Die Schwiegermutter steht unangekündigt eine Stunde vor den Gästen an Silvester vor der Tür

Es war einst, vor Jahren, in einem schneebedeckten Winter in München, als das neue Jahr vor der Tür stand so eine jener Nächte, von denen man sich noch lange erzählt. Noch heute erinnere ich mich an den überraschenden Besuch meiner Schwiegermutter, eine Stunde bevor die Gäste kommen sollten.

Ach Mama, das geht doch nicht!, stöhnte Sebastian, mein Mann, dem die Erschöpfung in den Augen stand, als plötzlich seine Mutter, Frau Hedwig Müller, mit zwei übervollen Stofftaschen im Flur auftauchte. Wir hatten doch abgemacht, du verbringst Silvester bei Tante Gerda!

Ach Kind, was soll ich denn dort?, winkte Frau Müller entschlossen ab, während sie schon ihren Mantel auszog. Die redet ja nur über Gebrechen und das Wetter. Ich möchte feiern, mit meinem einzigen Sohn. Das ist doch ein Familienfest!

Ich Katharina stand noch mit Servietten in der Hand im Esszimmer und stockte. Der Auftritt der Schwiegermutter war nicht eingeplant gewesen, und das so kurz vor knapp.

Frau Müller… wir…, begann ich vorsichtig.

Doch Hedwig ließ sich nicht bremsen. Schon inspizierte sie das Wohnzimmer, runzelte die Stirn über die goldblauen Kugeln am Christbaum. Sebastian, hast du das gesehen? Die Kugeln sind viel zu kühl in der Farbe! Blau bringt Unglück rot muss her, das bringt Wohlstand, dozierte sie.

Ach Mama, das ist doch Aberglaube, murmelte Sebastian. Wir haben das doch besprochen.

Und Papierservietten auf dem Tisch! Das sieht ja aus wie beim Bäcker. Ich hol schnell meine Leinenservietten von zuhause, das macht gleich mehr her, rief sie.

Nein, Sie gehen jetzt nicht mehr los!, sagte ich unerwartet bestimmt. In einer Stunde kommen die Gäste.

Gäste?, fragte Hedwig erschrocken. Am Silvesterabend bleibt die Familie doch unter sich! Sag schnell, ich rufe sie an und sage ab.

Sie griff schon nach ihrem alten Klapphandy, aber Sebastian hielt sie auf: Nein, Mama. Niemand ruft jetzt jemanden ab. Alles steht bereit, der Tisch ist gedeckt.

Na gut, dann lasst mich wenigstens sehen, was es zu essen gibt…, Hedwig stapfte entschlossen in die Küche. Ich schaute hilfesuchend zu Sebastian. Der zuckte nur mit den Schultern und zückte das Handy wohl um ein Taxi zu rufen.

Da gellte aus der Küche ein empörter Aufschrei: Was ist das denn für ein Kartoffelsalat! Die Gurken hätte man viel feiner schneiden müssen! Und Mayonnaise aus dem Supermarkt, Katharina! Ich habe dir doch gezeigt, wie man sie selbst macht.

Während ich innerlich langsam bis zehn zählte, erinnerte ich mich: Das sollte unser erstes Silvester im neuen Heim werden. Alles war liebevoll gerichtet, der Baum geschmückt, die Speisen vorbereitet, die Atmosphäre zum Wohlfühlen… und nun war alles anders.

Jetzt reicht’s!, rief Hedwig, band sich die Schürze um und winkte Sebastian zum Supermarkt: Du besorgst jetzt frische Kartoffeln!

Nein, niemand geht mehr los!, sagte ich fest und stellte mich ihr in den Weg. Wir ändern jetzt nichts mehr. Die Gäste kommen gleich!

Gäste, pah. Silvester feiert man in der Familie. Meine Nachbarin Inge hat auch die Kinder eingeladen, aber die wollten nicht. Nun sitzt sie da, ganz allein.

Mama, nein. Wir diskutieren das nicht weiter, resignierte Sebastian. Ich ruf dir ein Taxi.

Ich habe mich in der vollbesetzten Tram hierher gequält, mit den schweren Taschen dazu! Überhaupt ich habe für euch gebacken: frische Brezen, Apfelstrudel, und Rouladen. Schaut nur damit ihr wenigstens richtiges Essen habt! Und gestrickte Socken habe ich auch!

Der Kühlschrank war bereits randvoll nun musste ich zusehen, wo ich auch noch ihre Speisen unterbringen sollte.

Doch plötzlich klingelte es die ersten Gäste waren da: Tom und Lena, unsere besten Freunde.

Guten Rutsch!, lachte Lena und reichte eine Flasche Sekt und einen Beutel mit Geschenken. Oh, habt ihr schon Gäste?

Das ist meine Mutter, erklärte Sebastian bedrückt. Sie… ist quasi auf der Durchreise.

Was heißt hier Durchreise!, meldete sich Hedwig prompt aus der Küche. Ich möchte heute mit meinem Sohn feiern. Ihr könnt euch ein anderes Mal treffen.

Lena schaute mich hilfesuchend an: Sollen wir lieber… gehen…?

Nein!, zischte ich. Kommt lieber schnell rein.

Hedwig rief wieder aus der Küche: Katharina, wo ist das Salz? Der Sülze fehlt jeglicher Geschmack. Und beim Pfeffer darfst du auch nicht sparen!

Bitte fassen Sie das nicht an!, eilte ich ihr hinterher. Doch sie schaute beleidigt: Ich habe mich doch nur bemüht. Mein Vater sagte immer, die Würze ist das Wichtigste!

Frau Müller, ich weiß Ihr Engagement zu schätzen. Aber heute ist unser Fest. Ich habe tagelang vorbereitet und die Wohnung geschmückt. Bitte lassen Sie heute alles, wie es ist!

Totenstille. Hedwig ließ den Salzstreuer sinken. Also gut. Ich bin wohl nicht mehr willkommen. Gehe ich eben leise.

Sie begann, ihre Behälter wieder einzupacken, Sebastian warf mir einen flehenden Blick zu und beinahe hätte ich sie gebeten zu bleiben. Doch dann kam noch einmal ihr strenger Blick: Aber merkt euch meine Worte: Silvester mit Fremden zu feiern bringt nur Unglück. Die Tochter von Inge…

Schluss!, rief ich, griff zum Handy. Ich rufe ein Taxi.

Nicht nötig!, schaltete sich nun Lena ein. Tom und ich fahren Frau Müller heim. Wir holen auf dem Weg noch Obst im Nachbarsupermarkt.

Wirklich?, Sebastian war sichtlich erleichtert.

Fünf Minuten später verschwanden sie mit Hedwig und den Taschen aus dem Haus. Am Gehweg, bevor sie ins Auto stieg, wandte sie sich noch einmal um: Sebastian, vielleicht doch…?

Gute Fahrt, Mama. Frohes neues Jahr. Morgen besuchen wir dich, sagte Sebastian bestimmt.

Als sie fort waren, lehnte ich erschöpft an die Wand. Ich komme mir vor wie das letzte Ungeheuer. Wer schmeißt schon die Schwiegermutter in der Silvesternacht raus?

Sebastian nahm mich in den Arm. Du bist kein Ungeheuer. Sie überschreitet nur oft alle Grenzen. Außer­dem sitzt sie morgen bei Tante Gerda in bester Gesellschaft.

Ich hoffte, dass sie nicht allzu tief gekränkt war. Wir gingen zurück in die Wohnung, verstauten das Essen, und bereiteten uns auf die weiteren Gäste vor.

Doch dann kehrten Tom und Lena zurück ohne meine Schwiegermutter. Wir haben sie nicht nach Hause gebracht, sagte Lena aufgeregt. Sie will nicht zu Tante Gerda. Sie hat sich ein Bahnticket gekauft und fährt mit dem ersten Zug nach Rothenburg zu einer alten Schulfreundin. Sie will Silvester am Bahnhof verbringen.

Schockstarre. Hat sie den Verstand verloren? Draußen, allein, bei dem Wetter?

Wir sprangen in den Wagen, um den Hauptbahnhof zu durchsuchen. Überall diese geschäftigen Menschentrauben, der Geruch nach Tannenzweigen und Glühwein in der Luft. Mehrere Warteräume später entdeckten wir sie: die zwei bekannten Taschen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Warum seid ihr gekommen?, fragte sie, weiterhin zum Fenster gewandt, als Sebastian auf sie zutrat. Fürchtet ihr, dass ich euch blamiere, wenn ich hier hocke? Ich störe doch nur.

Sebastian setzte sich neben sie. Mama, komm, wir fahren heim.

Heim? Zu Gerda? Damit sie mir wieder ihre Lebensweisheiten erzählt? Oder zu euch, wo ich eh nur störe?

Frau Müller…, begann ich.

Ach nein, lass mal, liebe Schwiegertochter. Ich weiß doch, wie ich euch im Weg bin.

In diesem Moment wurde die Abfahrt des Zuges nach Rothenburg ausgerufen. Hedwig stemmte sich hoch. Mein Zug fährt gleich. Ich will euch nicht länger belasten.

Du fährst nirgendwo hin, sagte Sebastian ruhig und nahm die Taschen. Wir feiern zusammen.

Und eure Gäste?

Die werden schon damit zurechtkommen. Wer will schon Silvester ganz ohne Sülze feiern?

Da huschte ein erstes Lächeln über ihr Gesicht: Meint ihr wirklich ich kann bleiben?

Frau Müller nennen Sie mich doch einfach Mama. Sie gehören zu unserer Familie!, sagte ich leise.

Sie drückte meine Hand: Danke… Katharina.

Auf dem Heimweg erzählte sie von Sebastians Kinderzeit: Wie er sein erstes Weihnachtslied sang, alle Kugeln an einen Zweig hing, wie er im fünften Schuljahr alle Lichterketten auseinandernahm, um zu erforschen, wie sie funktionieren.

Wieder zuhause waren die Freunde bereits eingetroffen, alle lachten herzlich über Hedwigs Geschichten. Hedwig bereitete ihre Mitbringsel zu, kritisierte nun aber nicht mehr, sondern fragte mich um Rat. Sebastian installierte Karaoke und zum Staunen aller sang Hedwig sämtliche Lieder von Udo Jürgens mit erstaunlicher Sicherheit.

Kurz vor Mitternacht ließ Hedwig plötzlich das Sektglas sinken: Ihr macht das falsch! Das Sektglas gehört unter den Baum für den Weihnachtsmann, sonst gibts keine Geschenke!

Wir lachten, aber das Glas platzierte trotzdem jemand unter dem Baum.

Als die Glockenschläge ertönten, schloss ich die Augen. Was sollte ich mir wünschen? Doch da wusste ich: Dass wir gesund und zusammen blieben, dass unsere Familie zusammenhält, dass das Lachen nie verstummt…

Sebastian bemerkte Hedwigs Tränen: Was ist denn, Mama?

Sie lächelte. Ich habe mir auch etwas gewünscht. Und ich glaube, es geht in Erfüllung.

Nach den Glückwünschen holte sie einen alten, sorgfältig gefalteten Stoff hervor: Katharina, das ist für dich. Die Tischdecke meiner Mutter. Darauf haben wir immer als Familie gefeiert.

Mir kamen die Tränen. Das kann ich doch nicht annehmen…

Natürlich du bist jetzt Familie.

Für Sebastian gab es Großvaters Taschenuhr im Krieg trug sie ihm das Leben gerettet, als sie einen Streifschuss abhielt.

Wir feierten weiter, Hedwig brachte uns das Wichteln bei und nach Mitternacht gingen wir auf den verschneiten Hof, stießen mit Nachbarn und Glühwein an, sangen und tanzten im Schnee. Hedwig Deppte im Kreis und stimmte den Schneewalzer an, alle lachten aus ganzem Herzen.

Später, zuhause, war es schon drei Uhr, da bemerkte Hedwig: Ihr müsst schlafen, sonst wird das nichts mit Enkeln…

Mama!

Ja, ja, winkte sie ab, ihre Augen blitzten verschmitzt.

Bevor wir schließlich alle zu Bett gingen, freute sich Hedwig, als ich ihr anbot, ihr einen modernen Handyvertrag einzurichten. So könnt ihr mich immer erreichen, und ich kann vorher anrufen, wenn ich vorbeikomme…

Als ich noch beim Abwasch half und sie mich plötzlich seltsam anblickte, sagte sie: Danke, Katharina. Heute am Bahnhof hatte ich richtig Angst, dass ihr mich verstoßt. Aber Familie hält immer zusammen. Ab jetzt machen wir alles gemeinsam, aber mit Absprache, versprochen?

Ich versprach es. Das neue Jahr dämmerte gerade herauf, als an der Tür geklingelt wurde es war Tante Gerda, die sich sorgte, weil Hedwig nicht angekommen war. Und so endete der Neujahrsmorgen damit, dass sich alle um den Tisch versammelten, auf das neue Jahr anstießen, und Hedwig und Gerda Pläne für das nächste Treffen schmiedeten natürlich mit vorheriger Absprache und einem neuen Handy.

Über all das reden wir noch heute. Und jedes Mal denke ich: Mit all ihren Eigenarten, mit allen Überraschungen, ist Familie das größte Glück in jeder Silvesternacht und an allen Tagen dazwischen.

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Homy
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Die unsichtbare Ehefrau