Zwischen zwei Fronten

Zwischen den Fronten

Was ist denn jetzt schon wieder los mit dir?! Wie lange soll das noch so weitergehen?! Ich hab echt die Nase voll! Die laute Frauenstimme hallte durchs ganze Treppenhaus, obwohl die Tür der Wohnung noch zu war.

Genau in dem Moment kamen Lena und Fabian die Treppe hoch. Plötzlich blieben sie stehen, als würde eine unsichtbare Mauer den Weg versperren. Ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde und dieser stumme Austausch reichte völlig aus: Keine Diskussion, einfach umdrehen und unauffällig verschwinden. Sie atmeten beide tief durch, drehten sich um und schlichen leise die Stufen hinab. Heute würden sie sicher nicht mehr in die Wohnung zurückkehren.

Wer will schon den Abend mit dem ewigen Streit der Eltern verbringen? Ganz bestimmt nicht die beiden! Mit sicheren Schritten steuerten sie den Nachbareingang an dort wohnte ihre Oma, Gertrud Wagner. In letzter Zeit war ihre Wohnung zu einem richtigen Zufluchtsort geworden. Früher hatten sie Oma nur am Wochenende besucht, heute übernachteten sie fast jede Nacht bei ihr.

Das Klima zu Hause war schon lange kaum noch auszuhalten. Die Eltern schienen alles um sich herum zu vergessen und brüllten sich ohne Pause an. Das Schlimmste war, dass sie immer öfter versuchten, die Kinder in ihre Streitereien hineinzuziehen.

Mal drehte sich die Mutter zu Lena und wollte eine Bestätigung aus ihr herauspressen:

Oder, ich hab völlig recht, oder? Du siehst das doch genauso!

Mal war es der Vater, der keine Antwort abwarten konnte und sich direkt an Fabian wandte:

Nee, jetzt sag doch mal, hier hab ich ja wohl Recht! Gib das mal zu!

Lena und Fabian sagten gar nichts. Sie wollten keine Partei ergreifen und schon gar nicht zu diesem endlosen Konflikt dazugehören. Sie wünschten sich einfach nur Ruhe, Frieden und ein bisschen Wärme all das fanden sie zum Glück bei Oma Gertrud.

Solche Szenen wiederholten sich Tag für Tag, als würde sich eine kaputte Schallplatte immer wieder abspielen, ohne dass jemand sie anhält. Die Kinder hatten mittlerweile gelernt, die allerersten Hinweise zu erkennen: bald gehts wieder los. Der scharfe Ton, die hastigen Bewegungen, der kurze Blick, den die Eltern sich zuwarfen all das waren Zeichen zum Rückzug. Wer möchte schon ständig im Dauermodus der Anspannung leben, in dem jeder harmlose Satz rasend schnell zum nächsten Sturm ausarten kann?

Fabian und Lena hatten nie ganz nachvollziehen können, was eigentlich der Auslöser für dieses Familienchaos war. Perfekt war ihre Familie nie gewesen nicht so, wie man es sich in Werbekampagnen vorstellt. Aber früher konnten die Eltern wenigstens miteinander reden! Natürlich gabs auch mal Auseinandersetzungen wie überall, aber sie endeten mit Diskussionen, nicht mit Geschrei. Mama zog vielleicht mal die Augenbrauen zusammen, Papa hob etwas die Stimme, aber spätestens nach einer halben Stunde saßen alle wieder am Küchentisch, tranken Tee und schmiedeten Pläne fürs Wochenende.

Doch etwa vor zwei Jahren war alles anders geworden Es war, als hätte jemand die Eltern ausgetauscht. Plötzlich konnten sie sich über Kleinigkeiten zerstreiten: eine Tasse, die noch auf dem Tisch stand, wurde Anlass für ewige Tiraden über Rücksichtslosigkeit. Ein Hemd, am falschen Haken, reichte schon für giftige Kommentare über Ordnung im Haushalt. Ein Löffel, in der Spüle vergessen? Fast ein Verbrechen und Grund für ein stundenlanges Verhör!

An einem Abend saß Lena in der Küche bei Oma. Sie rührte abwesend im Tee und starrte ins bernsteinfarbene Getränk. Dann fragte sie plötzlich mit bitterer Stimme:

Oma ganz ehrlich, was ist da nach dem gemeinsamen Sommerurlaub passiert? Seitdem ist alles schlimm.

Gertrud Wagner hielt kurz inne, stellte ihre Tasse ab und strich vorsichtig über Lenas Hand. Sie hatte selbst nur eine leise Ahnung, was damals schiefgelaufen sein könnte, und das beunruhigte sie.

Erwachsenensachen, Liebes, bleib einfach geduldig, murmelte sie und versuchte, Sicherheit zu vermitteln. Manchmal brauchen Menschen Zeit, um rauszufinden, wie es weitergeht.

Lena nickte, aber man spürte, dass sie ihrer Oma nicht ganz glaubte. Sie wusste, dass Oma etwas zurückhielt, aber sie bohrte nicht nach. Was brachte das? Solange sie als Kind galt, würde man ihr nichts Ernsthaftes erzählen.

Wir haltens einfach nicht mehr aus, platzte es verzweifelt aus Fabian heraus. Keine Ruhe zum Lernen, kein Buch, keine halbe Stunde in Frieden! Ich weiß nicht mehr, wann wir das letzte Mal alle zusammen am Tisch saßen. Wenns wirklich so schwer ist… dann sollen sie sich halt scheiden lassen. Danach gehts uns allen besser!

Die Worte sprudelten einfach aus ihm heraus, aber es war die pure Wahrheit der letzten Monate. Fabian sprach auch für Lena, das wusste er. Zu Hause gab es längst keine Stille mehr: immer fiel einer der Eltern dem anderen ins Wort, und bald ging der nächste Streit los, vor dem es keine Flucht gab.

Fabian… Oma legte das Strickzeug beiseite, schaute ihn ernst an und schüttelte langsam den Kopf. Hast du dir mal überlegt, was eine Scheidung bedeutet? Dann müsstet ihr euch auch trennen. Willst du wirklich ohne Lena leben?

Wir würden doch eh bei dir wohnen! rief Lena sofort und sah ihre Oma fast bettelnd an. Wir sind ja eh schon fast immer hier. Das stört dich doch nicht, oder?

Gertrud schwieg. Sie verstand ja, wie schwer die Enkel es gerade hatten, wie kaputt sie von dem Dauerstreit waren. Klar, bei ihr wären sie sicher: entspannt, friedlich, mit Zeit zum Lernen und Lesen, einer Portion Geborgenheit. Sie liebte die beiden von ganzem Herzen und hätte sie liebend gern bei sich aufgenommen.

Andererseits: Was ist mit den Eltern? Wie sagt man ihnen, dass die Kinder nicht mehr nach Hause wollen? Würden sie überhaupt zustimmen? Und was, wenn ja wie wirkt sich das auf das Verhältnis aus? Vielleicht würde das die Kluft noch größer machen…

Wir sollten nichts überstürzen, atmete Gertrud tief ein. Ihr wisst, ihr seid hier immer willkommen. Aber vielleicht probieren wir erst, mit Mama und Papa zu reden. Gemeinsam finden wir vielleicht eine Lösung.

Wenns sein muss, reden wir eben selbst mit ihnen, meinte Lena, ein glückliches Grinsen auf den Lippen. Oma war auf ihrer Seite, das war die Hauptsache! Bitte schick uns einfach nicht zurück. Sie machen sich gegenseitig noch fertig! Gestern hab ich gesehen, wie Papa nach Mama schlagen wollte… Er hats nicht getan, ehrlich! Aber es war verdammt knapp…

Sie verstummte beim Gedanken an diesen Moment. Sie hatte nur einen Schluck Wasser holen wollen und stand wie erstarrt in der Küchentür: der Vater halb gedreht zur Mutter, den Arm gefährlich erhoben, die Mutter kauerte automatisch zusammen. Nach einer Sekunde ließ er den Arm sinken, aber Lena hätte schwören können, dass diese Sekunde wie eine Ewigkeit anhielt.

Bitte, Oma, sag ja! unterstützte sie Fabian. Er fasste Gertrud fest an der Hand, als fürchte er eine Absage. Wir helfen dir auch bei allem im Haushalt. Hauptsache, wir müssen da nicht mehr hin. Sie beachten uns ja eh kaum noch! Gestern hab ich nur kurz gesagt, dass ein Elternabend stattfindet. Weißt du, was Papa meinte? Geh zu Mama! Ich bin also zu Mama. Na, rate mal, was sie sagte?

Geh zu Papa? fragte Gertrud leise, obwohl sie die Antwort ahnte.

Genau! Fabian lachte bitter. Und danach haben sie sich zwei Stunden lang angeschrien, wer hingehen muss, über den Flur hinweg von der einen zur anderen Tür. Ich saß einfach nur dazwischen.

Ich wollte letztens das Museumsticket unterschreiben lassen, warf Lena leise ein, den Blick auf ihre Hände gerichtet. Sie spielte nervös mit dem Ärmel. Jetzt bin ich die Einzige in der Klasse, die nicht mitfährt. Keiner hat unterschrieben. Aber geschrien wurde trotzdem: Mutter meinte, das sei Papas Aufgabe, Papa behauptete, das wäre Mamas Ding.

Gertrud sah die Enkel an und spürte ihre Erschöpfung. In ihren Augen lag kein kindlicher Frust mehr, sondern diese Müdigkeit, die sich über Monate staut wenn jeder Tag gleich ist, wenn der Krach das Familienleben ersetzt, wenn kein Funken Rückhalt bleibt.

So ist es immer, murmelte Fabian, resigniert. Egal, was wir wollen, es wird sofort ein neuer Grund für Streit. Wir wollen nicht mal mehr nach Hause. Neulich kamen wir erst um elf, weißt du, wie sie reagiert haben? Gar nicht! Schickten uns wortlos ins Bett, fragten nicht, wo wir gewesen waren. Aber später brüllten sie dann stundenlang darüber, wer an unserer Erziehung Schuld trägt.

Die beiden seufzten gleichzeitig. Sie hatten ernsthaft schon darüber nachgedacht: Vielleicht hilft wirklich nur die Scheidung, alles andere bringt nichts mehr. Nur die Aussicht, voneinander getrennt zu werden, machte ihnen Sorgen. Wer sollte bei wem leben? Dann sähe man sich nur noch am Wochenende.

Sie überlegten jeden Abend neue Lösungen, flüsterten im Zimmer noch lange nach Mitternacht, wenn alles ruhig war. Einmal meinte Fabian im Spaß, sie könnten einfach ausreißen Rucksäcke packen und los. Er sagte das augenzwinkernd, aber Lena reagierte überraschend ernst: Was, wenn wir es einfach wirklich mal machen? Zumindest für ein paar Tage Da wurde beiden klar: Es ist so schlimm geworden, dass selbst ein spontaner Auszug vernünftig wirkt.

Und da fiel ihnen beide gleichzeitig ein: Oma! Zu ihr, das wäre doch eine Lösung, oder? Lena sprach den Gedanken aus: Was, wenn wir Oma einfach bitten, dass wir ganz bei ihr wohnen dürfen? Sie schreit nie, macht keine Vorwürfe. Und wir müssen diese elenden Streitereien nicht mehr hören… Fabian war sofort dabei: Ja! Sie ist immer lieb und hat genug Platz, da kriegt jeder sein eigenes Zimmer.

In Gedanken malten sie sich ihre neue Zeit aus: ruhige Frühstücke, entspanntes Lernen, abends Gesellschaftsspiele mit Oma. Kein Gegeneinander, kein Schreien, kein Gehampel, nicht mehr das Gefühl, sich täglich im eigenen Zimmer verstecken zu müssen. Zum ersten Mal seit Langem keimte Hoffnung auf. Sollen die Eltern doch machen, was sie wollen sie wollten einfach endlich ein bisschen Frieden. Und das hofften Lena und Fabian, wenn sie bei Oma wohnen würden

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Mama, Papa, wir müssen echt mal reden, sagten die Zwillinge entschlossen, als sie abends ins Wohnzimmer traten. Sie hatten bewusst abgewartet, bis beide Elternteile da waren. Lena hielt Fabians Hand ganz fest das gab ihr den Mut, die Worte rauszubringen. Aber ihr versprecht, uns erst ganz anzuhören, ohne sofort dagegenzureden.

Thomas schaute vom Handy hoch, die Brauen in die Höhe gezogen. Sabine, die gerade am Sofa Kissen sortierte, fuhr aus dem Stand hoch. Ihr Gesichtsausdruck sagte alles als hätten die Kinder etwas total Ungeheuerliches verlangt.

Typisch, das kommt bestimmt von deiner Seite! schnaubte sie und verschränkte die Arme. Jetzt stellen uns die Kinder schon Bedingungen! Bald sollen wir uns noch rechtfertigen oder was?

So viel zum Thema pädagogische Verantwortung, fuhr es Thomas heißblütig zurück. Ich rackere mich hier Tag und Nacht ab, verdiene das Geld, während du immer daheim bist! Und was resultiert daraus? Dass die Kinder uns sagen, wos langgeht?

Die Zwillinge warfen sich einen Blick zu. Genau damit hatten sie gerechnet: dass die Schuldzuweisungen sofort losgehen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Schluss jetzt! rief Lena, die Stimme schon leicht zittrig und mit Tränen in den Augen. Sie trat einen Schritt vor, bemühte sich, ruhig zu bleiben, obwohl es in ihrem Innersten wild tobte. Fabian und ich haben uns entschieden: Ihr solltet euch scheiden lassen.

Es wurde schlagartig still. Sabine erstarrte mit halb geöffnetem Mund, Thomas stand langsam vom Sofa auf.

Das ist ja mal ‘ne Nummer! Sabines Stimme klang gefährlich ruhig. Lena, du bist viel zu jung, um uns Erwachsenen vorzuschreiben, was wir tun sollen! Was kommt als Nächstes, dass ihr das Haus verkaufen wollt?

Wenn ihr euch nicht scheidet, wenden wir uns ans Jugendamt, ergänzte Fabian fest, immer noch Lenas Hand drückend. Sein Ton war entschlossen, selbst wenn er sich innerlich unsicher fühlte. Und dann, Papa, verlierst du vielleicht deinen Job. Du hast doch selbst gesagt, dass Skandale in deiner Firma ein No-Go sind. Und du, Mama, Lena schaute ihre Mutter direkt an, die Nachbarn reden doch sowieso schon. Wir erzählen gern, was hier abläuft. Dann bist du richtig unten durch.

Siehst du das?! Jetzt drohen uns schon die eigenen Kinder! brachte Sabine schließlich hervor, den Blick zwischen beiden Kindern hin und her huschend. Das sind doch unsere Kinder! Wie könnt ihr nur so mit uns umgehen?

Keine Drohung, sagte Fabian leise, aber bestimmt. Sondern die Wahrheit. So kann und will niemand mehr leben. Wir sind fertig mit dem Geschrei, der Ignoranz, jeder Bitte, die gleich in Krach endet.

Ihr trennt euch, zieht aus, wir bleiben bei Oma, sagten die Zwillinge im Chor, wie geübt. Das ist am besten für alle: Wir endlich Ruhe, ihr auch. Wir wollen nicht mehr der Puffer sein, nicht mehr zwischen den Stühlen sitzen.

Die Eltern waren stumm, wie festgenagelt. Zum ersten Mal gab es keine Widerworte, keine hektischen Rechtfertigungen, keine gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Ihre dreizehnjährigen Kinder standen Schulter an Schulter da und schauten sie mit einer Ruhe und Entschlossenheit an, die sie noch nie gesehen hatten. Themen, denen die Erwachsenen bislang aus dem Weg gingen, standen jetzt im Raum.

Thomas und Sabine hatten selbst oft an Trennung gedacht. Immer kam dann aber diese eine, große Frage: Was wird aus den Kindern? Die beiden zu trennen völlig undenkbar. Sie waren unzertrennlich, immer füreinander da. Wie sollte man Lena von Fabian trennen, sie in verschiedene Haushalte schicken, an den Wochenenden wieder zusammenführen?

Der Oma-Plan war vorher nie aufgekommen. Wahrscheinlich, weil alle so beschäftigt waren mit beiderseitigen Kränkungen. Aber als sie das Angebot ihrer Kinder hörten, zogen beide ernsthaft in Erwägung: Vielleicht wäre das wirklich eine Lösung. Gertrud liebt ihre Enkel, die Wohnung ist groß genug, sie ist immer freundlich… Vielleicht ist das die Rettung, die alle brauchen?

Ich ruf mal meine Mutter an, sagte Thomas leise, beinahe zögerlich. Die Worte schienen ihm schwer zu fallen. Wenn sie zustimmt

Er kam nicht weit. Sabine fuhr ihm ins Wort in ihrer Stimme eine Erschöpfung, die sie selbst überraschte:

Dann ist es endlich vorbei. Ruft sie an. Ich will dich echt nicht mehr jeden Tag sehen.

Die Sätze hingen zäh in der Luft. Sie wollte gar nicht so grob klingen, aber was sich in den Jahren angestaut hatte, musste wohl jetzt raus.

Ich kanns kaum erwarten, Thomas schob alles ins Ironische, aber seine Enttäuschung war kaum zu überhören.

Er zog sein Handy, tippte langsam Gertruds Nummer. Während das Freizeichen lief, starrte jeder in die andere Richtung. Sie ahnten beide: Wahrscheinlich war der Punkt längst überschritten, an dem man nochmal hätte umkehren können

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An diesem Tag beschloss die Familie Wagner etwas, was ihr Leben auf Jahre verändern sollte. Thomas führte ein langes, ruhiges Gespräch mit seiner Mutter. Gertrud hörte gelassen zu, schob nur ab und zu eine Nachfrage ein.

Als alles gesagt war, atmete die Oma tief durch und sprach ruhig:

Wenn ihr beiden glaubt, dass das das Beste für die Kinder ist, dann bin ich einverstanden. Bei mir sind sie sicher, ich kümmere mich.

Noch am selben Abend setzten sich die Eltern zum ersten Mal seit Langem ohne Geschrei gemeinsam an den Küchentisch und besprachen alles Nötige. Nach vielen kleinen Diskussionen waren sie sich einig: Eine Scheidung ist die sinnvollste Lösung. Die Kinder würden zur Oma ziehen. Die Eltern überweisen jeden Monat Geld, damit für alles gesorgt ist (natürlich in Euro).

Und keiner wollte die Kinder einfach hängen lassen. Vater und Mutter sagten klar zu, die Kinder abwechselnd an den Wochenenden zu sehen jeder für sich, damit sie sich nicht mehr über den Weg laufen mussten.

Ich hole sie dann samstags zum Frühstück ab und du am Sonntag, beschloss Thomas, und Sabine nickte.

Das Ziel war klar: Nur das Allernötigste miteinander zu besprechen und die Kinder nicht weiter zum Spielball zu machen. Keine Beleidigungen mehr in ihrem Beisein, keine Seitenwahl, keine Streitereien vor ihnen.

Wir bleiben ihre Eltern, betonte Thomas. Auch wenn wir das als Paar nicht mehr hinkriegen.

Und tatsächlich: Der Plan erwies sich als Glücksfall. Die Kinder konnten entspannen, endlich wieder normales Teenagerleben führen. Lena meldete sich im Kunstkurs an, wovon sie schon lange träumte, fand aber nie die Nerven dazu. Fabian fing an, beim Fußball mitzumachen, lernte neue Freunde kennen und war einfach ausgelassen. Sie verbrachten endlich wieder Zeit miteinander Spaziergänge, Kino, Pläne schmieden, ohne Angst, dass wieder ein Sturm aufzieht.

In der Schule zeigten sich die neuen Lebensumstände schnell. Nie wieder Hausaufgaben im Streit, sondern konzentriert und in Ruhe. Die Noten wurden besser und die Lehrer wunderten sich: Ihr wirkt ja viel ausgeglichener, was ist passiert?

Schritt für Schritt kam der Alltag zurück nicht perfekt, aber friedlich und verlässlich. Die beiden mussten sich nicht mehr in ihrem Zimmer verschanzen, nervten sich nicht mehr tierisch wegen jedem kleinen Schritt. Sie hatten ihr Leben zurück so, wie es sein sollte, wenn man als Teenager eben nicht für die Probleme der Erwachsenen verantwortlich ist

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Fünf Jahre später lief alles ruhig. Lena und Fabian hatten ihr neues Leben längst angenommen: Schule, Freunde, Kurse und abends gemütliche Teezeit bei Oma. Eltern kamen weiterhin getrennt zu Besuch, jeder an seinem Tag, immer freundlich, ohne Gezänk, mit kleiner Aufmerksamkeit im Gepäck. Über die Jahre hatten sie gelernt, höflich zu bleiben, ohne sich gegenseitig Vorwürfe zu machen.

Das erste Mal begegneten sich Thomas und Sabine nach der Trennung beim Abiball der Zwillinge. In der Aula saßen sie an verschiedenen Tischen, aber es war klar: Hier besuchen sie ihre Kinder und all die alten Streitereien rückten ein Stück in den Hintergrund.

Als der Tanz begann, stand Thomas plötzlich auf, ging zu Sabine und fragte, wie aus alten Tagen:

Lust zu tanzen? Mal ein bisschen an frühe Zeiten denken?

Sie zögerte, dann nahm sie die Einladung an.

Nach dem Ball saßen sie lange draußen auf dem Schulhof, beobachteten, wie die Jugendlichen am Springbrunnen feierten. Erst sprachen sie über die Kinder, dann ganz ungewöhnlich auch über die alten, schönen Zeiten ihres Ehelebens.

Sie redeten an diesem Abend viel, teilten ehrlich schöne Erinnerungen miteinander, lachten, zeigten Würde. Sie sprachen nicht über die Fehler, sondern das Verbindende von damals. Lena und Fabian standen abseits, beobachteten ihre Eltern und merkten, wie sehr es schmerzte, dass die einst engsten Menschen sich wie Fremde begegneten.

Doch dann völlig überraschend kam alles anders. Am nächsten Tag luden die Eltern die beiden ins Café ein. Mit Tee und Kuchen und einem kurzen Händedruck gaben sie die Neuigkeit bekannt. Thomas grinste über beide Ohren, als er sagte:

Wir haben nachgedacht und wollen wieder heiraten. Nach all den Jahren haben wir gemerkt: Unsere Gefühle sind noch da! Wir lieben uns immer noch und wollen als Familie neu anfangen.

Er wirkte, als hätte er gerade den Jackpot gezogen. Sabine strahlte und wartete auf die pure Begeisterung.

Die Zwillinge sahen sich an, aber ihre Gesichter wurden schlagartig ernst. In Lenas Augen blitzte Unglaube, Fabian ballte die Faust unter den Tisch. Jetzt fängt das Ganze wieder an. Wissen die wirklich, was sie da tun? Können die überhaupt ohne Drama zusammenleben?

Meint ihr das wirklich ernst? bekam Lena gerade so heraus.

Absolut, antwortete Thomas ganz klar. Wir haben dazugelernt und wollen dem Ganzen einen zweiten Versuch geben.

Die Kinder schwiegen. Es ratterte im Kopf: Einerseits wollten sie daran glauben, dass ihre Eltern wirklich an sich gearbeitet haben. Andererseits hatten sie Angst, dass alles von vorne beginnt.

Sie kommentierten es erst gar nicht, was die Eltern sichtlich enttäuschte. Sabine schaute ziemlich betreten:

Ihr freut euch ja gar nicht mit uns! Wir hätten gedacht, dass ihr jubelt…

Doch die Zwillinge zuckten nur mit den Schultern. Was sollten sie sagen? Lasst es, macht euch nicht unglücklich? Ihnen fehlten schlicht die Worte. Sie konnten nicht herzlos wirken, aber vorgaukeln, dass alles wunderbar sei, das wollten sie auch nicht.

Das Gespräch plätscherte aus. Die Eltern erzählten voller Vorfreude von ihren Plänen, die Kinder hörten höflich zu, dachten dabei aber nur an eins. Auf dem Heimweg meinte Lena leise zu Fabian:

Hoffentlich haben sie diesmal einen Plan.

Fabian antwortete nur mit einem tiefen Seufzen.

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Also dann ab nach Berlin? fragte Lena und klappte den Laptop auf, um Unis rauszusuchen. Weg von dem ganzen Chaos. Ich ahne, wie das wieder losgeht…

Logo, sagte Fabian mit Nachdruck. Seine Stimme klang viel zu alt für sein Alter. Er fuhr sich durch die Haare, als wolle er den Stress einfach abschütteln. Meine Prognose: Ein Monat, vielleicht zwei dann starten die Streitereien von vorne. Ich hab keine Lust mehr, zum Spielball zwischen denen zu werden. Ich will nicht mehr jeden Morgen raten, wie die drauf sind.

Er lief im Zimmer hin und her, sammelte beiläufig Lernmaterial ein. Immer wieder drehte sich alles im Kopf darum: Wie kann es sein, dass Erwachsene, die eigentlich Vorbild sein sollten, sich benehmen wie Teenager nur schlimmer? Warum lernen die nichts dazu?

Wir müssen raus hier, sagte er stockend, stand dann am Fenster. Draußen verschwammen die Hausdächer im orangefarbenen Licht der Dämmerung. Fabian blickte hinaus, als könne er von hier schon die Zukunft sehen. Weit weg. So weit, dass ihre Streitereien uns nicht mehr erreichen. Sollen sie machen, was sie wollen, wir mischen uns nicht mehr ein. Das ist ab jetzt nicht mehr unser Zirkus.

Wann schicken wir die Unterlagen ab? fragte Lena ruhig.

Morgen, sagte Fabian sofort. Je schneller, desto besser.

Lena nickte, ganz auf den Laptop konzentriert. Uniseiten, Bewerbungsfristen, Wohnheimplätze, Jobchancen alles war schon durchgecheckt. Der Notizblock daneben war voll mit Listen: Vor- und Nachteile, Unterlagen, Deadlines, wichtige Kontakte.

Hauptsache, wir lernen in Ruhe, murmelte sie eher zu sich selbst. Endlich ohne all das Drama.

Genau, entgegnete Fabian, setzte sich daneben, las über Lenas Schulter die ganzen Programme. Und wenn sie wieder anfangen zu streiten, können sie es sich selber erzählen. Wir sind raus. Und dieser zweite Versuch das ist deren Ding, nicht unseres.

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Tatsächlich heirateten Sabine und Thomas erneut diesmal ganz ohne großen Auftritt: keine pompöse Feier, kein Blitzlichtgewitter, einfach eine kurze Zeremonie im Standesamt, Familienkaffee hinterher.

Die Fotos hätten besser nicht aussehen können beide lächelten, hielten einander an den Händen, schauten sich liebevoll an. Verwobene Finger, warme Blicke, sanfter Händedruck. Als sei alles vergeben, die Jahre der Trennung hätten sie nur reifer gemacht und jetzt wünsche sich die glänzendste Zukunft. Lena und Fabian blätterten sich durch die Bilder und fragten sich: Vielleicht klappt es diesmal ja wirklich?

Aber und das wurde sehr bald klar das Märchen dauerte nicht lange. Die ersten Wochen nach der Hochzeit verliefen erstaunlich harmonisch: Man war freundlich, sagte häufiger Danke, legte nicht jedes kleine Ding auf die Goldwaage. Es schien, als wäre etwas anders.

Doch nach wenigen Wochen kehrten die alten Muster zurück. Erst waren es kleine Seitenhiebe: Hast du mal wieder nicht aufgeräumt? oder Hättest du nicht noch einkaufen gehen können?. Dann wurde offen gestritten der eine vergaß das Brot, die andere ließ die Handtücher liegen oder stellte den Fernseher zu laut. Die Stimmen wurden lauter, der Ton rauer, die Pausen dazwischen kürzer.

Nach zwei Monaten, wie Fabian es vorausgesagt hatte, eskalierte es komplett. An einem Abend reichte ein Streit um den Einkauf, um alles zu sprengen. Thomas warf wütend eine Tasse an die Wand mit einem großen Knall zerplatze sie. Sabine ließ es nicht auf sich sitzen, schleuderte den Teller hinterher. Teller, Scherben, lautes Poltern: Der Krach zog durch die gesamte Wohnung.

Danach versuchten die Eltern wie immer, ihre Kinder zu erreichen. Der Ablauf war immer gleich: Einer heulte sich am Telefon aus kaum war der Streit vorbei, versuchte man sich Luft zu machen.

Weißt du, was dein Vater heute gebracht hat? jammerte Sabine, sobald Lena abhob. Der versteht mich kein bisschen!

Sohn, du musst mich verstehen, sie ist völlig außer Kontrolle, stammelte Thomas aufgebracht am Apparat. Ich geb mir Mühe, ehrlich!

Doch Lena und Fabian hatten Wege gefunden, das sanft, aber bestimmt, abzuwehren. Sie hörten sich das alles nicht mehr an. Kurze, bestimmte Sätze genügten.

Mama, ich hab gleich Seminar, meld mich später, sagte Lena ruhig, auch wenn sie in Wirklichkeit Zeit hatte, aber keine Lust.

Papa, ich hab viel zu tun lass uns am Wochenende quatschen, meinte Fabian routiniert, den Blick fest auf den Bildschirm. Er wusste, wenn er sie reden lassen würde, käme er den ganzen Abend nicht mehr weg.

So wurde das Später immer weiter hinausgeschoben. Die Zwillinge fanden Gründe: Uni, Nebenjob, Freunde. Die Eltern riefen seltener an und Lena und Fabian verspürten kein schlechtes Gewissen. Sie schonten einfach ihre Nerven und wussten: Was zwischen Mama und Papa abgeht, konnten sie eh nicht ändern.

Sie hatten längst ihr eigenes Leben, voller Themen, Ziele, Pläne und ohne die Belastung der elterlichen Dramen. Jeder kleine Schritt hatte wieder mit ihnen selbst zu tun, nicht mehr damit, sich zu verstecken oder nicht aufzufallen.

Lena vertiefte sich in Psychologie. Sie wollte wissen, wie Menschen ticken, warum sie tun, was sie tun, und wie man in schwierigen Lagen helfen kann. Ab dem dritten Semester engagierte sie sich als Ehrenamtliche in einer Jugendhilfeeinrichtung sie leitete Gruppen, half Teenagern, Klarheit über Gefühle zu bekommen und Wege aus ihrer Not zu finden. Sie erkannte in ihnen sich selbst von früher und bemühte sich um Zuwendung und echten Beistand.

Fabian steckte ganz in IT. Seit Studienbeginn faszinierte ihn Programmieren das Erstellen eigener Projekte, das Lösen kniffliger Aufgaben. Er nahm an mehreren Hackathons teil, belegte auf Landesebene mit seinem Team den dritten Platz und arbeitete bald darauf nebenbei in einer kleinen Softwarefirma. Dort sammelte er Praxiserfahrung, lernte mit Leuten umzugehen, Deadlines einzuhalten und kreative Lösungen zu finden.

Die Zwillinge planten die Zukunft. Lena dachte an eine eigene Praxis, um Familien zu helfen, wieder auf Augenhöhe zu kommen. Fabian wünschte sich irgendwann ein eigenes Geschäft. Sie besprachen ihre Träume bei Tee im Café, kritzelten Pläne in Notizbücher. Sie fühlten: Sie stehen auf eigenen Beinen. Es gibt einen Weg ihr Leben, ihr Rhythmus, ihre Hoffnung.

Und als die Eltern dann wieder einmal anriefen, um ihre neuen Dramen zu berichten, fehlten ihnen selbst nach Jahren keine klaren Worte. Sie hatten sich längst abgesprochen, dass sie sich nie wieder in diesen Konflikt reinziehen lassen würden.

Jetzt reichts wirklich, sagte Lena bestimmt. Regelt euren Kram bitte selbst.

Aber ihr seid doch unsere Kinder! schniefte Sabine am anderen Ende. Ihr müsst doch zu uns halten…

Wenn ihr euch mal benehmt wie Erwachsene, widersprach Fabian ruhig, würden wir auch gerne für euch da sein. Ihr habt euch wieder ins Unglück gestürzt, statt ein normales Leben zu führen. Ihr kommt nicht miteinander klar, also lasst es einfach. Trennt euch und zieht euch auseinander.

Mag sein, dass das hart klang. Aber sie wünschten sich einfach eins: Ein ganz normales Leben…

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Homy
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