Mein Sohn schloss damals die Tür ab, als ich ihn besuchen wollte… und tat so, als wäre er nicht zuhause.
Ich wusste genau, dass er drinnen war.
Das Licht brannte.
Ich hörte auch den Fernseher.
Doch als ich klingelte, kam diese seltsame Stille, die nur entsteht, wenn jemand absichtlich nicht aufmacht.
Ich stand vor seiner Tür und wartete.
Klingelte ein zweites Mal.
Dann ein drittes Mal.
Am Ende lehnte ich mich einfach an die Wand im Flur und flüsterte:
Friedrich… ich weiß, dass du da bist.
Nichts.
Nur der Fernseher sprach weiter.
In diesem Moment begriff ich, dass man sich vor einer verschlossenen Tür manchmal einsamer fühlt, als wenn man wirklich allein ist.
Ich bin seine Mutter.
Ich habe ihn allein großgezogen.
Sein Vater ist gegangen, als Friedrich erst sechs Jahre alt war.
Ich erinnere mich, wie ich ihn jeden Morgen zur Schule brachte. Wie ich nachts wach blieb, wenn er Fieber hatte.
Und ich weiß noch, wie er sich als Kind vor der Dunkelheit fürchtete und zu mir ins Bett kroch.
Mama, lass mich nicht allein.
Und nun stand ich allein vor seiner Tür.
Nach einigen Minuten öffnete sich der Fahrstuhl.
Die Nachbarin vom dritten Stock trat heraus.
Sie sah mich an.
Warten Sie auf jemanden?
Ich lächelte unsicher.
Auf meinen Sohn.
Sie blickte zur Tür.
Aber er ist doch gerade erst gekommen.
Mein Herz zog sich zusammen.
Ich weiß.
Ich ging die Treppe hinunter, weil ich nicht den Fahrstuhl nehmen wollte und Angst hatte, vor den Leuten zu weinen.
Als ich draußen auf der Straße war, vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht.
Von Friedrich.
Mama, es tut mir leid. Es war einfach kein guter Moment.
Kein guter Moment.
Diese Worte klangen so fremd.
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen.
Am nächsten Tag entschied ich, ihm nicht zu schreiben.
Wenn jemand die Tür für dich nicht öffnen möchte, kann man ihn nicht zwingen.
Drei Tage vergingen.
Dann klingelte mein Telefon.
Es war Friedrich.
Seine Stimme war anders.
Mama… können wir uns sehen?
Warum?
Er schwieg kurz.
Weil gestern etwas passiert ist.
Was denn?
Der Sohn des Nachbarn hat mich etwas gefragt.
Er seufzte.
Er wollte wissen, warum seine Oma immer zu ihnen kommt, aber meine Mutter nie zu mir.
Mein Herz zog sich zusammen.
Und was hast du geantwortet?
Nichts… ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Dann flüsterte er:
Ich habe gemerkt, dass wenn ich so weitermache, mein eigener Sohn eines Tages glauben wird, es sei normal, die Tür vor seiner Mutter zu schließen.
Stille.
Mama… kommst du wieder?
Ich schaute lange auf mein Handy.
Dann sagte ich leise:
Wirst du diesmal öffnen?
Vom anderen Ende kam nur ein Satz.
Ja.
Und manchmal ist genau das das Schwierigste für einen Menschen.
Die Tür zu öffnen.
Was würden Sie an meiner Stelle tun?




