Man würde es kaum glauben, was meiner Familie widerfahren ist, wenn man es nicht selbst miterlebt hätte. Alles begann vor sechs Monaten, als mein geliebter Opa Friedrich verstarb und ein charmantes Apartment mitten in Berlin hinterließ. Einen Monat nach seinem Tod beschlossen wir meine Mutter Helga, mein Vater Klaus, meine Schwester Lieselotte und ich , das Apartment zu entrümpeln und für den Verkauf vorzubereiten. Den ganzen Tag stopften wir Opas Besitztümer in große Müllsäcke, als hätten wir eine neue olympische Disziplin erfunden: das Turbo-Einpacken.
Am Abend ging jeder heim zu seinem Kartoffelsalat, nur mein Bruder Thorben wollte unbedingt allein im Apartment übernachten er behauptete, die Stille sei inspirierend für seinen nächsten Roman. Gegen sechs Uhr morgens klingelte mein Handy, und Thorben war dran, seine Stimme zitterte wie ein Berliner Winter; ich solle sofort kommen. Keine Minute habe ich verloren, bin losgesaust, so schnell, dass ich garantiert alle roten Ampeln ignoriert habe.
Als ich ankam, begegnete mir Thorben, kreidebleich wie ein ungekochter Spargel, mit wildem Blick. In der Stube hörte ich ganz deutlich Schritte, aber außer einem verlegenen Staubflusen war niemand zu sehen. Die Atmosphäre war so gruselig, dass mir die Gänsehaut sogar durch meinen Wollpullover kroch. Von Heldenmut keine Spur: Wir sind so schnell aus dem Apartment geflüchtet, dass selbst die Berliner Feuerwehr neidisch wäre.
Halbe Stunde lang sind wir um den Block geschlichen, bis wir uns genug Mut an der nächsten Bäckerei mit Streuselkuchen angefuttert hatten, um zurückzugehen. Überraschung: Opas Habseligkeiten standen plötzlich fein säuberlich und akkurat an ihren alten Plätzen. Es war gleichermaßen eine Erleichterung und ein verwirrendes Mysterium, als hätte der gute Opa persönlich nach dem Rechten geschaut.
Nach diesem Erlebnis haben wir beschlossen, das Apartment nicht mehr selbst zu betreten und die ganze Geschichte den Profis von der Immobilienagentur zu überlassen für 395.000 Euro, falls es wen interessiert. Glücklicherweise haben die neuen Mieter bis heute keine seltsamen Vorkommnisse gemeldet. Aber wenn ich an diese gespenstische Nacht zurückdenke, bekommt mein innerer Schweinehund immer noch Gänsehaut. Ein bisschen gruselig, ein bisschen lustig typisch deutsch eben.





