Falsche Schönheit
Liebes Tagebuch,
Ich kann es immer noch kaum glauben, was ich gestern alles verarbeitet habe. Das kann nicht sein! Ihr habt euch wirklich getrennt? Das ist doch ein Scherz! Als ich gestern Lisa davon erzählte, wie es mit Jana zu Ende ging, schaute sie mich an, als hätte ich gerade behauptet, der Himmel in München sei grün geworden. Ihre Augen wurden riesig, die Stirn bildete Falten wie bei einer bayerischen Oma beim Starkbier, und der Mund klappte auf, als ob die Bedienung im Wirtshaus plötzlich Maßbier verboten hätte. Du hast doch immer gesagt: Jana ist die Frau deines Lebens! Euch habe ich immer als Vorzeigepaar genommen… Ich hätte selbst gerne so eine Beziehung gehabt!
Ich selbst konnte ihr daraufhin nur bedrückt zunicken und den Blick durch das trübe Fenster schweifen lassen. Draußen tobte ein typischer Münchner Frühlingstag: Regen klatschte gegen die Scheiben wie ein Jazzschlagzeuger, kleine Sturzbäche rannen hinab, verteilt in tausend Tropfen. Passender hätte das Wetter mein Inneres nicht widerspiegeln können. Ich fühlte mich leer. Fünf Jahre voller Pläne, gemeinsamer Träume, vertrauter Worte Jetzt war nur noch graue Leere in mir. Die Wärme in der Brust, die es immer gab, wenn ich Janas Nähe spürte, war verschwunden. Ich ballte die Hände, so fest, dass die Knöchel weiß hervorstachen. Mein Hals kratzte. Es war vorbei. Einfach vorbei.
Lisa rückte näher, spähte in mein Gesicht und hakte nach: Aber warum? Sie hat doch auf dich gewartet, das halbe Jahr, wo du in Frankfurt auf Projekt warst! Treu wie eine Schwäbin, jeder Versuchung widerstehend!
Ich musste bitter lachen. Woher willst du das alles wissen? Du lebst doch gar nicht in München oder ist das ein Fall von Frauensolidarität?
Unbeirrt wippte sie mit dem Stuhl und verschränkte die Arme, ein schelmisches Lächeln auf den Lippen, aber immer mit dieser echten Sorge in den Augen. Ich hab viele Freunde in München, die haben ein Auge auf Jana gehabt. Sie hat richtig was für sich getan! Neues Styling, Fitnessstudio, hat ihren Kleiderschrank von Grund auf erneuert. Und das alles während du weg warst! Sie wollte, dass du stolz auf sie bist, Max.
Genau das ist das Problem! Deshalb sind wir getrennt. Ich sprang förmlich in den Flur, griff nach meiner Jeansjacke mit dem Handy in der Tasche, als ob ich damit die bohrenden Gedanken abschütteln könnte. Zurück im Wohnzimmer reichte ich Lisa mein Handy. Nur ein Blick auf das neue Foto würde sie alles verstehen lassen. Weißt du eigentlich noch, wie Jana aussah, bevor ich nach Frankfurt ging?
Lisa rollte mit den Augen, aber ihre Stimme zitterte leicht. Natürlich weiß ich das. Hübsches Mädchen, glatte, honigblonde Haare bis fast zum Rücken, große blaue Augen, niedliche Stupsnase ein bisschen zu wenig Oberweite vielleicht, aber du hattest nie ein Problem damit, oder?
Ich schluckte schwer. Ich war wunschlos glücklich! Sie war mein Ideal. Aber kaum war ich weg, haben ihre Freundinnen ihr eingeredet, sie müsse sich ändern, sonst laufe ich ihr davon. Und sie glaubte es! Hat sich verändert, nicht weil sie es wollte, sondern weil andere ihr sagten, sie müsste.
Lisa schaute zweifelnd, die Hände krallten sich in den Polsterstuhl, die Stirn zog sich zusammen. So schlimm?
Ich hielt ihr das Handy unter die Nase. Was sie darauf sah, war nicht mehr meine vertraute Jana. Die einst schönen, dichten Haare ab, ruiniert. Platinblond, kurz und hart, sodass jegliche Sanftheit aus ihrem Gesicht verschwand. Die Lippen grotesk aufgespritzt, der ganze Mund wie von einem Clownsmund gemalt, einfach nicht mehr ihre Proportionen. Viel zu dünn, Knochen standen hervor, die Arme wie Spaghetti, und unter den Augen dunkle Ringe, als hätte sie tagelang nicht geschlafen. Das Schlimmste aber: Die neue Oberweite gemacht! Ich konnte es nie leiden, wenn jemand sein Innerstes verleugnen musste für einen falschen Schein. Sie wusste das! Natürlich wusste das meine Jana!
Da stand sie dann, im Terminal am Münchner Flughafen, ganz stolz, und ich hätte fast gesagt, sie solle sich in der Menge verlieren. Ich habe meine eigene Freundin nicht wiedererkannt. Mein letztes bisschen Beherrschung riss. Ich stieß gegen die Wand, meine Hand vibrierte noch nach dem Schlag.
Durch das Wohnzimmer tigerte ich auf und ab, Ärger und Verzweiflung wechselten sich in meinem Gesicht ab. Ich presste meine Handflächen gegen mein Gesicht, so, als könnte ich damit alles ausradieren.
Lisa begriff, wie schwer mir diese Monate gefallen waren. Sie war die einzige, bei der ich früher stöhnte, wenn mein Chef in Frankfurt wieder Kontrollwahn bekam und mich nicht zu Jana ließ. Alles streng geregelt dort, keine Zeit für romantische Abstecher an die Isar, Prüfungen standen für Jana an, sie musste in München bleiben, und ich war in der Bankenmetropole gefangen.
Im Nachhinein hätte ich ihrem Freund, der mir ein Bild von Jana schicken wollte, nie abwinken dürfen. Vielleicht hätte ich es dann noch stoppen, vielleicht alles anders machen können. Jetzt weiß ich: Ich hätte den Job glatt für Jana geschmissen, um ihr beizustehen.
Der Rückflug nach München war der Albtraum. Ich saß, schwitzte, traute mich kaum zu landen. Im Taxi am Hauptbahnhof dann Herzrasen, als käme ein Bewerbungsgespräch in der Zentrale der Deutschen Bank. Mir gingen tausend Bilder durch den Kopf: Wie sie in der Ankunftshalle steht, lacht, mich umarmt, wir gehen nach Hause, trinken abends Tee und erzählen uns alles von diesen sechs Monaten. So hatte ich es mir ausgemalt.
Doch die Realität war kälter als das Regenwetter vor dem Flughafen. Jana war nicht mehr Jana. Sie stand da, fremd, mit ihrem neuen Look, keine warme Vertrautheit, kein Lächeln, das mir vertraut war, blieb übrig.
Max! Endlich bist du wieder da! rief sie und nahm die Arme hoch zum Umarmen ich wich automatisch zurück.
Irritation, Schmerz, Verzweiflung in ihren Augen. Was ist los? Bin ich so verändert, dass du mich nicht mal mehr umarmen willst?, fragte sie, krampfhaft eine Blondsträhne zurechtzupfend.
Ich rang mit den Worten: Ich weiß gar nicht mehr, wer du bist. Wo ist meine Jana? Wo ist die Frau, die immer natürlich war, die ich geliebt habe? Was hast du mit dir gemacht?
Du meinst, zu dick, oder?, schoss sie beleidigt zurück, brach beinahe in Tränen aus, als ihre Freundinnen im Hintergrund kichernd tuschelten. Die eine klopfte ihr gemütlich auf die Schulter, als wäre sie ein Ausstellungsstück: Max, du bist jetzt mit einer Münchner Fashion-Ikone zusammen! Männer stehen seit Monaten auf sie Schlange, seit sie so aussieht! Sei froh, dass sie das alles für dich gemacht hat!
Mir platzte fast der Kragen. Für mich?! Mach´s dir nicht so einfach. Das alles war nicht meinetwegen, sondern weil du (Jana) daran glauben wolltest, dass niemand dich so liebt wie du bist
Ich drehte mich zu Jana. Da war so viel Wut, aber auch diese Leere dazwischen. Du weißt doch, wie ich dazu stehe. Ich wollte nie eine andere. Ich wollte dich! Mein Herz war schwer. Ich wollte dir nach meiner Rückkehr einen Antrag machen. Ich hab sogar einen Ring gekauft…
Jana erblasste. Tränen strömten ihr übers Gesicht. Sie wollte nach mir greifen, aber ich ging. Ich wollte nicht mehr sehen, wie sie sich gibt, wie sie anderen gefallen will, mich aber enttäuscht.
Ihr Ruf verhallte, die Freundinnen schnappten sie sich, um sie aufzumuntern. Lass ihn laufen, meinte die eine, bald steht er wieder winselnd vor deiner Tür! Du bist jetzt eine Erscheinung, Junge wie Sand am Meer werden dich wollen. Jana hörte das alles gar nicht. Mich traf der Abschied wie ein Streifschuss durchs Herz. Ich spürte diese Kälte, wie nach einem Oktoberfestbesuch im Regen allein auf dem Heimweg entlang der Isar.
Später, zurück im Wohnzimmer bei Lisa, beichtete ich, wie sehr ich gelitten hatte. Sie hielt meine Hand fest, verurteilte nicht, verteidigte mich, sagte mir, dass es nicht meine Schuld war. Das half wenigstens ein wenig.
Ich fragte mich: Bin ich zu hart gewesen? Hätte ich ihr erklären müssen, dass ich sie immer geliebt habe, so wie sie war? War es nicht mein Job, ihr diese Angst zu nehmen?
Aber auch Lisa war auf meiner Seite. Sie sagte, ich habe Rechte, meine eigenen Grenzen dürfen nicht übergangen werden auch aus Liebe nicht. Man darf nicht seine Vorstellungen verraten, nur um zu gefallen. Aber vielleicht, so schlug sie vor, sollte ich mit Jana reden, ehrlich und offen, um vielleicht aus diesem Scherbenhaufen noch etwas zu retten.
Ich blickte aus dem Fenster in den Münchner Abendhimmel. Die Sonne kämpfte sich durch die Wolken, golden über der Theresienwiese. Vielleicht ist das ein guter Moment, alles hinter mir zu lassen und erstmal an mich zu denken. Ich brauche Zeit. Zeit, um mir klarzuwerden, was ich wirklich will. Vielleicht gibt es ja doch noch einen Weg zurück aber nur, wenn wir beide ehrlich sind.





