Nicht mehr die Ehefrau
Thomas, hast du heute deinen Blutdruck gemessen? Hast du die Tablette genommen? fragt Waltraud, während sie ihre Hände an der Schürze abwischt und ins Wohnzimmer schaut.
Mein Gott, Waltraud, lass mich doch endlich mit deinem Blutdruck! knurrt er, ohne vom Handy aufzublicken. Ich habe in einer Stunde ein Meeting. Wo ist mein blaues Baumwollhemd? Ist es gebügelt?
Ich habe dir doch gestern drei Hemden gebügelt. Und bei dem blauen hast du selbst gesagt, das müsse in die Reinigung, da ist ein Fleck…
Immer bringst du alles durcheinander! Man kann dir nichts überlassen. Egal, gib mir irgendeins. Und mach bitte einen starken Tee, dein Kamillentee hängt mir schon zum Hals raus.
Waltraud seufzt angespannt, sagt aber nichts und geht in die Küche.
Draußen ist November, nass und grau. Die Nachbarblocks mit neun Stockwerken gegenüber zeigen fast nur dunkle Fenster, nur an wenigen Stellen brennt Licht. Waltraud Eva Brenner, sechsundfünfzig Jahre alt, steht am Herd und beobachtet, wie das Wasser in dem alten Emaille-Wasserkessel zu kochen beginnt, der schon lange einen Macken am Ausguss hat. Sie hatte schon im Frühjahr vor, einen neuen zu kaufen. Aber es kam immer etwas dazwischen.
Sie gibt Schwarztee in seine Tasse, kräftig wie er ihn mag, ohne Kamille oder Minze. Holt einen Teller mit belegten Broten, vorbereitet schon um sechs Uhr früh. Brot mit Butter und Käse, zwei Scheiben, die Rinde abgeschnitten, da sein Magen empfindlich ist. Sie schneidet eine Tomate auch wenn Novembertomaten ungefähr nach Pappe schmecken, aber Vitamine sind Vitamine. Sie legt alles auf ein Tablett und bringt es ins Wohnzimmer.
Thomas Josef Brenner, achtundfünfzig, sitzt im Sessel und starrt aufs Handy. Seit drei Monaten ist er Abteilungsleiter. Früher war er zwanzig Jahre lang ein ganz normaler Ingenieur. Und dann, als Herr Schuster in Rente ging, wurde Thomas, als ältester Mitarbeiter, befördert. Das neue Amt brachte ihm 400 Euro Gehaltserhöhung, ein eigenes Büro und, wie es scheint, einen völlig neuen Blick auf sich und die Welt.
Stell es da hin, sagt er, mit einer Kopfbewegung zum Couchtisch, ohne den Blick zu heben.
Waltraud stellt das Tablett ab. Zögert einen Moment.
Thomas, bitte, nimm doch die Tablette. Du hast gestern über Kopfschmerzen geklagt.
Ich habe gesagt, gestern hatte ich Kopfschmerzen. Heute nicht mehr. So, jetzt geh, ich muss telefonieren.
Sie verlässt den Raum, bleibt kurz am Kleiderhaken im Flur stehen. Dort hängt sein Mantel, ihre gesteppte Jacke, der Regenschirm mit der verbogenen Strebe. Sie steht einen Moment reglos da, sieht ins Leere. Dann schnappt sie sich ein Tuch und wischt das Küchenfensterbrett ab, weil ihr in diesem Moment einfach nichts anderes einfällt.
So läuft es nun seit etwa drei Wochen. Seit Thomas das neue Amt hat und auf irgendeinem Firmenseminar im Taunus war, von dem er ganz verändert zurückkam. Gestutzte Haare, aufrechter Gang, ein anderes Gesicht. Sie freute sich damals noch. Dachte: Endlich blüht er mal wieder auf.
Aber kurz darauf fiel ihr Verschiedenes auf.
Er fängt an, das Essen zu kritisieren. Früher aß er stumm, was auf den Tisch kam, nun ist plötzlich der Eintopf zu salzig, das Geschnetzelte zu trocken, und Buchweizengrütze sei Studentenfutter, aber kein Leckerbissen für einen Abteilungsleiter. Sie fragte nach, ob sie sich verhört habe. Da schaute er sie an, als sei sie beschränkt, und sagte:
Waltraud, langsam wäre es Zeit, mal was Anständiges zu kochen: überbackener Fisch, gescheite Salate nicht nur deinen Kartoffelsalat zu Weihnachten.
Sie bereitete überbackenen Fisch zu. Auch Salate gab es. Er aß schweigend. Sie dachte: Gut, dann ist wieder alles in Ordnung. Doch am nächsten Tag kam er schlecht gelaunt nach Hause und erzählte, dass bei seinem neuen Bekannten vom Seminar, Herrn Vogt, die Ehefrau gar nicht arbeitet und sich den ganzen Tag nur ums Haus kümmert und dabei aussieht wie ein Mensch.
Waltraud schwieg. Sie hätte einiges entgegnen können: Dass auch sie seit vier Jahren zuhause ist, seitdem ihr Steuerbüro dichtgemacht wurde. Dass sie um sechs Uhr schon auf ist, wenn er noch schläft, und erst ins Bett geht, wenn er schon schläft. Dass sie das Haus führt, die Rezepte in der Praxis abholt, in der Apotheke für seinen Blutdruck und Cholesterin in der Schlange steht und darauf achtet, dass er die Tabletten nimmt. Dass sie seine Winterreifen zur Montage bringt und wieder abholt, weil er so beschäftigt ist. Sie hätte, aber sie schwieg, weil sie es schon gewohnt ist.
Vor zwei Tagen passierte jedoch etwas, das das Schweigen unmöglich machte.
Er kam abends gegen acht heim. Waltraud nahm gerade den Hühnersuppe vom Herd, leicht, auf zweiter Brühe gekocht, wegen seines Cholesterins. Zwei Stunden hatte sie gekocht; die Küche duftete nach Dill und Möhren.
Was dauert denn das so lange? ruft sie aus der Küche.
Ich hab mich verspätet, sagt er, wirft die Schuhe achtlos in den Flur.
Suppe ist fertig. Setz dich, iss was.
Er schaut in den Topf und verzieht das Gesicht.
Wieder Huhn?
Thomas, du hast Cholesterin, der Arzt hat…
Ich weiß, dass ich Cholesterin habe. Ich bin doch kein Kind. Ich will zuhause nicht dauernd Klinikkost essen müssen.
Sie schenkt Suppe ein, schneidet Brot. Er isst wortlos, steht auf und bringt die Schüssel nicht zurück. Geht ins Zimmer. Sie spült ab, wischt den Herd, kehrt Krümel zusammen. Dann geht sie ins Wohnzimmer: Es gibt Kompott, wenn er möchte.
Er sitzt im Sessel, tippt auf seinem Handy. Auf dem Bildschirm blitzt etwas pinkfarbenes auf, sie erkennt es nicht. Er dreht das Handy.
Thomas, willst du Kompott?
Er hebt langsam den Kopf. Schaut sie an, lange, als würde er etwas abwägen.
Nein, sagt er, und nach einer Pause: Waltraud, schau dich doch mal an.
Sie versteht nicht gleich.
Was?
Ich sage, sieh dich an. Wann warst du das letzte Mal beim Friseur? Die Haare hängen dir ins Gesicht. Und dieser kleinkarierte Bademantel! Du siehst aus wie meine Oma vom Land.
In der Küche tropft der Hahn. Hinter der Wand dudelt der Fernseher beim Nachbarn.
Thomas, sagt sie leise.
Was Thomas? Ich sag doch nur die Wahrheit. Ich muss jetzt zu Firmenveranstaltungen, Meetings. Da kommen Leute. Meine Frau sollte vernünftig aussehen, aber du… Also wirklich.
Leute kommen? fragt sie langsam. Welche denn? Du hast in drei Monaten nicht einmal jemanden zu uns eingeladen.
Das liegt daran, dass es mir peinlich ist! Seine Stimme wird laut. Das Wort peinlich hallt spürbar nach, wie ein Stein, der ins Wasser fällt. Die Frau von Hoffmann sieht aus, sag ich dir. Gepflegt, stilvoll. Und du… Du bist dick geworden, schlurfst da so im Bademantel, Haare nicht gefärbt…
Thomas, sagt sie, diesmal ausgesprochen formell, was selten ist. Du wirst bald sechzig. Ich bin sechsundfünfzig. Wir sind keine jungen Leute mehr.
Eben! steht er auf, als wäre das das wichtigste Argument. Gerade deshalb muss man sich doch zusammennehmen! Ich gehe jetzt ins Fitnessstudio. Und du sitzt den ganzen Tag zuhause und kannst…
Den ganzen Tag zuhause, sie wiederholt. Die Stimme ist ruhig, seltsam ruhig, sogar sie ist überrascht. Schön, Thomas. Ich habe verstanden.
Sie verlässt das Zimmer, zieht leise die Tür zu. In der Küche räumt sie das Brot in die Brotdose, löscht das Herdlicht. Alles ruhig, automatisch. Doch in ihr hat sich etwas bewegt. Nicht zusammengebrochen, einfach verschoben. Wie Möbel, die man rückt und zuerst ist es merkwürdig. Dann merkt man: Das hätte man schon früher machen sollen.
Sie schläft nachts nicht. Liegt auf ihrer Bettseite, starrt an die Decke. Er schnarcht sogleich, wie immer. Sie hört seinem Atem zu und denkt nach.
Sie denkt an die letzten zehn Jahre, in denen ihr Leben ein einziger Service war. Kochen, putzen, waschen, Apothekenbesuche, Rezepte holen, Termine ausmachen, fahren nein, ein Auto haben sie nicht mehr, das verkauften sie vor drei Jahren, er schaffte das mit dem Blutdruck nicht mehr hinter dem Steuer. Also fährt sie mit dem Taxi, bezahlt von ihrer Karte. Sie sortiert seine Tabletten: Enalapril gegen Blutdruck, Rosuvastatin gegen Cholesterin, im Frühjahr kommt das Gelenkpräparat dazu, teuer, über 30 Euro die Packung. Schreibt auf, wann was ausgeht, kauft vorher Nachschub, damit es keine Pause in der Therapie gibt. So hat es der Arzt gesagt: Es sollte keine Unterbrechung geben.
Und jetzt hat er ihr gesagt, es sei ihm peinlich, sie vorzuzeigen. Dass sie aussieht wie vom Land, dass Hoffmanns Frau besser ist.
Waltraud liegt und denkt. Und gegen ein Uhr nachts wird ihr etwas einfach und glasklar: Es reicht.
Nicht Ich gehe, nicht Ich lasse mich scheiden, kein Drama. Einfach: Es reicht, das zu tun, was er nicht schätzt. Es reicht, Wasserhahn zu sein, an dem jemand dreht, nimmt, abdreht. Jetzt ist er selbst dran.
Sie steht am nächsten Morgen zur üblichen Zeit auf, um sechs. Macht sich ihren Tee Kamille , den er so gar nicht ausstehen kann. Setzt sich mit der Tasse an den Tisch, das Handy dabei. Recherchiert einen Friseurtermin, den teuren, im Einkaufszentrum an der U-Bahn, wo sie noch nie war, weil allein der Schnitt 45 Euro kostet. Sie bucht einen Termin für Mittwoch. Dann findet sie einen Nordic-Walking-Kurs im nahen Park, dienstags und donnerstags morgens, kostenfrei. Schriebt es sich ins Handy.
Als Thomas gegen sieben in die Küche kommt, steht nur seine Tasse bereit. Brot in der Brotdose, Butter im Kühlschrank. Soll er doch selbst machen.
Und Frühstück? fragt er irritiert.
Brot ist da, Butter auch, Käse im Kühlschrank, sagt Waltraud, ohne vom Handy aufzublicken.
Er steht etwas ratlos. Gießt sich Tee ein, schneidet Brot, isst stehend vor dem Kühlschrank. Geht zur Arbeit, ohne ein weiteres Wort.
Sie sieht ihm nach, wie er die Tür schließt, und spürt etwas wie Erleichterung.
Am Mittwoch geht sie tatsächlich zum Friseur. Die Friseurin, eine junge Frau mit kurzem Sidecut und vielen Piercings, betrachtet lange Waltrauds Haare und fragt:
Lange nicht gefärbt?
Drei Jahre, sagt Waltraud. Hatte einfach keine Zeit und keinen Sinn.
Gut gewachsen. Wir machen ein sanftes Strähnchen, kein harter Ansatz. Und den Schnitt bringen wir wieder in Form.
Zweieinhalb Stunden sitzt sie im Salonstuhl. Sie sieht im Spiegel, wie aus ihrem Kopf langsam ein anderer wird. Nicht jung, nein, das wäre gelogen. Aber lebendig. Eine Waltraud, an die sie sich fast nicht mehr erinnert.
Sie zahlt 110 Euro. Auf dem Rückweg kauft sie sich eine richtige Gesichtscreme im Drogeriemarkt, nicht die billige aus der Apotheke, sondern eine für reife Haut, 28 Euro. Sie überlegt ist das nicht teuer? Dann denkt sie an Hoffmanns Frau und kauft sie trotzdem.
Abends bemerkt Thomas es. Sieht auf ihr Haar. Sagt nichts.
Aber darauf wartet sie auch nicht.
Eine Woche geht ins Land, da sind seine Blutdrucktabletten alle. Früher überwachte Waltraud das: Sie schüttelte in der Packung, zählte, wann sie leer wird, und drei Tage vorher war sie in der Apotheke. Jetzt wartet sie ab. Sie sieht die leere Schachtel, legt sie einfach auf seinen Nachttisch. Soll er sehen.
Er kommt von der Arbeit, ignoriert sie. Sie sagt nichts.
Am nächsten Tag kramt er selbst nach Tabletten, findet nur die leere Packung.
Waltraud! ruft er aus dem Schlafzimmer. Die Tabletten sind alle!
Ich weiß, ruft sie aus der Küche zurück.
Warum hast du keine neuen gekauft?
Du bist erwachsen, Thomas. Das kannst du selbst erledigen.
Pause. Eine lange.
Ich habe Arbeit.
Ich habe auch Termine.
Was für Termine, fragt er nicht nach. Sie hat tatsächlich welche: dienstags und donnerstags läuft sie mit den Nordic-Walking-Leuten im Park, hat zwei Bekanntschaften dort gemacht, Nina und Rita. Nina arbeitet als Konrektorin in der Schule, lacht so laut, dass die Spatzen auffliegen. Rita ist still, schon in Pension, kümmert sich um die Enkel. Zusammen gehen sie spazieren, unterhalten sich, atmen frische Luft etwas, das Waltraud gar nicht mehr kannte.
Thomas besorgt schließlich seine Tabletten selbst. Kommt nach Hause, als habe er Großes vollbracht, legt die Schachtel auf den Nachttisch. Sagt nichts. Sie auch nicht.
Um die Zeit ruft sie ihre alte Freundin Elisabeth an, mit der sie früher im Steuerbüro gearbeitet hat.
Lissi, bist du Samstag frei?
Was hast du vor?
Lass uns ins Kino gehen. Oder einfach ins Café sitzen.
Waltraud, ist alles okay? Elisabeth fragt misstrauisch; sie waren bestimmt vier Jahre nicht mehr im Café.
Besser als sonst, sagt Waltraud.
Am Samstag treffen sie sich an der U-Bahn. Elisabeth sieht ihre Haare und ruft:
Waltraud, du hast es gemacht! Sieht klasse aus!
Hab mich getraut.
Endlich! Ich denke schon die ganze Zeit…
Jetzt eben, sagt Waltraud, und sie gehen ins Café.
Bestellen Latte Macchiato und ein Stück Torte, setzen sich ans Fenster. Draußen fällt der erste richtige Schnee, flockig, schmilzt schnell auf dem Gehweg.
Nun erzähl, fordert Elisabeth.
Waltraud erzählt. Von Thomas’ Beförderung, vom Seminar, von seiner neuen Art. Von zu salzigem Eintopf und Hoffmanns Frau. Von sieh dich mal an und es ist mir peinlich. Sie spricht ruhig, ohne Tränen, fast als erzähle sie von jemand anderem.
Elisabeth rührt in ihrem Kaffee, hört zu.
Und was hast du vor?
Ich habe nichts Besonderes beschlossen, sagt Waltraud. Ich mache einfach nicht mehr das, was er nicht schätzt. Weißt du? Nicht aus Trotz. Nur weil es Zweck und Sinn verloren hat.
Verstehe, sagt Elisabeth nachdenklich. Machst du richtig.
Ich weiß nicht, ob es richtig ist. Ich kann aber nicht mehr anders.
Elisabeth nickt, nimmt ein Stück von ihrem Kuchen.
Glaubst du, er merkt das?
Dass ich nicht mehr hinter seinen Tabletten herrenne? Ja. Dass ich seine Hemden nicht mehr bügle? Auch. Gestern zog er eine zerknitterte aus dem Schrank, schimpfte nicht mal.
Und Krach?
Nein, zuckt Waltraud mit den Schultern. Er ist irgendwie sprachlos. Gewöhnt, dass ich immer schweige. Jetzt schweige ich nur anders.
Elisabeth mustert sie.
Und Scheidung?
Daran denke ich. Aber noch nicht jetzt. Erst will ich herausfinden, wer ich eigentlich bin. Ohne seine Tabletten, seine Hemden, seinen Eintopf. Hab mich selbst so viele Jahre nicht mehr gesehen.
Sie trinken noch einen Kaffee, gehen im Dunkeln durch den Schnee auseinander, umarmen sich am U-Bahnhof.
Ruf mich an. Und nächsten Samstag wieder?
Gerne, sagt Waltraud.
Sie fährt heim, denkt, wann sie zuletzt mit Elisabeth so entspannt zusammensaß vor sechs, nein, sieben Jahren. Immer war was Wichtigeres: immer Thomas’ Angelegenheiten, Thomas’ Gesundheit, Thomas’ Eintopf.
Zu Hause sitzt er vor dem Fernseher. In der Küche stehen dreckige Tassen und eine Pfanne von den Spiegeleiern, die er offenbar selbst gemacht hat. Sie schaut kurz hin. Früher hätte sie gleich abgespült. Heute nicht.
Wo warst du? fragt er, ohne sie anzuschauen.
Habe mich mit Elisabeth getroffen.
Lange.
Ja.
Sie geht ins Bad, wäscht sich, trägt die gekaufte Creme auf. Schaut ins Spiegel. Kein Desaster: sechsundfünfzig, nicht mehr jung, aber lebendig. Krähenfüße, Mundfalten, Haare schön gesträhnt. Sie ist eine nicht mehr junge Frau, und das ist gut so.
Der Dezember bringt echten Frost. Waltraud kauft sich warme, hochwertige Lederstiefel, keine Gummistiefel mehr, wie einige Winter zuvor. Zahlt 140 Euro und bereut es nicht.
In der Wohnung verändert sich etwas nicht Greifbares. Sie kocht weiterhin, aber nicht nur nach seinem Diätplan. Sie macht, worauf sie selbst Lust hat: normalen Eintopf, mit fettem Fleisch, Bratkartoffeln mit Hähnchen, manchmal Teigtaschen aus der Packung warum nicht? Gedämpfte Diätfrikadellen gibt es nicht mehr. Er isst, was da ist, der Arzt hat alles gesagt, nun ist er dran.
Seine Hemden werden zusammen mit allem gewaschen, kein spezieller Modus, kein feines Programm extra. Früher sorgte sie für seinen Kragen, für die Form. Jetzt: Nein.
Er bemerkt das. Schweigt. Manchmal spöttelt er knapp:
Schon wieder Teigtaschen?
Ja, sagt sie ruhig.
Du hast das Kochen verlernt.
Gestern gabs Suppe. Und am Sonntag Schmorbraten.
Er geht. Unzufrieden, aber ohne weiter zu schimpfen. Er würde niemals sagen: Warum dreht sich alles nicht mehr um mich? Das wäre ihm selbst zu direkt.
Waltraud geht derweil dienstags und donnerstags nordic walken im Park. Mit Nina freundet sie sich näher an: Sie kennt eine gute Gynäkologin, und Waltraud nimmt sich endlich ein Herz und macht einen Termin aus. Außerdem schließt sie sich in der Stadtbibliothek einem kostenlosen Aquarellkurs an nicht, weil sie immer malen wollte, sondern aus Spaß. Zwei Stunden mittwochs kein Hetzen, kein Grübeln, nur Pinsel und Papier.
Mitte Dezember bleibt Thomas öfters länger bei der Arbeit. Früher wäre das für sie Grund zur Sorge gewesen, Anrufe, Abendessen das kalt wird. Jetzt isst sie allein, wann sie möchte, und geht schlafen, wenn sie möchte. Er kommt um neun, um zehn, einmal halb zwölf. Sie fragt nicht nach, er sagt nichts.
Dass er wohl eine andere hat, merkt sie nicht am Handy. Eines Abends kommt er heim, riecht nach fremdem Parfüm. Süß, scharf, nichts aus Büro oder Restaurant. Sie spürt es sofort na bitte.
Seltsam: Es tut nicht weh. Sie wartet auf Schmerz, wundert sich, dass nichts kommt. Da ist etwas anderes: müde Neugier und ein Gefühl, für das sie erst später einen Namen findet: Entbindung. Nicht mehr zuständig zu sein. Wenn er geht, ist das seine Entscheidung, nicht ihr Versagen.
Sie sagt nichts. Schläft ruhig.
So geht es drei Wochen. Er geht arbeiten, kommt spät, führt manche Telefonate heimlich im Bad. Einmal hört sie, wie er sagt: …Ich hab doch gesagt, Lena, am Samstag… Lena. Nun gut.
In diesen drei Wochen denkt sie viel nach. Dreiunddreißig gemeinsame Jahre mit diesem Mann, einen Sohn großgezogen, Michael, der jetzt in München lebt, verheiratet ist, mit zwei Kindern. Früher, denkt sie, war Thomas anders: lustig, für Scherze zu haben, fuhr mit Michael angeln. Wann genau er sich veränderte, kann sie nicht festmachen. Es kam schleichend, wie Wasser im Keller, erst unbemerkt, dann nicht mehr entfernbar.
Sie denkt auch über sich nach. Sie hat so viel Energie in die Fürsorge für ihn gesteckt, dass sie sich selbst vergaß. Nicht nur äußerlich. Innerlich. Sie weiß gar nicht, was sie mag, welche Musik sie gut findet, welche Bücher, wohin sie mal reisen würde, wenn sie könnte. All das war verschüttet unter Eintopf und Pillen.
Aquarellmalen wird ihr überraschend wichtig. Sie sitzt im gemütlichen Saal der Bücherei, Dozentin Frau Greiner, zweiundfünfzig, zeigt, wie man Farbverläufe macht, wie Farben ineinanderfließen. Waltraud malt ein Apfelblatt aus und denkt zurück: Letztes Mal habe ich in der sechsten Klasse gemalt. Es ist gar nicht so schwer und die Farbe läuft schön gelbgrün zusammen.
Eines Mittwochs im Januar sagt Frau Greiner: Sie haben ein tolles Farbgefühl, Frau Brenner, wirklich. Einfach so, im Vorbeigehen. Das war unerwartet wichtig ein Lob von einer fast Fremden, etwas, was Thomas ihr seit Jahren nicht mehr gesagt hat.
Im Januar, so scheint es, endet das Kapitel Lena. Thomas kommt wieder zur gewohnten Zeit, um sieben, setzt sich wortlos zum Fernsehen. Kein Telefonat mehr im Bad. Sieht etwas mitgenommen aus, kränkelt.
Sie kocht Suppe, er isst. Lässt sich vorbeigehen, spricht kaum. Einmal setzt er sich dazu, während sie Tee trinkt, und sagt, wie ins Leere:
Draußen ist es echt kalt heute.
Ja, minus zwölf, sagt sie.
Hm.
Geht wieder. Kein weiterer Satz.
Was mit Lena war, erfährt sie später nebenbei. Ein Bekannter ruft an, fragt was wegen Schrebergarten, sagt so halblaut: Hab gehört, dein Tom hatte was mit ‘ner Jüngeren? Hat ihn wohl schnell abserviert, munkelt man. Waltraud sagt nur: Hab ich auch gehört. Der Bekannte lacht und spricht weiter über die Laube.
Was passiert sein muss, denkt sie sich. Die junge Frau hoffte auf einen starken Abteilungsleiter, auf Restaurants, viel Erlebnis. In Wahrheit bekam sie einen achtundfünfzigjährigen Mann mit Blutdruck und Cholesterin, der will, dass der Tee die richtige Stärke hat und das Hemd gebügelt ist. Wahrscheinlich jammert er auch dauernd über seine Zipperlein. Viel hält das keine aus.
Sie hat kein Mitleid. Sie fühlt sich wie nach Zahnschmerzen: Endlich keine Schmerzen mehr kein Grund für Freude, aber die Erleichterung, dass es vorbei ist.
Im Februar verschlechtert sich seine Gesundheit zusehends. Die Tablets nimmt er nicht mehr nach dem System, das sie für ihn jahrelang aufgebaut hat. Mal vergisst er, mal nimmt er doppelt. Sie sieht die Packungen ungeordnet in seiner Nachttischschublade liegen. Einmal nimmt er zwei Tabletten, weil er am Vortag nicht daran gedacht hat. Sie sagt nichts. Der Arzt hat es ihm oft selbst erklärt.
Der Blutdruck steigt. Er wird blass, klagt über Ohrensausen, wacht nachts oft auf. Morgens sagt er einmal:
Mir ist schwindelig.
Geh zum Arzt, sagt sie.
Meldest du mich bitte an?
Ruf selbst in der Praxis an. Die Nummer ist auf der Versicherungskarte.
Er schaut sie an. Sie trinkt ruhig ihren Tee.
Ich weiß nicht mehr, wie das geht.
Thomas, du bist gebildet. Abteilungsleiter. Das schaffst du.
Er schafft es dann auch. Geht hin, kommt mit einem neuen Rezept heim. Noch ein Medikament, als Zusatz.
Hier, legt er den Zettel auf den Tisch.
Okay, sagt sie.
Holst du es dann?
Ich bin eh morgen in der Richtung unterwegs. Gib mir das Geld bitte.
Er ist baff. Sonst holte sie das sofort aus der gemeinsamen Kasse, ohne zu fragen. Nun ist es anders.
Er gibt ihr das Geld. Sie bringt das Medikament, legt es dazu. Keine Liste wie früher, wie, wann, wozu soll er selbst wissen.
Der März bringt Tauwetter. Der Schnee schmilzt klebrig in grauen Pfützen, von den Dächern tropft es, Kinder spielen mit Stöcken in den Lachen. Waltraud geht öfter einfach so spazieren, auch ohne ihre Walking-Stöcke, nur um zu gehen. Kauft sich eine neue Frühlingsjacke nicht unförmig, sondern mit Gürtel, in hellem Beige. Vor dem Spiegel im Laden steht sie lange, denkt: Wann habe ich mir zuletzt spontan was Schönes gekauft?
Im März kommen Michael und seine Frau Irina für ein paar Tage aus München. Michael ist groß, vierzig, sieht dem Vater früher ähnlich, aber ist weicher im Charakter. Irina ist eine gute Frau, ruhig. Sie bringen ein Glas Honig und eine Packung Pralinen mit.
Am ersten Abend sitzen sie gemeinsam beim Essen. Waltraud bereitet alles zu: Ofenkartoffeln, Heringssalat, Sülze nach Mamas Rezept. Thomas ist schweigsam beim Tisch, redet kaum. Michael erzählt vom Job, von den Kindern; Irina erkundigt sich nach Waltrauds Aquarellkurs.
Malst du, Mama? wundert Michael sich.
Ich lerne es. Mit Aquarell.
Cool. Zeigst du mal?
Sie zeigt die Bilder vom Kurs: einen Apfel, einen Blumenstrauß, dann den Blick aus der Bücherei. Michael schaut ernst, Irina lobt, wie schön das ist.
Mama, du bist richtig aufgeblüht.
Ach, hab mich bloß mal zum Friseur bewegt, sagt Waltraud.
Sie bemerkt, dass Michael den Vater mustert. Thomas isst stumm, irgendwas ist zwischen ihnen Michael spürt es, aber fragt nicht nach.
Am nächsten Tag, beim Teig für Teigtaschen, bleibt Michael in der Küche.
Mama, alles okay bei euch?
Warum fragst du?
Na ja… Papa ist irgendwie…
Irgendwie wie?
Ziemlich müde. Ist er krank?
Mit dem Blutdruck läuft’s nicht rund. War beim Arzt, Tabletten. Er kümmert sich jetzt selbst drum.
Michael sagt nichts, spielt mit einem Teigfladen.
Habt ihr Streit?
Nein, sagt Waltraud. Und es stimmt: Kein Streit. Man lebt nur nebeneinander her.
Wenn was ist, sagst du’s?
Michael, alles ist in Ordnung, sie sieht ihm in die Augen. Wirklich. Mir geht’s gut.
Er glaubt ihr, weil es tatsächlich so ist.
Die Gäste reisen am Sonntag ab. Die Wohnung wird ruhig, leer. Waltraud räumt ab, putzt, wischt nach. Thomas sieht fern.
Spät abends kommt er in die Küche, gießt sich Wasser ein, bleibt am Fenster stehen.
Michael sieht gut aus, sagt er.
Ja, sieht er, stimmt Waltraud zu.
Und die Kinder…
Sie sagt nichts weiter.
Er stellt das Glas ab, geht. Sie bleibt und schaut in die dunkle Nacht hinaus, wo Laternen überm Hof brennen und der letzte Schnee dieses Jahres runterkommt.
April fängt damit an, dass Thomas eine hypertensive Krise hat. Kein Notfallwagen, aber er muss sich setzen, ihm ist schummrig, schweißgebadet. Er ruft nach ihr.
Waltraud. Mir ist schlecht.
Sie kommt, sieht ihn auf dem Boden am Flur sitzen, rot im Gesicht.
Komm, ins Schlafzimmer, sagt sie.
Sie hilft ihm aufzustehen, bringt ihn ins Bett. Holt das Blutdruckmessgerät. 185 zu 110 kein Spaß.
Nimm deine Tablette, Captopril, das ist in deinen Medikamenten. Leg dich hin. In einer halben Stunde messen wir nochmal.
Und du?
Bin in der Küche.
Sie stellt den Wasserkocher auf, wartet. Hört, wie er nach dem Medikament sucht. Nach einer Stunde ist es besser: 160 zu 95. Immerhin.
Ruh dich aus heute, sagt sie. Geh nicht ins Büro.
Ich müsste arbeiten…
Ruf an, meld dich krank. Bleib heute hier.
Er bleibt. Sie bringt ihm Tee, Zwieback. Nicht weil er bittet. Sondern aus Anstand. Ein Unterschied: Nicht helfen wollen und dabei zusehen, wie jemand leidet.
Er liegt, starrt an die Decke.
Waltraud, sagt er nach langer Pause.
Ja?
Ich glaube, ich hab mich in den letzten Monaten ziemlich blöd benommen.
Sie antwortet nicht gleich. Setzt sich auf die Bettkante.
Ja, Thomas, hast du, sagt sie ruhig.
Tja… Er sieht an die Decke. Die Beförderung, das hat mir irgendwie zu Kopf gestiegen. Ich dachte, jetzt wird alles anders. Dass ichs geschafft hätte.
Hast du ja auch. Abteilungsleiter.
Stimmt schon. Kurze Pause. Und du warst hier, wie immer, und… Stockt. Ich wollte nicht…
Ich weiß, was du sagen willst, sie ganz leise.
Sie steht auf, nimmt die Tasse, verlässt den Raum. Das war keine Versöhnungsszene. Es gibt keine Umarmung, keine Tränen, keine bedeutenden Worte. Er hat blöd gesagt, sie stimmt zu, das wars.
April vergeht, Mai kommt. Sie läuft weiter in den Park, geht zum Malen. Mit Nina geht sie ins Theater, zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Im Stadtdrama gute Plätze, Parkett, sie sitzt, nippt an Orangensaft aus dem Theaterbuffet und staunt, wie schön es ist, einfach mal dazusitzen und anderen beim Spielen zuzuschauen.
Mit sechsundfünfzig Jahren beginnt sie zu erkennen: Das ist kein Ende, sondern ein ganz anderer Beginn.
Mit Thomas lebt sie weiter nebeneinander her. Er kritisiert das Essen nicht mehr, erwähnt Hoffmanns Frau nicht. Manchmal sprechen sie freundlich Alltagliches, manchmal verbringen sie die Abende in einem Raum: Er schaut Nachrichten, sie liest ein Buch, das Nina empfiehlt. Alles fast gemütlich nur jetzt ohne das Gefühl der Verpflichtung.
Einmal bittet er sie, ihm seine Medikamente in der Online-Apotheke zu bestellen, weil es günstiger ist.
Ich kann das nicht. Du schon.
Es geht ganz einfach: Name eintippen, in den Warenkorb, Abholapotheke auswählen.
Du kannst doch besser mit dem Internet.
Ich kann es. Du kannst es aber auch lernen.
Er gibt sich Mühe, ruft einmal nach ihr, fragt nach einem Button, schafft es dann selbst.
Sie erkennt, wie wichtig das ist: Nicht für den anderen tun, was er auch selber kann. Früher glaubte sie, Hilfe sei: alles machen. Heute weiß sie, das war eher eine Angewohnheit, als Hilfe.
Im Juni kommt die Hitze. Sie kauft ein neues Sommerkleid, mit Blumenmuster, leicht. Schaut sich im Spiegel an: Es sieht gut aus. Kein bisschen nach Oma vom Land. Einfach nach Frau, die sich mal was Schönes gönnt.
Paare in reifem Alter kommen verschieden zurecht, ist ihr klar. Manche im kalten Krieg, andere in harmonischer Freundschaft, manche gleichgültig. Sie und Thomas bilden inzwischen ein viertes Modell: Nicht Krieg, nicht Frieden, aber kein Desinteresse sie wohnen noch unter einem Dach, als hätte jeder seine eigene Welt.
Wie es weitergeht, weiß sie nicht. Sie denkt manchmal an Elisabeths Frage nach Scheidung. Schliesst sie nicht aus, eilt aber nicht. Erst mal mit sich selbst klarkommen.
Der Sommer zieht vorbei. Sie fährt für zwei Wochen nach München zu Michael zum ersten Mal allein, ohne Thomas. Er bleibt zu Hause, sagt, er müsse zur Arbeit. Sie packt ihre Tasche, näht für die Enkelin eine Stickkissenhülle nach Youtube-Tutorial , und fährt los.
Zwei Wochen mit Michael, Irina, den Enkeln Stefan (sechs) und Maria (vier) sind ihre besten seit Langem. Sie geht mit den Kindern spazieren, kocht Brei, badet Maria, liest Geschichten vor. Diese Fürsorge fühlt sich nicht erschöpfend, sondern erfüllend an.
Abends fragt Michael: Wie ist es daheim? Sie sagt die Wahrheit: Schwierig, aber okay. Michael nickt nur, gibt keinen Rat. Ein guter Sohn.
Sie kommt gebräunt und erholt zurück. Thomas steht in der Diele und sagt: Na, wieder da? Nimmt ihr die Tasche ab immerhin.
Der August ist drückend. Sie kauft sich einen kleinen Ventilator für das Schlafzimmer, kauft einen großen Wassermelone am Markt, isst eine Hälfte selbst, schneidet Thomas die andere. Er isst und sagt: Danke. Zum ersten Mal seit langer Zeit bedankt er sich fürs Essen.
Und im September, morgens kühlen die Straßen schon wieder ab, das Laub rauscht in gelben Pappeln vorm Fenster, passiert, womit sie ohnehin rechnet.
Freitagabend, er kommt gegen acht. Blass, bewegt sich vorsichtig. Waltraud sitzt mit einem Buch in der Küche.
Waltraud, sagt er an der Tür. Es geht mir nicht gut.
Was ist?
Der Blutdruck vermutlich. Kopf, und hier (zeigt auf die Brust) drückt es.
Sie steht auf, sieht ihn aufmerksam an.
Seit wann?
Seit Mittag etwa. Dachte, das geht vorbei.
Tablette genommen?
Ja, um drei. Hat nicht wirklich geholfen.
Setz dich.
Er setzt sich an den Küchentisch. Sie holt das Messgerät. 190 zu 115. Schlechter als im April.
Thomas, sagt sie. Das ist ernst. Du brauchst den Notarzt.
Muss das sein? Ich nehm noch eine Tablette…
Nein. 190 plus Druck auf der Brust, das ist keine Pille mehr wert. Arzt.
Dann ruf du doch an…
Hier hält sie inne. Die Messgerät in der Hand, schaut sie ihn an.
Sie sieht ihn: blasses Gesicht, verängstigte Augen, Hand auf der Brust. Sie sieht einen, dem es schlecht geht. Und sie spürt nicht Gleichgültigkeit, nein. Echte, menschliche Sorge. Er ist krank, hat Angst, das ist wahr.
Aber sie sieht auch: Das ganze letzte Jahr hat er sie durchsichtig gemacht. Er sagte Sätze, die man nicht ungesagt macht. Sie war für ihn schon lange kein Mensch mehr, bevor sie beschlossen hat, nicht mehr zu funktionieren.
Und sie weiß, was sie tun wird und was sie nicht mehr tun wird.
Thomas, sagt sie ruhig. Du hast ein Handy. Die Nummer vom Notarzt kennst du.
Er starrt sie an, versteht nicht.
Wie bitte?
Ruf selbst an. Es ist 112. Sag die Adresse, sag, es geht um Blutdruck und Brustschmerzen. Sie kommen dann.
Waltraud… In seinem Ton klingt etwas Hilfloses, fast ein Flehen. Hilfst du mir nicht?
Ich habe geholfen: Blutdruck gemessen, gesagt, dass du den Notarzt brauchst. Ab jetzt bist du dran.
Aber ich…
Thomas. Sie stellt das Messgerät ab. Ruf selbst an. Du bist erwachsen. Abteilungsleiter. Du schaffst das.
Sie geht. Durch den Flur, ins Zimmer, Tür nur angelehnt.
Nach einer Weile hört sie ihn aus der Küche, leise, etwas zittrig:
Ja, guten Abend. Ich bräuchte einen Notarzt. Adresse…
Sie schenkt sich Kamillentee ein. Geht in die Küche, vorbei an ihm, der telefoniert, schaut sie kurz an, sie steht am Fenster, blickt in die dunkle Nacht hinaus.
Draußen liegt der Hof leer, Laterne leuchtet gelb auf nassem Asphalt. Das Laub der Pappeln ist fast ganz gefallen, nass, dunkel, niemand auf der Bank vorm Haus.
Er beendet das Gespräch. Stille.
Die kommen bald, sagt er.
Gut, sagt sie.
Kommst du mit ins Krankenhaus…?
Sie dreht sich vom Fenster um. Sieht sein grau gewordenes Gesicht, die Hand auf der Brust, die Angst in den Augen. Mitleid echtes. Ein alter, kranker Mann, dem es schlecht geht. Kein Triumph, kein Schadenfreude.
Nein, Thomas, sagt sie leise. Ich bleibe hier. Die Ärzte kümmern sich darum.
Waltraud…
Die machen das jetzt. Das ist ihr Job.
Sie nimmt ihre Tasse, geht ins Zimmer, lehnt die Tür wieder an. Sie sitzt am Fenster, schaut jetzt aber in das andere Fenster, zum Baum davor, zu den Lichtern im Hochhaus gegenüber. Aus der Küche Rascheln. Dann Stille. Dann das Geräusch vom Fahrstuhl.
Der Notarzt kommt nach zwanzig Minuten. Sie hört Stimmen im Flur, schnelle Schritte, sachliche Fragen: Blutdruck? EKG? Wahrscheinlich Station. Er antwortet, seine Stimme schuldbewusst wie ein Schuljunge.
Dann hört sie:
Ist Ihre Frau zuhause?
Und seine Stimme:
Ja. Aber sie kommt nicht mit.
Pause.
Der Arzt, höflich, neutral:
Schon gut. Ziehen Sie sich an, wir fahren Sie dann mal ins Klinikum.
Tür. Fahrstuhl. Ruhe.





