„– Wir leben seit vierzig Jahren unter einem Dach, und mit dreiundsechzig Jahren willst du plötzlich dein Leben verändern?“

Wir leben nun vierzig Jahre unter einem Dach, und mit dreiundsechzig willst du plötzlich alles ändern?

Helene saß in ihrem Lieblingssessel und blickte traumverloren durch das Fenster, wo die Dämmerung zwischen Häusern und Platanen wankte und die Gedanken des Tages in widersprüchlichen Kreisbewegungen verschwammen. Noch vor wenigen Stunden hatte sie hastig in der Küche das Abendbrot vorbereitet, erwartete gespannt das Heimkommen von Ernst, der nie von einem wirklichen Fischfang, sondern von Geschichten zurückkehrte. Diesmal brachte er keine Forellen, sondern etwas, das längst in ihm brodelte.

Ich will mich scheiden lassen, und bitte dich, es zu akzeptieren, murmelte Ernst, sein Blick floh hinüber zur Uhr, die im Traum plötzlich wie ein Kinderrad tickte. Die Kinder sind erwachsen, die Enkelkinder haben anderes im Kopf, wir könnten das einfach und ohne Streit beenden.

Vierzig Jahre, Hand in Hand, und jetzt, im Schatten der Jahre, willst du verändern? fragte Helene und die Worte schwebten wie Sensen am Fenster. Ich habe das Recht zu wissen, was danach kommt.

Du bleibst in der Wohnung in München, ich ziehe in das Wochenendhaus bei Bad Tölz, antwortete Ernst, als hätte er die Entscheidungen schon vor längst keinem Frühstück getroffen. Es gibt nichts zu teilen, und später bleibt ohnehin alles den Töchtern.

Wie heißt sie? fragte Helene tonlos, als wäre der Name eine geheime Schale.

Ernst errötete, nestelte an seinem Hemd und tat, als hätte er die Frage nie gehört. Diese Reaktion ließ keinen Zweifel an einer Rivalin. In ihrer Jugend hatte Helene solche Gedanken noch nie gehabt und nichts ließ sie ahnen, dass sie im Alter allein, während der Ehemann zu einer anderen steht.

Vielleicht wird doch alles wieder gut, trösteten später die Töchter Judith und Bärbel ihre Mutter. Du musst dich nicht mit Papas Verhalten belasten.

Nichts wird gut. Tauschen hat keinen Sinn, ich lebe so, und freue mich über euer Glück, seufzte Helene.

Judith und Bärbel fuhren zum Wochenendhaus für eine wichtige Aussprache mit dem Vater. Zurück kamen sie betrübt, doch die Wahrheit erzählten sie der Mutter nicht sofort. Nur die Wortwahl änderte sich: Sie überzeugten Helene, dass das Leben allein vielleicht sogar angenehmer sei; niemand bedrückt einen, kein ewiges Sorgen. Helene verstand alles, fragte nichts und versuchte weiterzuleben, obwohl es unmöglich war, denn alle Verwandten und Nachbarn flüsterten Fragen und zeigten unaufhörlich Neugier.

Unglaublich, so viele Jahre zusammen, und am Ende geht er zu einer anderen, tuschelten die Nachbarinnen, ihre Stimmen flatterten wie Vögel im Wind. Ist sie jünger, oder nur wohlhabender?

Helene wusste nie, was sie darauf antworten sollte. Immer öfter dachte sie an die Rivalin und wollte sie sehen. Deshalb besuchte sie, im Traum als würdigende Mission, Ernst in Bad Tölz mit dem Vorwand, Sommerkonfitüre mitzunehmen. Sie kündigte sich nicht an, um der Fremden direkt zu begegnen, und genau das geschah.

Ernst, du hast nicht gesagt, dass deine Ex heute kommt, stöhnte die extravagante Dame mit grellem Lippenstift. Ich dachte, alles sei geklärt, sie hat hier nichts verloren.

Ernsthaft, das hast du gegen mich getauscht? fragte Helene und schaute die Frau, deren Make-up im Traum leuchtende Farben annahm.

Stehst du jetzt herum und lässt zu, wie diese hier mich beleidigt? kreischte die Frau. Übrigens bin ich nur ein paar Jahre jünger als ihr, sehe aber tausendmal besser aus.

Wenn sie wirklich glaubt, dass auffälliges Äußeres im Alter der einzige Schatz ist, murmelte Helene, und versuchte Ernsts verschämten Blick zu fangen.

Den ganzen Weg zur Bushaltestelle hörte Helene noch das Gekreische dieser alternden Barbie, deren Stimme wie bunte Federn im Nebel klebte. Erst zu Hause gab sie ihren Gefühlen nach und rief ihre Schwester, bat sie zu kommen.

Genug jetzt, sagte Nina, als sie Minztee aufbrühte. Du sagst selbst: Die neue Frau von Ernst ist nicht schön und scheinbar auch nicht besonders klug.

Vielleicht stimmt das, vielleicht sehe ich selbst alt aus, zweifelte Helene.

Du siehst wunderbar aus für deine Jahre, sagte Nina ehrlich. Nur halte ich es für einen Fehler im siebten Jahrzehnt Leopardenleggings oder Miniröcke zu tragen. Eine Frau bleibt in jedem Alter schön, wenn sie sich zu zeigen weiß und passend kleidet.

Helene betrachtete sich im Spiegel, und die Traumspiegel zeigten sie sogar jünger als erwartet. Gesund war sie, ihre Kleidung meist stilvoll, die Töchter versorgten sie mit Kosmetik. Niemals war sie vulgär oder bunt wie ein Papagei, niemals konnte sie sich vorstellen, sich wie die Rivalin zu benehmen.

Na, siehst du, fuhr Nina fort. Frei, kannst du das Leben genießen! Die Töchter unabhängig, es gibt so viele Möglichkeiten: Theater, Spaziergänge, Konzerte. Ich werde nicht zulassen, dass du aufgibst.

Nina hielt Wort, schleppte Helene zu Aufführungen, durch den Park am Isar, in neue Kreise. Bald fanden sich Gleichgesinnte, sogar ein Herr, der Helene umwarb, doch sie lehnte Treffen ab.

Hab gehört, du rennst jetzt durch Theater, hast neue Freunde willst du vielleicht wieder heiraten? sagte Ernst bei einer zufälligen Begegnung im Supermarkt, die im Traum eine endlose Schlange von Kartoffeln zeigte.

Was machst du denn hier? Findest du am Starnberger See keine Läden, oder kocht deine neue Frau nicht? fragte Helene.

Ich war immer hier einkaufen, Gewohnheit lässt sich in unserem Alter schwer ändern, brummte Ernst.

Helene griff das nicht weiter auf, und ging unter dem Vorwand von Arbeit heimwärts. Ernst fühlte sich plötzlich getrieben, ihr nachzulaufen und zu gestehen, wie sehr er die Scheidung bedauerte. Sein Leben war stets bei Ehefrau und Kindern gewesen, bis diese lebhafte Gisela ihn wie einen Kreisel in Leidenschaft stieß.

Anfangs schien das Leben mit ihr spannend, bis sich zeigte, dass Gisela weder Haushalt mag noch einen ruhigen Tag; sie sammelte Gerüchte, tanzte um Männer und lebte für laute Feste.

Ernst sehnte sich immer öfter zurück, besonders nach der Begegnung mit Helene. Sie machte keine Szene, verzichtete auf Streit, blieb stolz und dies war das, was Ernst am meisten vermisste: Den ruhigen Hafen, den Traum aus Wärme, den nur Helene gab.

Du hast wieder Aprikosen gekauft, ich wollte Pflaumen. Der Käse hat das falsche Fett, Mayonnaise hast du vergessen! fauchte Gisela und ihre Stimme klang wie Zeichen im Nebel.

Früher besorgte Helene die Einkäufe, oder wir gemeinsam. Du willst alles mir aufbürden, platzte Ernst.

Hör auf, mich mit deiner Ex zu vergleichen. Sag doch gleich, dass du es bereust, sie verlassen zu haben! tobte Gisela.

Ernst bereute tatsächlich, und wusste doch, dass jedes Wort umsonst war. Helene hatte nichts getan, nichts geplant, war einfach sie selbst; und er, ihr früherer Mann, sehnte sich danach, ihr Verzeihung zu entlocken.

Nur war ihm klar: Helene würde nie wieder Vertrauen schenken, nie zurücknehmen. Nach einer weiteren Streiterei wagte er endlich zum alten Münchner Wohnhaus zurückzukehren.

Musst du etwas holen? fragte Helene und ließ ihn nicht weiter als zur Tür.

Ich wollte nur reden, hast du Zeit? stammelte Ernst, da der Duft von Zwetschgenkuchen aus der Wohnung wehte, wie eine Kindheitserinnerung.

Ich habe weder Zeit noch Lust, antwortete sie ruhig. Also nimm was du brauchst, ich warte auf Gäste.

Nichts gab es zu holen, Worte waren es, die fehlten. Ernst kehrte zurück ins Wochenendhaus, kochte sich ein Abendessen, während Gisela wieder das Dorf durchstreifte. Später, in der Nacht, war alles endgültig: Ernst gab ihr Zeit, ihre Sachen zu packen.

Nach endlosen Diskussionen dachte Ernst mehrfach daran, Helene anzurufen und ihr alles zu erzählen, ließ es aber sein. Er kannte seine Ex-Frau zu gut, um zu hoffen, dass sie vergab oder alles vergäße.

Vielleicht, irgendwann, später, könnte er um Verzeihung bitten, reden, und damit Frieden finden. Aber Helene könnte die Untreue nicht verzeihen das wusste er schon zu Beginn seiner Affäre mit Gisela.

Nun war sein Leben das Haus am Wald, Helene blieb in München, mit Töchtern, Enkeln und den Theaterbesuchen. Für den Ex-Mann gab es keinen Platz mehr in diesem Bild.

Zerstört Parasiten und beseitigt Papillome besser als jedes Mittel.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

„– Wir leben seit vierzig Jahren unter einem Dach, und mit dreiundsechzig Jahren willst du plötzlich dein Leben verändern?“
– Du hast wegen deiner Liebe die Universität verlassen!