Klara war eine recht moderne Frau, jedenfalls bemühte sie sich stets darum. Sie achtete auf ihr Äußeres und war dank ihres angesehenen Jobs, in dem ihre Vorgesetzten sie sehr schätzten, immer passend gekleidet. Klara hatte zwei erwachsene Söhne der ältere war achtunddreißig und der jüngere dreißig Jahre alt. Beide waren verheiratet, und Klara hatte dadurch zwei Schwiegertöchter.
Oft erzählte sie, wie unterschiedlich ihre Schwiegertöchter seien genauso wie ihre Söhne. Es erstaunte sie kaum, dass dies so war; es schien ihr ganz logisch. Ihre älteste Schwiegertochter, Annegret, stammte aus einem kleinen Dorf in Bayern. Klara war selbst keine Vertreterin der üblichen Klischees über Landmädchen und Stadtmädchen, doch Annegret entsprach so sehr den Vorstellungen, dass es fast schon auffällig war.
Klara mischte sich grundsätzlich nicht in die Beziehungen ihrer Söhne ein, deshalb wusste sie nur wenig über deren alltägliches Leben mit ihren Frauen. Von ihrem ältesten Sohn und Annegret wusste sie nur, dass die Hochzeit erfolgte, weil Annegret schwanger geworden war ihr erstes Kind kam fünf Monate nach der Hochzeit zur Welt. Annegret behandelte ihren Mann eher wie eine Notwendigkeit im Leben.
Abgesehen davon war Annegret sehr kompliziert und schwer zugänglich. Sie rief ihre Schwiegermutter bloß an, wenn sie oder ihr Mann ein Problem hatten, und nutzte das Gespräch größtenteils zum Klagen. Freunde hatte Annegret keine, da man mit ihr kaum ein normales Gespräch führen konnte.
Die jüngere Schwiegertochter, Friederike, war ganz anders. Nach der Hochzeit freundete sie sich mit Klara an und unterhielt sich gern mit ihr. Nach einiger Zeit verhalf Klara ihrer jungen Schwiegertochter sogar zu einem Arbeitsplatz im eigenen Büro. Die Arbeitskollegen sprachen von Friederike stets sehr positiv sie sei fleißig und ein ausgesprochen freundlicher Mensch. Friederike hatte nur wenige, aber enge Freunde, mit denen sie sich gelegentlich traf.
Eines trüben Morgens tauchte Annegret im Büro von Klara auf. Klara wusste, dass in der Ehe ihres Sohnes zuletzt einiges nicht gut lief, hatte sich aber bewusst nicht eingemischt. An diesem Tag kam Annegret zusammen mit ihrer Schwester zu ihr:
Also, Klara. Ich halt das Ganze nicht mehr aus. Es reicht! Ich habe beschlossen, deinen Sohn zu verlassen und mir eine Wohnung zu mieten. Er soll alleine klarkommen, der Idiot. Guten Morgen, Annegret! Du weißt doch, dass ich mich ungern in eure Beziehung einmische. Sag mir einfach, wo möchtest du denn die Wohnung nehmen und wie kommen die Kinder zur Schule?
Ich miete eine Wohnung mitten in München! Annegret, wie willst du die Miete zahlen? Die Wohnungen in der Stadt sind sehr teuer!
Darüber wollte ich mit dir reden! Als Oma bist du verpflichtet, mir zu helfen. Du bist es mir schuldig! Annegret, ich habe nicht so viel Geld. Wenn du dringend Geld brauchst, warte bis heute Abend. Dann hebe ich etwas von meinem Konto ab und gebe dir so viel, wie ich kann. Ich hätte nicht gedacht, dass du so viel brauchst.
Komm jetzt, Annegret, zog ihre Schwester sie am Arm. Du weißt doch, eine Mutter steht immer zu ihrem Sohn.
Als die beiden gerade gehen wollten, sahen sie Friederike verschüchtert hinter der Tür hervorschauen. Was glotzt du so? Warts ab, dir wird genau dasselbe passieren! Bestimmt gibt sie dann auch dir einen Korb! Wenn du mal Hilfe brauchst, kannst du lange warten.
Friederike erschrak richtig vor den wütenden Frauen. Sie sah Klara fragend an, doch Klara sagte ruhig: Mach dir keine Sorgen. Ich überweise das Geld heute Abend, wenn sie es unbedingt braucht. Mit den Kindern ins Heim geht ja nicht. Es sind nur Euro. Du brauchst ihren Worten nicht alles zu glaubenFriederike trat langsam ins Zimmer, atmete tief durch und blickte Klara an. Weißt du, sagte sie, ich glaube, jeder von uns hat seine eigenen Herausforderungen. Aber ich habe immer gespürt, dass du niemandem einfach so den Rücken kehrst.
Klara lächelte und legte Friederike kurz die Hand auf die Schulter. Man kann Familie nicht aussuchen, aber manchmal wächst sie an den schwierigsten Orten zusammen. Sie blickte nachdenklich zur Tür, hinter der Annegret und ihre Schwester verschwunden waren.
Am Abend saßen Klara und Friederike noch im Büro zusammen. Klara schickte still die Überweisung ab und seufzte. Weißt du, manchmal hilft das Leben mehr, wenn man ein Ohr schenkt als Geld. Friederike nickte.
In diesem Moment trat Klaras jüngerer Sohn herein, brachte Kekse aus dem Café um die Ecke und ließ sich neben ihnen nieder. Gemeinsam lachten sie über kleine Geschichten aus der Kindheit, und Klara spürte, wie die Wärme zwischen ihnen wuchs leise, aber stetig. Familie war manchmal ein brüchiges Haus, dachte Klara, aber man konnte Fenster öffnen und Licht hereinlassen.
In den folgenden Wochen hörte Klara nichts von Annegret. Aber als sie eines Morgens am Fenster stand und die Frühlingssonne auf die Stadt fiel, spürte sie Zuversicht. Sie war niemandem etwas schuldig, außer dem Glück, das man sich selber schuf. Sie drehte sich zu Friederike und ihrem Sohn und sagte: Lasst uns frühstücken gehen. Das Leben ist zu kurz für kalten Kaffee.
Und während draußen die Vögel sangen, war Klara sicher: Sie würde immer zu denen gehören, die das Miteinander wählen trotz aller Unterschiede.





