Bauerntochter
Anna Vogt wuchs in einem kleinen Dorf in der Nähe von Göttingen auf sie war die Älteste von sechs Kindern. Anna war von kräftiger Statur, mit breiten Schultern und groß gewachsen. Schon in ihrer Kindheit machten sich die anderen Kinder manchmal einen Spaß daraus, ihr Spitznamen wie Hüne oder Riese zu geben, aber keiner dieser Namen hielt sich lange Anna wusste sich immer zu behaupten.
Mit den Jahren wurde sie erwachsen, und auch ihre Freunde entwickelten sich weiter. Irgendwann wagte es keiner mehr, sie zu necken oder zu kränken. Anna galt als zuverlässige Freundin, die immer zur Stelle war, wenn jemand Hilfe brauchte. Ihr gerechtes Herz und ihr Sinn für Gerechtigkeit wurden geschätzt. Ob ein Kind Ungerechtigkeit erfuhr oder ein Tier litt Anna bemitleidete den Schwächeren zutiefst und konfrontierte die Täter mit Nachdruck.
Als Älteste hatte Anna nur wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern erfahren. Sie kümmerte sich um die Kleineren und stellte ihre eigenen Interessen oft hinten an. Dennoch schaffte sie es, in der Schule gut zu sein und mit ihren Freundinnen durch die Felder zu streifen. Die ersten warmen, liebevollen Worte ihrer Mutter hörte Anna mit sechzehn Jahren, als ihr jüngster Bruder Paul schwer krank lag. Der Kleine schrie die dritte Nacht durch, fand aber nur in den Armen seiner großen Schwester endlich Ruhe.
Du bist mein größter Schatz, Tochter, sagte Helga leise mit müden Augen zu ihr, strich ihr über das blonde Haar und küsste sie sanft auf den Kopf.
Schlaf ein wenig, Mama, flüsterte Anna, ich wiege Paul, falls er wieder aufwacht. Du bist schon ganz erschöpft.
Aber du musst doch morgen zur Schule, Anna, entgegnete die Mutter. Die Prüfungen stehen an. Und wenn du morgen im Unterricht nur gähnst?
Mache dir keine Sorgen, Mama. Die morgigen Aufgaben kenne ich schon in- und auswendig. Ich kann auch ruhig einen Tag fehlen. Du solltest dich wirklich ausruhen, du wirst Paul morgen wieder brauchen.
Ihre Mutter blickte sie traurig und liebevoll zugleich an. Du bist mir so zur Frau geworden, und ich habs kaum bemerkt. Immer war ich beschäftigt, mit dem Haushalt, mit den Kleinen dich hab ich übersehen. Ich hab dir nie genug Zeit geschenkt, Anna.
Sag das nicht, Mama, erwiderte Anna herzlich, ich hab mich nie vernachlässigt gefühlt. Du hast immer dein Bestes gegeben, uns zu lieben und zu versorgen. Klar, als Älteste habe ich mehr Pflichten gehabt. Aber ich hatte auch mehr Freiheit.
Freiheit?
Ja. Ihr habt immer gesagt: Wenn ich mit allem fertig bin, kann ich machen, was ich mag. Und ich durfte rausgehen, solange ich die Kleinen mitnahm. Also hab ich mich immer beeilt, damit wir raus konnten.
Und die Kleinen haben dich nie gestört?
Nie, Mama. Meistens wars ein Spaß. Laura und Stefan stritten sich, wer den Kinderwagen schieben durfte, und Jakob aus der Nachbarschaft brachte uns oft Spielzeug von zu Hause mit. Meine Freunde halfen immer mit ich hatte wirklich Glück.
Ach Kind, du warst einfach immer großartig. Aber genug geredet. Nun komm, wir legen Paul zusammen ins Bett. Beim nächsten Aufwachen kümmere ich mich.
Doch kaum wollte Anna den Kleinen ins Bett legen, schreckte er wieder weinend auf. Anna beschloss, ihn bis zum Morgen zu wiegen.
Helga setzte sich zu ihr. Eins wollte ich noch fragen, wegen deiner Schule. Ich hab dich immer machen lassen, wie Unkraut bist du gewachsen. Aber neulich sprach ich mit deiner Lehrerin sie meinte, du seist eine echte Musterschülerin.
Anna lächelte. Lernen fiel mir immer leicht. Aber Tante Emma hat mir gesagt, das reicht für unser Dorf in der Stadt gelten höhere Ansprüche.
Was spielt das für eine Rolle?
Eine große, Mama. Ich will nicht mein ganzes Leben im Dorf verbringen. Ich möchte aufs Gymnasium und studieren und dafür muss ich in die Stadt. Dort messe ich mich dann mit anderen Jugendlichen aus der Stadt.
Das war etwas, womit ihre Mutter nie gerechnet hatte. Helga hatte selbst nach der Schule eine Ausbildung zur Köchin gemacht und in der Dorfkantine gearbeitet. Dass Anna in die Stadt zum Lernen wollte, war ihr neu.
Trotz der Unruhe um Paul sprachen Mutter und Tochter in dieser Nacht noch lange über Annas Zukunft. Tante Emma, die Schwester von Helga, hatte Anna angeboten, während des Studiums bei ihr in Hannover zu wohnen.
Die Schwestern hatten ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen. Helga war früh verheiratet, führte Haushalt und Familie, während Emma schon in jungen Jahren aufs Wirtschaftsgymnasium gegangen war. Sie arbeitete später in leitender Position in einem Industriebetrieb, hatte aber nie geheiratet oder Kinder bekommen. Zu Anna aber war sie immer sehr lieb, lud sie oft in die Stadt ein und zeigte ihr stolz Parks und Cafés.
Anna bestand die Abschlussprüfungen mit Bravour und wurde an der Universität in Göttingen aufgenommen. Dort lebte sie mit Tante Emma, bekam Essenspakete von zu Hause: Wurst, Eier, frische Milch. Emma schüttelte den Kopf: So viel brauchen wir doch nicht! Doch Annas Vorräte verschafften ihr viele Freunde in der WG und im Studentenwohnheim feierten alle, wenn Anna mit ihren großen Taschen voller Köstlichkeiten kam.
Mit der Zeit fanden ihre Freundinnen Liebschaften. Anna blieb lange unverliebt, fühlte sich deswegen aber nicht unwohl. Auch sie wurde umschwärmt. Im vierten Semester lernte sie dann auf einer Studentenparty Eduard kennen. Malte, ihr Kommilitone, half ihr wie immer, die schweren Taschen voller Lebensmittel mit Straßenbahn und zu Fuß zu transportieren.
Kannst du das tragen, Malte?, lachte Anna. Ich bin doch wohl sportlicher als du.
Malte lachte solche Späße gehörten längst zu ihrer Freundschaft. Während er der Kleinste war, war Anna immer groß und kräftig. Schließlich stellte Malte ihr Eduard vor. Eduard war beliebt bei den Mädchen, gepflegt und modisch, freundlich im Umgang und Anna spürte sogleich Sympathie.
Eduard kam bald öfter zu den Treffen, machte aber keine offensichtlichen Annäherungsversuche trotzdem glaubte Anna, dass auch sie ihn interessierte. Das blieb auch Malte nicht verborgen. Eines Tages sprach er Eduard darauf an. Du schaust doch immer nach Anna. Sie ist klasse und ihren Freund hast du auch noch nicht gesehen.
Doch Eduard zögerte, es war offensichtlich, dass er im Zwiespalt war. Es lag nicht daran, dass Anna ihm nicht gefiel es war vielmehr ihre Herkunft, an der er sich stieß. Anna war, so sagte er zu Malte, doch so typisch vom Land. Ihre Größe, ihre vermeintlich bäuerliche Frische, ihr klarer Blick. Er glaubte, sie würde in seiner schicken Clique nie richtig dazugehören.
Malte machte ihm Vorwürfe schließlich lebte Eduard von Annas Gerichten, ihren Geschenken. Dann zogen Wochen ins Land, in denen Anna und Eduard sich näherkamen. Sie gingen spazieren, sprachen viel über das Leben und das Studium. Ihre Beziehung war vertraut und doch zurückhaltend; Anna drängte nicht, Eduard verbarg sie aber vor seinen anderen Freunden.
Eines Tages, als Eduard wegen eines familiären Notfalls dringend nach Hause musste, bestand Anna darauf, ihn zu begleiten. Eduard war von ihrer Durchsetzungskraft überrascht und im Nachhinein dankte er dem Schicksal, dass Anna an jenem Abend an seiner Seite war. Wo er selbst hilflos gewesen wäre, vermittelte Anna souverän mit den Nachbarn, schlichtete Streit, brachte die chaotischen Jugendlichen zur Räson. Eduard war beeindruckt, wie sie nebenbei auch noch für seinen kleinen Bruder Simon ein Vorbild wurde.
Mit der Zeit wurde Eduards Zuneigung zu Anna tiefer, ihre Fähigkeiten, Kompromisse zu finden und Alltagsprobleme zu meistern, beeindruckten ihn immer wieder. Auch seine Eltern respektierten und mochten sie.
Anna spürte jedoch, dass Eduard Hemmungen hatte, zu ihr zu stehen. So schwebte ihre Zukunft lange zwischen Entscheidung und Unsicherheit. Tante Emma bot ihr an, nach dem Studium weiter bei ihr in Hannover zu wohnen. Anna fühlte, sie musste nun selbst eine Entscheidung treffen. Sie sprach offen mit Eduard darüber, stellte Fragen, wo ihre gemeinsame Zukunft läge. Eduard wich aus, hatte keine Antworten.
Der Tod von Tante Emma kam unerwartet. Anna erbte die Wohnung und blieb in der Stadt, Eduard zog sofort ein, unterstützte sie und war liebevoll. Ihr Berufseinstieg verlief schnell und erfolgreich, sie verdiente schon bald gutes Geld in einer großen Firma.
Die Zeit schien glücklich, doch für Eduard schlich sich Unzufriedenheit ein. Annas bodenständige Küche, die von zu Hause mitgebrachten Bräuche, das schlichte Alltagsleben all das erschien Eduard bald zu provinziell. Bei einem Abendessen im Restaurant bestellte Anna Erbsensuppe und Matjessalat, zur Verwunderung von Eduard, der Wein und Meeresfrüchte gewählt hatte. Er merkte, wie sehr er sich nach seinem früheren Freundeskreis sehnte, nach den alternativen Cafés, nach Begegnungen mit den Großstadtmenschen.
Einmal kam Anna früher als gewöhnlich von der Arbeit heim und bemerkte, dass Eduard und Malte in der Küche waren. Sie lauschte durch die Tür und hörte, wie Eduard sich darüber ausließ, dass Anna einfach zu bäuerlich und zu mächtig sei. Er bewunderte ihre Zuverlässigkeit, ihre Schönheit auch aber in seinem Großstadtumfeld hätte sie keinen Platz, sie sei einfach keine von uns.
Anna stand wie erstarrt, ihr Herz schmerzte so sehr wie nie zuvor. Nachdenklich sammelte sie die Sachen von Eduard aus der gemeinsamen Wohnung ein und wartete, bis die beiden bemerkten, dass sie zu Hause war.
Du bist hier nicht mehr zu Hause, sagte sie ruhig, als Eduard in die Wohnzimmertür trat. Er versuchte, alles zu erklären, bat um eine zweite Chance, doch Anna blieb standhaft. Sie bat ihn zu gehen.
Tage und Wochen vergingen, in denen Anna trauerte. Doch mit der Zeit fand sie zu sich selbst zurück, renovierte die Wohnung und fuhr in den Sommerferien wieder ins Elternhaus aufs Land. Als sie zurückkam, wartete Eduard mit Blumen vor dem Haus, flehte um Vergebung. Doch Anna empfand nichts mehr sie hatte sich gelöst.
Später lernte sie Michael kennen, einen bodenständigen und verlässlichen Mann. Mit ihm gründete sie eine Familie und wurde glücklich. Eduard tauchte immer wieder auf, aber Anna bedauerte ihn nur noch. In ihrer Erinnerung blieb die Zeit auf dem Dorf, die Güte ihrer Familie, die Nähe zu Freunden und der Glaube, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muss, egal wie anders er auch scheinen mag.





