Ehemann für das Wochenende

Wochenend-Ehemann

Die Frikadelle lag genau im Zentrum des Tellers. Andreas schaute sie an und spürte, wie sein Magen leise protestierte.

Katrin, darf ich mir ein Butterbrot machen? Ich hab wirklich Hunger.

Andreas, das Abendessen ist in zwanzig Minuten fertig. Wenn du jetzt was isst, ist das Essen kalt.

Nur ein kleines Stück. Ich halte es sonst nicht mehr aus.

Kannst du die zwanzig Minuten nicht warten? Ich hab das genau durchgeplant. Die Kartoffeln sind um 19:15 fertig, das Hähnchen um 19:20. Wenn du jetzt was nimmst, hast du später keinen Appetit mehr.

Andreas seufzte und setzte sich an den Tisch. Katrin stand am Kühlschrank und sortierte die Sachen, die sie gerade vom Rewe mitgebracht hatte. Jedes Produkt hatte seinen Platz. Die Milch auf das zweite Regal von rechts, der Käse ins untere Fach, die Joghurts nach Haltbarkeitsdatum ordentlich an den Rand.

Darf ich wenigstens einen Tee machen?

Mach ruhig. Aber nur einen Teelöffel Zucker.

Katrin, ich bin ein erwachsener Mann.

Du hast sowohl von deinem Vater als auch von seinem Vater die Vorbelastung für Diabetes geerbt. Ein Löffel reicht.

Andreas griff zum Wasserkocher, aber Katrin war schneller, schenkte ihm den Tee ein, maß den Zucker ab und stellte die Tasse vor ihn.

Hier. Trink.

Er blickte kurz auf die Tasse, dann zu ihrem Rücken, der sich wieder dem Kühlschrank zuwandte. Er nahm einen Schluck. Zu schwach, kaum süß. Er schwieg.

Draußen wurde es schon dunkel. Der Oktober bringt in München die Dämmerung früh. In ihrem ruhigen Wohnviertel, wo die Häuser eng wie Dominosteine nebeneinanderstanden, kam die Dunkelheit noch schneller. Die Straßenlaternen warfen ihr gewohntes Licht, die Autos standen auf ihren Stammplätzen. Alles wie immer.

Sie waren 57 und 55, lebten seit dreißig Jahren zusammen. Die Wohnung war blitzblank wie eine Zahnarztpraxis und so leise wie eine Kirche.

***

Samstag begann immer um acht. Nicht, weil sie nicht hätten länger schlafen können, sondern weil dann die Tagesordnung begann. Die hatte Katrin am Freitagabend in ihr kariertes Notizbuch geschrieben. Schön säuberlich.

Acht Uhr: Frühstück.

Halb neun: Feuchtes Wischen.

Zehn Uhr: Einkaufen. Edeka am Sendlinger Tor, Putzmittel extra.

Zwölf Uhr: Mittag.

Dreizehn Uhr: Pause.

Vierzehn Uhr: Besuch bei Tante Ingrid.

Siebzehn Uhr: Heimkehr.

Halb sechs: Abendessen.

Halb sieben: Fernsehen oder ein Buch.

Zehn Uhr: Schlafen.

Andreas kannte die Liste auswendig. Nicht weil er sie gelesen hatte, sondern weil sie sich seit Jahren nicht geändert hatte. Nur die Zeit für den Familienbesuch wechselte, manchmal auch der Supermarkt.

Er wischte den Flur und dachte an Angeln. Einfach so. Wie lange hatte er das nicht mehr gemacht? Acht Jahre vielleicht. Damals war er mit seinem Kumpel Holger zum Starnberger See gefahren. Drei kleine Barsche und einen Karpfen hatten sie rausgezogen. Bis spät abends am Ufer, Suppe gekocht über offenem Feuer im alten Topf. Holger erzählte Witze, beide lachten so laut, dass die Enten davon flatterten.

Er war damals erst nach Mitternacht zurückgekommen. Katrin hatte noch gewartet.

Weißt du eigentlich, wie spät es ist?

Ja, Katrin. Es ist später geworden.

Später geworden. Ich hab dich achtmal angerufen. Das Abendessen steht im Kühlschrank. Ist jetzt sowieso nicht mehr frisch.

Tut mir leid.

Weißt du, wie ich mich gesorgt habe?

Entschuldige, Katrin.

Danach war er nie mehr zum Angeln gefahren. Nicht, weil sie es ihm verboten hätte. Es ergab sich einfach nicht mehr: immer standen andere Verpflichtungen an. Irgendwann hörte er auf, überhaupt zu fragen. Es war einfacher so.

Andreas, wringst du den Lappen richtig aus? Wenn er zu trocken ist, gibts Streifen.

Er machte es so, wie sie es wollte, obwohl er den Unterschied nicht sah. Der Boden glänzte. Katrin war stolz auf ihre Wohnung. Einmal hörte er sie am Telefon zu einer Freundin sagen: Bei mir kann man vom Fußboden essen. Andreas dachte sich, er hätte selbst bei sauberstem Boden keine Lust darauf.

Der Einkauf verlief nach Plan. Das Mittagessen ebenso. Tante Ingrid servierte Kartoffelpuffer, etwas angebrannt, aber Katrin meinte höflich (und für alle hörbar): Ingrid, ich glaube dein Ofen heizt ungleichmäßig. Andreas fand die Puffer gerade wegen des Angebrannten so gut.

Zu Hause waren sie zehn Minuten zu früh.

Katrin brachte die Beutel rein, setzte Wasser auf und holte den Quarkauflauf aus dem Kühlschrank. Perfekte Form, genau in sechs gleiche Stücke geteilt.

Andreas setzte sich, schaute auf den Auflauf und spürte eine leise Panik. Nicht wegen des Auflaufs. Wegen allem. Weil er genau wusste, was morgen passieren würde. Und übermorgen. Und nächstes Jahr.

Er aß, trank, und ging dann fernsehen.

***

Der Staubsauger ging am Mittwochabend kaputt. Andreas zerlegte ihn auf dem Küchentisch. Filter verstopft, und die Bürste da war eindeutig ein Halter kaputt. Nichts Dramatisches. Seit 22 Jahren arbeitete er als Instandhaltungstechniker bei Siemens. Ein Klacks, dachte er.

Katrin kam herein.

Was machst du da?

Reparieren. Der Filter ist dicht, und das Bürstengehäuse ist gebrochen.

Andreas, ruf doch einen Handwerker. Das muss ein Profi machen.

Katrin, das sind kleine Dinge, das kann ich leicht alleine.

Du hast schon zweimal das Bügeleisen selbst repariert einmal ging es danach gar nicht mehr, und das andere Mal wurde es nur noch einseitig heiß.

Das war etwas anderes. Das hier sehe ich genau.

Andreas.

Katrin, ich bin Ingenieur.

Bei Siemens, ja. Aber nicht in der Hausgeräte-Reparatur. Blamier dich nicht, sonst wird es teuer.

Irgendetwas schob sich in ihm zurecht. Leise, schwer, wie ein alter Findling, der lange unbewegt lag und dann plötzlich losrollt. Er betrachtete den Staubsauger, seine Hände, ihr konzentriertes Gesicht.

Ich mach das! Katrin.

Andreas…

Ich. Repariere. Das.

Sie sah ihn überrascht an, dann leicht gereizt. Dann verließ sie die Küche und kam nicht wieder.

Er schraubte über eine Stunde. Der Staubsauger lief danach besser denn je, der Filter war sauber. Andreas räumte alles zusammen, schaltete das Gerät an ein schönes, gleichmäßiges Brummen.

Katrin ging vorbei, sah das Gerät, nickte, sagte aber nichts.

Er merkte, dass er darauf gewartet hatte: Gut gemacht!

***

Das Inserat entdeckte er an der S-Bahn. Reparatur alter Geräte, Apparate, Staffeleien und mehr. Adresse und Telefonnummer! Sein Plattenspieler, ein alter Dual, stand seit drei Jahren nutzlos herum. Katrin hatte vorgeschlagen, ihn wegzuschmeißen. Andreas vertröstete immer: Demnächst mal. Und stellte das Ding zurück ins Regal.

Den Dual hatte er vor der Hochzeit gekauft. Sein Vater hatte mitfinanziert. Damals hörte er Reinhard Mey und Hannes Wader, die Platten standen im Studienwohnheim am Fenster. Als er mit Katrin zusammenzog, packte sie die Platten in eine Kiste: Stauben nur. Lass sie im Keller. Manchmal öffnete er die Kiste, fasste die Platten an und stellte sicher, dass sie noch da waren.

Die Telefonnummer war nie erreichbar. Er fuhr also zu der Adresse am Sendlinger Tor, in einen Altbau, die Fassade bröckelte, schwere Metalltür.

Dritte Etage, Klingel. Es dauerte, dann polterte etwas, ein Schlüssel drehte sich.

Eine Frau etwa in seinem Alter öffnete. Weites Leinenhemd, bunt verschmiert mit blauer und gelber Farbe. Strubbelige Haare, ein grüner Farbklecks auf der Wange.

Hallo. Sind Sie wegen der Anzeige da?

Ja. Mir wurde gesagt, Sie reparieren…

Kommen Sie rein. Ich bin Judith, einfach nur Judith. Vorsicht, Staffelei im Flur, nicht drüber stolpern.

Er trat ein und blieb einen Moment sprachlos stehen.

Hier war alles anders als bei ihm zu Hause. Oder vielmehr erinnerte ihn vieles an Studentenzeiten bei Architekten, die er damals kannte. Leinwände überall: unbemalte, halbfertige, dick übermalte übereinander. Pinsel standen in Gläsern, Tuben lagen herum, Zeitungen deckten den Boden suchlos. Und auf dem Sofa lag ein roter Kater und musterte Andreas wie ein König.

Es roch nach Farbe, Leinenöl, Kaffee und noch irgendwas nach Leben vielleicht.

Entschuldigen Sie das Chaos, meinte Judith lachend, ich war seit früh am Malen, da kam ich nicht zum Aufräumen.

Nicht schlimm, sagte er ehrlich überrascht.

Was wollen Sie reparieren lassen?

Meinen Plattenspieler. Dual, älteres Modell. Der Motor läuft nicht mehr an, ich hab selbst probiert, aber…

Oh, ein Dual! Ich kenn das Modell. Haben Sie schon die Fernbedienungsbatterie gewechselt? Manchmal korrodiert da was.

Schon gecheckt. Nein, das Problem liegt tiefer.

Judith nickte, überlegte kurz.

Haben Sie das Gerät dabei?

Nein, wollte erst fragen. Telefon ging nie ran.

Ach, mein Handy verlege ich gefühlte fünfzigmal am Tag. Gestern hab ichs unterm Sofa wiedergefunden. Bringen Sies vorbei, dann schauen wir. Aber solange Sie schon da sind könnten Sie mir eben bei etwas helfen? Dann machen wir für die Reparatur einen Freundschaftspreis.

***

Die Staffelei stand im großen Zimmer am Fenster. Alt und wackelig, das Keilrahmengelenk verbeult, die Schrauben griffen kaum.

Hier, zeigte Judith, das Gelenk ist ausgeleiert ich versuchte es provisorisch mit einer kleineren Schraube, aber das wackelt eben.

Andreas kniete sich hin, bat um einen Schraubendreher. Judith kramte lange und kam mit dreien zurück, unsicher, welcher passt. Andreas fand den richtigen, zog die Schraube raus, fragte nach Isolierband, packte ein paar Lagen drum und drehte alles wieder fest. Jetzt hielt die Staffelei.

Das ist aber nur eine Übergangslösung, erklärte er, Sie brauchen eine M6-Schraube mit Mutter, gibts in jedem Baumarkt.

M6? Judith kritzelte es sich auf mit schwarzer Farbe direkt auf die Zeitung. Damit vergesse ichs nicht. Kommen Sie, wir trinken einen Tee, ich hab zufällig noch ein paar gestrige Piroggen mit Kraut.

Eigentlich wollte er gehen. Er musste doch noch nach Hause. Katrin würde

Gerne, sagte er.

***

Sie tranken Tee in der winzigen Küche. Am Fenster wucherte Grün in Blumentöpfen, auf dem Teller lag der Piroggenturm, ohne Servietten, einer kippte fast um.

Andreas nahm einen. Er war leicht klamm, aber köstlich. Die Füllung wie damals bei seiner Mutter.

Lecker, sagte er.

Wirklich? Ich konnt nie backen, ehrlich. Meine Tochter hats mir beigebracht, bevor sie nach Berlin zum Studium wegzog.

Und Sie wohnen hier allein?

Seit gut 25 Jahren. Früher mit meinem Mann, wir haben uns letztes Jahr getrennt. Jetzt wohne ich mit meinem Kater Karlchen.

Karlchen setzte sich beim Geräusch von seinem Namen auf, schaute in Richtung Küche und rollte sich wieder zusammen.

Hat Sie das belastet?

Die Scheidung? Anfangs, klar. Aber danach wars wie wenn man steinharte Schuhe auszieht. Erst merkt man, wie sehr man sich schon wundgelaufen hat.

Andreas schaute durchs Fenster. Unten stand ein großer Baum, und einzelne gelbe Blätter hingen noch fest.

Sind Sie Ingenieur?

Ja, bei Siemens.

Interessant?

Arbeit halt. An sich mag ich Technik. Privat. Sachen reparieren, basteln. Und Angeln.

Angeln? Erzählen Sie!

Er war erstaunt. Immer wenn er zuhause davon anfing, wechselte Katrin das Thema: Da sitzt man nur und wartet. Judith hingegen hörte ihm zu, wirklich zu.

Früher war ich im Sommer immer mit dem Vater unterwegs. Morgens los, es war noch dunkel, dann der Dunst über dem Wasser, absolute Stille.

Judith stützte ihren Kopf in die Hand und hörte zu.

Er erzählte und erzählte. Als er auf die Uhr sah, waren zweieinhalb Stunden vergangen, fast neun abends.

Oh je, ich muss los!

Na klar. Danke für deine Hilfe. Und für die Angelgeschichten.

Dafür?

Man sieht das Wasser direkt vor sich.

Auf dem Heimweg dachte er, wann ihn wohl zuletzt jemand wirklich so zugehört hatte.

***

Katrin saß in der Küche, als er heimkam. Das Abendessen stand kalt und abgedeckt auf dem Tisch. Ihr Blick angespannt, gleich würde das Gespräch losgehen.

Wo warst du?

Ich war wegen des Plattenspielers unterwegs. Die Frau ist Künstlerin, hat um Hilfe gebeten, da dauerte es länger.

Du hättest Bescheid sagen müssen.

Ich wusste nicht, dass es so lange dauert.

Ich hab dich um sieben erwartet. Die Frikadellen sind trocken. Ich hab sie zweimal aufgewärmt.

Er blickte auf den Teller und dann auf sie.

Tut mir leid wegen der Frikadellen.

Es geht nicht um die Frikadellen! Es geht ums Prinzip. Wir haben Absprachen. Wenn du gehst sagst du Bescheid. Das ist Respekt.

Ich weiß. Hab nicht drangedacht.

Das ist immer so mit dir. Letzten Dienstag auch: ich hab Magerquark fünf Prozent aufgeschrieben, du bringst Neun Prozent mit. Musste ich wegwerfen.

Er hängte die Jacke auf, ruhig, während innen was wie eine Sprungfeder spannte.

Ich hab da gegessen. Sie hatte Krautpiroggen.

Aha. Piroggen.

Ja.

Andreas, du fährst los wegen einem Dual und kommst erst um neun abends mit Piroggen nach Hause. Du merkst schon, wie das klingt?

Ich hab geholfen, Tee getrunken, das wars. Sie lebt allein, keine Männer im Haus.

Wer ist diese Frau?

Judith. 54, Kunstlehrerin. Seit einem Jahr geschieden.

Also kennst du schon alles.

Wir haben uns beim Tee darüber unterhalten, Katrin. Das ist alles.

Katrin nahm das Frikadellen-Teller und verstaute es im Kühlschrank. Zügig, knapp.

Mach dir selbst warm, wenn du willst. Ich geh schlafen.

Sie verließ die Küche. Andreas blieb am Tisch, in der Stille des abendlichen Regens. Er dachte: Auch Regen hält sich nicht ans Programm.

***

Es kam noch öfter vor. Er brachte den Dual vorbei, Judith schaute nach. Sie bat ihn, zwei Tage später wiederzukommen. Plattenspieler lief danach, ein Freund von ihr hatte den Motor repariert. Sie tranken zusammen Tee; diesmal brachte er einen Kirschkuchen vom Bäcker mit.

Bald kam er auch einfach mal so vorbei, um zu schauen, ob sie nun die M6-Schraube besorgt hatte. Hatte sie, aber wieder falsch (M4). Sie lachte, er lachte, dann montierte er den passenden Bolzen, den er selbst mitgebracht hatte.

Katrin wusste von den Besuchen, aber nicht im Detail. Er sagte nur, er fahre in die Werkstatt, mehr nicht. Vielleicht wollte sie keine Details wissen. Vielleicht reichte ihr zu wissen, dass er zum Abendessen wiederkäme.

Einmal kam er wieder spät nach Hause. Sie hatten in den Cezanne-Kunstband geschaut, Judith erklärte ihm das Licht, und die Stunden vergingen unmerklich. Andreas hörte zu und stellte fasziniert fest: Noch nie hatte er sich für Licht in Gemälden wirklich interessiert.

Katrin wartete.

Frikadellen…

Katrin, hör zu.

Ihr Blick war diesmal anders. Nicht verärgert, sondern ängstlich. Wirklich ängstlich.

Andreas, was geschieht mit uns?

Nichts geschieht. Ich treffe mich mit einer Bekannten, rede, repariere ab und zu was. Mir tut das gut.

Begreifst du selber, was du sagst?

Ja. Da läuft nichts, was… also nichts, woran du denkst. Wir reden einfach.

Ihr redet nur.

Ja.

Andreas, wir sind dreißig Jahre zusammen. Ich führe den Haushalt, achte auf deine Gesundheit, manage unser Budget, arbeite als Hauptbuchhalterin in der Münchner Bau AG, ich schaffe alles. Ich habe immer an uns beide gedacht.

Weiß ich, Katrin.

Und warum gehst du dann zu einer Künstlerin, statt nach Hause zu kommen?

Er konnte nichts darauf antworten. Oder doch, aber das hätte zu weh getan.

***

Am Freitag packte er. Ein paar Hemden, Rasierer, Buch. Katrin stand im Türrahmen, sah zu.

Wohin willst du?

Ich brauch ein paar Tage, um nachzudenken.

Das ist Unsinn, Andreas.

Vielleicht. Ich geh trotzdem.

Du gehst zu ihr.

Ich geh, um nachzudenken.

Andreas!

Er schloss die Tasche. Schaute sie an. Katrin stand gerade, in ihrem blütenweißen, gebügelten Bademantel. Ratlos, völlig aus dem Konzept gebracht.

Ich ruf an, sagte er.

Und ging.

***

Judith fragte nicht viel. Als er anrief und fragte, ob er ein paar Tage kommen dürfe, meinte sie nur: Klar, das Sofa ist frei.

Er schlief im Wohnzimmer zwischen den Leinwänden. Karlchen, der Kater, machte sich nachts an seinen Füßen breit. Morgens kochte Judith Kaffee im Stieltopf, mit Kardamom, und sie hörten Radio in der kleinen Küche. Sie redeten kaum Wichtiges. Alltag, Wetter, Karlchens Launen.

Katrin rief an. Erst stündlich, dann seltener. Wenn Andreas ranging, fragte sie:

Hast du deine Tabletten genommen?

Ja, Katrin.

Hast du eine warme Jacke dabei? Wird kalt am Wochenende.

Hab ich.

Du hast übermorgen Termin beim Hausarzt. Nicht vergessen, ich habs für dich notiert.

Danke, Katrin.

Andreas, kannst du nicht einfach zurückkommen? Was fehlt denn eigentlich?

Eine Pause.

Ich meld mich bald, Katrin.

Bald kam eine SMS von ihrer Freundin Sabine: Andreas, bist du verrückt? Katrin ist fix und fertig. Dann rief sein Chef an, Herr Meyer: Andreas, alles in Ordnung? Katrin hat angerufen, du seist weg? Dann schrieb sogar ihr Cousin Thomas. Katrin hatte alle versammelt, wie immer, wenn es ernst wurde.

Wie geht es dir?, fragte Judith eines abends.

Komisch. Ein bisschen unheimlich, ehrlich.

Verständlich.

Weißt du, heute früh wusste ich gar nicht, was ich anziehen soll. Hab einfach das genommen, worauf ich Lust hatte. Nicht weiß, nicht grau, sondern dieses dunkelblaue Hemd. Das hab ich seit zwanzig Jahren nicht selbst rausgesucht.

Sie hat immer alles rausgelegt?

Abends parat gelegt. Sie meinte, sonst zieh ich mich nicht passend an. Ich hab mich daran gewöhnt.

Judith schwieg.

Sie liebt mich, das weiß ich. Auf ihre Weise.

Ich glaub dir das.

Aber bei ihr da war ich… irgendwann weg. Ich war kein eigener Mensch mehr. Nur eine Figur in ihrem Kalender.

***

Katrin fand ihn sonntags. Sie hatte den Anschluss über die Telefonrechnung herausgefunden, sie fand immer alles. Als sie vor der Tür stand, sahen sie sich einen Moment lang schweigend an.

Darf ich hereinkommen?

Er trat beiseite.

Sie schaute sich um. Ihre Augen blieben kurz an Judiths alten bunten Schuhen stehen, einer war umgekippt. Am Haken hing ein bunter Schal, darunter eine Farbfleckige Jacke. Aus dem Zimmer lugte eine Leinwand hervor.

Judith trat aus der Küche. Die beiden Frauen sahen sich an.

Guten Tag, sagte Katrin.

Guten Tag, antwortete Judith.

Katrin wandte sich an Andreas.

Gehts dir gut?

Ja.

Nimmst du die Tabletten?

Katrin

Ich frage nur.

Aus der Küche roch es nach Salat. Andreas hatte gerade Gürkchen geschnitten schief, unregelmäßig. Als Katrin die Stücke sah, stockte ihr der Atem. Gurken müssen ordentlich geschnitten sein.

Katrin, sagte er, du hättest nicht kommen müssen.

Andreas, ich habe dir mein Leben geschenkt, ihre Stimme zitterte, Ich habe mich um dich gekümmert. Dreißig Jahre lang. Alles für dich.

Ich weiß.

Warum dann?

Judith sagte leise:

Katrin, darf ich etwas sagen? Nicht als Gegnerin, einfach als jemand, der von außen draufblickt.

Sagen Sie.

Sich kümmern bedeutet, dass es dem anderen gutgeht. Dass er bei dir atmen kann. Sonst ist es keine Fürsorge, sondern Manchmal hält Ihre Sorge ihn fest.

Katrin schwieg.

Sie kennen unser Leben gar nicht, sagte sie schließlich.

Nein, sagte Judith ruhig.

Andreas fasste Katrins Hand, sie ließ sie los.

Katrin, ich reiche die Scheidung ein. Nicht, weil ich dich nicht geliebt habe. Sondern weil ich so nicht mehr leben kann.

Sie schaute lange auf ihre Hand, dann löste sie sich und drehte sich zur Tür.

Vergiss die Tabletten nicht, sagte sie. Sie sind im blauen Kästchen, rechts oben.

Die Tür fiel leise ins Schloss.

***

Die Scheidung dauerte ein halbes Jahr. Die Wohnung blieb ihr, das war ihm gleich. Er mietete ein Zimmer unweit vom Sendlinger Tor, im Nachbarhaus von Judith sogar. Kurios, aber so hatte es sich ergeben.

Sein Leben baute er neu, langsam, Stein um Stein.

In den ersten Monaten tat er lauter ungewohnte Dinge. Er kaufte im Laden das, wonach ihm war, nicht nach Liste. Brot, das einfach gut aussah. Aß manchmal stehend vor dem Kühlschrank, direkt aus der Box. Ging nicht um zehn, sondern wann er wollte, ins Bett. Sah bis nach Mitternacht einen alten Film, den er seit zwanzig Jahren nicht gesehen hatte, und war dabei glücklich wie ein Lausbub.

Mit Judith entwickelte sich alles langsam. Sie mochten sich, ließen sich Zeit. Es schien ihnen wichtig, gerade deshalb nicht zu hetzen.

Im Frühjahr fuhren sie gemeinsam zum Angeln.

Andreas mietete die Ausrüstung, Judith fuhr mit ihrem alten roten Golf mühsam im Anstieg, Qualm beim Anfahren hinaus zu einem kleinen See bei Dachau. Judith hatte noch nie geangelt.

Ich hab keine Ahnung!, sagte sie.

Am Ufer war das Gras nass, das Morgenlicht schwach und rosa. Andreas griff zum Rucksack und stellte fest, dass er die Thermoskanne vergessen hatte.

Zu blöd, jetzt haben wir keinen Kaffee.

Macht nichts, sagte Judith. Guck mal, wie der Nebel überm Wasser steht.

Der Nebel war weiß und leicht. Es war einfach nur schön.

Andreas fing einen Barsch. Nicht groß, aber wild. Judith lachte laut auf.

Lass ihn frei! Er ist doch noch ein Baby.

Er ließ ihn schwimmen.

Zurück kamen sie ohne Fisch, aber dreckig wie die Wilden, weil Andreas am Ufer im Matsch ausrutschte und Judith mitriss. Sie lachten, bis ihnen der Bauch weh tat. Die Jacke war nicht zu retten.

Egal, meinte Judith, was für ein Morgen!

Er sah zu ihr, die Strähnen aus der Mütze hingen, das Gesicht lachend, der Ärmel voller Schlamm. Und er dachte: Das ist es. Das ist Leben. Nicht Programm oder Liste. Sondern Matsch und rosa Nebel.

***

Im Herbst heirateten sie, eineinhalb Jahre später. Eine kleine Hochzeit. Holger von der Arbeit kam, Judiths Freundin Eva machte Fotos. Karlchen saß auf dem Fensterbrett und tat so, als ginge ihn das alles nichts an.

Das Zusammenleben mit Judith war lebendig und ein bisschen verrückt. Sie kaufte plötzlich statt Brot Farben, er bastelte stundenlang alte Radios, verstreute überall Bauteile. Sie verlegte ständig ihre Schlüssel. Er ließ das Wasser laufen.

Sie stritten auch. Ernsthaft sogar, über Geld, über ihre Angewohnheit überall Pinsel liegen zu lassen, die dann eintrockneten, über sein Werkzeug, das er temporär an den seltsamsten Plätzen vergaß. Einmal fand sie seinen Schraubenschlüssel im Kühlschrank und er wusste wirklich nicht mehr, wie der dahin kam.

Aber sie zählten nicht die Fehler der anderen. Es gab keine Listen. Nach einem Streit kam immer jemand zuerst in die Küche und setzte Wasser auf. Das bedeutete: Schwamm drüber. Und der andere kam dann auch. Dann tranken sie Kaffee.

***

Katrin erfuhr von der Hochzeit durch Sabine. Die wusste immer alles.

Nach Andreas Auszug lief Katrin im Autopilot. Die Wohnung war sauber. Das Essen stand pünktlich auf dem Tisch. Die Arbeit im Münchner Bau brachte sie erledigt nach Hause.

Doch abends war die Wohnung still. Zu ruhig, zu groß. Beim Tee am Küchentisch bemerkte sie plötzlich, dass sie wie immer zwei Tassen hingestellt hatte. Sie räumte eine weg und das tat plötzlich weh.

Bei der Arbeit hielt ihre Chefin, Frau Schmidt, sie eines Tages nach dem Teammeeting zurück.

Katrin, was ist los mit Ihnen?

Alles in Ordnung.

Sie sind seit Wochen nicht in Ordnung. Haben Sie Eheprobleme?

Katrin schaute überrascht.

Woher wissen Sie das?

Ich war selbst mal betroffen, da sieht man sowas. Mein Rat: Fangen Sie nicht beim Großputz zu Hause an. Fangen Sie bei sich an. Am besten mit einer neutralen Gesprächspartnerin.

Sie wollte widersprechen, schwieg aber.

***

Die Psychologin suchte sie selber raus. Die Praxis war schlicht, die Therapeutin um die Mitte Vierzig. Die ersten Sitzungen sprach Katrin wenig. Bei der vierten fragte die Therapeutin:

Wann hatten Sie wirklich, für sich, Angst? Nicht um Andreas. Um Sie selbst.

Sie überlegte lange.

Als er die Tasche packte. Als ich verstand, dass ich ihn nicht festhalten kann, dass ich keine Kontrolle mehr habe.

Warum ist Kontrolle so wichtig für Sie?

Wieder schwiegen sie.

Sonst bricht alles auseinander. Meine Mutter sagte immer: Katrin, du musst alles in der Hand haben, sonst laufen die Männer weg. Ihr Mann, mein Vater, ist trotzdem verschwunden. Aber sie blieb so.

Die Stille im Zimmer war weich.

Sie hatten also immer Angst, dass Sie verlieren, wenn Sie locker lassen.

Ja.

Und was ist passiert?

Wenn man zu festhält, verliert man auch.

Als sie das sagte, spürte sie Erleichterung.

***

Sie ging auf Anraten von Sabine in die Kunsthalle. Da ist eine tolle Ausstellung!, meinte diese. Katrin ging hin besser, als in der Wohnung zu schmollen.

Die Ausstellung gefiel ihr. Die Aquarelle, das helle, fließende Licht.

Vor einem Flussbild stand neben ihr ein Mann etwas älter, mit freundlichen, leicht verträumten Augen. Sie betrachteten beide das Bild.

Interessant, murmelte er, wussten Sie, dass die Ecke wirklich freigelassen wurde? Schauen Sie, dort ist nur das weiße Papier. Das macht das ganze Bild aus.

Katrin folgte seinem Finger.

Hab ich noch nie bemerkt.

Geht vielen so. Ich bin Martin.

Katrin.

Er war ungeschickt. Beim Hinausgehen blieb er mit der Jacke an der Türklinke hängen, die Jacke sprang auf, und er versuchte verzweifelt, den Reißverschluss richtig zu schließen. Es klappte nicht.

Ohne nachzudenken, griff Katrin ein.

Darf ich mal?

Sie richtete die Zähne der Jacke und schob die Naht. Es klickte.

Danke, sagte er, als hätte sie etwas Großartiges vollbracht. Ich kämpfe seit Wochen damit.

Zeit für eine neue Jacke.

Glaub ich auch. Ich schiebs immer auf. Shoppen ist schrecklich.

Sie blieben noch kurz draußen. Martin war Gitarrenlehrer in derselben Kunsthalle, besuchte regelmäßig diese Ausstellungen.

Vielleicht sehen wir uns nächsten Sonntag wieder!

Sie sagte nichts. Aber sie kam tatsächlich wieder.

***

Mit Martin war es ungewohnt. Er war Witwer, seine Frau vor drei Jahren gestorben. Er lebte allein, trank viel Tee, spielte abends Gitarre, vergaß oft den Wochentag, und verquatschte sich über jede Kleinigkeit zum Beispiel, warum die Bäume im Altbauhof so gewachsen sind und nicht anders.

Katrin wollte ihn zuerst organisieren. Sie empfahl ihm, einen Terminkalender zu kaufen, sagte, er sollte im Kühlschrank endlich Ordnung machen, und begann einmal, seine Vorratsgläser umzusortieren.

Da nahm Martin sanft ihre Hand.

Katrin, so wie es ist, ist es für mich praktisch.

Sie schaute in seinen Küchenschrank, dann auf seine Hand, die ihre festhielt. Kein Ärger, kein genervtes Erklären wie früher Andreas. Nur Ruhe.

Sorry, dumme Gewohnheit.

Nicht dumm. Nur meine Küche.

Deine Küche, bestätigte sie.

Sie erinnerte sich daran. Immer wieder ertappte sie sich: Hände wollen aufräumen, sortieren, verbessern. Immer öfter hielt sie inne.

Die Psychologin hatte gesagt:

Katrin, Sie können nur sich kontrollieren, nicht andere. Das ist eine interessante Herausforderung.

Sie dachte lange darüber nach.

Außerdem fing sie an zu backen. Früher machte sie alles streng nach Rezept. Aber Sabine gab ihr ein Rezept für Apfelkuchen und sagte: Zimt nach Gefühl. Katrin stand mit dem Zimt und überlegte, was nach Gefühl bedeutete.

Sie nahm reichlich. Der Kuchen wurde etwas bitter. Aber er duftete so gut, dass sie die Hälfte heiß vor dem Herd aß.

Du hast Backen gelernt?, staunte Sabine.

Übe noch. Nicht immer klappts. Aber ich hab Spaß.

Sabine musterte sie kurz:

Du bist anders, Katrin.

Vielleicht.

Zum Besseren.

Katrin schwieg, aber als sie aus dem Haus ging, fiel ihr auf, dass sie grinste einfach so, dem Herbst und der kühlen Luft entgegen.

***

Sie trafen sich zwei Jahre später zufällig im Englischen Garten. Andreas war mit Judith unterwegs, Katrin saß mit einem Buch auf der Bank, wartete auf Martin, der Kaffee holte.

Sie erkannte zuerst Andreas. Er trug das dunkelblaue Hemd, das sie damals zuletzt gesehen hatte. Judith lachte über einen ihrer Sprüche, er lachte mit.

Katrin legte das Buch beiseite.

Andreas sah sie, blieb stehen. Sie sahen sich lange an, schließlich kam er herüber.

Hallo, Katrin.

Hallo, Andreas.

Judith lächelte zurückhaltend, trat aber diskret zur Seite.

Du siehst gut aus, sagte er, ehrlich. Wirklich.

Du auch.

Es war ruhig, Oktoberlicht fiel golden auf die Wege.

Wie gehts dir?

Gut. Wir fahren nächsten Monat spontan Richtung Süden. Ohne Buchung. Kleine Städte, einfach treiben lassen.

Wohin genau?

Wissen wir noch nicht. Genau das ist das Schöne daran.

Sie nickte und sah zu Judith, die einen Baum beäugte.

Und du?

Gut. Ich… versuche, Kuchen zu backen. Klingt albern.

Nein.

Klappt nicht immer. Beim letzten Mal war zu viel Backpulver drin, der Kuchen ist aufgeplatzt aber wir haben ihn aufgegessen.

Das ist schön.

Ich bin mit Martin zusammen. Er ist Gitarrenlehrer. Sehr zerstreut. Ich… lerne, nicht alles verbessern zu müssen.

Er lächelte.

Das ist nicht leicht für dich.

Nein. Aber… es macht neugierig.

Von der Kaffeebude kam Martin mit zwei Bechern und einem Tütchen.

Katrin! Ich hab zwei Sorten Croissants genommen einmal mit Mohn, einmal mit Zimt. Ich wusste nicht, was du lieber magst, also beide!

Sie lachte. Leicht, befreit.

Andreas betrachtete sie.

Du lachst.

Ja, das tue ich. Und es überraschte sie selbst.

Judith kam dazu.

Wir gehen weiter, ich will nicht stören.

Alles bestens, erwiderte Katrin. Und es war wahr.

Sie verabschiedeten sich leise und freundlich. Andreas nickte, Katrin lächelte schmal. Judith winkte zum Abschied. Da war nichts Bitteres, nur Wärme.

Katrin schaute den beiden nach, wie sie die Allee entlang liefen. Er sagte etwas, Judith lachte, hakte sich bei ihm ein.

Martin kam und hielt ihr beide Croissants hin.

Such dir eines aus!

Sie nahm das mit Zimt, biss ab. Es war warm und zerkrümelte etwas.

Der Park rauschte leise im Wind. Kinderstimmen in der Ferne. Die Wolken zogen langsam, ohne Eile über den Himmel.

Katrin saß auf der Bank, aß das noch warme Croissant und dachte: Das hätte ich beinahe nie gekannt lieben, nicht leiten. Hätte Andreas mich nicht verlassen, hätte ich es nie erfahren.

Martin setzte sich dazu, grub in seiner Tüte und entdeckte: Er hatte nur Croissants mit Mohn für sich aber Mohn mochte er eigentlich nicht.

Willst du noch eins?, fragte er verlegen.

Sie nahm eines.

Sehr gerne.Dicht nebeneinander, die Hände fast berührend, saßen sie da. Um sie herum vibrierte der späte Nachmittag, Vögel stritten, ein Hund jagte seinem Ball nach, zwei Kinder sammelten Kastanien am Ufer des kleinen Bachs. Katrin legte das Croissantpapier gedankenverloren neben sich. Martin hatte inzwischen die Gitarre aus dem mitgebrachten Etui gezogen, wie immer viel zu umständlich, aber liebevoll. Er strich einmal nachdenklich über die Saiten, nicht wirklich für ein Lied, mehr ein warmer Akkord, der sich in der Luft fing.

Katrin schloss die Augen, spürte, wie sich der Duft von Zimt, die Musik von Martin und der Wind in ihren Gedanken mischten. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie keinen Zeitdruck, kein Programm, nur den leichten Rhythmus des Moments, das Glück, nichts festhalten zu müssen und gerade deshalb nichts zu verlieren.

Neben ihr begann Martin, leise zu summen. Erst ein fragender Blick von ihr dann stimmte sie leise mit ein, gerade so, dass er es bemerkte. Kein richtiger Text, nur Melodie und ein Vers: Heute ist genug. Heute reicht. Sie erschrak nicht vor ihrer Stimme, sie lachte sogar, als Martin überraschend einen kitschigen Schlagerakkord anschlug.

Was für ein Tag, murmelte sie später und lehnte sich zurück. Martins Arm berührte ihren. Die Sonne stand schon tief, sie wussten beide, gleich würden sie ihre Jacken brauchen.

Aber noch nicht. Noch war Zeit. So, wie sie war, reichte es plötzlich.

Am anderen Ende des Parks, fast schon hinter den Bäumen, sah Katrin zwei Gestalten im Rosa des Abends. Sie wusste, es waren Andreas und Judith. Sie gingen langsam, immer noch und vielleicht auch für immer ein Stück gemeinsam. Keine Reservelisten mehr, keine Raster, keiner, der die Zeiten zählt.

Katrin lächelte Martin an und sagte still, wie zum Himmel: Es ist gut. Es ist wirklich gut.

Dann stand sie auf, klopfte sich die Krümel vom Rock und griff nach seiner Hand.

Zusammen spürten sie, wie leicht ein neuer Anfang sich anfühlen konnte, mitten am Ende mitten im Leben.

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Homy
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Ehemann für das Wochenende
Guten Tag, ich bin die Geliebte Ihres Mannes. Ich legte das Mode-Magazin zur Seite, das ich gerade durchblätterte, und blickte auf die attraktive Blondine, die plötzlich in der Tür zu meinem Büro stand. Sie lächelte süffisant und sagte: „Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie – ich bin schwanger. Natürlich von Ihrem Mann.“ Ich fragte die Blondine sachlich: „Haben Sie einen Nachweis?“ Triumphal zog sie aus ihrer teuren Designertasche einen weißen Zettel mit blauer Stempelmarke – sie war gut vorbereitet. Ich prüfte das Attest – es war echt. Kein Wunder, denn mit solchen Nachrichten sollte man besser keine Fälschung riskieren. „Gut“, sagte ich, „es sieht tatsächlich so aus, als wären Sie schwanger. Nun fehlt nur ein Vaterschaftstest, um zu bestätigen, dass das Kind auch wirklich von meinem Mann ist – dann ist alles geklärt.“ Die Blondine schien den Boden unter den Füßen zu verlieren und fragte zögernd: „Geklärt – was meinen Sie damit?“ Ich klärte sie freundlich auf: „Mein Mann wird Ihnen Unterhalt zahlen, ich suche Ihnen eine tolle Gynäkologin, reserviere Ihnen ein komfortables Zimmer in der besten Klinik – Sie können beruhigt entbinden, ohne Sorgen um sich und Ihr Kind.“ Die Blondine wirkte nun unruhig: „Hören Sie nicht zu? Ich bekomme ein Kind, es braucht seinen Vater.“ Ich antwortete gelassen: „Unsere drei Kinder brauchen ihren Vater auch – und zum Glück haben sie ihn. Machen Sie sich keine Sorgen, mein Mann wird ihr Kind besuchen, vielleicht wird er es sogar zur Schule bringen. Sie können Ihr Kind auch mal zu uns geben – wir haben erstklassige Nannys. Und ich liebe Kinder ebenfalls. So haben Sie Zeit für sich und können Ihr eigenes Leben ordnen. Glauben Sie mir, mit Kind ist das schwer genug.“ Die Blondine sprang auf und knetete nervös ihre teure Tasche. „Verstehen Sie denn nicht? Ich schlafe mit Ihrem Mann! Ich erwarte sein Kind! Er liebt Sie nicht mehr, sondern mich!“ Ich wurde nachdenklich. Das arme, noch so junge Mädchen tat mir fast leid. Aber das Leben wischt romantische Flausen schnell aus jungen Köpfen – besonders aus denen, die glauben, einen reichen Mann einfach „ergattern“ zu können. „Liebes, Sie sind schon die vierte Dame innerhalb kurzer Zeit, die so etwas behauptet. Die erste vergaß das Attest ganz, die zweite und dritte hatten gefälschte… Ach ja, bei einer stimmte zwar die Schwangerschaft, aber nicht die Vaterschaft. Mein Mann und ich haben noch keiner wirklich Hilfesuchenden Unterstützung verweigert, aber offensichtliche Lügen duldet nicht mal er – und er ist sehr großzügig.“ Die Blondine wirkte aufgelöst, während ich weitersprach: „Und was Ihr Verhältnis zu meinem Mann angeht – er schläft auch mit mir. Und mit anderen Frauen! Soll ich ihm seine kleinen Schwächen verdenken? Solange das weder mich noch unsere Kinder betrifft… Geben Sie mir Ihre Nummer, ich organisiere den Vaterschaftstest und Sie werden informiert.“ Die junge Dame verlor die Nerven und verließ fluchtartig das Büro. Ich zündete mir eine Zigarette an. Ich hatte diesen Besuch längst erwartet – ich wusste von der neuen Affäre meines Mannes. Ich habe das Gespräch ausgehalten, wie schon die drei vorherigen. Auch wenn es schwer zu ertragen ist, fiel es mir leichter, ruhig zu bleiben, als einen hysterischen Anfall zu bekommen und meinen wohlhabenden, erfolgreichen Mann an eine andere zu verlieren. Er ist damals auch von seiner vorherigen Ehefrau zu mir gekommen, nachdem ich selbst schwanger vor ihrer Tür stand. Sie tat ihren Unmut lauthals kund, doch er hasste Dramen und Tränen. So heiratete er mich, ich war ja tatsächlich schwanger – und dann folgten noch zwei Kinder. In meinem Innersten wusste ich, ein Mann, der seiner Frau mit mir fremdging, würde auch mir nicht treu sein. Es werden wohl noch neue Konkurrentinnen kommen. Aber ich werde nicht den Fehler seiner Ex-Frau wiederholen und keine von ihnen eine Chance lassen. Ich kann es ertragen. Ich schaffe das.