Ich machte mich bereit für ein weiteres Blind Date, nachdem ich ihn online kennengelernt hatte und ich ahnte nicht, dass mein Leben danach nicht mehr dasselbe sein würde.
Im Flur stand ich vorm Spiegel und zog mir den Mantel an. Eigentlich hätte ich zuhause bleiben sollen. Die Beine schmerzten nach acht Stunden an der Kasse im Supermarkt, die Rückfahrt zu Fuß, weil der Bus einfach vorbeigefahren war und nicht wiederkam. Draußen nieselte es. In der Manteltasche wärmte das Handy der Chat noch offen, ich konnte die Nachrichten fast mitsprechen.
Er hieß Markus, einundvierzig Jahre alt, Bauingenieur. Auf dem Foto stand er neben einem silbernen Kombi, das Hemd hellblau, das Lächeln entspannt. Er schrieb als Erster, vor drei Wochen: Ich sehe, Sie lesen gern. Ich auch. Was lesen Sie gerade? Kein Na, schöne Frau und keine albernen Emojis. Ich antwortete.
Drei Wochen lang schrieben wir. Fast jeden Abend, manchmal bis weit nach Mitternacht. Er fragte nach meiner Arbeit, lachte über meine Geschichten an der Kasse, empfahl mir sogar ein Buch ich lud es mir und las es übers Wochenende durch. Er wusste, dass ich keinen Kaffee mag, dass ich gegen Katzenhaare allergisch bin, dass meine Mutter in Jena lebt und wir jeden Sonntag telefonieren.
Jetzt also das Treffen. Ein kleines Café in der Langestraße, siebzehn Uhr.
Ich schaute ins Spiegelbild. Zweiundvierzig inzwischen, Schatten unter den Augen, die kein Concealer mehr verdeckt. Ich hatte meine Haare am Freitag selbst gefärbt gar nicht schlecht geworden, fast wie beim Friseur. Das Kleid, in dem ich vor Jahren mal auf einer Betriebsfeier war. Geht. Nicht schlechter als die anderen.
Das Handy vibrierte.
Bin schon unterwegs. Kommen Sie, ja?
Ich musste grinsen. Sieben Dates in den vergangenen achtzehn Monaten. Sieben. Einer verheiratet und hielt das nicht mal geheim, erwähnte es großzügig beim Kaffee, als seis selbstverständlich. Ein anderer sprach nur über seine Ex-Frau, so traurig, dass ich sie fast bedauerte. Nummer Drei bestand darauf, dass ich die Hälfte bezahle gerne, aber danach war er gekränkt, weil ich ihn nicht mitnehmen wollte. Vierter schrieb später: Sehr nett, aber nicht mein Fall. Fünfter schwieg ganz. Nummer Sechs meldete sich nach einer Woche, um fünfzehnhundert Euro zu leihen. Nummer Sieben nett, leider so langweilig, dass ich mitten in einer Geschichte schon an den morgigen Einkaufszettel dachte.
Tja, sagte ich zu meinem Spiegelbild, der achte ist nicht der siebte.
Und ging hinaus.
***
Im Café war es warm, es roch nach Zimt und Kardamom. Ich war drei Minuten zu früh, setzte mich zum Fenster und bestellte Wasser. Draußen zogen Menschen vorbei, einige mit Regenschirm, ein Junge zog einen Dackel an der Leine, der bei jeder Pfütze stehenblieb.
Klara?
Ich drehte mich um.
Markus sah dem Foto ähnlich das war schon mal besser als manches Mal zuvor. Etwas größer als erwartet, graue Schläfen, die Jacke noch feucht vom kurzen Fußweg ab der U-Bahn.
Ja, sagte ich, stand sogar auf. Hallo.
Hallo. Er gab mir die Hand, setzte sich. Ich hab mich beeilt und bin doch zwei Minuten zu spät. Es tut mir leid.
Ich bin gerade erst gekommen.
Stimmt nicht ich hab Sie schon durch die Scheibe gesehen.
Ich lachte. Keine Ahnung warum, es passierte einfach.
Stalker?
Nee, ich stand an der Ampel und habe einen blauen Mantel gesehen. Dachte, das könnten Sie sein.
Die Bedienung brachte die Karte. Er blickte kurz rein, legte sie weg.
Haben Sie Hunger?, fragte er. Ich schon. Wollen wir was Richtiges essen und nicht bloß Kaffee?
Klar, willigte ich ein.
Wir bestellten. Ihm die Linsensuppe, mir die Kürbiscremesuppe, dazu Brot. Er nahm schwarzen Tee, ich Orangensaft. Als die Bedienung ging, saßen wir uns gegenüber.
Also, begann er, ziemlich seltsam, oder?
Sehr, bestätigte ich.
Schreiben ist einfacher.
Viel.
Vielleicht tun wir einfach so, als würden wir schreiben? Sie nehmen Ihr Handy, ich meins, und wir tippen quer über den Tisch?
Und wozu dann das Café?
Er grinste. Na gut. Blöde Idee.
Die Unsicherheit verzog sich, irgendwann war sie einfach fort.
Wir unterhielten uns zweieinhalb Stunden. Zuerst über das Buch, das er empfohlen hatte, dann über die Arbeit. Er erzählte von Baustellen, wie der Polier einmal die Pläne verwechselte und fast eine tragende Wand eingerissen hätte ich lachte, er ebenso. Ich berichtete von der Frau, die jeden Freitag dasselbe kauft: Baguette, Kefir, Butterplätzchen und jedes Mal minutenlang zwischen zwei identischen Päckchen schwankt, das MHD prüft und konsequent das mit dem späteren Datum nimmt, auch wenns nur drei Tage ausmacht.
Drei Tage können zählen, meinte er.
Finde ich auch. Sie hat recht.
Sein Blick ruhte auf mir. Nicht so, als wolle er beeindrucken. Einfach aufmerksam, als höre er nicht nur Worte.
Sie sind heute erschöpft, sagte er auf einmal.
Sieht man das?
Ein wenig. Sie reiben hier Er deutete auf seine Schulter. Schon ein paar Mal.
Verlegen zog ich die Hand weg. Die linke Schulter schmerzte seit dem Morgen, ich hatte es nicht bemerkt.
Acht Stunden stehen, erklärte ich. Ist man gewöhnt.
Wird dadurch nicht leichter.
Ich schwieg einen Moment.
Wissen Sie, sagte ich schließlich. Sie sind der Erste, der das bemerkt.
Was genau?
Dass es auch dann anstrengend ist, wenns längst zur Gewohnheit geworden ist.
Er nickte, ergänzte nichts. Richtig so es gab auch nichts mehr zu sagen.
***
Draußen goss es inzwischen. Wir standen unter dem Vordach, ich knöpfte den Mantel zu, er hielt einen Schirm bereit.
Wo müssen Sie hin?
Nach Gostenhof. Bus fährt um die Ecke.
Ich fahr Sie.
Nein, das ist nicht nötig. Sofortige Reaktion. Nach sieben Dates lernt man das nicht gleich zustimmen, bis man sicher ist.
Er verstand, wurde nicht beleidigt, drängte nicht.
Ich bringe Sie zumindest bis zur Haltestelle. Wenn das in Ordnung ist.
Ja. Das geht.
Unter dem Schirm wars eng, er hielt ihn so, dass wir beide darunter Platz hatten. Ich spürte seine Schulter neben meiner.
Klara, sagte er, als wir an der Ecke standen, ich möchte Sie etwas fragen. Sie können gern nein sagen.
Fragen Sie.
Wollen wir uns nochmal sehen? Nicht erst in Wochen, sondern baldmöglichst. Schon am Wochenende vielleicht. Es gibt da ein Café mit super Kuchen und man darf dort sitzen, solange man will.
Der Bus tauchte schon in der Ferne auf. Ich schaute ihn an Markus, nicht den Bus dachte an die sieben anderen, den Verheirateten, den, der nach fünfzehnhundert Euro fragte, und an den mit den endlosen Geschichten über seine Kollegen.
Samstag? fragte ich.
Samstag.
Gut.
Der Bus kam. Ich lief los, er rief noch etwas ich verstand es nicht ganz, wandte mich aber an der Tür noch einmal um.
Um zwei! rief er. Ich schreib Ihnen die Adresse!
Abgemacht!, rief ich zurück.
Die Türen schlossen sich, ich setzte mich ans Fenster. Der Bus fuhr los, und als wir die Ecke passierten, stand er immer noch dort unter dem Schirm, hob die Hand. Ich hob meine auch vermutlich konnte er mich nicht sehen durchs nasse Glas.
Macht nichts. Soll er ruhig.
***
Ich fuhr nach Hause mit einem Lächeln, das ich nicht fortbekam. Es war fast peinlich, gegenüber saß ein älterer Herr mit Netzbeutel, sah mich zweimal verblüfft an. Ich wandte mich zum Fenster. Vorbei rauschten nasse Straßen, gelbe Laternen, erleuchtete Schaufenster.
Ich dachte daran, wie er das Dach des Schirms über uns beide gespannt hatte. Eine Kleinigkeit und doch. Ich erinnerte mich an ein anderes Date voriges Jahr, auch im Regen jener Mann, der die ganze Zeit von der Exfrau redete, hatte den Schirm nur über sich gehalten. Ich ging stumm daneben. Es fiel ihm nicht einmal auf.
Ein gemeinsamer Schirm also. Wer hätte das gedacht.
Das Handy vibrierte kurz bevor ich die Wohnung erreichte.
Sind Sie gut heimgekommen?
Ich schmunzelte. Der Mann mit Netzbeutel war längst ausgestiegen, diesmal bekam niemand mein Lächeln zu sehen.
Ja, danke. Ihnen auch.
Gute Nacht, Klara.
Gute Nacht.
Im Hausflur zog ich den Mantel aus, hing ihn neben die Tür. Er war noch feucht an den Schultern. Fünf Jahre alt war der Mantel schon. Letzten Herbst wollte ich ihn aussortieren irgendetwas hielt mich zurück. Zum Glück.
Ich konnte lange nicht schlafen. Lag wach und dachte: Das Gespräch war leicht. Leicht das war es. Keine unangenehmen Pausen, nicht das Gefühl, eine Prüfung zu bestehen. Einfach leicht. Als wären wir uns längst vertraut.
Vielleicht, weil wir uns ja tatsächlich schon drei Wochen schrieben. Und das, jeden Abend, ist nicht wenig.
***
Am Samstag lag das kleine Café versteckt, nur zehn Tische, Bänke aus Holz, rote Geranientöpfe auf der Fensterbank. Die Kuchen waren wirklich köstlich: mit Pflaumen, mit Apfel, mit Mohn. Wir bestellten jeder drei Stück und Tee in großen Tassen.
Erzählen Sie von Ihrer Mutter, bat er. Sie sagten, sie lebt in Jena.
Sie erinnern sich?
Ich vergesse nichts.
Ich sah ihn ernst an.
Das macht mir Angst, gestand ich. Wenn jemand so viel behält.
Warum?
Weil man dann weitermachen will. Weitererzählen. Und irgendwann gewöhnt man sich daran. Dann fürchtet man, es zu verlieren.
Er schwieg kurz.
Haben Sie schon verloren?
Ja.
Ich auch. Er wärmte die Tasse in den Händen. Meine Frau ist vor sechs Jahren gegangen. Wir waren zwölf zusammen. Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht, aber irgendwann merkte ich: Wir passten einfach nicht. Es kommt vor.
Ja, bestätigte ich.
Waren Sie verheiratet?
War ich. Vor neun Jahren geschieden. Keine Kinder. Er ist weggezogen, wir haben keinen Kontakt mehr. Ist schon in Ordnung.
Fühlen Sie sich manchmal allein? Seine Direktheit überraschte mich.
Ich wollte flüchten, ausweichen, irgendeinen Witz machen aber dann sagte ich einfach:
Ja. Manchmal sehr.
Geht mir auch so. Deswegen habe ich mich dort angemeldet. Seit vier Monaten. Sie sind die Erste, die ich wirklich treffen wollte.
Wirklich?
Wirklich. Den anderen habe ich nicht mal geschrieben. Bei Ihrem Profil stand was von Böll. Da dachte ich, Sie wissen, was Sie wollen.
Ich lachte.
Wegen Böll?
Wegen Ihrer Art zu schreiben. Klar, ohne Pathos: Böll. Fallada. Ich mag Ehrlichkeit. Da wusste ich: Das ist echt.
Ich weiß nicht, was ich suche, gab ich zu.
Wer weiß das schon?, meinte er. Das ist in Ordnung.
Wir saßen bis zum Feierabend. Die Besitzerin eine ältere Dame in geblümter Schürze brachte uns gratis noch ein Stück Streuselkuchen, Sonst bleibt er bis Montag trocken, sagte sie. Markus bedankte sich beim Namen offenbar war er hier Stammgast.
Sind Sie oft hier?
Früher mit einem Freund. Der lebt jetzt in Berlin. Jetzt komm ich manchmal allein.
Ist das nicht traurig?
Manchmal, gab er zu. Heute nicht heute nicht.
Ich sah ihn an. Und er sah zurück. Kein Theater, keine aufgesetzten Pausen. Nur ein ruhiger, ehrlicher Blick.
Wie heißt sie?, fragte ich und nickte zur Besitzerin hinüber.
Frau Eisner. Sie hat eine Tochter in Leipzig, Enkel. Jeden Freitag ruft sie an hab das oft mitbekommen.
Sie achten auf Menschen.
Mein Vater hat mir das beigebracht. Er sagte: Achte darauf, wie jemand jene behandelt, von denen er nichts will. Das ist Charakter.
Ein kluger Mann.
Sehr. Seine Stimme veränderte sich, kaum merklich. Er starb vor sieben Jahren. Herzinfarkt. Ich war nicht rechtzeitig bei ihm.
Das tut mir leid, sagte ich leise.
Schon in Ordnung. Man lernt, damit zu leben. Kurze Pause. Er hätte Sie gemocht.
Wieso denken Sie?
Sie merken sich Menschen.
Ich schaute zu Frau Eisner, die in der Ecke Tische abräumte und dabei ein leises Lied summte, das wie ein Schlaflied klang.
Markus, sagte ich, Sie sind anders als die meisten, mit denen ich spreche.
Wie anders?
Ich überlegte, suchte nach Worten.
Sie versuchen nicht, zu gefallen. Sie… sind einfach Sie selbst.
Was ist falsch am Bemühen?
Nichts. Aber man spürts. Es wird zu eng.
Verstehe. Er nickte. Ich habs auch erst lernen müssen. Beim ersten Date nach der Scheidung ich war ein Jahr allein tat ich immer, als müsste ich was beweisen. Redete zu viel, lächelte zu viel. Es klappt nicht.
Nein, stimmte ich zu.
Erst als ich damit aufhörte, wurde alles besser. Ich dachte: Ich bin halt ich. Wer mich mag, gut wer nicht, auch.
Das ist klug.
Das ist nur Ehrlichkeit, sagte er. Ein Lächeln, diesmal stiller. Sie passen zu mir, Klara. Falls das nicht zu früh ist.
Ist es vielleicht, antwortete ich.
Na und? Er zuckte die Schultern. Ich sags trotzdem.
Frau Eisner brachte Nachschub an Tee, stellte kommentarlos einen kleinen Kessel hin.
Lassen Sie sich Zeit, sagte sie. Niemand hetzt Sie.
Wir saßen schweigend da. Ich war es gewohnt, dass es nicht läuft.
Ich weiß, sagte er plötzlich.
Das können Sie nicht.
Sie habens erzählt, indirekt. Ich habs gehört.
Ich schwieg.
Was genau?
Dass Sie müde sind, zu hoffen. Dass Sie glauben, alles geht sowieso schief. Dass Sie gelernt haben, allein zu sein und das ist Stärke und Schutz zugleich.
Ich starrte den Tee an.
Das ist kein Vorwurf. Nur ich höre zu.
Draußen war es jetzt dunkel. Frau Eisner fegte die Ecke. Der Tee längst kalt.
Ich habe Angst, gestand ich schließlich.
Ich auch, sagte er. Aber ich bin trotzdem hier.
***
Am nächsten Tag rief er an. Nicht schreiben er rief tatsächlich an.
Sind Sie daheim?
Ja.
Wie geht Ihr Fuß? Am Freitag hatte ich erwähnt, dass ich mich gestoßen hatte. Schon wieder okay?
Alles gut, lachte ich. Markus, Sie rufen ernsthaft deswegen an?
Nicht nur. Ich wollte Ihre Stimme hören. Ist das in Ordnung?
Ja. Ist es.
Wir sprachen eine halbe Stunde. Über nichts Besonderes er erzählte vom Bauprojekt, ich von meinem sonntäglichen Gespräch mit Mama. Sie fragte: Gibts da jemanden? Ich sagte: Vielleicht. Sie: Na endlich.
Ihre Mutter klingt klug, sagte Markus.
Woran merken Sie das?
Wie Sie über sie sprechen.
Ich saß am Küchentisch. Draußen begann der stille Sonntagabend, es roch nach Suppe aus der Nachbarswohnung. Plötzlich wurde mir bewusst, wie viel sich verändert hatte, seit ich vor einer Woche noch vorm Spiegel gestanden hatte und zögerte, überhaupt rauszugehen.
Markus, sagte ich.
Hm?
Danke, dass Sie geschrieben haben. Damals.
Er schwieg eine Sekunde.
Danke, dass Sie geantwortet haben.
***
In den nächsten Tagen ertappte ich mich dabei, den Feierabend zu erwarten. Früher bedeutete abends: Arbeit vorbei, heim, essen, fernsehen, schlafen. Jetzt gab es ihn. Mal ein Anruf, mal Nachrichten, mal nur ein kurzer Gute-Nacht-Gruß. Aber er war da.
Eines Abends schrieb er um halb elf: Kann nicht einschlafen. Lese. Und Sie?
Liege wach.
Woran denken Sie?
Schaue an die Decke.
Kurze Pause.
Gut oder schlecht?
Heute gut.
Dann ist ja okay. Und sonst nichts. Aber “dann ist ja okay” bedeutete mehr als viele Worte.
Sonntags telefonierte Mama wie üblich.
Und, wie gehts? Kein Fragezeichen. Sie machte immer: Und, wie gehts?
Gut, Mama.
Gut, wiederholte sie. Deine Stimme ist anders.
Wie denn?
Weiß nicht. Vielleicht milder.
Ich schwieg.
Da ist jemand, nicht wahr?
Nicht von der Arbeit, Mama.
Nee. Dann aus dem Internet?
Schweigen.
Na, ist doch gut. Wo lernt man denn sonst noch jemanden kennen? Richtiger Mensch?
Glaub schon.
Glaub oder ja?
Mama…
Ich frag ja nur. Muss ja auf dich achten.
Er ist in Ordnung.
Na siehst du. Dann freut mich das. Und ich hörte, was sie nicht sagte: Endlich. Aber lass Leute auch genug an dich ran.
Mama, ich bemühe mich.
Ich weiß. Du bist klug. Wie heißt er?
Markus.
Guter Name.
Ich lächelte.
***
Ein Monat verging.
Wir trafen uns jede Woche, manchmal öfter. Eines Tages schrieb er vormittags: Bin zufällig bei Ihrer Arbeit in der Nähe. Bauprojekt um die Ecke. Zeit für 20 Minuten auf der Bank vorm Springbrunnen?
Wir saßen nebeneinander, er noch im Blaumann, ich in der Supermarkt-Weste, er mit Coffee to go, ich mit O-Saft.
Was machen Sie da? fragte ich.
Altes Haus wird renoviert. Interessanter als ein Neubau da muss man die Gedanken der anderen wahren.
Respekt vor den Ideen Fremder, meinte ich.
Genau. Er sah mich an. Sie können sich treffend ausdrücken.
Er musste weiter, drehte sich an der Ecke nochmal um und winkte. An der Kasse wartete schon meine Kollegin Sonja sechsundzwanzig, weiß immer alles zuerst.
Groß ist er, sagte sie.
Sei ruhig, Sonja.
Du strahlst, Klara.
Ich schwieg, aber sie hatte recht.
Er kam, als der Wasserhahn in der Küche undicht war ich protestierte, er bestand darauf: Kann ich schnell. Ehrensache. Nach zwanzig Minuten war alles erledigt, er legte eine kleine Tüte auf den Tisch.
Ersatzdichtung. Fürs nächste Mal.
Sie hatten Ersatzdichtungen dabei?
Man weiß nie, erwiderte er.
Später tranken wir Tee, ich zeigte ihm Fotos aus dem Bayerischen Wald Berge, ein Fluss, Zeltübernachtungen. Er blickte aufmerksam auf jedes Bild.
Sie sind gewandert?
Schon. Dreimal. Dann nicht mehr hatte niemand mehr, der mitkam.
Ich gehe jedes Jahr. Diesen Juli wieder. Möchten Sie?
Sie laden mich zu einer Tour ein?
Ja.
Wir kennen uns einen Monat.
Weiß ich. Muss noch nicht sein das Angebot bleibt.
Ich schwieg, er trank Tee, betrachtete weiter die Fotos. Ohne Drängen, ohne Ziel.
Ich denke drüber nach.
Gut.
Im April sagte ich ja.
***
Das war kein Augenblick aus dem Film. Kein Restaurant, keine Rosen, keine Hollywood-Worte. Wir gingen an der Pegnitz entlang, der Schnee war weg, aber die Luft noch kalt. Er nahm meine Hand. Es war auf einmal so gekommen, nicht inszeniert. Ich erzählte dies und das, er hörte zu, dann blieb er stehen.
Klara.
Ja?
Ich will etwas sagen, was mir wichtig ist.
Ich blieb auch stehen. Leute liefen um uns herum, einer warf einen kurzen Blick.
Ich bin nicht gut darin, große Worte zu machen, gestand er. Aber ich weiß, dass ich mich wohlfühle, sobald ich an dich denke. Dass ich froh bin, damals geschrieben zu haben.
Markus…
Ich verspreche nichts, ich will nur, dass du weißt: Ich bin da. Ich renne nicht davon und habe es auch nicht eilig.
Ich sah ihn an. Die Pegnitz unten, noch trüb im Frühling.
Du gehst nicht?
Nirgendwohin.
Ich sagte nichts, drückte einfach seine Hand. Das genügte. Für uns beide.
***
Im Juli fuhren wir in die Alpen.
Fünf Tage, Rucksäcke, Übergänge. Acht Jahre war ich nicht wandern gewesen, hatte Angst, nicht mitzuhalten doch ich hielt. Am dritten Tag, steiles Gelände, blieb ich atemlos zurück, Markus wartete einfach schweigend.
Geh ruhig vor, bat ich. Ich komm nach.
Ich warte.
Nicht nötig.
Doch, sagte er schlicht.
Wir standen schweigend am Abhang. Unten funkelte der See so blau, dass es kitschig wirkte. Ich bekam wieder Luft, gemeinsam gingen wir weiter. Am Pass schenkte er mir als Erste Tee aus dem Thermos.
Wir saßen auf Felsen. Mein Körper schmerzte, aber es war ein gutes Ziehen wie nach ehrlicher Arbeit. Markus war ein guter Begleiter er drängte nie, ließ mich mein eigenes Tempo gehen, half wortlos an schwierigen Stellen.
Am dritten Tag rutschte ich auf nassem Stein aus, zog mir eine Schramme zu. Markus war sofort da.
Alles okay?
Nur die Hand.
Er sah nach nur Kratzer. Behandelte alles ruhig und sachlich.
Können Sie weiter?
Ich nickte.
Dann langsam. Kein Stress.
Das wars. Kein Drama. Einfach gemacht, weitergegangen. Da wusste ich, das ist ein Mensch, dem man vertrauen kann.
Abends im Zelt, es wurde langsam dunkel:
Gefällt es Ihnen?
Was?
Das alles Berge, Strecke. Reuen Sie es?
Ich überlegte.
Nein. Ich habe mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt.
Das machen Berge mit einem.
Vielleicht nicht nur das, sagte ich leise.
Er lächelte, sagte nichts. Wusste es aber.
Mit Tee im Becher und Blick auf das Blau des Sees verstand ich, dass ich vor einem Jahr sogar noch vor einem halben am Spiegel stand und dachte: Wäre ich doch nur daheim geblieben. Hatte schon beschlossen, allein zu bleiben.
Aber es kam anders.
Manchmal muss man nur den Mantel anziehen und hinausgehen. Auch wenn die Beine schmerzen. Auch wenn Regen fällt. Auch wenn schon siebenmal alles schief lief.
Beim achten Mal war es anders.
Woran denken Sie?, fragte Markus, als er sich zu mir setzte.
An den Mantel, sagte ich.
Welchen?
Den blauen. In dem ich zum ersten Date fuhr.
Ah. Er lächelte. Ich hab ihn durchs Fenster gesehen und gedacht: Schöner Mantel.
Haben Sie damals nicht gesagt.
Ich wollte nicht albern klingen.
Ich lachte.
Markus?
Hm?
Der Mantel ist alt. Fünf Jahre jetzt.
Egal, sagte er. Wichtig ist, wer drinsteckt.
Ich betrachtete das blaue, fast unwirkliche Wasser. Etwas aus einem besseren Leben, von dem ich nicht wusste, dass es möglich war, bis ich darin ankam.
Markus.
Ja?
Ich bin froh, dass ich damals geantwortet habe.
Er fasste meine Hand.
Ich auch.
Wir saßen am Pass. Unter uns das blaue Wasser, ringsum die Berge, und es war still so still, wie es nur dort wird, wo der Wind kurz stillsteht und die Welt tief Luft holt.
Ich dachte: So sieht es aus, wenn es endlich gelingt.
Kein Feuerwerk, kein Pathos. Einfach: Jemand an deiner Seite, heißer Tee im Thermos, das Blau des Sees und das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
Auch wenn zu Hause eigentlich Gostenhof, neunte Etage, Blick über die Dächer bedeutet.
Doch Zuhause das, habe ich gelernt, ist kein Ort.
Manchmal ist Zuhause ein Mensch, der auf dich am Hang wartet. Der den Fuß und die Mutter in Jena nicht vergisst. Der weiß, dass Gewohnheit nicht einfach ist. Der als Erster schrieb wegen dreier Wörter im Profil: Ehrlich währt am längsten.
Im September kamen wir zurück aus den Alpen, Mama rief wie immer am Sonntag an.
Wie wars?
Gut, Mama.
Und wie ist er so?
Normal, sagte ich. Und lachte. Sehr normal.
Bring ihn doch mal mit.
Mach ich.
Ich legte auf, schaute zum Fenster hinaus. Gostenhof, neunter Stock, Blick über die Dächer. Alles wie immer. Doch auf dem Tisch lag das Buch, das er mir aus der Vorwoche mitgebracht hatte Habs nicht früher geschafft. Im Regal standen jetzt zwei Tassen. In der Manteltasche im blauen fand ich am Morgen eine kleine Notiz, die ich erst gar nicht zuordnen konnte. Er hatte sie geschrieben, bevor er leise gegangen war, damit ich weiterschlafe. Drei Wörter: Alles ist gut, Klara.
Ich las sie dreimal.
Alles ist gut.
Als hätte jemand gewusst, was ich am meisten hören musste. Nicht Ich liebe dich dafür wars zu früh. Nicht Du bist die Beste bloß leere Floskeln. Nein: Alles ist gut. Es bedeutet: Ich bin da. Ich seh dich. Du bist nicht allein. Keine Angst.
Mein Leben wurde an jenem Tag anders, als ich vor dem Spiegel stand und dachte: Wär ich nur daheim geblieben.
Zum Glück bin ich gegangen.





