Konnte meinen Mann nicht rechtzeitig warnen, dass die Überwachungskamera wieder repariert ist

Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen, obwohl seitdem viele Jahre vergangen sind.

Eigentlich wollte ich das Haus an jenem Morgen nicht vor acht verlassen. Alles lief wie immer: frischer Kaffee aus dem Porzellanfilter, ein Käsebrot, die Tasche stand schon abholbereit am Ausgang. Mark schlief noch seine Schicht begann spät, erst um ein Uhr mittags musste er aufstehen. Ich zog mir den Mantel über, schnappte mir den Müllbeutel und trat hinaus auf den Flur.

Unten an den Mülltonnen traf ich Frau Gertrud Baumann aus dem dritten Stock. Sie schleppte einen Karton und hatte, wie immer seit ihrer Pensionierung vor sechs Jahren, Lust auf ein Schwätzchen.

Haben Sie’s gehört?, begann sie, bevor sie überhaupt guten Morgen sagte. Die Hausverwaltung hat die Kamera am Eingang endlich reparieren lassen. Seit gestern läufts wieder. Alles wird aufgenommen und für zwei Wochen gespeichert.

Das wurde auch Zeit, erwiderte ich gedankenverloren.

Gertrud nickte eifrig. Zu lange hats gedauert. Erinnern Sie sich an den Fahrraddiebstahl letzten Oktober unten im Flur? Keine Videoaufnahmen, keine Hinweise. Aber jetzt jetzt läuft sie wieder. Sollen sie’s noch einmal versuchen!

Ich nickte nur, warf den Müll weg und machte mich auf zur U-Bahn. Die Gedanken waren längst bei meiner Mandantin, der Rechnung, die ich bis Mittag schicken musste, und daran, noch Vitamine aus der Apotheke zu besorgen. Die Sache mit der Kamera hatte ich vergessen, kaum dass ich mich umgedreht hatte.

Erst gegen vier fiel es mir wieder ein. Ich stand an der Kasse im Edeka, legte gerade eine Packung Milch aufs Band, als mich eine kleine Unruhe stach. Leise, aber deutlich. Ich hielt inne.

Die Kamera.

Mark steht sonst immer um ein Uhr auf, geht dann rauchen aber nie in der Wohnung, das habe ich damals strikt verboten. Das weiß jeder im Haus. Punkt Viertel nach eins, spätestens halb zwei, tritt er auf den Hausflur. Fünf Jahre wohnen wir schon hier, und das ist nie anders gewesen.

Doch heute war sein freier Tag.

Ich stellte die Milch aufs Band, zog mein Handy heraus.

Keine Reaktion. Ich rief noch einmal an langer Rufton, dann der Anrufbeantworter. Ich bezahlte, ging hinaus, wählte wieder. Nichts.

Der schläft eben, beruhigte ich mich. Spätschicht, ist sicher spät ins Bett. Bestimmt schläft er.

Trotzdem lief ich schneller als sonst Richtung U-Bahn.

*

Unser Haus ein Neun-Stock-Wohnblock, Baujahr 1983. Der Aufzug funktionierte selten, der Hausflur roch nach Farbe und altem Holz. Über der Hauseingangstür hing die frisch reparierte Kamera klein, schwarz, unauffällig. Früher blinkte ein rotes Licht über dem Objektiv, dann irgendwann nicht mehr. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass sie nicht funktionierte. Letzten Sommer wurden unten am Briefkasten die Schlösser aufgebrochen Polizei kam, wollte Aufnahmen sehen. Aber nichts. Kamera kaputt, hieß es. Der Vorfall wurde nie aufgeklärt. Seitdem erwartete niemand mehr etwas.

Ich betrat den Hausflur, blickte automatisch hoch. Das rote Lämpchen leuchtete beständig. Kein Flackern, einfach an.

Ich ging die Treppen hoch, der Aufzug fuhr mal wieder nicht. Im vierten Stock war alles ruhig. Ich holte meinen Schlüssel hervor und öffnete die Tür.

Da standen fremde Schuhe im Flur.

Nicht ganz fremd. Ich hatte sie schon einmal gesehen. Hellbraune Wildlederstiefel, Größe 44. Sie standen neben Marks Hausschuhen, akkurat Fußspitze an Fußspitze.

Ich blieb zehn Sekunden einfach in der Tür stehen und starrte die Stiefel an.

Dann zog ich mich aus, hängte den Mantel an den Haken, stellte die Einkaufstüte ab. Ganz langsam, ganz bedacht.

Im Wohnzimmer war alles still.

Ich ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Setzte mich auf den Hocker. Betrachtete meine Hände, als gehörten sie jemand anderem. Lange Finger, silberner Ring mit kleinem Stein Mark hatte ihn mir vor drei Jahren zum Hochzeitstag geschenkt. Damals fuhren wir für ein Wochenende nach Hamburg, wohnten in einem kleinen Hotel an der Alster, spazierten am Wasser entlang. Er hatte den Ring in einem Schaufenster gesehen und gemerkt, dass ich ihn mochte, obwohl ich nichts gesagt hatte.

Der Wasserkocher klickte. Ich stand auf, goss Tee auf und rührte bedächtig, als hätte ich Angst, etwas Wertvolles zu verschütten.

Mit der Tasse ging ich in den Flur.

Mark, sagte ich leise.

Keine Antwort.

Mark, ich bin zuhause.

Im Schlafzimmer raschelte etwas. Das Bett quietschte. Dann bewegte sich wieder etwas ein Geräusch, das ich nie beschreiben könnte, aber sofort verstand.

Die Tür öffnete sich.

Mark trat heraus, im T-Shirt und Jogginghose, zerzauste Haare, den Blick irgendwo vorbei an mir. Dieses Abwesende fiel mir sofort auf. Er hatte immer direkt zu mir geschaut. Heute weg vom Ziel.

Du bist früh dran, sagte er.

Ja. Ging schneller.

Ich hab geschlafen.

Hör ich.

Schweigen. Ich trank Tee und schaute ihn an. Er bewegte sich nicht.

Der Ben war kurz hier, sagte er schließlich. Hat von unten angerufen, ich hab ihn reingelassen. Wir haben nur geredet. Dann ist er kurz eingeschlafen.

Aha, sagte ich.

Ist was?

Nichts.

Er wich mir aus, ging in die Küche, nahm Wasser aus dem Kühlschrank.

Ben! Komm, Johanna ist da!, rief er ins Schlafzimmer.

Wieder quietschte das Bett. Eine Pause. Dann kam Ben wirklich Benjamin Schröder, mit dem Mark seit sechs Jahren zusammen auf dem Bau arbeitete. Ich kannte ihn von Betriebsfeiern, und letztes Jahr am Geburtstag von Mark. Groß, hellblond, ein wenig gebeugt, jetzt ganz verstrubbelt und kurz nach dem Aufwachen aussehend.

Hi Johanna, sagte er. Sorry für den Auftritt. Hab Mark nur kurz besucht, sind beide weggedöst.

Schon gut, sagte ich.

Beide beobachteten mich, während ich in meine Tasse starrte.

Ich geh dann mal. Muss noch was erledigen, murmelte Ben.

Machs gut, sagte Mark.

Ich hörte Ben im Flur herumkramen, dann fiel die Haustür ins Schloss.

Wir zwei waren allein.

Er goß sich Wasser ein, trank, stellte das Glas etwas heftiger an die Spüle als nötig.

Warum bist du so still?, fragte er.

Ich denke nach.

Worüber?

Ich stellte die Tasse ab.

Du. Übrigens hast du heute Morgen mitbekommen, dass die Kamera im Hausflur wieder funktioniert?

Er schwieg. Ich sah, wie ein Schatten über sein Gesicht glitt schnell, kaum wahrnehmbar. Das Glas in seiner Hand landete lauter als nötig auf der Spüle.

Nee, sagte er. Wusste ich nicht.

Seit heute früh. Frau Baumann meinte es.

Pause.

Na und? fragte er.

Nichts. Wollts nur sagen.

*

Ich startete keinen Streit. Nicht, weil ich nicht genug zu sagen gehabt hätte ich hätte einen ganzen Kofferraum voll gehabt: kleine Unstimmigkeiten, die ich seit Monaten registrierte und beiseite legte. Sein Handy, das ständig mit dem Display nach unten lag nicht nur manchmal. Immer häufiger späte Schichten. Zögerliche Antworten auf Nachrichten. Ein Geruch nicht Parfum, etwas anderes, kaum wahrnehmbar, aber vertraut.

Letzten Juni kam Mark später nach Hause und behauptete, auf Arbeit aufgehalten worden zu sein. Ich fragte nicht nach. Stellte das Essen hin und ging ins Wohnzimmer. Lag auf dem Sofa und überlegte, ob ich vielleicht nur paranoid war. Überarbeitet. Stressed.

Irgendwann begann ich, in seinen Jackentaschen zu wühlen. Fand nichts und merkte da, dass es schlimm um uns stand: Allein die Tatsache, dass ich so etwas tat, war beunruhigend. In gesunden Beziehungen tastet man nicht durch fremde Taschen.

Ich kämpfte lieber erst mit meinen Gedanken, bevor es Streit gab.

Am Abend ging Mark zur Spätschicht. Ich saß mit dem Laptop in der Küche und tat, als würde ich arbeiten. Gegen neun schrieb ich meiner Freundin Jana: Kannst du kurz telefonieren?

Nach drei Minuten rief sie an.

Was los?

Ich erzählte ihr von den Schuhen, davon, wie Mark aus dem Schlafzimmer kam, wie er einfach sagte, dass er geschlafen hätte. Und von der Kamera.

Jana hörte nur zu. Darum mochte ich sie so gerne sie ging nicht sofort auf eigene Erfahrungen ein.

Bist du sicher?, fragte sie, als ich fertig war.

Nein, bekannte ich ehrlich.

Eben.

Aber… diese Schuhe. So ordentlich hingestellt. Welcher Freund stellt die so hin, wenn er nur auf einen Plausch vorbeikommt?

Es schwieg einen Moment.

Das bedeutet noch nichts, sagte sie zögernd.

Weiß ich.

Du könntest dich täuschen.

Ich weiß. Wirklich. Aber ich sah diese Schuhe und wusste irgendwie: Das ist genug. Ich brauche keine Beweise. Ich weiß es einfach.

Ein Gefühl ist kein Beweis.

Ich weiß… Aber manchmal ist das Gefühl härter als jeder Beweis.

Und was machst du nun?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich rede ich mit ihm.

Wann?

Nicht heute.

Wir sprachen noch eine Weile weiter über nichts Bestimmtes, einfach, weil es mir gut tat zu reden. Zum Schluss sagte Jana: Wichtig ist, dass du nicht alles in dich rein frisst. Ruf mich an, wenns dir schlecht geht. Das versprach ich.

*

Er kam um halb zwölf nach Hause. Ich lag schon mit einem Buch im Bett. Er steckte den Kopf zur Tür, sagte Du schläfst noch nicht als Feststellung, nicht als Frage. Ging duschen, kam zurück, legte sich neben mich und nahm das Handy.

Ich las und las doch nicht. Las vier Mal dieselbe Zeile.

Johanna, sagte er im Dunkeln.

Ja?

Bist du sauer?

Nein.

Pause.

Ganz sicher?

Sicher.

Er drehte sich auf die Seite. Kurz darauf hörte ich gleichmäßigen Atem schlief er oder tat er nur so?

Ich lag da und blickte an die Decke. Weiß, mit einem feinen Sprung oben links seit letztem Herbst schon, Mark wollte schon ewig verspachteln. Doch auch das hatte er nicht geschafft.

Ich war vierunddreißig Jahre alt. Acht Jahre waren wir verheiratet. Ich erinnerte mich, wie wir diese Wohnung zum ersten Mal gesehen hatten ganz leer, mit altmodischer Tapete. Wie ich meinte, dass wir noch vor dem Einzug alles neu tapezieren müssten. Wie er lachte und sagte, die Tapete sei egal, Hauptsache die Fenster gehen nach Süden.

Ich erinnerte mich, wie wir das Schlafzimmer strichen. Wie er sich Farbspritzer ins Haar machte und tagelang mit einem weißen Fleck an der Schläfe herumlief. Wie wir darüber lachten.

Ich erinnerte mich an unseren ersten ernsten Streit wegen seiner Mutter, wegen des Geldes. Drei Tage kein einziges Wort miteinander. Am vierten stand auf dem Küchentisch mein Lieblingstee. Ohne Kommentar. Wir schenkten uns beide einen Tee ein. Dann redeten wir erst vorsichtig, dann wie immer.

Das alles war noch da. Es war nicht verschwunden.

Doch die Schuhe standen immer noch im Flur.

*

Am nächsten Morgen rief ich in der Hausverwaltung an.

Guten Tag. Ich wohne im Haus an der Lindenstraße Nummer zwölf, vierter Stock. Die Überwachungskamera ist ja seit gestern wieder in Betrieb, richtig?

Ja, seit gestern, stimmt.

Werden die Aufnahmen der letzten Tage gespeichert?

Ja, vierzehn Tage. Alles wird aufbewahrt.

Danke.

Ich legte auf.

Dann griff ich noch einmal zum Telefon diesmal rief ich Mark an.

Hallo?, nahm er sofort ab.

Hi. Wo bist du?

Auf der Arbeit. Was ist los?

Nichts. Erinnerst du dich, ich erwähnte doch gestern die Kamera im Hausflur?

Pause. Kaum eine Sekunde, aber ich merkte sie sofort. Als hätte jemand absichtlich Zeit gedehnt.

Ja, erinnere ich mich.

Die Aufnahmen werden vierzehn Tage gespeichert. Hab ich gerade nachgefragt.

Schweigen. Zu lang für ein einfaches Verstanden.

Verstanden, sagte er schließlich.

Gut, sagte ich. Bis heute Abend.

Ich legte auf.

Danach saß ich lange am Fenster. Draußen hing feiner Hamburger Nieselregen, der eher in der Luft stand als wirklich fiel. Ich dachte, dass ich nie die Videoaufzeichnung gebraucht hätte. Diese Pause am Telefon das war alles, was ich wissen musste.

*

Er kam früher als sonst nach Hause. Viertel vor sieben ich hatte noch nicht mal gekocht. Er stellte seine Tasche ab und setzte sich ohne Smalltalk an den Küchentisch, einfach so.

Wir schwiegen bestimmt drei Minuten. Oder jedenfalls kam es mir so lange vor. Währenddessen veränderte sich sein Gesicht: erst verschlossen, dann müde, dann irgendwie ganz anders.

Es läuft schon länger, sagte er auf einmal.

Wie lange?

Sieben Monate.

Ich nickte. Sieben Monate also seit Februar. Ich überlegte: Im Februar waren wir bei seinen Eltern, er schenkte mir zum Frauentag gelbe Tulpen. Ich stellte sie ins Fenster, tagelang freute ich mich an ihnen. Sieben Monate.

Wer ist sie?

Er nannte einen Namen. Ich kannte sie nicht.

Arbeitet sie bei euch?

Nein. Zufällig kennengelernt.

Zufällig, wiederholte ich.

Er erklärte nichts, suchte keine Ausrede, schwieg nur. Und das war ehrlicher als jede Lüge.

Wolltest du es mir sagen?

Ich weiß nicht. Ich hab drüber nachgedacht. Wusste nicht wie.

Und jetzt? Weißt du es jetzt?

Jetzt gibt es kein Drumherum.

Wegen der Kamera.

Er blickte auf.

Nein. Nicht nur deswegen. Ich konnte auch ohne Kamera nicht mehr so weitermachen. Es war… einfach nicht mehr möglich. Mit dir Tag für Tag leben und…

Du hast es sieben Monate gemacht.

Ja.

Es war so still, dass ich den tropfenden Wasserhahn im Bad hörte. Die Reparatur hatte er ewig aufgeschoben. Tropf. Pause. Tropf.

Willst du zu ihr?

Er zögerte. Ich dachte, ich kenne sein Gesicht in- und auswendig. Die Lachfalten an den Augen, die seit drei Jahren da waren. Früher hatte er einen Witz über das älter werden gemacht, und ich lachte. Jetzt wirkte er fremd.

Ich weiß nicht, was ich will, sagte er schließlich. Wirklich nicht. Ich drücke mich nicht, ich weiß es einfach nicht.

Das ist keine gute Antwort.

Ich weiß.

Mark. Ich sprach seinen Namen langsam aus, als prüfte ich, wie er klingt. Du weißt, dass das keine Situation für ‘ich weiß nicht’ ist? Das verlangt eine Entscheidung.

Ja.

Und?

Er sah auf den Tisch.

Ich will sie nicht. Es war einfach… anders. Nicht zu vergleichen. Es war ganz anders.

Aber du bist sieben Monate zu ihr gegangen.

Ja.

Was war da anders?

Er schwieg.

Es war leicht, sagte er leise. Völlig frei. Keine Verpflichtung, kein Druck. Einfach treffen, sagen, tschüss. Niemand erwartet etwas. Es war wie… wie frische Luft nach einem Regenschauer.

Und hier kannst du nicht atmen?

Doch. Hier ist das wirkliche Leben. Aber das ist eben anstrengender. Ich hab’s nur nie richtig gelernt, auszuhalten, was schwer ist. Das ist mein Fehler. Nicht deiner.

Ich stand auf, ging zum Fenster, stand dort einen Moment, kehrte zum Tisch zurück.

So geht das nicht. Heute Abend gehst du zu Sebastian ins Gästezimmer. Nimm ein paar Sachen für ein paar Tage mit und gib mir Zeit.

Johanna…

Ich schicke dich nicht für immer weg. Aber jetzt brauche ich Zeit. Nicht du. Ich. Kannst du das akzeptieren?

Er nickte.

Gut.

Er erhob sich, ging in den Flur, packte wortlos ein paar Sachen zusammen. Leise, vorsichtig. Dann kam er zurück.

Johanna.

Ja?

Es tut mir leid.

Ich sah ihn an. Es war ehrlich gemeint das merkte ich.

Ich weiß. Jetzt geh.

*

Drei Tage war ich allein.

Ich rief weder ihn noch Jana noch meine Mutter an. Ging zur Arbeit, kochte Abendessen auf eine Portion. Es war seltsam ich wusste nie, wie viele Nudeln ich nehmen musste. Immer hatte ich für zwei, manchmal drei gekocht, wenn Freunde da waren. Jetzt blieb stets die Hälfte übrig.

Am ersten Tag putzte ich gründlich, fegte Böden, wischte Staub, sortierte aus. Keine Wut, bloß um die Hände zu beschäftigen.

Am Abend rief ich dann doch meine Mutter an. Einfach so, ohne ihr etwas zu erklären. Sie erzählte vom Garten, von Nachbarn, vom Tatort. Die Stimme war wie eh und je. Manche Dinge ändern sich nie.

Am zweiten Tag rief ich nochmals bei der Hausverwaltung an.

Kann ich die Kameraaufnahmen sehen?

Weswegen?

Ich hätte gern die Aufnahmen von gestern. Ein privater Grund.

Sie erklärten mir höflich, dass die Videoaufnahmen nur nach schriftlicher Anfrage und in Ausnahmefällen ausgehändigt werden Einbruch, Beschädigung, solche Dinge. Einfach so anschauen: geht nicht.

Ich bedankte mich. Im Grunde war es irrelevant. Ich hatte längst alles erfahren, was ich wissen musste in der Pause am Telefon, in seinem Zögern, dem gezähmten Atem.

Ich brauchte keine Aufnahme. Ich brauchte die Wahrheit. Und die hatte ich bekommen.

Am dritten Tag wurde mir klar: Ich musste nicht für ihn eine Entscheidung treffen sondern für mich. Nicht darüber, was er getan hatte, sondern, was ich wollte.

Ich saß mit Kaffee am Fenster, der immer gleiche Blick: Straße, Bäume, der Spielplatz. So vertraut. Ich dachte: Wenn er morgen einfach nicht wieder käme, was bliebe mir? Was würde ich verlieren?

Acht Jahre. Nicht nur die Jahre sondern alles, was sie mit sich brachten: Wohnung, Wege, das Ritual, freitags Filme zu schauen. Die Fähigkeit, gemeinsam zu schweigen. Er wusste, dass ich morgens eine halbe Stunde nicht ansprechbar war. Ich wusste, dass er in Kaufhäusern panisch wird und sich darüber ärgert. All diese kleinen, unscheinbaren Details, die sich über Jahre ansammeln und etwas Tragendes werden.

Könnte das bleiben, wenn es schon zersprungen ist? Oder ist das wie ein Riss in der Wand man spachtelt drüber, aber darunter bleibt er?

Ich wusste es nicht. Aber ich wollte es versuchen.

*

Am vierten Tag schrieb er: Darf ich kommen?

Ich schrieb: Ja.

Er kam am Abend, brachte Brot und Milch mit als hätte er bloß eingekauft, nicht als käme er zurück. Ich sprach ihn nicht darauf an. Wir saßen am Küchentisch, tranken Tee, und ich dachte: Das Wichtigste in meinem Leben spielt sich hier ab, ganz unspektakulär.

Hast du dich entschieden?, fragte er.

Fast, erwiderte ich.

Und?

Ich betrachtete meinen Ring im Lampenlicht.

Ich muss eins wissen. Ist diese Frau für dich etwas Echtes? Oder war das etwas, das du selbst nicht benennen könntest?

Er schwieg sehr lange. Dann sagte er:

Nein. Es war nichts Echtes. Es war ein Fluchtpunkt. Leicht. Ohne Verantwortung, ohne Ernst. Einfach leicht.

Und hier ist es schwer?

Hier ist es ernst. Und Ernsthaftigkeit ist eben schwerer. Das Problem war nicht bei dir, sondern bei mir.

Ich goß mir Tee nach. Meine Hände zitterten nicht.

Hast du es mit ihr beendet?

Ja.

Wann?

Vorgestern.

Also noch bevor ich dich gebeten habe, zurückzukommen.

Ja.

Das war mir wichtig. Ich konnte nicht sagen, warum. Aber er hatte es selbst abgeschlossen, bevor ich ihn bat zu kommen.

Gut.

Das heißt…

Das heißt, wir können es versuchen. Nicht sofort, nicht als wäre nichts geschehen. Aber versuchen.

Er blickte mich an. Ich glaubte zu sehen, dass er jetzt wirklich fasste, was er fast verloren hätte und zwar erst jetzt, da wir zusammensaßen.

Ich brauche aber etwas von dir, fuhr ich fort.

Was immer du willst.

Nicht ‘was immer du willst’. Ich will, dass wir zur Eheberatung gehen. Paartherapie. Nicht ein Mal, sondern regelmäßig. Bist du dazu bereit?

Ja.

Du hast nicht darüber nachgedacht. Einfach Ja gesagt.

Ich hab drei Tage lang nachgedacht. Das ist mein voller Ernst. Ich habe viel verstanden.

Was denn?

Er sah mich an.

Ich habe gemerkt, dass es nicht daran lag, dass mir hier etwas fehlte. Sondern, dass mir etwas an mir selbst fehlte. Die Fähigkeit, Schwieriges auszuhalten. Ich bin geflüchtet, weil es einfach war. Das muss ich aufarbeiten. Nicht für dich, sondern für mich selbst.

Ich sagte nichts. Er sprach weiter:

Wenn ich das nicht tue, wiederholt es sich vielleicht nicht mit ihr, vielleicht mit etwas anderem.

Das war das Aufrichtigste, das er je gesagt hat.

Gut, sagte ich wieder.

Wir saßen noch eine Weile. Der Ton änderte sich, wir sprachen über Arbeit, über kleine Dinge, als begännen wir ganz von vorne.

Noch etwas, sagte ich, als er aufstehen wollte.

Ja?

Der Wasserhahn im Bad. Tropft immer noch. Morgen reparieren.

Er sah mich einen Moment an, dann zuckte es um seine Lippen. Keine richtige Freude, aber etwas in der Art.

Morgen, sagte er.

*

Am Freitag hielt mich Frau Baumann vor dem Aufzug auf.

Haben Sies gehört?, rief sie mit dem gleichen Pathos wie letzte Woche. Kamera wieder kaputt! Technischer Defekt, zum zweiten Mal diesen Monat. Laut Verwaltung solls zum Wochenende wieder gehen na, wir wissen ja, wie das läuft.

Ja: eine Zumutung, pflichtete ich bei.

Der Aufzug kam, ich stieg ein, drückte auf Vier.

Haben Sie eigentlich die Nummer vom Hausmeister notiert?, rief sie noch in die schließenden Türen. Ich kann sie Ihnen geben!

Die Türen schlossen sich.

Ich betrachtete mein Spiegelbild im stumpfen Metall verschwommen, unfertig, wie ganz alte Fotos. Vierunddreißig, ein silberner Ring, der Mantel von der dritten Schrankstange. Ein müdes Gesicht, leicht zerdrückt von den vergangenen Tagen. Ganz gewöhnlich.

Die Kamera hatte für einen einzigen Tag funktioniert.

Einen Tag in acht Jahren. Einen Tag von beinahe dreitausend, die wir in dieser Wohnung, in diesem Haus, unter einem Dach gemeinsam verbracht hatten.

Ein Tag das reichte.

Der Aufzug hielt im vierten Stock. Ich trat hinaus.

In der Wohnung war es ruhig Mark war noch nicht von der Arbeit zurück. Ich zog meinen Mantel aus, stellte den Wasserkocher an, öffnete den Kühlschrank. Brot, Milch, Reste im Behälter. Ganz normal.

Eine normale Küche. Eine normale Wohnung.

Ein normales Leben, in das ein Riss zurückgekehrt war. Kein neuer nur jetzt sichtbar.

Ich goß Wasser in meine Tasse und dachte, dass es wohl so ist: Nicht alles gut oder alles vorbei, sondern irgendwo dazwischen. Dort, wo man stehen bleibt, aushält und Fragen stellt. Wo es keine einfachen Antworten gibt, aber manchmal doch ehrliche.

Und manchmal ehrliche Antworten.

Aus dem Bad klang kein Tropfen mehr. Mark hatte den Hahn heute Morgen repariert, wie er versprochen hatte.

Auch das bedeutete etwas.

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Homy
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Konnte meinen Mann nicht rechtzeitig warnen, dass die Überwachungskamera wieder repariert ist
Ein teures Vergnügen