Als die Stille beinahe unerträglich wurde, hallte der erste Applaus wie ein Donnerschlag durch den Saal.
Ein Klatschen, dann noch eins. Im nächsten Moment brach der Raum in tosenden Jubel aus. Die Menschen erhoben sich von ihren Sitzen, applaudierten, ein Bravo! ertönte, Frauen tupften sich die Tränen, Männer räusperten sich um ihre Gefühle zu verbergen.
Emmi stand wie erstarrt, als wäre sie in einem Traum gefangen.
Ihr Herz pochte wild, ihre Ohren dröhnten. Sie hatte fest damit gerechnet, hinausgeworfen zu werden, doch nun richteten sich alle Blicke auf sie das barfüßige Mädchen, das scheinbar aus dem Nichts gekommen war.
Professor Laurenz Stein trat langsam auf sie zu. Seine Schritte hallten auf dem Marmorboden.
Wie heißt du, Kind? fragte er leise.
Emmi, flüsterte sie.
Wo hast du gelernt, so zu spielen?
Nirgendwo. Sie zuckte die Schultern. Meine Mutter hat mir ein paar Noten gezeigt später habe ich selbst weitergemacht.
Stein betrachtete sie lange, als versuche er zu ergründen, wie so reine Musik aus den Fingern eines Kindes kommen konnte, das nicht einmal Schuhe besaß. Dann wandte er sich an das Publikum:
Meine Damen und Herren, ich denke, wir haben heute Nacht ein echtes Wunder erlebt.
Der Applaus brandete erneut auf, doch Emmi hörte ihn nicht mehr. Ihr Kopf drehte sich. Sie hatte seit zwei Tagen nichts gegessen.
Professor Stein bemerkte das und rief den Kellner:
Bringen Sie ihr etwas zu essen. Sofort.
Nach einigen Minuten stellte man ihr eine Schale warme Suppe vor die Nase. Emmi aß still und langsam, als fürchte sie, jemand würde sie ihr wieder wegnehmen. Stein lächelte sie ruhig an.
Die Veranstaltung ging zu Ende. Der Saal leerte sich, nur die Kerzen flackerten noch und der Duft von Parfüm und Wachs lag in der Luft.
Hast du einen Schlafplatz? fragte Stein.
Sie schüttelte den Kopf.
Und Verwandte?
Nein. Nur meine Mutter hatte ich
Stein nickte verstehend.
Morgen früh um zehn erwarte ich dich hier. Ich bringe dich zur Musikschule. Du wirst ihnen vorspielen.
Ich kann nicht, flüsterte sie. Ich habe keine Kleidung, keine Schuhe
Er lächelte sanft.
Das wird nicht mehr dein Problem sein.
Am nächsten Morgen stand Emmi vor dem Eingang des Hotels sauber, gekämmt, in einem schlichten, aber ordentlichen Kleid.
Auf ihrem Rücken hing ein neuer Rucksack, darin das alte Foto ihrer Mutter.
Professor Stein kam pünktlich um zehn, fuhr einen dunkelblauen Opel, einen älteren Typ.
Während der Fahrt sprachen sie kaum. Nur einmal fragte er:
Was hast du gestern beim Spielen empfunden?
Es war, als wäre meine Mutter bei mir, antwortete sie leise.
Er lächelte und fuhr weiter.
Die Musikschule Carl Engel in Stuttgart empfing sie mit strenger Ruhe. Die Sekretärin warf Emmi einen skeptischen Blick zu.
Es tut mir leid, Herr Professor, die Vorspiele sind erst im Frühjahr.
Geben Sie ihr fünf Minuten, sagte Stein. Nur fünf.
Nach fünf Minuten stand der Direktor auf, sprachlos.
Dieses Kind braucht kein Vorspiel. Sie ist Musik.
So wurde Emmi Grün die jüngste Schülerin der Schule.
Jahre vergingen.
Ihr Name tauchte auf Plakaten, in Zeitungen und im Fernsehen auf.
Man sagte, ihre Musik enthalte nicht nur Technik, sondern Seele.
Doch sie vergaß nie die erste Schale Suppe und jenen Saal, in dem sie zum ersten Mal spielen durfte.
Professor Stein wurde ihr Mentor, später wie ein Vater. Er sah zu, wie sie wuchs, wie sie auf den großen Bühnen gefeiert wurde und das Publikum bei ihren Konzerten weinte.
Und doch lag in ihren Augen immer die Traurigkeit eines Kindes, das einmal hungrig gewesen war.
Acht Jahre später, im selben Hotel Kaiserhof, fand wieder der Ball Chance für die Jugend statt.
Ein neuer Flügel, dieselben Gäste, teure Anzüge und Diamanten.
Professor Stein saß in der ersten Reihe nun grauhaarig, aber aufrecht und stolz.
Der Moderator trat auf die Bühne:
Meine Damen und Herren, heute Abend ist ein Mädchen unter uns, dessen Geschichte genau hier begonnen hat. Begrüßen Sie bitte Emmi Grün!
Sie trat auf in einem weißen Kleid, ohne Make-up, mit einem Lächeln.
Der Saal verstummte.
Sie setzte sich an den Flügel, doch bevor sie spielte, blickte sie zu den Menschen:
Vor acht Jahren kam ich hier barfuß herein. Ich wollte nur satt werden. Ein Mensch sagte damals: Lass sie spielen. Heute spiele ich für ihn.
Und sie spielte.
Dieselbe Melodie, aber nun reifer und kraftvoller.
In jeder Note lag Schmerz und Licht zugleich.
Als der letzte Ton verklang, stand Stein auf. Er applaudierte nicht er sah nur. In seinen Augen glänzten Tränen.
Er trat zu ihr, umarmte sie und sagte:
Jetzt kannst du die ganze Welt mit deiner Musik nähren.
Eine Woche später gründete Emmi ihre Stiftung Note der Hoffnung.
Schon am ersten Tag ging sie zum Hauptbahnhof, wo obdachlose Kinder schliefen.
Sie näherte sich einem Jungen, der auf dem Gehweg saß, und reichte ihm eine warme Brezel.
Hast du Hunger?
Ja.
Kannst du ein Instrument spielen? fragte sie.
Nein, antwortete das Kind.
Emmi lächelte:
Komm mit mir. Ich zeige dir wie.
Die Zeitungen schrieben:
Das Mädchen, das einst für eine Schale Suppe spielte, gibt heute anderen das Brot.
Aber Emmi wusste: Das wahre Wunder war nicht der Applaus, nicht der Ruhm.
Es geschah damals, als ein Mensch einfach sagte:
Lass sie spielen.
Und seither blieb niemand mehr hungrig, solange es Musik gab.




