Auf der Suche nach dem Ideal
Es war schon lange her. Damals saß Viktor an einem kleinen runden Tisch in einem gemütlichen Café im Herzen von München. Die Jahre sind vergangen, doch die Bilder dieses Abends tauchen manchmal in meiner Erinnerung auf wie aus einem alten Märchen. Viktor nahm von der Umgebung kaum Notiz sein Blick war fest auf die Eingangstür gerichtet. Immer wieder schaute er auf seine Armbanduhr, dann schweifte sein Blick zurück zur Tür, in Erwartung, Katharina zu sehen.
Jede neue Besucherin, die das Café betrat, ließ ihn gespannt hinsehen. Eine junge Frau im knallroten Mantel nicht sie. Kurz darauf eine kleine Brünette mit übergroßer Tasche auch nicht Katharina. Unwillkürlich überlegte Viktor, woran ihre Verspätung liegen könnte. Vielleicht war es ihre Art, ein bisschen zu spät zu kommen? Viele Frauen taten so, um das Interesse eines Mannes zu befeuern, etwas Spannung zu erzeugen. Aber wenn Katharina wirklich auf so eine Wirkung spekulierte, dann irrte sie sich. Viktor war keiner, der endlos wartete. Er hatte für sich beschlossen noch fünf Minuten, dann würde er gehen. Längeres Warten kam für ihn nicht infrage. Das war immer sein eisernes Prinzip gewesen.
Die Minuten krochen nur so dahin. Viktor verabschiedete sich innerlich schon von diesem Abend, als plötzlich eine helle, angenehme Stimme hinter ihm klang:
Entschuldige bitte die Verspätung!
Er drehte sich um und sah eine schlanke, blonde Frau, die sich mit offener, freundlicher Miene gegenüber setzte. Ihr Haar war ordentlich frisiert, und in ihrem Blick lag eine entspannte Leichtigkeit.
Ich hoffe, du musstest nicht allzu lange warten? fragte sie und neigte dabei den Kopf leicht zur Seite.
Viktor starrte sie für einen Moment an, suchte das Bild in seinem Kopf mit der Frau vor sich abzugleichen.
Katharina? fragte er zweifelnd und musterte sie ganz genau. Bist du das wirklich? Auf dem Foto sahst du ganz anders aus. Fast wie eine andere Frau
Katharina lachte unbeschwert, als amüsiere es sie.
Doch, ich bins bestätigte sie strahlend und genoss sichtlich Viktors Irritation. Und ja, das Foto war von mir. Es ist allerdings schon vier Jahre alt. In der Zeit hat sich einiges geändert, findest du nicht?
Sie sagte das mit einem Stolz, als sei ihr verändertes Aussehen das Ergebnis harter Arbeit, auf das sie nur stolz sein konnte. Sie war ganz offensichtlich überzeugt, dass Viktor ihr Überraschungseffekt gefallen musste.
Sie lag falsch.
Allerdings antwortete Viktor kühl und bemühte sich um einen neutralen Ton. Ja, sie hatte sich verändert. Vielleicht zu sehr und das nicht unbedingt zum Vorteil.
Katharina legte den Kopf ein wenig schief und drehte eine Haarsträhne um den Finger ein koketter, einstudierter Gestus.
Du bist bestimmt froh, dass ich viel attraktiver geworden bin als auf dem alten Foto, oder? meinte sie zwinkernd. Ich habe das absichtlich gemacht. Weißt du, als ich noch so aussah wie auf dem Foto, hat mich niemand beachtet. Erst jetzt bekomme ich lauter Komplimente!
Sie wartete spürbar darauf, dass Viktor ihr versicherte, wie bezaubernd und hübsch sie sei und dass er vom Ergebnis beeindruckt sei. Doch Viktor konnte dieses Gefühl nicht teilen, und das begann Katharina zu irritieren.
Bevor sie dem Treffen zustimmte, hatte sich Katharina Viktors Profil genau angeschaut: die Fotos, die knappen biografischen Angaben, die Verlinkungen zu seinen sozialen Netzwerken. Zu ihrem Erstaunen fand sie keinen Widerspruch! Er war tatsächlich Geschäftsführer in einer großen Münchner Firma, er besaß ein schmuckes Zweifamilienhaus im Nobelvorort Grünwald und fuhr zwei teure Autos. Das alles wirkte wie aus einer Hochglanzzeitschrift. Katharina fragte sich, was so ein erfolgreicher Mann auf einer Partnerbörse zu suchen hatte. Aber was sollte es die Chance musste sie nutzen!
Viktors Gedanken schweiften derweil oft ab; er sah immer wieder auf die Uhr, zählte die Minuten bis zu seiner Flucht. Das Gespräch fiel ihm schwer; die Sekunden dehnten sich, als wartete er nur darauf, einen höflichen Grund zum Aufbruch zu finden. Allmählich wurde ihm klar: Diese Katharina passte überhaupt nicht zu ihm.
Die Katharina vor ihm faszinierte ihn kein bisschen! Die Frau auf dem Foto war trotz fehlender Modelmaße ehrlich und echt erschienen. Doch jetzt saß ihm eine völlig andere Version gegenüber gestylt, selbstbewusst, aber irgendwie fremd. Ihre Gesten, ihr Lächeln, sogar ihre Stimme wirkten gespielt, als spiele sie eine auswendig gelernte Rolle.
Wieder glitt sein Blick zur Uhr. Noch ein paar Minuten Gespräch dann würde er sich auf eine dringende geschäftliche Verpflichtung berufen.
Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem Foto zurück, das ihn damals angesprochen hatte. Was hatte ihn gefesselt? Die Figur. Damals hatte Katharina all das, was er attraktiv fand weibliche Rundungen, sinnliche Formen, harmonische Proportionen. Sie war keine 0815-Schönheit, sondern eine Frau mit Ausstrahlung. Viktor erinnerte sich, wie er beim Anblick des Bildes gedacht hatte: Endlich begegnet mir mal jemand Besonderes.
Doch jetzt saß eine völlig andere Frau vor ihm: drahtig und sehr schlank, in einem übergroßen Pullover fast verloren gehend. Viktor versuchte, seine Enttäuschung nicht zu zeigen, aber innerlich fragte er sich: Warum wollen Frauen immer dünner werden, ausgerechnet das aufgeben, was sie doch von Natur aus haben? Wer hatte ihnen eingeredet, dass knochige Magerkeit der Inbegriff der Schönheit sei? Für Viktor blieb der Reiz weiblicher Formen unersetzbar und jeder Anflug von Abmagerung unverständlich.
Sie sprachen etwa zehn Minuten weiter Katharina erzählte von sich, von ihren Hobbys und Zukunftsplänen. Viktor hörte höflich zu, war aber bereits entschlossen, bald zu gehen. Sobald sich das Gespräch ausschlich, würde er vorschlagen, sie nach Hause zu bringen und sich wegen eines Termins verabschieden was sogar stimmte, denn eine wichtige geschäftliche Sache wartete tatsächlich.
Als der Moment kam, bot Viktor an:
Soll ich dich nach Hause fahren? Ich habe in einer Stunde einen Termin, aber das schaffe ich noch.
Katharina verzog kurz das Gesicht, nahm sich dann jedoch schnell wieder zusammen:
Danke, gerne.
Die Fahrt verlief fast wortlos. Viktor konzentrierte sich aufs Fahren, Katharina schaute in die Nacht hinaus, ihre Blicke schweiften hin und wieder zu ihm, als wolle sie ergründen, was schiefgelaufen war. Bevor sie ausstieg, fragte sie:
Schreibst du mir heute Abend? Vielleicht sehen wir uns ja nochmal?
Ja, ich melde mich. Lass uns mal telefonieren und schauen entgegnete Viktor, lächelte pflichtbewusst, hatte aber innerlich längst einen Schlussstrich gezogen. Wozu Zeit verschwenden, wenn es offensichtlich nicht passt?
Katharina hielt noch kurz an der Tür inne, hoffte auf ein weiteres Wort, doch Viktor nickte nur knapp und wünschte ihr einen schönen Abend, bevor er losfuhr.
Noch am selben Abend löschte Viktor sein Profil auf der Partnerbörse und blockierte Katharinas Nummer. Keine Zweifel, kein Vielleicht. Mit dieser Bekanntschaft sollte es keine Fortsetzung geben. Das war ihm in der ersten Minute klar gewesen; nur seine gute Erziehung hatte ihn davon abgehalten, das Treffen einfach abzubrechen
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Viktor saß einige Zeit später mit seinem Kollegen in einem Restaurant; vor ihm ein deftiges Schweinesteak mit Bratkartoffeln, genau nach seinem Geschmack. Träge ließ er den Blick über die Gäste schweifen, blieb immer wieder an den Tischen mit jungen Frauen hängen bei fast allen fanden sich nur Salate oder leichtes Essen auf dem Teller.
Warum setzen sich Frauen eigentlich ständig auf Diäten? fragte Viktor schwer seufzend, während er ein Kartoffelstück zur Seite schob. Sie entgehen sich doch so der schönsten Dinge im Leben! Ist das da etwa noch richtiges Essen? Er deutete auf eine Frau am Nebentisch, die lustlos Spinatblätter aufgabelte. Null Genuss, nur Kalorienzählen.
Sein Kollege, der Viktor und seine Vorlieben längst kannte, schmunzelte:
Weil Männer meistens auf schlanke Frauen stehen, erklärte er lakonisch, während er seinen Kaffee trank. Aber du bist da wohl eine Ausnahme. Guck doch mal, die hübsche Brünette am Fenster wirft dir schon die ganze Zeit Blicke zu. Vielleicht wäre das doch was für dich?
Er nickte kaum merklich in die Richtung der Frau; tatsächlich, ihr Blick war mehrmals zu Viktor gewandert. Doch Viktor zeigte keine Reaktion. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, und seine Antwort war eisig:
Danke für deinen Ratschlag, aber ehrlich gesagt interessiert er mich nicht. Ich halte mich aus dem Privatleben anderer heraus und bitte dich, das bei mir auch zu tun.
Der Kollege hob die Brauen, ließ aber nicht locker:
Hast du denn überhaupt noch ein Privatleben? fragte er halb spöttisch. Bei dir gibts doch nur noch Arbeit und deine Tüfteleien
Viktor legte langsam die Gabel nieder, fixierte seinen Gegenüber mit einem strengen Blick.
Schon gut, das geht mich nichts an, entschuldige beeilte sich der Kollege und hob beide Hände, um Frieden zu signalisieren. Ich wollte nur nett sein.
Viktor sagte nichts mehr. Er aß weiter. Um ehrlich zu sein, war sein Liebesleben schon lange eingefroren. Vor einem Jahr hatte er sich von seiner Freundin getrennt einer Frau, mit der er tatsächlich hatte alt werden wollen. Sie hieß Annemarie liebevoll Annie genannt. Annie war herzlich gewesen, freundlich, fürsorglich. Und, was Viktor am meisten mochte: Sie hatte diese weibliche Figur, die er als Ideal ansah! Rund, warm, lebensfroh.
Ihre Beziehung wuchs stetig. Viktor ließ Annie gern spüren, wie wertvoll sie ihm war: Er brachte ihr jeden Tag Blumen, überraschte sie mit kleinen Geschenken, die sie sichtlich glücklich machten. Er liebte es, ihr Strahlen zu sehen, wenn sie neue Kleider probierte oder einen unerwarteten Blumenstrauß entgegennahm.
Annies Kleiderschrank war ein eigenes Zimmer. Kleider, Röcke, Blusen, Schuhe und kaum ein Teil wurde zweimal getragen. Sie genoss es, sich neu zu erfinden und frisch zu präsentieren, und Viktor freute sich daran mit am liebsten empfing er sie in ihrer eleganten, gepflegten Art.
Komplimente bekam Annie von ihm ständig. Er sagte ihr oft, wie schön sie war, wie gut ihr dieses und jenes Kleid stand sogar im alten Pullover sah sie für ihn zauberhaft aus. Er ließ sie fühlen, dass er sie schätzte, dass er sie wirklich wollte.
Doch irgendetwas begann sich zu verändern. Annie verbrachte immer mehr Zeit mit Freundinnen im Café, im Kino, beim Bummeln in der Innenstadt. Und jedes Mal, wenn sie zurückkam, brachte sie eine neue Unsicherheit mit nach Hause erst unscheinbar, dann immer offensichtlicher.
Eines Abends kam Viktor nach Hause und fand Annie vor dem Spiegel, wie sie sich kritisch von allen Seiten musterte.
Ich bin zu dick! rief sie dramatisch, kaum hatte Viktor die Tür hinter sich geschlossen. Ich muss unbedingt abnehmen. Das ist doch sonst peinlich am Strand!
Viktor verschluckte sich beinahe. Er blieb stehen, schaute sie ratlos an und suchte nach Worten:
Anna, bitte, das ist Unsinn. Du bist wunderschön, du musst dich nicht verstecken!
Du siehst das gar nicht! rief sie aufgebracht. Schau mich an! Alles hängt, alles sieht schrecklich aus! Die Mädels sagen, heute muss man dünn und sportlich sein. Sonst ist man altmodisch!
Viktor ging langsam zu ihr, nahm ihre Hände. Seine Stimme war ruhig und fest:
Deine Freundinnen irren sich. Für mich bist du genau richtig, wie du bist. Ich liebe deine Figur, dein Lachen, deine Fröhlichkeit. Warum willst du das alles ändern?
Doch Annie hörte nicht zu. Ihr Gedanke war festgesetzt: Um begehrenswert zu sein, müsse sie gewissen Idealen entsprechen. Von da an ging es nur noch abwärts.
Du bist wunderschön! versuchte Viktor noch, sie zu bremsen. Mit dir kann niemand mithalten.
Annie schluckte schwer, Tränen traten in ihre Augen. Sie wandte sich zum Fenster, hielt die Tischdecke wie einen Rettungsring.
Ach, tröste mich doch nicht! schluchzte sie. Wärst du ehrlich gewesen, hättest du mich schon viel früher ins Fitnessstudio geschickt! Du hast es doch bestimmt bemerkt!
Viktor trat näher, legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Für mich bist du einfach perfekt! sagte er, ehrlich und voller Überzeugung. Hör nicht auf andere; sie sind nur neidisch.
Ja klar! riss Annie sich wütend los, in ihrem Blick lag Enttäuschung. Du willst es nur nicht zugeben. Jeder sieht es, nur du…
Ab da lief alles aus dem Ruder. Annie beschloss, sich zu verwandeln. Sie strich konsequent alles Süße, alles Fettige und alles Gebackene aus dem Speiseplan. Der Kühlschrank füllte sich mit Quark, Brokkoli und gegrilltem Hähnchen. Jeder Tag begann mit einer Waage und dem Taschenrechner.
Mit der Zeit wurde sie gereizter, ihre lockeren Scherze ersetzten schroffe Kommentare. Wollte Viktor ein Kompliment machen, schnitt sie ihm das Wort ab:
Sei ehrlich! Hör auf zu schwindeln!
Seine Erklärungen prallten ab Annie beschäftigte nur noch eins: Endlich perfekt sein. Sie probierte jede Diät aus, von Low-Carb über Rohkost bis zu Fastenkuren.
Viktor fuhr nur noch als Beobachter mit; seine einst lebensfrohe Annie, die gern mit ihm genoss, saß am Ende nur noch mit traurigem Blick an ihrem Salat, während er wieder und wieder auf dasselbe Stoßgebet verfiel.
Eines Abends war die Stimmung unerträglich. Annie fauchte ihn an:
Das ist alles nur wegen dir! Du sorgst dafür, dass ich das nicht schaffe!
Wie meinst du das? fragte er ratlos.
Immer bringst du diese Kalorienbomben ins Haus! Du weißt, dass ich auf Diät bin, aber du bestellst immer wieder solche Sachen! Wie soll ich da jemals durchhalten?
Ich will aber auch richtig essen! Warum soll ich auf dein Kaninchenfutter umsteigen?
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Annie begann, zu schimpfen: Dass er nicht unterstützte, dass er nicht verstand, wie schwer das alles sei und dass er ihr im Weg stünde.
Viktor hörte zu und fühlte nur noch Müdigkeit. Für ihn war Annie immer wunderbar gewesen sie selbst aber sah nun in ihm nur noch das Hindernis zu einem ausgedachten Ideal.
Er fragte sich ernsthaft: Wo war die Frau geblieben, die er geliebt hatte? Die lustige, warmherzige, die nie an Kalorien dachte und über seine Witze lachte?
Wie sollte es weitergehen? Immer wieder gegen dieselben Mauern laufen und sie von etwas überzeugen, das sie nicht mehr hören wollte? Sich ändern, um ihr zu gefallen? Aber dann würde er sich selbst aufgeben. Und auf Dauer mit jemandem leben, der einem nie Glauben schenkt und einen nur als Problem sieht das hielt Viktor nicht mehr aus.
Am Ende stand die Trennung. Viktor haderte lange, suchte nach Auswegen… Doch jedes neue Gespräch führte zum Konflikt, jede Aussprache zu neuen Verletzungen. Schließlich begriff er, dass aus Liebe längst eine bloß noch schmerzhafte Existenz geworden war ohne Vertrauen, ohne Freude, ohne Verständnis.
Es war ein unsagbar schwerer Entschluss! Die gemeinsamen Erinnerungen, die ersten Treffen, die Urlaube, die stillen Abende zu zweit all das blieb im Herzen. Aber die neue Annie verbissen, nur noch auf ihren Körper fixiert entfaltete auch keinen Zauber mehr. Nicht nur ihr Äußeres war anders; ihr Charakter, ihre Offenheit, ihre Sicht auf ihn alles schien verloren.
Nach einem letzten Streit fiel die Entscheidung. Ein paar harte Worte, dann knallte die Tür. Viktor war allein in der leeren Wohnung; Anns Parfüm hing noch in der Luft, auf dem Regal gemeinsame Fotos, im Schrank ihre Kleider
Die ersten Wochen nach der Trennung waren am schwersten. Ofter griff Viktor nach dem Telefon, nur um sich dann abzulenken. Hin und wieder fragte er sich, ob er einen Fehler gemacht hatte, doch die Erinnerungen an die letzten Monate die ständigen Vorwürfe, das Fremdsein nebeneinander ließen ihn erkennen, dass es keinen Weg zurück gab.
Als ein halbes Jahr vergangen war, und Viktor immer noch allein war, wagte er das, was er für sich immer ausgeschlossen hatte: Er meldete sich bei einer Online-Partnerbörse an. Wunder erwartete er nicht, aber doch wenigstens ein bisschen neue Gesellschaft.
Er las, verglich, betrachtete Fotos. Einige Frauen erschienen zu ernst, andere zu kindisch. Es gab Profile von Frauen, die so aussahen wie vor Jahren Annie doch beim Schreiben fehlte die Vertrautheit. Wieder andere waren offenherzig, aber der Funke sprang einfach nicht über.
So blieb alles leer. Er ging zu Verabredungen, sprach höflich, lachte, doch tief in sich spürte er nichts. Es war klar: Das lag nicht an den anderen. Er hatte das alte Glück noch nicht losgelassen es lebte weiter als Erinnerung, wie ein ferner Traum
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Mit der Zeit fand Viktor in einen ruhigeren Alltag zurück. Die Arbeit forderte ihn, die Abende verbrachte er mit Freunden oder seinen Hobbys. Er lernte, nach vorne zu blicken, auch wenn die Vergangenheit noch manchmal anklopfte.
Eines Tages, als er das Büro verließ, ging er auf einen Kaffee in ein kleineres Café um die Ecke. Am Nachbartisch saß eine Frau mit einem Notizbuch. Sie schrieb, machte Skizzen, sah sich dann wieder im Raum um ruhig und gelassen.
Viktors Blick blieb an ihr hängen. Es faszinierte ihn, wie selbstsicher und entspannt sie wirkte. Sie musterte sich nicht im Fensterspiegel, kontrollierte nicht dauernd ihre Frisur, war nicht gestresst wegen einer Kleinigkeit. Als sie schließlich aufsah und bemerkte, dass Viktor sie ansah, schenkte sie ihm einfach ein offenes, ungezwungenes Lächeln.
Viktor fasste sich ein Herz.
Entschuldigen Sie, was schreiben Sie da so eifrig? Ist das ein Tagebuch oder Arbeit? fragte er freundlich.
Beides, sozusagen, antwortete sie und legte den Stift zur Seite. Ich bereite gerade einen Blogtext vor. Und Sie? Arbeiten auch in der Nähe?
Das Gespräch lief überraschend locker. Sie hieß Friederike, wurde aber von allen Vicky genannt. Sie arbeitete als Model allerdings für Modekataloge für Frauen mit weiblichen Formen. Viktors Interesse war geweckt. Ihr Gesicht prangte regelmäßig auf den Seiten eines großen Onlineversandhandels für schöne, bequeme Kleidung jenseits der üblichen Konfektionsgrößen.
Was Viktor besonders beeindruckte: Vicky liebte ihre Figur so, wie sie war. Sie sprach darüber ohne Trotz oder Stolz, sondern als etwas ganz Natürliches.
Diäten? meinte sie bei einem gemeinsamen Mittagessen, als Viktor vorsichtig fragte, wie sie so gelassen bleiben könne. Für mich meist vertane Lebenszeit und Zeichen von Unzufriedenheit mit sich selbst. Klar, gesundheitliche Gründe was anderes. Aber sich für irgendwelche Zahlen auf der Waage kasteien oder um anderen zu gefallen, das wär nichts für mich. Ich esse gern, bewege mich gern, liebe, was ich tue. Und ich mag meinen Körper.
Ihre Worte waren so selbstverständlich und ehrlich, dass Viktor unwillkürlich lächeln musste. Es war lange her, dass er jemand traf, der sich selbst so gelassen und klug annahm.
Sie trafen sich öfter. Vicky forderte weder Geschenke noch große Gesten. Sie begegnete ihm offen, ehrlich, zugewandt und sie nahm, wie er war. Sie drängte nicht, sie ermutigte. Ihr Gespräch blieb leicht, ihre Wärme echt.
Mit der Zeit verlor Viktor die alte Anspannung. Mit Vicky genoss er wieder einfache Dinge Spaziergänge in Schwabing, Plaudereien in der Küche, ihr fröhliches Lachen.
Ein halbes Jahr später wusste er, dass er nicht mehr zögern wollte. Eines Abends, als sie wieder in ihrem Lieblingscafé saßen, holte er eine kleine Schatulle hervor und blickte ihr in die Augen:
Ich wünsche mir, dass du meine Frau wirst.
Vicky lachte hell und herzlich und nickte:
Ja. Natürlich.
Sie heirateten still. Ohne großen Rummel, nur mit engen Freunden und Familie. Es kümmerte sie nicht, was andere dachten. Ihr gemeinsames Glück reichte, getragen von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und der schlichten Freude, zusammen zu sein.





