Tagebuch Kapitel: Glück, das keine Kinder stört
Ich erinnere mich heute besonders an dieses Gespräch mit Annemarie, als wäre es gestern gewesen. Ich saß ihr im Café gegenüber, warme Kerzen auf dem Tisch, draußen trieb der Wind gelbe Blätter über die Straße. Sie beobachtete mich mit schiefgelegtem Kopf, ihre Stimme voller gespielten Mitgefühls:
Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer es für dich ist, unter einem Dach mit fremden Kindern zu leben. Vor allem, wenn es Jugendliche sind… Dein Alltag ist doch sicherlich ein täglicher Stresstest, oder nicht?
Ich nahm mir einen Moment Zeit, schob den Ärmel meines Pullovers zurecht und zwang mich zu einem Lächeln, auch wenn es wohl ein bisschen gezwungen aussah.
Du übertreibst ganz schön, entgegnete ich ruhig. Unsere Beziehung ist wirklich harmonisch. Es gibt nichts, womit ich nicht umgehen könnte.
Annemarie schnaubte, schob eine Haarsträhne zurück und ließ ihren kritischen Blick nicht von mir.
Na klar… Sag jetzt nicht, sie nennen dich schon Mama. Komm, gib es doch zu in eurem Haushalt läuft bestimmt nicht alles glatt! Das ist doch normal, du brauchst dich nicht zu schämen. Ich bin immer für einen Rat da, wir sind doch Freundinnen.
Ich schüttelte nur den Kopf, ganz ruhig und klar im Ton:
Warum sollten sie mich Mama nennen? Es sind dreizehn Jahre zwischen uns. Außerdem dränge ich mich ja nicht in die Rolle der Mutter, das wäre auch völlig falsch. Ich sehe mich vielmehr als erwachsene Freundin als jemanden, dem man sich anvertrauen kann. Ich will nicht die Mutter ersetzen, nur jemand sein, der zuhört und unterstützt.
Ich trank einen Schluck Verlängerter, sammelte dabei meine Gedanken. Annemarie konnte meine Überzeugung so gar nicht teilen, das sah ich ihr an.
Langsam ermüdet mich diese ständige Rechtfertigung. Immer wieder fragen die Leute dasselbe, machen Bemerkungen. Als wäre meine Form von Glück nicht genug. Dabei ist mein Mann, Frederik, der Inbegriff eines Traumpartners: attraktiv, zuverlässig, aufmerksam. Er verdient gut in seiner Festanstellung, bringt sich von sich aus im Haushalt ein, kocht oft, macht sauber alles ohne große Worte.
Einziger Punkt, über den Außenstehende immer wieder sprechen, sind Frederiks Kinder aus erster Ehe: die Zwillinge, zwei Mädchen sie wohnen bei uns. Ihre Mutter ist früh verstorben, die Geschichte war traurig. Aber für mich waren die Kinder nie eine Last. Sie sind einfach zwei junge Menschen, die Wärme und Geborgenheit brauchen.
Ich wusste früh, dass leibliche Kinder für mich nicht infrage kommen. Mit sechzehn diagnostizierten mir die Ärzte eine Krankheit, die eine Schwangerschaft lebensgefährlich machen würde. Ich musste das akzeptieren lernen. Die Familie hörte trotzdem nicht auf, mir mit Nachdruck zu suggerieren, ich müsse es wenigstens versuchen. Allen voran meine Tante sie schleppte mich sogar mal zu einer ach so tollen Koryphäe, die mir erklärte, dass die moderne Medizin alles möglich mache.
Ich hörte zu, nickte, spürte aber nur Müdigkeit. Immer wieder diese Erklärungen der Tante: Das Muttersein sei der einzige Sinn des Lebens als Frau, ich würde mich eines Tages bitter bereuen, wenn ich das nicht wahrnehme.
Sie sagte: Du wirst bereuen, wenn du alt bist und alleine bist. Und dann noch: Frederik bleibt nie bei einer Frau, die ihm keinen Erben schenken kann. als sei das eine unumstößliche Wahrheit. Aber ich wusste längst, dass mein Glück nicht in Erfüllung von Erwartungen liegt, sondern im Leben an Frederiks Seite.
Je öfter ich diese Gespräche führen musste, desto mehr reifte in mir der Entschluss, ein für alle Mal einen Schlussstrich zu ziehen. Also recherchierte ich und fand einen der angesehensten Reproduktionsmediziner Deutschlands in Berlin. Die Wartezeit auf einen Termin war lang, die Kosten für die Zugfahrt, das Hotel, die Untersuchungen nicht ganz ohne. Aber ich wollte Klarheit.
Der Arzt nahm sich Zeit, stellte viele spezifische Fragen, begutachtete die Krankenakte, ordnete weitere Tests an. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ernst genommen zu werden. Als ich zum Folgetermin kam und die Ergebnisse da waren, war seine Einschätzung klar und sachlich: Eine Schwangerschaft wäre für mich hochriskant, praktisch aussichtslos. Er zeigte Statistiken, erklärte alles verständlich und ohne Beschönigung.
Ich rate Ihnen dringend davon ab, Ärzt*innen Glauben zu schenken, die behaupten, es sei alles risikolos. Das grenzt an Fahrlässigkeit. Überlegen Sie sich, ob Sie eine Beschwerde einreichen, wenn jemand das Gegenteil behauptet.
Die Erinnerung an diese optimistische Ärztin meiner Tante stieg nochmal in mir hoch. Ich schrieb tatsächlich eine Beschwerde an die Ärztekammer nüchtern, mit Unterlagen belegt. Die Ärztin wurde schließlich entlassen. Zufrieden war ich nicht, nur erleichtert, meinen Beitrag gegen falsche Versprechen geleistet zu haben.
Mit mir war Frieden eingekehrt. Ich musste mich nicht mehr erklären. Ich durfte endlich in dem Leben ankommen, das ganz meins war.
Die Zwillinge wurden bald zwölf. Sie machten ihr eigenes Ding, kamen ohne Hilfe aus, erledigten Hausaufgaben, kochten ab und zu selbst. Ich unterstützte, half bei Rechenproblemen, beriet beim Kleiderkauf fürs Schulfest, hörte zu, wenn es Ärger gab. Manchmal saß ich einfach neben ihnen, wenn sie traurig waren, und wir freuten uns gemeinsam, wenn etwas gelang.
Vielleicht werde ich nie diese typische Mutterfigur, dachte ich. Aber ich kann jemand sein, der Halt bietet. Und das war mehr wert, als alles andere.
Nun geht alles glatt bei euch…, doziert Annemarie, die Stimme belehrend, aber in einem halben Jahr wirst du noch heulen! Lieber gleich handeln als wenn es zu spät ist.
Ich spürte, wie sich alles in mir zusammenzog. Sag mal ernsthaft, siehst du die Kinder wirklich als Störung an?, fragte ich und ließ keinen Zweifel an meiner Haltung. Habe ich dich richtig verstanden?
Annemarie zuckte nur mit den Schultern. Stell dich nicht so an! Fremde Kinder kosten immer Kraft. Fang langsam an, dich zu beschweren. Sorg dafür, dass Frederik merkt, dass sie dich belasten. Dann findest du den richtigen Moment…
Ich war fassungslos. Ich wollte wissen, wie weit sie gehen würde. Und wohin soll er sie schicken?, fragte ich ganz ruhig.
Sie zögerte nur kurz: Es gäbe ja Internate. Oder Familienangehörige, die kurzzeitig einspringen. Du musst nur rechtzeitig handeln.
Ich stellte meine Tasse relativ deutlich auf den Tisch. Dann sagte ich ohne jede Unsicherheit: Nie hätte ich von dir so einen Vorschlag erwartet. Die Mädchen brauchen jemanden, der für sie da ist. Es ist unehrlich und schäbig, wie du das formulierst.
Annemarie wurde rot, zog sich aber schnell wieder zusammen.
Schon gut, ich wollte nur helfen. Es ist halt nicht einfach, mit fremden Kindern zu leben…
Das weiß ich auch. Aber die Mädchen sind Teil meines Lebens. Und ich bin froh, sie zu haben.
Ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Die stehen dir aber irgendwann im Weg. Und du willst doch vielleicht doch mal ein eigenes Kind?
Ich atmete tief aus, hielt mich fest an meiner Tasse. Du kennst doch meine Geschichte. Es geht nicht.
Sie winkte ab, wollte nicht hinsehen.
Dann lass eben eine Leihmutter ran Frederik kann sich das doch leisten. Nutz alle Möglichkeiten, sonst stehst du am Ende mit leeren Händen!
Jetzt schlich sich ein ironisches Lächeln auf mein Gesicht. Klingt, als sprichst du aus Erfahrung. Du hast deinem Mann ein Kind geschenkt und er ist trotzdem abgehauen, oder? Hat wohl nicht gereicht, ihn zu binden?
Annemaries Gesicht lief scharlachrot an, die Tasse klirrte, als sie sie abstellte.
Ohne diese Blagen wären wir noch zusammen! Die haben alles versaut, hatten immer was gegen mich!
Für einen kurzen Moment verspürte ich Mitleid. Aber bei der Erinnerung, wie sie über die Kinder gesprochen hatte, verflog das schnell.
Glaubst du wirklich, es lag an den Kindern, dass er gegangen ist? Vielleicht war das Problem ganz woanders.
Annemarie schwieg, starrte aus dem Fenster auf das trübe Novembergrau. Ich dachte, es wäre nun an der Zeit, die Unterhaltung zu beenden. Diese Gespräche kosteten zu viele Nerven.
Ich ließ sie wissen: Du hast dich von Anfang an in die falsche Rolle gedrängt. Ich war konsequent, habe erst mal Freundschaft angeboten. Vielleicht solltest du das reflektieren.
Aber eigentlich wusste ich: Sie war nicht bereit für einen solchen Ratschlag.
Sie stieß nur ein sarkastisches Schnauben aus, rückte die Tasse weg, als würde sie ihr stören. Ihr Gesicht war düster annehmen wollte sie meine Worte bestimmt nicht.
Du verstehst das alles nicht, murmelte sie kaum hörbar. Ich war freundlich. Aber sie haben von Anfang an meine Position als Außenstehende ausgenutzt. Mal ignorierten sie mich, mal taten sie das Gegenteil von dem, was ich sagte.
Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht reicht es manchmal, einfach da zu sein und Geduld aufzubringen, ohne immer gleich Ergebnisse zu erwarten. Kinder merken sofort, ob Zuneigung echt ist.
Sie wandte sich mir zu, ihre Stimme war ungewöhnlich brüchig: Und wie soll man echt sein, wenn sie einen jeden Tag spüren lassen, dass man für sie nur die Neue ist? Dass sie immer an der Vergangenheit festhalten, die man nie verstehen wird?
Ich antwortete leise: Es ist nicht einfach. Aber wenn man sich auf Konfrontation einstellt, wird sie zur Realität. Ich will dich gar nicht belehren, nur meinen Ansatz teilen.
Annemarie fuhr sich durchs Haar, suchte nach Worten.
Vielleicht hast du recht… Aber wenn ich sehe, wie mein Junge ohne Vater aufwächst und frage, warum der Papa nicht mehr kommt, dann glaube ich, es lag an diesen Kindern. Das hätten wir nie überwunden.
Ich schwieg, verstand so vieles, spürte ihre Kränkung.
Ich sagte leise: Kinder sind nicht schuld am Scheitern der Erwachsenen. Dein Mann hätte einen Weg gefunden, wenn er wirklich gewollt hätte.
Sie schwieg. Der leise Regen prasselte gegen das Café-Fenster. Die Lichter warfen lange Schatten. Ich ließ es dabei bewenden. Vielleicht würde sie meinen Standpunkt eines Tages nachvollziehen.
***
Annemarie, so erfuhr ich später, erinnerte sich rückblickend vor allem an die Anfänge mit ihrem späteren Mann: charmant, beruflich erfolgreich, mit beiden Beinen im Leben. Nur die Kinder aus seiner vorherigen Beziehung haben sie gestört ein zehnjähriger Junge und ein achtjähriges Mädchen. Anfangs machte sie sich Mut: Das wird schon klappen! Ich finde einen Draht zu ihnen!
Doch recht schnell wurde klar, dass die Kinder sie nicht wirklich akzeptierten. Sie ergriff die Initiative, setzte rasch Regeln: keine Kosenamen, sondern der Vorname. Feste Ordnungen, Putzpläne, Essenszeiten, strenge Nachtruhe.
Hier herrscht Ordnung! Ihr lebt in meinem Haus!, ließ sie keinen Zweifel zu.
Natürlich regten sich Widerworte. Die Kleine, lebhaft und eigensinnig, protestierte: Mama ließ uns immer später ins Bett, putzen mussten wir nur am Wochenende. Der Junge schwieg, seine Miene verriet aber Protest. Annemarie blieb hart Wenn ich nachgebe, tanzen sie mir auf der Nase herum.
Sie kontrollierte ihr Umfeld, überprüfte Telefonate, stellte Fragen. Jeder Spaziergang mit Freunden wurde überwacht, jeden Abend wurde aufgeräumt. Einmal erfuhr sie von einem Eintrag im Schulheft der Tochter und fuhr sie streng an: Noten sind wichtig, du musst dich anstrengen! Das war bei deiner Mutter vielleicht anders, aber jetzt gilt, was ich sage!
Das Mädchen zog sich zurück, der Junge wurde verschlossener, verbrachte immer mehr Zeit draußen oder im Kinderzimmer. Ihre Kontrolle steigert sich weiter: Handychecks, Verhöre nach jeder Heimkehr.
Ihr Mann wies sie schließlich darauf hin, dass sie zu streng sei. Sie sind keine Soldaten, sie brauchen Vertrauen! Doch Annemarie dachte anders: Wenn es keiner macht, dann muss ich!
Das Klima zu Hause wurde unerträglich. Es gab Sticheleien, kleine Sabotagen: Salz im Tee, verschwundene Schlüssel. Annemarie verschärfte die Regeln, der Haussegen hing dauerhaft schief.
Bis zu jenem Abend, als die Tochter zu spät heimkam, Annemarie auf sie losging und ihr Mann endlich dazwischen ging: Es reicht, du bist nicht ihre Mutter, du hast kein Recht, sie so zu behandeln.
Der Bruch kam schnell, der Scheidungstermin war nur noch Formsache. Die Kinder waren spürbar erleichtert, freuten sich beinahe, als Annemarie auszog.
Sie blieb zurück, allein, voller Groll. In ihrer Weltsicht waren weiterhin die Kinder schuld. Zum Eingeständnis eigener Fehler war sie nicht bereit.
***
Fünf Jahre später war mein Leben ruhig und erfüllt. Ich lebte mit Frederik im Wechselbad der Alltagssorgen und Freuden, fühlte mich angekommen. Die Zwillinge studierten inzwischen in München, meldeten sich aber jeden Abend per Anruf und nannten mich inzwischen, ganz aus freien Stücken, Mama. Erst zögerlich, dann immer selbstverständlicher. In diesen Gesprächen waren Sorgen über neue Kurse, Tipps fürs WG-Leben, aber auch Sehnsucht nach Zuhause.
Eines Tages überraschten sie uns mit einem Geschenk: Ein kleiner Husky-Welpe. Damit ihr nicht alleine seid!, lachten sie. Der kleine Wirbelwind stellte alles auf den Kopf, fraß Hausschuhe und schlief abends an meinen Füßen. Ich lachte, schimpfte ein wenig, war aber in Wahrheit glücklicher denn je dieser Hund füllte eine leise Lücke, die der Auszug der Mädchen hinterlassen hatte.
Und Annemarie? Nach der nächsten Trennung begegnete sie wieder einem Mann nett, rücksichtsvoll, aber mit einer fünfjährigen Tochter aus erster Ehe. Die Ex-Frau öfter auf Dienstreisen, die Kleine war regelmäßig da.
Anfangs gab sich Annemarie Mühe backte Plätzchen, kaufte kleine Geschenke. Doch bald wuchs ihr Ärger: Das Mädchen beanspruchte Papas Aufmerksamkeit, Annemarie fühlte sich zurückgesetzt. Bald hagelte es Kritik an der Unordnung, am Lärm, an der Art zu sprechen. Ihr Partner versuchte, auszugleichen, aber Annemarie zeigte keine Bewegung.
Konflikte nahmen zu. Das Mädchen wurde still, mied den Kontakt, suchte Rückhalt beim Vater. Annemarie verschärfte die Regeln. Der Mann zog schließlich leise, aber bestimmt aus Tochter eingepackt, den Kühlschrank-Aufkleber zurückgelassen.
Annemarie saß alleine in ihrer Wohnung und konnte nicht verstehen, wie es wieder so hatte enden können. Sie dachte an unsere vielen Gespräche und ihre Überzeugung, man müsse Kinder erziehen, sonst wachsen sie einem über den Kopf. Nun kamen ihr diese Sätze hohl und bitter vor.
Ich dagegen legte mich abends mit dem Husky aufs Sofa, hörte die Stimmen der Zwillinge aus dem Telefon, spürte das Glück das Glück, das sich nie daran gestört hat, wie eine Familie zusammengesetzt ist. Ich war angekommen.





