Seit über zwanzig Jahren wohne ich nun schon in meinem Haus am Rande von Bamberg; mein Nachbar nebenan lebt auch schon fast genauso lang dort. Er begann zu bauen, gerade als ich mit meinen Innenarbeiten startete.
Wir kennen uns recht gut, halten regelmäßig Kontakt und haben uns auch manchmal gegenseitig besucht. Doch eine enge Freundschaft entstand nie zwischen uns.
In jenem Winter damals lebte ich für einige Zeit bei meiner Tochter Johanna in München. Meine Gesundheit machte mir zu schaffen, da fiel mir alles zu Hause schwer. Im Frühjahr, als die Sonne die fränkische Erde wieder erwärmte, beschloss ich zurückzukehren.
Ende April, der Schnee war gänzlich verschwunden, betrat ich mein Haus wieder. Die vertraute Stille fühlte sich rätselhaft an, und ich war nervös. Ich begann, in meinem Vorgarten und im Gemüsebeet zu arbeiten, alles vor meinem Haus ordnete ich neu.
Zwei kleine Gewächshäuser gehören mir. In eines pflanzte ich Gurken und Paprika, im zweiten Tomaten und im dritten wahre Träume aus Basilikum.
In den Beeten wuchsen Erdbeeren, Möhren, Zwiebeln und Dill. Entlang des Zauns, der mein Reich von dem meines Nachbarn trennt, standen wuchernde Johannisbeersträucher und Stachelbeeren, wie Wachposten am Grenzpfad. Meine Hände gruben, meine Gedanken flogen. Wieder einmal spürte ich ein seltsames Flackern hinter meinem Rücken. Johanna nahm mich mit in die Stadt, und im Sommer schickte sie mich für einen Monat in ein Sanatorium am Chiemsee.
Schließlich, im September, ging es mir besser. Ich kehrte heim und ging sofort zu meinem Grundstück. Dort sah ich, dass der hölzerne Zaun zwischen meinem Garten und dem meines Nachbarn eigenartig gebrochen war; ich hätte vom Garten meines Nachbarn direkt auf meine Beete gehen können.
Es war offensichtlich: Mein Nachbar benutzte meine Gewächshäuser und Gemüsebeete. Kein Anruf von ihm, obwohl er meine Nummer hatte und sie wie einen verlorenen Schlüssel in der Tasche trug.
Natürlich missfiel mir das. Ich fragte ihn, warum der Zaun beschädigt sei. Er antwortete mit einer seltsamen Ruhe, es sei praktischer für ihn, auf diesem Weg zu gehen so könne er meine Gewächshäuser und Beete leichter erreichen, als würde er durch ein Spiegellabyrinth spazieren.
Ich äußerte meinen Unmut darüber, dass jemand meine Gartenwelt ohne Erlaubnis betritt. Der Nebel in seinen Augen lichtete sich nicht. Ich bat ihn weiterhin, dass er selbst den Zaun wieder instand setzen sollte, und fügte hinzu, er möge die Ernte mit mir teilen. Die Ernte war gar nicht mehr wichtig ich wollte ihm einfach eine kleine Lektion fürs Leben erteilen, wie eine Melodie, die einem lange in den Ohren nachklingt und einen dazu bringt, den nächsten Schritt vor dem anderen zu setzen.





