzahlung bleibt bis Monatsende erhalten, sagte die Dame am Telefon. Der Monat endete, der Tanzkurs verschwand aus ihrem Alltag.

Dann sagte sie auch das Treffen mit ihrer Freundin Gudrun ab, ehemalige Kollegin, die jetzt Nordic Walking machte und Stachelbeermarmelade einkochte. Sie wollten ins Kino, französische Komödie Marianne liebte die. Kam nicht dazu.

Dann nächstes Mal, meinte Gudrun.

Nächstes Mal. Ein Trost, der in Wahrheit bedeutet: Niemand weiß, ob je wieder.

Die Tage glichen sich nun. Nachmittags Kita. Lena wollte ununterbrochen bespaßt werden, Klaus war selbstständiger, aber gefährlicher er kippte ständig irgendwas um, schmiss Sachen runter, mit einer Miene, als überraschten ihn die Naturgesetze jedes Mal aufs Neue.

Um sechs schmerzten Marianes Rücken und Kopf. Um halb acht alles zusammen.

Danke, Mama! Du bist ein Schatz! sagte Heike, nahm die Kinder und war weg. Marianne setzte sich in die Stille und dachte: Hier stimmt irgendwas nicht.

Aber was, wusste sie nicht.

Einen Hinweis gab, auf seltsame Weise, das Fernsehen. In einer Talkshow sagte eine ältere Frau direkt in die Kamera: Ich habe mein Leben lang für andere gelebt. Erst mit sechzig merkte ich ich habe auch ein Recht auf mein eigenes Leben.

Marianne blickte auf den Bildschirm.

Interessant, sagte sie vor sich hin.

Da zog sie aus der Küchenschublade den Ausdruck vom Tanzstudio. Saisonende war Ende April noch anderthalb Monate, es war noch Zeit, wenn sie wirklich wollte.

Sie wollte.

Am nächsten Tag rief sie im Studio an, meldete sich wieder an. Sie legte den Plan sichtbar unter den Berlin-Magneten am Kühlschrank. Rief Gudrun an: Nächsten Samstag gehen wir ins Kino.

Gudrun staunte, freute sich aber. Abgemacht, sagte sie.

Mehr war nicht nötig. Zwei Anrufe und Marianne hatte wieder etwas Eigenes.

Am Sonntag ging sie alleine spazieren. Ohne Enkel, ohne Tasche, einfach so. Sie schlenderte an der Spree entlang, trank Kaffee in einem Café mit Blick auf das Wasser. Neben ihr saß ein Paar in ihrem Alter, sie kicherten über irgendwas. Marianne sah zu ihnen und dachte: Rente ist nicht das Ende, sondern ein anderer Anfang. Du hast all deine Berichte abgeliefert; jetzt darfst du einfach leben.

Montag ging sie wieder zur Kita.

Heike schaute sie beim Abholen auffallend genau an.

Mama, warum bist du so gut drauf?

Ich habe einfach gute Laune, antwortete Marianne.

Ach so, sagte Heike, und vergaß es gleich.

Schade eigentlich.

Denn am Freitagabend rief sie wieder an. Stimme sorglos wie immer:

Mama, wir fahren nächsten Mittwoch mit Achim für drei Tage weg, sind total fertig. Könntest du die Kinder nehmen?

Genau für diese drei Tage hatte Marianne eine Reise gebucht schon bezahlt, Ticket lag bereit. Bamberg, mit Gudrun und zwei weiteren Freundinnen. Frühstückspension, Stadtführung, Kloster, fränkisches Bier. Alles inklusive.

Marianne sah aufs Handy.

Dann auf das Programm unter dem Berlin-Magneten.

Dann auf das Reisedokument daneben. Wie ein kleiner, geheimer Aufstand. Die Stille vorher, wenn man zum ersten Mal Nein sagen will.

Was vor drei Wochen zu kochen begann, hatte nun Siedepunkt.

Marianne antwortete nicht sofort.

Bisher sagte sie immer Ja. Oder Klar. Oder: Was bleibt mir anderes übrig. Eines von drei Mustern, Sache erledigt. Diesmal machte sie eine Pause. Drei Sekunden Stille, im Telefon eine halbe Ewigkeit.

Heike, sagte sie schließlich, das geht nicht.

Eine Pause auf der anderen Seite.

Was? fragte Heike. Nicht unhöflich. Nur erstaunt.

Ich habe eine Reise gebucht. Für Bamberg. In diesen Tagen. Fahre mit Gudrun.

Stille.

Im Ernst?

Im Ernst.

Mama, du bist doch Rentnerin. Du solltest doch jetzt für die Enkel da sein! Heike sagte es, als wäre das eine Naturgesetz. Großmütter sind zum Aufpassen da und sonst für nichts mehr. Unumstößlich.

Marianne schwieg einen Moment.

Heike, ich bin Oma. Nicht eine Gratis-Kinderfrau.

Was hast du gesagt? Heikes Stimme wurde leiser und schärfer.

Was du gehört hast.

Mama, verstehst du nicht, dass wir arbeiten? Dass wir auf dich zählen?

Doch, sagte Marianne ruhig. Ich helfe doch. Drei Wochen jeden Tag zählt das nicht?

Du bist doch eh nur zuhause!

Da war es wieder.

Du bist eh nur zuhause.

Heike, sagte Marianne, ich habe fünfunddreißig Jahre für dich gelebt. Allein, ohne Hilfe, ohne richtige Urlaube. Ich beschwere mich nicht, es war meine Entscheidung. Aber jetzt will ich auch mal für mich leben.

Damit hatte Heike nicht gerechnet.

Mama, das ist Egoismus!

Nenn es wie du willst, sagte Marianne leise.

Sie legte auf.

Konnte es selbst kaum fassen.

Marianne stellte das Handy zur Seite. Goss sich Tee auf. Setzte sich ans Fenster.

Zwanzig Minuten später rief Heike wieder an.

Mama. Du weißt schon, dass wir jetzt nicht wissen, was wir machen sollen?

Weiß ich. Ich wusste damals in deinem Alter auch nie weiter. Und doch hats geklappt.

Es ist anders!

Warum?

Heike schwieg. Vielleicht, weil sie keine Antwort hatte. Oder weil es eine Antwort gab, die sie nicht aussprechen wollte.

Du bist doch in Rente, sagte sie nochmal. Diesmal leiser, ohne Selbstsicherheit. Was willst du sonst machen?

Das, was ich gerne mache, antwortete Marianne. Tanzen. Reisen. Kaffee am Wasser trinken. Französische Filme. Oder einfach da sitzen und rausschauen das darf ich auch. Du erklärst mir ja auch nicht deine Wochenenden.

Ich arbeite!

Ich habe dreißig Jahre gearbeitet.

Eine lange Pause.

Mama, sagte Heike schließlich, du hast dich verändert.

Ja, sagte Marianne. Zu spät vielleicht, aber besser spät als nie.

Ich verstehe dich nicht.

Ich weiß. Aber irgendwann wirst dus verstehen.

Sie verabschiedeten sich kühl. Kein Tschüss, Mama, kein Kuss. Nur Auf Wiedersehen wie für Fremde im Fahrstuhl.

Marianne legte das Handy weg und sah lange aus dem Fenster.

Sah und dachte an nichts.

Weder an die Enkel noch an Heike, noch ob alles richtig war.

Dann griff sie zum Handy und schrieb Gudrun knapp: Wir fahren! Buch die Unterkunft.

Gudrun antwortete in einer Minute, Stichworte, aber mit drei Ausrufezeichen:

Juhu!!!

Marianne lächelte. Draußen ließ der April seine kleinen, klebrigen Blätter ausrollen hastig, fröhlich, unaufhaltsam.

Als hätte der Frühling auch beschlossen: Jetzt reichts. Es ist Zeit.

Heike meldete sich vier Tage nicht.

In der Zeit reiste Marianne durch Bamberg, nippte an Kellerbier, fotografierte Kirchentürme und lachte mit Gudrun über Nebensächlichkeiten, die nur lustig sind, wenn man tief durchatmet und nicht hetzt.

Am Sonntag kam sie wieder zurück.

Heike rief Montag an. Aus freien Stücken. Sie sprach langsam, mit Pausen, wie jemand, der sich das Gespräch vorher im Kopf zurechtgelegt hat.

Mama, vielleicht war ich im Unrecht. Natürlich hast du das Recht auf dein eigenes Leben.

Schön, dass du das verstehst.

Wir sind einfach gewöhnt, dass du immer…

Ich weiß. Das ist auch mein Fehler.

Sie schwiegen gemeinsam.

Mama, hilfst du vielleicht trotzdem hin und wieder mal aus? fragte Heike. Nicht jeden Tag. Wenns passt.

Wenns passt, sehr gern, sagte Marianne leise. Ich liebe meine Enkel. Aber ab und zu ist eben nicht jeden Tag, weil du eh zuhause bist.

Ja, murmelte Heike. Das ist anders.

Jetzt nimmt Marianne die Enkel freitags. Freiwillig. Mit Freude. Sie machen Käsefalle, schauen Zeichentrickfilme, und manchmal erzählt sie von Bamberg von goldenen Türmen und davon, dass fränkisches Bier wirklich süß sein kann, wenn man das richtige erwischt.

Und dienstags tanzt sie.

Im Kindergarten erzählen Lena und Klaus schon stolz, dass ihre Oma tanzen geht.

Eine tanzende Oma das ist doch wirklich schöner als eine, die immer nur zuhause sitzt.

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Homy
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„Du bist doch im Ruhestand. Du solltest auf die Enkel aufpassen“, sagte die Tochter. Doch die Antwort der Mutter überraschte sie.
Ostern ohne meinen Sohn