Ich ziehe aus, ich halte das nicht mehr aus! Euch passt doch sowieso nie etwas! – Jana blickte ihre Mutter wütend und beleidigt an. – Früher war’s ja noch okay: „Geh da nicht hin, mach das nicht“, aber jetzt, Mama, ich bin zwanzig!

Ich ziehe aus, das wars! Euch passt ja nie was! Annalena blickte ihre Mutter böse und beleidigt an. Schon gut, als Kind hieß es immer: Da gehst du nicht hin! Das machst du nicht! Aber Mama, ich bin jetzt zwanzig! Zwanzig! Seit zwei Jahren volljährig!
Und wenn du volljährig bist und nicht mehr mit uns wohnen willst, dann such dir einen Job, eine Wohnung und bezahl sie selbst. Das ist meine Antwort, Tochter.
Na super! Annalena schnaufte. Erst heißt es immer: Lern, Kind, lass dich nicht von Partys ablenken!, jetzt soll ich plötzlich arbeiten. Was ist denn jetzt mit meinem Studium, hm? Ist das egal? Wie wärs denn mal mit etwas Unterstützung für die eigene Tochter?
Du bist doch selbstständig, hast nie nach unserem Rat gefragt, unterstützte ihr Vater die Mutter. Und damit wir dir nicht mehr ins Leben reinreden und dich nicht erziehen, kannst du ab jetzt ein komplett eigenständiges Leben führen.
Natürlich war Annalena mit der Situation gar nicht einverstanden. Ihre Mutter zwang sie weder zum Putzen noch zum Kochen, der Vater zahlte die Nebenkosten, kaufte Lebensmittel und überwies ihr regelmäßig etwas Geld auf ihr Konto. So zu leben war praktisch und gemütlich. Hätten die Eltern nur nicht so oft ihren Senf dazugegeben …
Doch ihr Dickkopf ließ sie keinen Rückzieher machen. In der Familie hieß es schon immer, eine Urururgroßmutter von Annalena wäre überzeugte Revolutionärin gewesen. Wenn die Eltern über die Sturheit der Tochter schimpften, wurde diese Anekdote gern zur Erklärung herangezogen.
Sie fand einen Job und mietete eine kleine Wohnung in der Nähe der Uni. Und jetzt merkte sie zum ersten Mal, wie das ist, wenn das Geld knapp wird. Früher hatte sie das nur nebenbei gehört im Bus, im Gespräch von Bekannten der Eltern oder im Nachmittagsprogramm mit Am Ende des Monats bleibt wieder nichts übrig.
Die Miete verschlang fast ihre gesamte und ohnehin wenig glamouröse Gehaltszahlung. Essen, Ticket für die BVG, der übliche Kram alles will bezahlt werden. Die ausgelassenen Partys, von denen sie stets geträumt hatte, rückten plötzlich ganz nach hinten. Unbewusst lernte sie, ihr Verdientes zu schätzen und die Nörgeleien der Eltern wirkten plötzlich gar nicht mehr so ungerecht.
Eines Abends kam sie erschöpft von der Arbeit. Zwei Halbstarke latschten laut gröhlend vor ihr her, warfen sich pubertäre Sprüche zu, die wahlweise dumm oder unter der Gürtellinie waren. Annalena schüttelte nur den Kopf: Haben die da oben eigentlich irgendetwas Sinnvolles drin? Vermutlich nicht.
Da saß sie schon wieder auf den Stufen dieser einen, schon ewig leerstehenden Bäckerei: die alte Frau, die Annalena dort regelmäßig sah. Sie murmelte meistens unverständliche Sachen vor sich hin. Zwischen ihren Füßen stand eine verbeulte Blechdose, in die ab und an ein Passant ein paar Münzen warf. Im Zeitalter von EC-Karte und PayPal hatte ja eh kaum noch jemand einen Vorrat an Klimpergeld dabei. Annalena jedoch bewahrte für diese alte Dame immer ein paar Centstücke auf. Warum eigentlich? Früher hätte sie Bettler ignoriert.
Doch diese Frau als Bettlerin zu bezeichnen, wäre ihr nie eingefallen. Abgetragene Jacke hin, Blechdose her ihr inneres Würdegefühl konnte niemand übersehen. Dankbar nickte sie jedem zu, der Geld in die Dose warf, und verharrte geduldig auf den kalten Betontreppen.
Als die Jungs an ihr vorbeigingen, schnaubten sie verächtlich. Der eine trat heftig gegen die Blechdose, die mit Getöse davonratterte. Die wenigen Münzen kullerten über das Pflaster.
Mühsam stand die alte Frau auf und kroch dem Geld nach. Ihre Finger zitterten, aber sie gab nicht auf.
Was macht ihr denn da, ihr Vollpfosten! Annalena fuhr dazwischen und half ihr beim Geldsammeln.
Die Jungs lachten dämlich, brüllten Annalena noch irgendwas Dämliches hinterher und verschwanden.
Hier, bitte. Annalena gab der Frau die Münzen. Und hier noch etwas, für Sie, sagte sie und überreichte noch einen Schein aus ihrem Portemonnaie.
Danke, mein Kind, antwortete die alte Dame leise, hob den Blick und ihr Gesicht strahlte trotz all der Falten jugendliche Lebendigkeit. Ich kenn dich, du gibst immer was dazu.
Zärtlich strich sie über die ramponierte Blechdose.
Kaputt. Ich muss wohl eine neue suchen.
Ihre Hände zitterten. Annalena vermutete, dass es der Frau nicht wirklich gut ging.
Wohnen Sie weit weg? fragte sie.
Nein, winkte die Frau ab, die Plattenbauten im Hof dort, da wohne ich.
Ich bring Sie lieber heim, Sie sehen heute nicht gut aus.
Das Herz zwickt heute arg, stöhnte die Frau und stützte sich auf Annalenas Arm. Danke, Kind, ich halte dich nicht lang auf.
In der kleinen Wohnung im dritten Stock wurden sie von Katzen begrüßt. Annalena bekam große Augen es müssen mindestens ein Dutzend gewesen sein.
Zwölf, erklärte die alte Dame amüsiert. Ich hätte früher nie gedacht, dass das mal so endet.
Wozu haben Sie denn so viele?
Es ist nicht so, dass ich sie brauche, mein Kind sie brauchen mich. Ohne mich wären sie verloren. Kätzin Kira und Miezi wurden in einem Müllsack ausgesetzt mitten im Berliner Januar. Ich ging grad den Müll runterbringen und habe sie gefunden. Miezi fiepte noch, Kira hat kaum noch geatmet. Fussel habe ich Jungs abgenommen, und Tommi kam einfach irgendwann mit nach Hause. Fanny hat im Keller geworfen, ich musste sie samt Nachwuchs aufnehmen, sonst wären die Katzenbabys vergiftet worden… Hältst du mich für verrückt?
Nein, wirklich nicht, stammelte Annalena, es sind tatsächlich viele. Und man muss sie schließlich auch füttern.
Deswegen sitze ich draußen, seufzte die Dame.
Von diesem Tag an waren sie Freundinnen. Es klingt komisch, aber Annalena konnte einfach nicht mehr so tun, als wäre nichts gewesen. Hin und wieder besuchte sie Frau Helene Grünwald, wie ihre neue Freundin hieß, und berichtete auch in ihren Sozialen Medien von der alten Dame. Zwischen all den zynischen Kommentaren tauchten auf einmal nette Worte, aufmunternde Nachrichten und sogar Hilfsangebote auf. Und es wurden immer mehr.
Annalena, fragte ihr Vater argwöhnisch, was hast du eigentlich plötzlich damit am Hut? Du warst doch noch nie so die Tiernärrin.
Ach Papa, mit Tierliebe hatte das erstmal wenig zu tun. Okay … wir haben ja nie darüber gesprochen und ich hätte nie gedacht, dass ich bei euch mal Hund oder Katze anschleppen dürfte. Deshalb hab ich auch nie gefragt. Aber jetzt frage ich mich: warum eigentlich?
Annalena schwieg kurz und sagte dann:
Frau Grünwald ist anders. Sie hat gesagt, dass nicht sie die Katzen braucht, sondern die Katzen sie. Und das stimmt. Ohne sie wären sie verloren.
Sollen wir jetzt alle Straßenkatzen retten? Die Mutter zuckte mit den Schultern. Schau dir mal an, wie viele das sind!
Retten kann nicht jeder, seufzte Annalena. Ich könnte das vielleicht auch nicht. Aber helfen, wenns darauf ankommt das kriegt man hin.
Das ist ja alles schön, rief die Mutter. Aber hast du nicht selbst gesagt, Geld sei knapp und wir hätten manchmal Recht gehabt? Und jetzt schenkst du einer wildfremden Frau dein ganzes Geld? Annalena, du lässt dich über den Tisch ziehen.
Mama, ich stehe zu meinen Worten. Aber Frau Grünwald trickst niemanden aus. Wenn ich das nicht gepostet hätte, hätte nie jemand davon erfahren.
Kindchen, du bist einfach noch ein Kind.
Nein, Mama. Ich hab meine Meinung. Ich erwarte von euch ja nicht, dass ihr meine Katzenlieblinge auch so süß findet. Das hier ist einfach mein Weg.
Willst du jetzt auch 12 Katzen umsorgen und auf ewig alte Jungfer werden? Der Vater war empört. Früher hießen solche Leute Katzenfrauen, die keinen Mann abbekamen.
Ich stopfe meine Wohnung nicht mit Katzen voll! fauchte Annalena zurück. Ich wollte nur eine übernehmen, damit es Frau Grünwald leichter wird, aber meine Vermieterin ist dagegen. Also bitte, behandelt mich nicht wie ein Dummerchen. Ich mach nichts Schlechtes.
Findest du. Der Vater seufzte. Aber dein Leben für sowas herzugeben … Kind, wir machen uns einfach Sorgen.
Mach dir keine, Papa. Mir gehts gut.
Annalena blieb trotzdem dran. Durch das Internet fand sie sogar neue Menschen für vier der jüngsten Mietzen. Die Kätzchen, die eigentlich im Keller vergiftet werden sollten. Acht Katzen blieben bei Frau Grünwald die meisten waren schon echte Rentner unter den Katzen und niemand wollte sie aufnehmen. Helene war nach all den Jahren ohnehin sehr an sie gewöhnt.
Annalena, falls mir mal was passiert, lass sie bitte nicht im Stich! Ich weiß, das ist viel verlangt, aber ich hab niemanden außer dir, Mädel.
Annalena fragte sich lange nicht, warum die alte Frau allein lebte. Bis Helene eines Tages selbst mit trauriger Stimme zu erzählen begann:
Ich hätte auch eine Enkelin wie dich haben können, aber es sollte nicht sein …
So erfuhr Annalena, dass der einzige Sohn der alten Dame nach seiner Scheidung erfahren hatte, keine Kinder bekommen zu können, und dann noch bei der Feuerwehr ums Leben kam. So blieb sie mit ihren Katzen unfähig, das Elend zu übersehen und Schwache im Stich zu lassen.
Eines Tages kam Annalena wie immer vorbei, aber niemand öffnete. Sie rief die Nachbarin an.
Hallo, haben Sie Frau Grünwald gesehen? Ist sie unterwegs?
Annalena? Nein, sie war heute früh noch da, aber ihr war nicht gut. Hoffentlich ist nichts passiert. Ich hab einen Schlüssel.
Die alte Dame lag friedlich da, als würde sie schlafen. Die Falten wirkten geglättet, das Gesicht ganz ruhig. Um sie herum tappten die Katzen verwundert und maunzten.
Herrgott, nun ist die Helene gegangen, murmelte die Nachbarin und bekreuzigte sich. Annalena weinte leise. Sie hatte so etwas noch nie erlebt.
Was mache ich jetzt? Was macht man in so einem Fall? wiederholte sie hilflos.
Kindchen, auf dem Tisch liegt ein Brief an dich.
Durch ihre Tränen entzifferte Annalena die zittrigen Buchstaben. Frau Grünwald hatte ihr ihre Wohnung vererbt und bat sie, die Katzen nicht im Stich zu lassen:
Ich bitte nur dich darum, mein Mädchen …
Annalena hätte nie gedacht, dass sie in kurzer Zeit so viele juristische Details lernen müsste. Es wäre alles viel schwieriger geworden, hätte sie nicht Sascha gekannt.
Sascha kannte sie übers Internet, als sie die erste Katzen-Anzeige teilte. Er war einer der wenigen, die einen netten Kommentar geschrieben hatten. Aus Nachrichten wurden Treffen. Saschas Familie war komplett anders, sie hatten schon immer Haustiere und Sascha engagierte sich für Tierheime und war online sehr aktiv. Mit seiner Hilfe hatte sie vier der Fanny-Kätzchen an neue Familien gegeben.
Sascha studierte Jura, seine Unterstützung war in dieser schwierigen Zeit Gold wert.
Annalena, wie cool ist das bitte! freute sich ihre Freundin Lena. Du hast jetzt eine eigene Wohnung! Lass Sascha einfach die Katzen ins Tierheim bringen und fertig!
Lena, das geht nicht. Annalena erschrak. Ich habe Frau Grünwald versprochen, sie nicht allein zu lassen.
Aber die Frau ist tot! Das merkt sie gar nicht mehr! Die Wohnung ist jetzt deine, Annalena. Spinn nicht rum mit diesen Viechern. Was, wenn die noch ewig leben?
So lang sie leben, leben sie eben, Lena. Sie haben auf mich vertraut. Und die Mietzen sind total lieb.
Du redest wie eine Oma. grinste Lena. Sogar dein Vater hat schon von der Katzenfrau gefaselt. Mit dem Katzencafé daheim findet sich nie einer für dich.
Lena, du weißt eh, dass ich keinen Typen hab.
Und das bleibt auch so, sagte die Freundin trocken. Naja, deinen Weg soll’s geben.
Auch die Eltern waren nicht gerade begeistert.
Wohnung, ja schön und gut, die Mutter tigerte nervös herum, aber dass dir eine wildfremde Frau so was vererbt … das ist doch wie im Fernsehen!
Was überrascht dich daran? fragte der Vater. Die Frau war eben verrückt. Hat dir ins Gewissen geredet und jetzt hast du den Salat.
Was fürn Salat? Annalena wurde wütend. Sie wollte nur das Beste!
Für ihre Katzen! rief die Mutter empört. Nicht für dich, Dummerchen. Die wollte sich nur ihre Seele reinwaschen.
Völlig überrumpelt verließ Annalena das Elternhaus. Alle hielten sie für verrückt, alle wollten die Katzen loswerden.
Annalena, warte! Sascha hatte sie in Kreuzberg abgefangen. Hey! Ich wollt zu dir. Was ist los?
Sascha, findest du mich auch… komisch? fragte sie geradeheraus.
Wieso denn das?
Na, mit den Katzen. Eltern, Freunde alle meinen, ich hätte mir mein Leben ruiniert, weil ich sie nicht auf die Straße schmeiße. Sag mal, ist es zu spät, die Wohnung auszuschlagen?
Du willst darauf verzichten? fragte Sascha ohne Vorwurf, aber mit ehrlicher Verwunderung. Helene hat das nur dir hinterlassen, weil sie wusste, dass du kein schlechter Mensch bist. In allen anderen Fällen wären die Katzen längst weg und vielleicht eingeschläfert.
Du verurteilst mich nicht?
Quatsch. Es gibt so wenige ehrliche Leute. Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben. Und ich hab noch was: Eine Dame hat mir geschrieben, sie würde noch zwei Senioren aufnehmen. Wir könnten sie zusammen kennenlernen …
Als sie heirateten, lebten noch vier Katzen aus dem Dutzend bei ihnen. Tommi zog zur Nachbarin.
Der war mir schon immer sympathisch. Und ihr wohnt ja gleich nebenan, falls was ist.
Eine Katze ging zu Saschas Eltern.
Die sinds gewohnt, lachte Sascha. Mein ganzes Leben hab ich Tiere angeschleppt.
Als Annalena aus dem Krankenhaus kam, den kleinen Max auf dem Arm, warteten, ordentlich aufgereiht im Flur, Kira, Miezi, Fussel und Fanny auf sie.
Die Kindermädchen stehen bereit! grinste Sascha. Oder sind es unsere Katzenomas?
Hallo, ihr. grüßte Annalena liebevoll. Habt ihr mich vermisst? Ich bring erst Max ins Bett, dann wird gekuschelt, mein pelziges Erbe!

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Homy
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Ich ziehe aus, ich halte das nicht mehr aus! Euch passt doch sowieso nie etwas! – Jana blickte ihre Mutter wütend und beleidigt an. – Früher war’s ja noch okay: „Geh da nicht hin, mach das nicht“, aber jetzt, Mama, ich bin zwanzig!
„Ab jetzt gehört die Hälfte deines Eigentums mir“, sagte die seltsame Frau.