**Tagebucheintrag: Reue kommt mit dem Alter**
Mit sechzig Jahren überfiel Klaus plötzlich die Reue über seine Taten in der Jugend. Warum tauchten diese Erinnerungen an vergangene Fehler jetzt auf? Vielleicht kommt das mit dem Alter. Er versuchte, die Gedanken zu vertreiben, doch sie drängten sich unerbittlich in seinen Kopf.
Schon als Kind war Klaus jähzornig. Sein Gerechtigkeitssinn war übermächtig. Ungerechtigkeit konnte er nicht ertragen, und oft genug landete er in Prügeleien.
Als er älter wurde, blieb er derjenige, der Streit schlichtete. Die Jungen aus dem Dorf kamen zu ihm, wenn sie nicht wussten, wer im Recht war.
Klaus, sag mal, wer hat hier Schuld? Franz und Werner sind in Opa Heinrichs Garten eingestiegen, haben Äpfel geklaut, und Opa hat nur Werner erwischt. Franz ist abgehauen. Als Opa Werner fragte, wer mit ihm war, hat er Franz sofort verraten. Daraufhin hat Franz Werner verprügelt, weil er ihn verpetzt hat. Und dann hat Werner seinem Vater alles erzählt, und Franz bekam auch noch Ärger.
Solche Fälle löste Klaus, und die Jungen respektierten ihn. Die Jahre vergingen. In der achten Klasse passierte etwas, das ihn tief traf. Klaus war sportlich, spielte Fußball und Volleyball, und im Winter war er der beste Skiläufer der Schule.
Bei den regionalen Skirennen sollte die Schule einen Teilnehmer entsenden. Natürlich gewann Klaus das Schulrennen mit großem Vorsprung.
Klaus, ich wusste, dass du gewinnst, sagte sein Freund Werner. Der Sportlehrer schickt dich bestimmt zum Wettkampf.
Doch der Lehrer entschied anders. Plötzlich erklärte er seinen Freundessohn, Bernd, zum Sieger.
Bernd fährt zum Rennen, verkündete er, während Bernd grinsend auf Klaus herabsah.
Die Schüler murrten über die Ungerechtigkeit, doch der Lehrer schnitt ihre Proteste ab. Klaus, kaum noch Herr über sich, trat vor:
Warum so unfair?
Weil Bernd die neunte Klasse abschließt und die Schule verlässt. Dieses Jahr fährt er, nächstes Jahr du. Das wars, geh jetzt. Mit einem leichten Stoß schob er Klaus weg.
Auf dem Heimweg stellte Klaus Bernd. Er meinte, nicht allzu hart zugeschlagen zu haben, doch Bernd konnte nicht am Rennen teilnehmen. Klaus natürlich auch nicht. Es gab Ärger in der Schule, vor allem, weil Bernds Mutter Geschichtslehrerin war.
Von da an machten der Sportlehrer und die Geschichtslehrerin Klaus das Leben schwer. Nach der achten Klasse verließ er die Schule, weigerte sich, weiterzumachen. Seine Eltern schimpften, aber Klaus fing an zu arbeiten.
Mutter, hör auf mich zu nerven, sagte er. In der neunten Klasse würde ich es nicht aushalten. Ich fürchte, ich würde wieder zuschlagen
Sie kannte seinen Jähzorn und ließ ihn gewähren. Auf dem Land gab es wenig Arbeit, also ging er zum Bauernhof. Klaus half oft dem alten Tierarzt, Heinrich. Er lernte von ihm, und Heinrich erkannte sein Talent.
Klaus, schade, dass du nicht weiterlerntest. Du könntest mal mein Nachfolger werden, sagte Heinrich oft.
Ja, mir macht es Spaß, Tieren zu helfen, gestand Klaus.
Doch ausgerechnet Bernd wurde Tierarzt und übernahm Heinrichs Stelle. Klaus beobachtete heimlich seine Arbeit und merkte, dass Bernd wenig Erfahrung hatte. Theorie war das eine, Praxis etwas anderes.
Klaus mischte sich nicht ein.
Er hat einen Abschluss, also weiß er mehr, dachte er.
Eines Tages ordnete der Hofleiter an, alle Tiere impfen zu lassen. Klaus hatte das oft bei Heinrich gemacht.
Bernd, unsicher, bat Heinrich um Hilfe. Doch der hatte sich gerade das Bein gebrochen und lag im Gips.
Frag doch Klaus. Er kann das, riet Heinrich.
Bernd blieb nichts anderes übrig.
Hilf mir beim Impfen der Kühe und Schweine. Ich schaffe es nicht allein.
Doch Klaus trug noch die alte Wut in sich.
Du bist der Fachmann. Das ist deine Arbeit. Ich helfe dir, und du steckst das Geld ein, sagte er und ging.
Am nächsten Tag machte der Hofleiter Bernd vor allen zur Schnecke. Erneut bat Bernd um Hilfe, diesmal betrunken und fast weinend.
Klaus, vergib mir, was damals in der Schule war. Ich erinnere mich auch daran.
Klaus tat er leid.
Man kann nicht ewig nachtragen, dachte er und half.
Sie waren schnell fertig, und der Hofleiter lobte sie. Bernd dankte mit einer Flasche Schnaps. Klaus nahm sie, sah Bernd an und zerschmetterte sie an einem Stein.
Ein einfaches Danke hätte gereicht, dachte er.
Die Jahre vergingen. Klaus half den Dorfbewohnern, ohne etwas zu verlangen. Als die Löhne ausblieben, züchtete er Kälber, um über die Runden zu kommen.
Eines Tages bat ihn die alte Nachbarin Gertrud:
Fahr mich bitte zum Arzt. Der Bus ist zu anstrengend.
Er fuhr sie, wollte kein Geld nehmen, doch sie ließ welches dalassen.
Klaus, das ist fürs Benzin. Vielleicht brauche ich dich noch mal.
Sie erzählte im Dorf von seiner Hilfsbereitschaft, und bald baten auch andere um Fahrten. Klaus half jedem, ob mit oder ohne Geld.
Ein halbes Jahr später begann der Nachbar Dieter, Konkurrenz zu machen, und verlangte hohe Preise. Die Leute beschwerten sich bei Klaus.
Warum nimmst du so viel von den Leuten? Und dann verbreitest du noch Lügen über mich!
Was geht dich das an? Wenn sie zahlen, ist das ihr Problem.
Klaus verlor die Beherrschung und schlug zu. Dieter versuchte, einen Skandal daraus zu machen, doch niemand unterstützte ihn.
Mit den Jahren quälte Klaus das Gewissen. Er ging in die Kirche, hörte die Predigten über Sünde und dachte nach.
Vielleicht habe ich im Namen der Gerechtigkeit zu viele Fehler gemacht. Hätte nie zuschlagen dürfen. Und Dieter er ist gestorben, nicht durch mich, aber trotzdem
Solche Gedanken verfolgten ihn. In einem halben Jahr wurde er sechzig, und die Reue ließ ihn nachts nicht schlafen.
Vielleicht liegt es daran. Wenn jemand meine Söhne schlagen würde Ich war im Unrecht. Jetzt wäre es zu spät, die Fehler zu korrigieren. Es tut mir leid, aber nichts lässt sich ändern.





