Der Sohn bringt seine Geliebte mit nach Hause zu seiner Mutter

Der Sohn bringt seine Geliebte zur Mutter

Frau Ursula Klein, probieren Sie doch mal. Ich hab ein bisschen Zimt dazugegeben, so wie Sie es mögen.

Klara stellte den Teller mit einem Stück Apfelkuchen auf den Tisch und wartete, den Blick auf ihre Schwiegermutter gerichtet. Ursula nahm die Gabel, schnitt ein kleines Stück ab, kaute langsam und würdevoll so wie sie alles im Leben tat: nie überhastet.

Sehr gut gelungen. Der Teig ist locker. Nächstes Mal ein bisschen mehr Füllung, ja? Die Äpfel geben Saft, geiz nicht damit.

Ich merke es mir.

Klara drehte sich zum Herd um, wo auf kleiner Flamme leise die Hühnersuppe köchelte. Draußen dämmerte es schon, im Oktober wird es in München früh dunkel, und die Straßenlaternen waren bereits an. Auf der Fensterbank standen drei Töpfe mit Geranien, die im gelblichen Küchenlicht besonders lebendig und heimelig wirkten.

Die Wohnung war groß, drei Zimmer, gebaut in den 70ern, mit hohen Decken und breiten Fensterbänken. Klara schätzte diese Luftigkeit, die Neubauten heutzutage kaum mehr bieten. Morgen würden sie Gäste haben, etwa fünfzehn Leute: Ursula wird siebzig, ein ernstzunehmendes Jubiläum, und Klara verbrachte bereits den dritten Tag fast ausschließlich in der Küche.

Du bist heute unruhig, stellte Ursula fest. Sie fragte nicht sie konstatierte schlicht, wie das nur sehr alte, sehr aufmerksame Menschen tun.

Klara drehte sich nicht um.

Ich bin nur erschöpft. Es gibt einfach so viel zu tun.

Klara.

Den Ton kannte Klara gut. Zweiundzwanzig Jahre teilten sie ein Haus, und längst hatte sie gelernt, wann die Schwiegermutter etwas nur so sagt und wann es ernst ist.

Klara drehte sich. Ursula sah sie über den Brillenrand hinweg aufmerksam und ohne Vorwurf an.

Er ist wieder spät nach Hause gekommen?

Um ein Uhr nachts.

Hat er nach… gerochen?

Nein. Kein Parfum. Nur ein fremder Duft. Wahrscheinlich teuer.

Ursula legte die Gabel auf den Teller und verschränkte ruhig die Hände auf dem Tisch. Ihre Finger waren knotig, mit dicken Gelenken, doch die Bewegungen blieben präzise.

Seit wann das?

Drei, vielleicht vier Monate. Ich weiß es nicht genau. Erst dachte ich, es liegt an der Arbeit. Er sprach von einem neuen Projekt.

Er sprach davon, wiederholte Ursula, leise und fast emotionslos.

Schweigen. Durch die Wand klang der Fernseher; es liefen Nachrichten, der Sprecher redete gutgelaunt über das Herbstwetter.

Meinen Sie, es ist…? Klara sprach den Satz nicht zu Ende.

Ich weiß nicht, was ich denke. Ich weiß nur, dass du drei Nächte hintereinander schlecht geschlafen hast, dunkle Augenringe hast, und heute Morgen um fünf Uhr Kuchen gemacht hast.

Klara lächelte ein wenig, wenn auch unwillkürlich.

Konnt einfach nicht schlafen.

Eben. Sag mir: Hast du mit ihm gesprochen?

Ich habe es versucht. Er sagt, alles sei in Ordnung, ich bilde mir was ein. Viel Stress in der Arbeit, Jahresabschluss, Druck von oben. Die Worte passen, aber… die Augen sehen weg.

Ursula nickte langsam.

Vertrau deinen Augen, nicht seinen Worten. Eine Frau spürt es immer sie will es nur nicht wissen.

Klara wandte sich wieder zum Herd um, rührte die Suppe, stellte auf niedrige Hitze. Sie mochte Mitte vierzig sein, wirkte vielleicht etwas jünger. Kräftig, brünett, an den Schläfen mit ersten, feinen Silberfäden. Ihr Gesicht schlicht, aber schön, mit dieser besonderen Müdigkeit in den Augen, die nur entsteht, wenn jemand lange und ehrlich etwas Schweres getragen hat.

Frau Klein, morgen ist doch Ihr Geburtstag. Lassen Sie uns das heute beiseite lassen.

Gut, dann nicht. Zeig mir besser, was noch zu erledigen ist, ich helfe beim Schneiden.

Schweigend machten sie wieder gemeinsam weiter nebeneinander, Schulter an Schulter, wie sie es seit Jahren taten. Sie schnitten, räumten um, probierten, stellten Töpfe um. Sprachen über Alltägliches: wer morgen aus der Nachbarschaft kommt, dass Ursulas Nichte aus Hannover anreisen wird und ihre Kinder mitbringt.

Doch die Unruhe blieb. Sie war da, gedämpft wie ein Schmerz nach einer Tablette im Wissen, dass die Wirkung vergehen und der Schmerz sich wieder melden würde.

An diesem Abend kam Thomas nicht nach Hause. Klara lag bis drei Uhr nachts wach, starrte an die Decke. Später stand sie auf, machte sich Tee und saß alleine am Küchentisch, bis das erste fahle Licht hinter den Fenstern auftauchte.

***

Die Gäste kommen gegen halb vier. Das Wohnzimmer füllt sich mit Stimmen, Lachen, Parfüm, das von der kalten Straße mitgebracht wird. Ursula sitzt am Kopfende des Esstischs, in ihrem dunkelblauen Kleid, das sie nur zu besonderen Anlässen trägt, und nimmt die Glückwünsche mit dieser ruhigen Würde entgegen, die Menschen haben, die viel erlebt haben.

Klara trägt die Speisen auf, schaut, dass alle einen vollen Teller haben, redet ein paar Worte mit dem, ein paar mit jenem. Sie macht das routiniert, ohne Hektik, wie auf jedem Fest der letzten zweiundzwanzig Jahre. Die Nachbarin Sabine flüstert ihr auf dem Weg in die Küche zu: Du strahlst heute richtig, Klara. Sie lächelt zurück, denkt aber, dass sie keineswegs strahlt sie weiß nur, wie man sich zusammenreißt, das hat das Leben ihr beigebracht.

Thomas kommt erst um sechs Uhr. Die Gesellschaft sitzt schon, die ersten Toasts wurden ausgebracht.

Klara hört die Tür, steht auf und geht in den Flur.

Er steht in der Tür. Neben ihm eine Frau.

Jung. Um die fünf­und­zwanzig. Groß, schlank, im engen Leder­mantel, hellblonde Haare, mit jenem ausdrucksvollen Gesicht, das Frauen haben, die um die Wirkung ihres Äußeren wissen. Sie hat Thomas untergehakt, auf demonstrative, zu deutliche Art und Weise.

Thomas schaut Klara an. In seinem Blick keine Schuld, keine Unsicherheit. Nur der entschlossene Ausdruck eines Mannes, der sich eine schwere Entscheidung endlich abgerungen hat.

Klara, sagt er. Die Stimme ruhig, zu ruhig, wie eingeübt. Das ist Lea. Ich hätte es dir früher sagen sollen, aber… ich sage es jetzt. Vor allen, damit es nicht im Verborgenen bleibt.

Stimmen aus dem Wohnzimmer werden leiser, offenbar hat jemand etwas mitbekommen.

Thomas, sagt Klara leise, deine Mutter sitzt am Tisch. Es sind Gäste da. Nicht heute.

Nein. Ich muss das jetzt klären. Lea und ich sind zusammen. Ich weiß, das ist… aber ich habe mein Leben falsch gelebt, verstehst du? Zweiundzwanzig Jahre lang falsch. Sie ist meine Zukunft. Er nickt in Leas Richtung. Und ich will nicht so tun, als gäbe es das nicht.

Lea bleibt etwas zurück, schaut zur Garderobe, als hätte der ganze Auftritt sie gar nichts anzugehen.

Klara spürt Menschen im Flur. Sie blickt zurück: Nachbarn, Ursulas Nichte, einige andere stehen mit angespannten Gesichtern da. Flüsternd.

Sie weint nicht. Sie steht einfach da, sieht diesen Mann an, den sie zweiundzwanzig Jahre kennt, mit dem sie tausendmal am Tisch saß, der bei ihr lag, als er vor sieben Jahren Lungenentzündung hatte, mit dem sie ihre Mutter vor drei Jahren beerdigt hat. Und denkt nur: Wie kann das alles wahr sein?

Da kommt Ursula aus dem Wohnzimmer.

Langsam, sich auf einen Stuhl stützend, richtet sie sich im Flur auf und tritt zwischen ihren Sohn und Klara. Sie sieht Thomas lange an, ausdruckslos. Dann Lea.

Lea hebt leicht das Kinn, lächelt kurz, etwas zu siegessicher. Das war ein Fehler.

Also Schicksal, sagt Ursula ruhig. Das Schicksal im Ledermantel, an meinem Geburtstag. Schön.

Sie tritt auf Lea zu, sieht ihr direkt in die Augen.

Dich kenn ich, Mädchen. Nicht sofort erkannt, aber jetzt doch. Letzten Sommer warst du in Fehmarn, ich war mit einer Freundin im Kurhaus. Du hast dich an Heinrich Fischer rangemacht, damals fast siebzig, bist mit ihm Arm in Arm spaziert, genau so wie jetzt. Als der abgereist ist, hast du dir einen neuen gesucht. Ich hab zu meiner Freundin gesagt: Siehste, das ist eine Jägerin. Jetzt bist du bei meinem Sohn gelandet.

Stille im Flur. Leas Lächeln verfliegt.

Mama…, beginnt Thomas.

Du musst mich jetzt nicht Mama nennen, wendet sich Ursula streng zu ihm, und etwas in ihrer Stimme lässt ihn sofort verstummen. Du bringst diese… Person zu meinem Geburtstag. In die Wohnung, wo Klara seit Tagen nicht schläft, Kuchen gebacken und alles vorbereitet hat. In ein Haus voller Gäste. Das ist dein Geschenk?

Thomas senkt den Blick.

Ich habe keinen Sohn, der so handelt, sagt Ursula fast ruhig. Geh. Und nimm deine Freundin mit. Sie ist bei dir, dann bist du mir fremd. Das sind keine leeren Worte.

Sie tritt zurück, hält die Tür.

Mama…

Geh, Thomas. Geh.

Und sie schließt die Tür. Nicht laut, einfach nur mit einem leisen Klicken.

Klara steht wie angewurzelt. Die Gäste machen Platz. Sabine berührt sie am Arm.

Komm, setz dich, Klara.

Sie folgt widerstandslos. Sie weint nicht. Es ist seltsam still im Kopf, wie wenn plötzlich die Musik ausgeht. Ursula kommt zurück ins Wohnzimmer, setzt sich ruhig an ihren Platz.

Wem darf ich noch Tee eingießen? Klara, ist noch Kuchen übrig?

Das Fest geht weiter, erst stockend, dann allmählich doch belebt. Die Gäste sprechen wieder, jemand erzählt eine lustige Geschichte, die Nichte spricht über ihre Kinder. Klara lacht, wenn sie soll, antwortet freundlich, wo man sie anspricht. Innerlich ist es leer, aber seltsam ruhig.

Nur einmal, spät abends, als sie abwäscht und alle schon gegangen sind, laufen ihr still die Tränen herunter. Kein Schluchzen, einfach stumme Tränen das Wasser rauscht, keiner sieht es.

***

Um zehn Uhr ist die Wohnung leer. Die Nachbarin Sabine ist die letzte, drückt Klaras Hände und sagt: Kopf hoch, Klara, ja? Dann gehen auch sie.

Ursula und Klara räumen gemeinsam auf: Teller, Reste, Tisch abwischen. Dann sieht die Küche wieder ordentlich aus; Ursula setzt Wasser auf, holt Kekse aus dem Schrank.

Setz dich, Klara.

Klara sinkt auf den Stuhl gegenüber, schaut auf ihre Hände: normale Hände, sechsundvierzig Jahre, der Ehering am Finger. Sie sieht ihn an, dann weg.

Frau Klein, haben Sie Lea wirklich gesehen? Damals im Kurhaus?

Ja. Erst war ich unsicher, aber als sie jetzt den Kopf drehte, fiels mir ein. Sie war mit Fischer unterwegs, Single, Geld, Kinder groß. Eine Woche umschwärmt, er war total begeistert. Als er abfuhr, hat sie sich gleich einen Jüngeren gesucht, auch mit schickem Auto.

Klara schweigt.

Gehts ihr um Thomas? Um die Wohnung?

Die Wohnung gehört dir. Ich hab sie damals auf dich überschrieben. Er hat sein eigenes Konto, Ersparnisse, Auto. Das ist alles.

Dann wird sie warten, schauen, und verschwinden.

Vermutlich, sagt Ursula ohne Bitterkeit. Solche Leute bleiben nur, wenn sie was wollen. Liebe ist das nicht, Klara.

Versteh ich. Es tut trotzdem weh. Nicht weil er weg ist, sondern die Jahre… Wie kann alles unecht gewesen sein?

War es nicht. Ursula schüttelt den Kopf. Er war nur schwach. Das heißt nicht, dass alles Lüge war. Er hats nur nicht ausgehalten. Wir Frauen verstehen das irgendwann gerade wenn man glaubt, es ist zu spät für Neues.

Schweigen. Der Wasserkocher klickt, Klara schenkt Tee ein.

War Ihnen das heute peinlich? Wegen des Geburtstags?

Ursula schüttelt den Kopf, wärmt die Hände an der Tasse.

Nein. Der Geburtstag ist für mich abgeschlossen. Verletzend war es nur für dich. Und ich war wütend auf ihn. Dass er keinen anderen Moment fand. Dass er es vor anderen machen musste. Das ist Feigheit, weil man glaubt, so gibts keinen Streit. Ist aber schlimmer so.

Klara nickt.

Ich weiß nicht, was ich morgen mache. Seine Sachen sind da.

Tu morgen nichts. Schlaf aus. Dann sieh weiter. Nicht gleich alles regeln müssen.

Sie trinken schweigend Tee. Draußen nieselt es, monotoner Oktoberregen. Ursula legt irgendwann die Hand auf Klaras Schulter.

Du bist meine Schwiegertochter. Das bleibt so. Was auch kommt, du bist Familie.

Klara erwidert die Geste. In dieser Nacht schläft sie überraschend fest wie nach einer langen Angst, wenn das Schlimmste passiert ist und man nicht mehr fürchten muss.

***

Der Winter kommt früh in diesem Jahr, schon im November liegt Schnee, der bleibt. Thomas schreibt eine Woche nach dem Geburtstag: er holt seine Sachen, wenn Klara nicht da ist. Sie stimmt zu. Samstags, während Klara bei Sabine ist, holt er Kleidung, Unterlagen, Rasierer und Ladegerät. Mehr nicht.

Die Scheidung läuft über einen Anwalt, ganz nüchtern. Klara unterschreibt die Papiere, fühlt nur Leere kein Schmerz, keine Erleichterung. Nur Stille.

Diese zwei Monate erscheinen ihr später seltsam: nicht schlimm, nicht gut. Im Bauunternehmen, wo sie Buchhalterin ist, behandelt man sie achtsam, fragt manchmal nach, wie es ihr gehe. Ihre Antwort: Danke, es geht schon.

Abends isst sie jetzt immer mit Ursula. Die wohnt zwar im eigenen Zimmer, ist jetzt aber häufiger in der Küche. Zusammen kochen, fernsehen, Karten spielen Ursula gewinnt meistens. Das ist jetzt der neue Takt.

In dieser Zeit entsteht die Idee für das kleine Café.

Alles begann damit, dass Klara zu Sabines Geburtstag viele Piroggen backte: mit Kohl und Ei, mit Apfel und Zimt, mit Pilzen. Sabine schwärmt: Klara, du solltest das verkaufen! Ehrlich, ich würde dafür zahlen!

Alle lachen, auch Klara. Aber die Idee bleibt. Sie denkt immer öfter daran. Ursula ist sofort einverstanden.

Du kannst das, wirklich. Deine Oma hat doch auch Kuchen verkauft, oder?

Auf dem Markt, Großmutter Anni. Von ihr hab ichs gelernt.

Na, dann liegts in der Familie. Wir probierens einfach.

Sie finden rasch einen Laden: ein kleiner alter Kiosk im Erdgeschoss, nahe am Viktualienmarkt. Der Mietpreis ist annehmbar. Ursula denkt sich den Namen aus:

Annis Naschereien, sagt sie. Nach deiner Großmutter.

Klara ist einverstanden.

Im März machen sie auf.

***

An einem Abend im Februar klingelt Thomas.

Klara öffnet, erkennt ihn erst nicht im Türspion. Abgemagert, gealtert in nur zwei Monaten, steht er da, das offene Jackett trotz Kälte.

Klara. Kann ich kurz rein?

Sie wartet auf Schmerz er bleibt aus. Sie fühlt etwas anderes, als stünde ein verblasstes Foto aus ihrer Kindheit vor ihr.

Was gibts?

Sie ist weg. Lea. Seit zwei Wochen. Hat mein Konto leer gemacht und ist weg. Ich… ich habe jetzt nichts mehr. Will nichts, wollte nur reden.

Klara sagt nichts.

Ich wünsche dir nichts Böses, Thomas. Aber hereinlassen werde ich dich nicht. Wir sind geschieden, das wolltest du so. Ich bin dir nichts schuldig.

Versteh ich. Ich dachte nur…

Nein. Hast du was zu essen?

Ich wohne jetzt bei Mama draußen am Tegernsee.

Ists warm?

Gibt einen Holzofen.

Dann hast du alles, was du brauchst. Geh, Thomas.

Er bleibt noch eine Sekunde, dann geht er.

Sie lehnt sich an die Tür und bleibt einen Moment im Flur stehen. Aus der Küche riecht es nach Tee und Kuchen, der Fernseher läuft leise, Ursula liest ein Rezept vor.

Klara schiebt die Küchentür auf, tritt ins Licht.

Wer war da?, fragt Ursula, ohne aufzublicken.

Thomas.

Ursula sieht hoch.

Lea ist weg, sagt Klara. Hat das Geld mitgenommen.

Ursula schweigt, schließt das Buch.

Hast du ihn reingelassen?

Nein.

Ein Moment Stille.

Richtig so, sagt Ursula und schlägt das Rezeptbuch wieder auf. Setz dich, trink Tee. Ich will einen neuen Honigkuchen ausprobieren mit Walnüssen. Was meinst du?

Klara rückt näher, sie blättern gemeinsam im Rezept. Draußen fällt Schnee, und alles ist ruhig.

***

Im Mai läuft der Laden.

Am Anfang hat Klara noch Angst: Sie steckt das letzte Ersparte rein, kann nachts nicht schlafen, rechnet ständig. Ursula nimmt sie morgens bei den Händen und sagt:

Hör auf zu rechnen. Wir machen das richtig. Arbeite einfach.

Und Klara arbeitet.

Sie stehen um fünf Uhr auf. Ursula macht die Füllungen: schmort Kohl, bereitet Quarkcreme, alles nach ihrem eigenen Rezept. Klara knetet den Teig, kann am Gefühl messen, wann er fertig ist. Zusammen backen sie in der engen Ladenküche, das alte Radio im Fenster spielt leise.

Ab zehn Uhr ist alles fertig.

Erst kommen nur wenige Kunden, probieren, kaufen je ein Stück. Dann kommt Frau Meier von der Nachbarstraße, nimmt gleich ein Dutzend mit, kommt wieder, bringt ihre Freundin. So geht es weiter von Mensch zu Mensch. Bald kennen viele den Laden.

Tante Rosi von oben nimmt jeden Tag zwei Apfeltaschen und einen Tee. Ein alter Herr mit Schiebermütze kommt regelmäßig, legt wortlos sein Geld hin, nickt zufrieden. Eine junge Mutter kauft Kartoffeltaschen, weil die als einziges beim Stillen schmecken und ich sonst zu nichts komme.

Der Laden lebt.

Und Klara spürt zum ersten Mal seit langem, dass sie morgens mit Vorfreude aufwacht. Keine Angst, keine Rastlosigkeit echtes Brennen, etwas zu tun. Das ist neu für sie.

Ursula blüht auf. Zehn Jahre war sie nach dem Tod ihres Mannes beinahe schweigsam, jetzt ist sie lebhaft, bringt neue Ideen für Füllungen, begrüßt die Kunden so herzlich, dass alle lächeln, wenn sie gehen.

Sie sind die Chefin hier, sagt Klara lachend.

Ich bin deine Gehilfin. Verwechsel das nicht, erwidert Ursula ernst. Aber das Lob gefällt ihr.

Sie erweitern das Sortiment: Kirschkuchen, Käseschnecken, Honigplätzchen wie zu Omas Zeiten. Die Honigplätzchen gehen sofort weg.

Das Geld reicht aus. Und Klara denkt: Sie verdient, was sie macht, von eigenen Händen. Kein Vergleich zur Buchhaltung im Büro.

***

Eines Freitags, gegen Ende Mai, kommt ein Mann in den Laden.

Er ist um die fünfundfünfzig. Nicht groß, etwas stämmig, graue Schläfen, freundlich. Jeans und einfache Jacke. Aufmerksamer, ruhiger Blick.

Grüß Gott. Mir wurde gesagt, hier gibts die besten Piroggen in ganz München.

Das stimmt, sagt Klara lächelnd. Womit hättens denn gern?

Was empfehlen Sie?

Sie überlegt kurz.

Mit Kohl. Und probieren Sie einen von den Honigplätzchen.

Gut. Acht Stück Piroggen und wie viele Plätzchen sind noch da?

Sieben.

Ich nehme alle.

Während sie alles verpackt, schaut er sich um.

Haben Sie Enkelkinder?, fragt sie unvermittelt.

Er lacht überrascht:

Ja, zwei Stück. Wie ahnen Sie das?

So viele Piroggen und alle Plätzchen bestellt sonst keiner.

Ein leises, ehrliches Lachen.

Stimmt. Fahre zu meiner Tochter übers Wochenende die Buben wollten was Leckeres.

Er bezahlt, greift nach der Tüte, dreht sich zum Gehen, kehrt aber zurück.

Sind Sie jeden Tag offen?

Außer Sonntag.

Dann komm ich Montag wieder. Die Plätzchen sind gut ist da Bio-Honig drin?

Echter Imkerhonig, direkt aus der Nähe.

Das merkt man. Danke!

Er geht.

Ursula kommt aus der Küche.

Wer war das?

Ein neuer Stammkunde, denk ich.

Kommt er wieder?

Hat er gesagt.

Ursula nickt, verschwindet wieder in die Küche. Klara schmunzelt Ursula entgeht nichts.

Er kommt wieder: montags, donnerstags, dienstags. Sein Name ist Peter Baumgartner, Witwer, vier Jahre allein, Bauingenieur, wohnt gleich ums Eck.

All das stellt sich langsam heraus, Stück für Stück. Einmal bringt er Kirschen aus seinem Schrebergarten mit:

Machen Sie Kirsch-Piroggen?

Na klar.

Ursula bäckt daraus die besten, die je probiert wurden.

Im Juni fragt er Klara, ob sie zusammen spazieren gehen.

Ich kenn den alten Hofgarten, mit dem kleinen See, sagt er einfach. Haben Sie am Sonntag Zeit?

Klara sieht ihn an, spürt: Hier spielt niemand etwas vor.

Ja, sagt sie.

Sie spazieren, unterhalten sich: über Peters Enkel, über Klaras Laden, übers Leben. Er kann schweigen, dort laufen, ohne dass eine Stille unangenehm ist.

Am Ende fragt er: Ein anderes Mal wieder?

Gern.

Zuhause wartet Ursula mit Tee und Plätzchen.

Zurück?, fragt sie.

Ja.

Pause.

Netter Mensch?

Klara nickt.

Ein wirklich netter.

Dann ist ja gut.

***

Der Sommer ist warm, sie machen öfter Spaziergänge ohne festen Plan, einfach, wenns passt. Peter kommt nun auch mal nach Hause, bringt Dill oder Tee mit, einmal einen Korb duftender Äpfel vom Garten.

Ursula empfängt ihn mit Tee und Gespräch. Als er weg ist, sagt sie:

Ein grundsolider Mann. Er hört zu. Das ist selten.

Höchstes Lob.

Klara drängt nichts. Sie essen mal im Café, reden, gehen spazieren alles langsam, richtig.

Sie denkt: Das Leben, es muss nicht wie im Fernsehen sein. Keine großen Liebeserklärungen, keine Dramen nur jemand, der fragt: Bist du müde? und ehrlich die Antwort hört.

Im Oktober hilft Peter beim neuen Kühlschrank im Laden, zwei Stunden misst er, stellt aus, ist stolz, als er fertig ist.

Peter, kommen Sie rüber, Tee gibts!, ruft Ursula.

Sie trinken zu dritt am Tisch, erster Schneefall, Apfelkuchen duftend alles ruhig, schön.

***

Im November schafft es der Laden: Zum zweiten Mal in Folge macht er einen ordentlichen Gewinn. Nichts Großes, aber genug. Klara rechnet, lächelt: Geschafft.

Ursula will das feiern.

Nicht groß aber lass uns gut essen. Lad Peter ein.

Am Freitag sitzen sie zusammen. Es gibt Hähnchen, Kartoffelsalat, Ursula hat den perfekten Honigkuchen gebacken.

Peter bringt Wein, Chrysanthemen.

Worauf stoßen wir an?, fragt Peter.

Auf den Laden, sagt Klara.

Auf den Laden und auf uns, ergänzt Ursula.

Sie reden und lachen. Peter erzählt von einem neuen Projekt, Klara erzählt von Plänen fürs Weihnachtsgebäck, Ursula kann Zuckerguss-Muster und plant ausgestochene Plätzchen.

Und was im Sommer?

Ich will Erdbeer-Piroggen machen, und mit Rhabarber. Außerdem muss Ursula dieses Jahr unbedingt zu ihrer Freundin nach Lübeck.

Ursula schmunzelt. Wird Zeit.

Später beim Honigkuchen: Kommt das ins Sortiment?, fragt Peter.

Muss noch rechnen Walnüsse sind teuer, sagt Klara.

Wir kriegen das hin, sagt Ursula.

Beim Abräumen spült Peter ab, Ursula nickt anerkennend.

Beim Gehen lädt Ursula Peter zum Probebacken am Donnerstag ein.

Klara begleitet ihn. An der Tür nimmt er ihre Hand.

Alles gut bei dir?

Ja. Ehrlich, ja.

Er nickt, drückt ihre Hand, geht.

Klara geht zurück, Ursula sitzt mit Tee am Fenster, schaut in den Münchner Nebel.

Erschöpft?, fragt Klara.

Angenehm erschöpft.

Stille. Gute Stille.

Klara, sagt Ursula dann ruhig und nachdenklich. Glück macht keinen Lärm. Es ist still. Es bleibt, wenn du ehrlich bist. Dir selbst und den anderen. Dann kommt es und bleibt.

Klara sieht sie lange an dieses vertraute Gesicht, diese Hände, diesen geraden Rücken.

Sie haben recht.

Hab ich oft, sagt Ursula mit leisem Lächeln und nimmt einen Schluck Tee. Trink, sonst wirds kalt.Im Laufe des Abends sitzt Klara noch eine Weile am Tisch, schiebt die leere Tasse sacht hin und her, lauscht dem rhythmischen Prasseln feinen Regens an der Fensterscheibe. Im Laden bleibt das Licht an eines für die Nacht, das andere für den Morgen, wenn sie wieder backen.

Irgendwann geht sie ans Fenster, blickt hinaus. Überall spiegeln sich Lichter in den nassen Straßen, und auf einmal kann sie für einen Moment alles sehen, was war: die Jahre mit Thomas, die dunklen und langen Nächte, all die Kuchen, die sie gebacken, Tränen, die sie geweint, und Gespräche, die sie mit Ursula geführt hat, leise und fest in dieser Küche, in diesem Haus.

Und sie spürt: Das Leben hat einen Knick gemacht, ja. Aber es ist ihr nicht genommen. Sie ist nicht weniger, sie ist nur anders. Es gibt neue Tage, und zwischen ihnen wärmt noch immer die handwarme Zufriedenheit, die in kleinen Dingen wohnt: in duftenden Plätzchen, einer starken Hand, einem ruhigen Blick, im ehrlichen Lächeln am frühen Morgen.

Im Treppenhaus klingt leise Peters leiser Abschied nach, draußen im Regen rollt die Stadt dem nächsten Tag entgegen. Klara atmet tief und hört Ursula in der Küche summen, ganz leise, wie jede Nacht. Sie bleibt stehen, schließt kurz die Augen, und lächelt langsam. Ihr Herz schlägt ruhig. Endlich.

Und im ersten Licht des neuen Tages steht sie wieder an der Arbeitsplatte, Hände im Teig, und weiß: Das Glück ist leise, aber es bleibt manchmal einfach bei denen, die still weiterbacken, Tag für Tag.

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Homy
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Ein schwerkranker Junge stellt seinem Vater eine letzte Frage… Doch dann betritt ein Fremder das Zimmer