Keine Ehefrau mehr

Nicht mehr Ehefrau

Paul, hast du heute schon deinen Blutdruck gemessen? Die Tablette genommen? Helga warf einen Blick ins Wohnzimmer, während sie sich die Hände am Schürzenstoff abwischte.

Ach du meine Güte, Helga, lass mich doch mit deinem Blutdruck! murmelte er, den Blick nicht vom Handy abwendend. In einer Stunde hab ich eine Besprechung. Wo ist mein hellblaues Hemd, das aus Baumwolle? Ist das gebügelt?

Ich hab dir gestern drei Hemden gebügelt, du hast doch selbst gesagt, das Blaue muss in die Reinigung, da ist doch ein Fleck drauf…

Du bringst ständig alles durcheinander! Kann man nichts anvertrauen. Na gut, gib mir halt irgendeins. Und mach mir mal einen richtig starken Tee, dieser Kamillentee von dir hängt mir zum Hals raus.

Helgas Schultern spannten sich, sie schwieg und ging in die Küche.

Draußen war November, grau und nass. Die Wohnblocks gegenüber waren voller dunkler Fenster, nur in ein paar Wohnungen brannte Licht. Helga Schröder, sechsundfünfzig, stand am Herd und sah dem Wasser beim Kochen im alten, schon etwas abgeschlagenen Wasserkessel zu. Sie wollte den Kessel schon im Frühling austauschen. Hat sie nicht gemacht. War nie Zeit.

Sie gab losen kräftigen Schwarzen Tee in die Tasse, so wie er ihn mochte: ohne Kamille, ohne Minze. Sie nahm den Teller mit den belegten Broten, die sie schon morgens um sechs gemacht hatte: Brot mit Butter und Käse, zwei Stück, die Ränder abgeschnitten, weil Pauls Magen empfindlich war. Sie schnitt Tomaten dazu, auch wenn Novembertomaten nach nichts schmecken, aber Vitamine. Sie legte alles auf ein Tablett und brachte es ins Zimmer.

Paul Schröder, achtundfünfzig, saß im Sessel und starrte ins Handy. Seit drei Monaten war er Abteilungsleiter. Zuvor war er zwanzig Jahre lang einfacher Ingenieur gewesen. Als Herr Baumann in Rente ging, bekam Paul die Stelle einfach, weil er schon am längsten dabei war. Das neue Amt brachte sechshundert Euro im Monat mehr ein, ein eigenes Büro und offenbar auch einen völlig anderen Blick auf das Leben und sich selbst.

Stell’s da hin, nickte er zum Couchtisch, ohne aufzusehen.

Helga stellte das Tablett ab. Einen Moment schwieg sie.

Paul, nimm bitte trotzdem deine Tablette. Gestern hattest du Kopfweh…

Ich sagte doch, gestern tat er weh. Heute nicht. So, jetzt lass mich, ich muss telefonieren.

Sie ging hinaus. Blieb im Flur an der Garderobe stehen, an der sein Wollmantel hing, ihre wattierte Jacke, und der alte Regenschirm mit verbogenem Gestell. Stand so da und blickte ins Leere. Dann griff sie zum Lappen und wischte das Fensterbrett in der Küche ab aus lauter Ratlosigkeit, was sie in diesem Moment sonst tun sollte.

Das ging jetzt schon drei Wochen so. Seit Paul befördert wurde und auf irgendein Firmenseminar in den Spessart war seit der Rückkehr war er wie ausgewechselt. Gerade, mit neuer Frisur und seltsam festem Gesichtsausdruck. Helga war sogar froh gewesen, dachte, der Mann lebt auf. Doch dann fielen ihr immer mehr Veränderungen auf.

Er fing an, am Essen herumzukritisieren. Früher aß er einfach. Jetzt plötzlich war der Eintopf zu salzig, die Frikadellen zu trocken und Buchweizen mit Dosenfleisch etwas für Studenten, nicht für Führungskräfte. Sie fragte noch unsicher nach, doch er sah sie an, als sei das eine dumme Bemerkung und meinte:

Helga, du musst jetzt schon langsam mal was Richtiges kochen. Gedünsteter Fisch, ordentliche Salate, nicht nur an Weihnachten deinen Kartoffelsalat.

Sie kochte Fisch. Und sie kochte auch Salate. Er aß schweigend. Sie dachte, alles sei gut. Aber am nächsten Tag kam er mit grimmigem Gesicht Heim und meinte, bei Herrn Vogelsang, seinem neuen Kollegen vom Seminar, da arbeite die Ehefrau nicht mehr, halte ihm komplett den Haushalt und sieht auch noch aus wie ein Mensch.

Helga schwieg. Sie hätte einiges erwidern können. Dass sie seit vier Jahren nicht mehr arbeitet, seit sie in der Buchhaltung betriebsbedingt gekündigt wurde. Dass sie früh aufsteht, schon längst vor ihm, dass sie das Haus führt, seine Rezepte holt, seine Medikamente in der Apotheke besorgt, die er dann brav schlucken muss, die Reifen zum Reifenwechsel bringt, weil er keine Zeit hat. Sie hätte das alles sagen können. Aber sie schwieg es war Gewohnheit.

Vor zwei Tagen passierte es dann, dass das Schweigen nicht mehr reichte.

Er kam gegen acht nach Hause. Helga war gerade dabei, eine Hühnersuppe vom Herd zu nehmen, dünn, zweite Brühe, weil er mit dem Cholesterin Probleme hatte. Zwei Stunden gekocht. Die Küche roch nach Dill und Karotten.

Warum dauert das so lange? fragte sie, aus der Küche blickend.

Ich musste länger bleiben, blaffte er, Schuhe einfach im Flur abgestreift.

Suppe ist fertig. Komm Essen.

Er kam, guckte in den Topf, verzog das Gesicht.

Schon wieder Hühnerbrühe.

Paul, der Doktor hat gesagt…

Ich weiß, was ich habe. Ich bin kein Kind. Aber ich habe satt, zu Hause Krankenkost zu löffeln.

Sie verteilte die Suppe. Schneidet Brot. Er aß, stand auf, räumte nicht ab. Ging ins Wohnzimmer. Sie wusch ab, wischte den Herd, kehrte Krümel zusammen. Dann ging sie ins Wohnzimmer, um zu fragen, ob er noch Kompott wolle.

Er saß im Sessel, scrollte am Handy. Kurz flackerte etwas Rosa auf dem Display, sie sah nicht genau, er neigte das Telefon ab.

Paul, willst du noch Kompott?

Er sah sie lange an. Als würde er etwas abwägen.

Nein, sagte er. Dann, nach einer Pause: Helga, schau dich doch mal an.

Sie verstand nicht sofort.

Wie bitte?

Ich sag, schau dich mal an. Wann warst du das letzte Mal beim Friseur? Guck dich mal an, die Haare hängen. Dein kariertes Hauskleid, du siehst aus wie eine alte Bäuerin.

Aus der Küche tropfte der Wasserhahn. Im Nachbarzimmer dudelte ein Fernseher.

Paul, sagte sie leise.

Was denn, Paul? Ich sag nur die Wahrheit. Ich muss jetzt auf Firmenfeiern gehen, auf Termine. Da kommen Leute die Frau muss da repräsentabel aussehen, aber du… Guck dich doch mal.

Leute kommen? wiederholte sie langsam. Welche Leute? In drei Monaten kam keiner her.

Weil es mir peinlich ist! fuhr er sie an, das Wort peinlich krachte wie ein Stein in die Stille. Bei Münstermann kann man die Frau wenigstens anschauen. Gepflegt, modisch. Und du… Bist zugenommen, immer im Hauskleid, Haare ungepflegt…

Paul Schröder. Sie verwendete seinen vollen Namen, das tat sie selten. Du wirst bald sechzig. Ich bin sechsundfünfzig. Wir sind nicht mehr jung.

Eben! fuhr er vom Stuhl hoch, als sei das das Hauptargument. Gerade deshalb soll man sich um sich kümmern! Ich bin im Fitnessstudio angemeldet und geh regelmäßig hin. Und du sitzt zu Hause und kannst nicht mal…

Sitze zu Hause, wiederholte sie. Ihre Stimme war ruhig, fast seltsam gleichmäßig. Sie wunderte sich selbst. Gut, Paul. Ich hab es verstanden.

Sie verließ das Zimmer, zog die Tür zu. Blieb in der Küche stehen. Räumte Brot weg, machte das Licht aus. Ganz ruhig, wie eine Maschine. Aber in ihr drinnen hatte sich etwas verschoben. Nicht zerbrochen, nicht kaputt gegangen, sondern einfach verschoben wie Möbel im Zimmer, erst ungewohnt, dann fragt man sich: Warum eigentlich nicht schon früher?

Sie schlief in dieser Nacht nicht. Lag auf ihrer Seite des Betts, starrte an die Decke. Er schnarchte, wie immer, schnell ein. Sie hörte ihm zu und dachte nach.

Dachte darüber, dass ihr Leben, in den letzten zehn Jahren, eigentlich ein einziger Service-Modus war. Aufstehen, kochen, waschen, reinigen, Apotheke organisieren, Arzttermine buchen, per Taxi zum Arzt Auto hatten sie nämlich seit drei Jahren keins mehr, verkauft wegen seiner Probleme am Steuer. Bezahlt hat immer sie, mit ihrer EC-Karte. Kümmert sich um seine Pillen: gegen Bluthochdruck Ramipril, gegen Cholesterin Atorvastatin, im Frühling kamen noch welche für die Gelenke dazu, teuer, fast fünfzig Euro pro Packung. Alles aufgeschrieben, alles organisiert, rechtzeitig in die Apotheke gegangen.

Dann musste sie sich anhören, sie sei peinlich, wie eine alte Bäuerin. Die Münstermann-Frau sei besser.

Helga lag da und dachte nach. Und um eins nachts kam ihr plötzlich ganz klar: Es reicht.

Nicht ich gehe, nicht ich lasse mich scheiden, nicht ich mache jetzt einen Aufstand. Einfach: Es reicht, Dinge zu tun, die er gar nicht mehr bemerkt, nicht schätzt. Es reicht, nur noch die Ressource zu sein, wie der Wasserhahn: aufdrehen, Wasser holen, abdrehen. Soll er doch selber.

Am Morgen stand sie wie immer um sechs auf. Sie machte sich ihren Tee, den Kamillentee, den er hasste. Setzte sich mit der Tasse ans Handy. Buchte per App einen Termin beim Friseur im Einkaufszentrum am U-Bahnhof, dorthin, wo sie sonst nicht hinging, weil es dort mindestens sechzig Euro fürs Schneiden kostet. Termin: Mittwoch. Dann fand sie einen Skandinavischen Walking-Kurs im Park um die Ecke, kostenlos, dienstags und donnerstags. Schrieb es sich in den Kalender.

Als Paul um sieben in die Küche kam, stand auf dem Herd nur seine Teetasse. Brot in der Brotdose, Butter im Kühlschrank. Soll selbst machen.

Und Frühstück? fragte er, sich suchend umschauend.

Brot ist da, Butter ist da, Käse ist im Kühlschrank, sagte Helga und las weiter im Internet.

Er stand nur da. Schwieg. Brühte sich den Tee auf. Schnitt sich Brot. Aß am Kühlschrank lehnend. Ging ohne ein weiteres Wort zur Arbeit.

Helga sah ihm nach und spürte etwas wie Erleichterung.

Mittwochs ging sie zum Friseur. Die Friseurin, eine junge Frau mit rasiertem Undercut und vielen Piercings, untersuchte lange ihr Haar und fragte:

Schon lange nicht mehr gefärbt?

Drei Jahre, gab Helga zu. Irgendwie nie Zeit gehabt.

Gutes Haar. Wir machen mal eine Tönung, ein paar Highlights, schön dezent. Und schneiden ordentlich.

Helga saß über zwei Stunden im Stuhl und sah der Verwandlung zu. Sie ging als eine andere Frau nach Hause. Nicht jung, nein, das wäre Selbstbetrug. Aber lebendig. Fast sie selbst, nur irgendwie anders, eine Helga, die sie fast vergessen hatte.

Sie bezahlte 110 Euro beim Friseur. Auf dem Heimweg kaufte sie sich noch eine Gesichtspflege nicht die billige aus der Drogerie, sondern eine gute für reife Haut, 25 Euro. Sie stand vor dem Regal, fand das teuer, erinnerte sich dann an Münstermanns Frau, und kaufte die Creme.

Paul fiel es am Abend auf. Sah ihr Haar. Sagte nichts.

Sie hatte ohnehin nichts erwartet.

In der nächsten Woche waren seine Tabletten gegen Bluthochdruck alle. Früher beschaffte sie neuen Nachschub, überprüfte die Packung. Jetzt ließ sie die leere Schachtel einfach auf seinem Nachttisch liegen selber sehen.

Er kam nach Hause, zog sich aus, ging an der Ablage vorbei, ohne hinzusehen. Sie erwähnte es nicht.

Am Tag darauf suchte er nach den Tabletten leere Schachtel.

Helga! rief er aus dem Schlafzimmer. Die Tabletten sind alle!

Weiß ich, rief sie zurück.

Warum hast du keine geholt?

Paul, du bist erwachsen. Das schaffst du alleine.

Pause. Lange Pause.

Ich muss arbeiten.

Ich auch.

Was sie zu tun hatte, präzisierte sie nicht. Sie hatte jetzt wirklich Termine: Dienstags und donnerstags Skandinawalking, zusammen mit zwei anderen Frauen aus dem Kurs: Anita und Renate. Anita arbeitete als stellvertretende Schulleiterin, lachte so laut, dass die Krähen aufflogen. Renate war ruhig, schon in Pension, kümmerte sich um die Enkel. Sie liefen durch den Park mit Stöcken, redeten, atmeten frische Luft und Helga fühlte: Das tut gut, und das vermisste sie lange.

Paul kaufte sich die Tabletten. Kam aus der Apotheke wie nach einer Heldentat. Legte sie hin, sagte nichts. Sie auch nicht.

In jenen Tagen rief sie ihre Freundin Gisela Rosenberg an, die sie ebenfalls aus der Buchhaltung kannte.

Gisela, hast du Samstag Zeit?

Wieso?

Lass uns mal rausgehen. Ins Kino oder in ein Café.

Helga, alles okay bei dir? Gisela war misstrauisch: Sie waren bestimmt vier Jahre nicht mehr zusammen in einem Café.

Ja, besser als sonst, sagte Helga.

Am Samstag trafen sie sich an der U-Bahn. Gisela staunte über Helgas Haare:

Helga, was hast du gemacht! Siehst super aus!

War beim Friseur.

Höchste Zeit! Ich hab dich immer schon so…

Jetzt ist es eben so weit, sagte Helga, und sie gingen ins Café.

Es gab Latte Macchiato und Kuchen am Fenster. Draußen Schneeflocken, die auf dem Pflaster tauten.

Na, erzähl, forderte Gisela.

Und Helga erzählte. Von Pauls Beförderung, vom Seminar, von seiner neuen Attitüde. Vom Eintopf, der zu salzig war, von Münstermanns Frau, von seinen Worten: Guck dich mal an und peinlich. Sie erzählte ruhig, ohne Tränen, fast sachlich, wie von einer Fremden.

Gisela rührte den Kaffee, hörte aufmerksam zu.

Und was hast du jetzt vor?

Eigentlich gar nichts. Ich tue nur nicht mehr das, was er sowieso nicht schätzt. Verstehst du? Nicht aus Trotz. Einfach, weil es keinen Sinn macht.

Verständlich, sagte Gisela langsam. Sie wartete. Find ich richtig.

Ich weiß gar nicht, ob es richtig ist. Ich kann halt nicht mehr anders.

Gisela nickte, stieß mit dem Löffel ein Stück Kuchen ab.

Und merkt er was?

Klar. Dass ich ihm die Tabletten nicht mehr hinterherräume? Schon. Dass ich nicht mehr täglich Hemden bügle? Auch. Gestern hat er sich ein zerknittertes geholt, ohne Kommentar.

Kein Streit?

Nein. Helga zuckte die Schultern. Er weiß nicht, was er sagen soll. Bisher schwieg ich immer zu allem. Jetzt schweige ich, aber anders.

Gisela sah sie an.

Und Scheidung?

Weiß nicht. Noch nicht. Erstmal will ich rausfinden, wer ich ohne das alles bin. Ohne seine Medizin, seine Suppe, seine Hemden. Ich hab mich selbst jahrelang nicht gesehen.

Sie saßen noch eine Weile, bestellten noch einen Kaffee. Draußen wurde es dunkel. Sie umarmten sich am U-Bahnhof. Gisela sagte:

Ruf ruhig an. Und lass uns nächsten Samstag wieder treffen?

Ja, stimmte Helga zu.

Im Zug dachte sie, dass es Jahre her war, dass sie mit Gisela einfach nur so ausging, ohne Hetzen, einfach zum Reden. Immer war was anderes wichtiger, immer Pauls Termine, Pauls Gesundheit, Pauls Suppe…

Zuhause saß er am Fernseher. In der Küche eine schmutzige Tasse, ein Teller von Rührei, das er selbst gebraten hatte. Sie ging in die Küche, sah auf den Teller. Früher hätte sie gleich gespült. Jetzt ließ sie ihn stehen.

Wo warst du? fragte er, ohne sich umzudrehen.

Habe Gisela getroffen.

Lange.

Ja.

Sie ging ins Bad, cremte sich das neue Gesichtspflegeprodukt aufs Gesicht. Sah sich im Spiegel an. Kein Schreck: sechsundfünfzig Jahre, kein junges Gesicht, aber lebendig. Lachfalten, Linien um den Mund. Haare frisch geschnitten, das Melieren stand ihr. Sie war eine nicht mehr junge Frau, und das war in Ordnung.

Der Dezember brachte echte Kälte. Helga kaufte sich gute, warme Lederstiefel. Nicht die billigen Gummistiefel der letzten drei Winter. Gab 150 Euro aus und hatte es nie bereut.

In der Wohnung änderte sich etwas Unsichtbares. Sie kochte immer noch, aber nicht mehr nur Diätkost für ihn. Sie kochte, worauf sie Lust hatte: richtigen Eintopf mit Fleisch, Bratkartoffeln, manchmal Tiefkühlklöße, warum denn auch nicht. Für seine Dampfkost machte sie nicht mehr extra Aufwand. Arzt hat alles gesagt, selbst achten bitte.

Seine Hemden wurden jetzt mit allem anderen gewaschen, kein Extraprogramm oder Schonwaschgang mehr. Früher war das alles Separates, damit es gut blieb. Jetzt nicht.

Er bemerkte das alles. Sagte nichts. Manchmal ein giftiger Kommentar:

Schon wieder Klöße?

Ja, sagte sie ruhig.

Kochst du gar nicht mehr richtig?

Doch, gestern gabs Suppe. Sonntag Braten.

Er zog ab, unzufrieden. Aber so richtig Position beziehen konnte er nicht; er konnte schlecht sagen: Warum kümmerst du dich nicht mehr ausschließlich um mich? Das wäre zu ehrlich selbst für ihn.

Helga machte weiter: Park dienstags und donnerstags, lernte Anita besser kennen, fand heraus, dass diese eine gute Gynäkologin kennt. Sie ließ sich endlich untersuchen. Dann meldete sie sich noch für einen kostenlosen Aquarellkurs an der Bibliothek an, mittwochs. Nicht, weil sie immer schon malen wollte, sondern weil warum nicht. Zwei Stunden mittwochs, in aller Ruhe, ohne Eile, nur Papier und Pinsel.

In der Mitte des Dezember fing Paul an, nach der Arbeit öfter wegzubleiben. Früher hätte sie sich gesorgt, ständig angerufen, das Essen warm gehalten. Jetzt aß sie allein, wenn sie Hunger hatte, legte sich schlafen, wie es ihr passte. Er kam neun, zehn Uhr, einmal halb zwölf. Sie fragte nicht. Er erklärte sich nicht.

Dass er eine Affäre hatte, begriff sie nicht wegen des Handys, sondern weil er eines Abends nach fremdem, süßlichem Parfüm roch. Nicht Büro- oder Restaurantduft, sondern Parfüm von einer anderen Frau. Sie roch es im Flur. So ist es also.

Komischerweise tat das nicht weh. Sie hatte Schmerz erwartet, aber das kam nicht. Es war mehr eine müde Neugier und ein Gefühl, für das sie erst kein Wort fand: Erleichterung, befreit von Verantwortung. Wenn er jetzt ging, war das sein Entschluss, nicht ihr Versagen.

Sie sagte nichts. Legte sich zum Schlafen. Schlief gut.

Das ging drei Wochen so. Er arbeitete, blieb länger, antwortete auf Anrufe aus dem Bad. Einmal hörte sie Bruchstücke: …ich komm doch, Maike, am Samstag… Maike also. Nun gut.

Die kommenden Wochen ging Helga viel im Kopf durch. Dass sie zweiunddreißig Jahre mit Paul gelebt hatte, dass sie mit ihm den Sohn Jens großzog, der jetzt mit Familie in München lebte. Dass Paul als junger Mann anders war: heiter, konnte auch albern sein, fuhr mit Jens angeln. Wann er sich veränderte, wusste sie gar nicht. Das kam schleichend, wie Wasser, das einen Keller flutet erst unauffällig, dann ist es zu spät.

Sie dachte auch an sich. Wie sie all ihre Kraft in die Fürsorge legte und sich selbst ganz vergessen hatte. Nicht nur äußerlich, sondern innerlich sie wusste gar nicht mehr, was ihr wirklich gefiel, welche Musik, welche Bücher, wohin sie reisen würde, wenn sie könnte. All das lag begraben unter Jahren von Suppe und Tabletten.

Der Aquarellkurs wurde plötzlich wichtig. Sie saß in der ruhigen Bibliothek, die Kursleiterin, Frau Boll, Mitte fünfzig, zeigte, wie eine Lasur entsteht, wie Farben sich verwaschen. Helga malte einen Apfel, dann eine Blumenvase, dann den Blick aus dem Bibliotheksfenster. Beim letzten Termin im Januar sagte Frau Boll: Wissen Sie, Frau Schröder, Sie haben ein gutes Farbgefühl. Einfach so. Helga war erstaunt, wie viel das bedeutete dieses kleine, freundliche Kompliment, von fast einer Fremden. Paul hatte ihr so etwas lange nicht gesagt.

Anfang Januar war Maike offenbar beendet. Das merkte Helga nicht aus Pauls Geständnissen, sondern daran, wie er wirkte. Er ging wieder nach seinem alten Rhythmus: sieben Uhr zu Hause, Nachrichten, kein Telefonat mehr aus dem Bad. Er sah abgekämpft aus, hustete.

Sie kochte Suppe, er aß. Manchmal setzte er sich in die Küche, wenn sie Tee trank, und sagte ins Leere:

Draußen wirds frostig.

Ja, zwölf unter Null solls heute werden.

Hm.

Dann verschwand er wieder. Mehr Gespräch war da nicht.

Was es mit Maike auf sich hatte, erfuhr sie später von einem gemeinsamen Bekannten, Hans-Olaf: Dein Paul hatte doch was mit einer… Die hat ihn wohl ganz schnell abserviert, hörte ich. Hab was läuten hören, sagte Helga. Hans-Olaf lachte und wechselte das Thema.

Sie dachte sich ihren Teil. Die Dame dachte wohl, ein Abteilungsleiter, gute Restaurants, das aufregende Leben. Bekam einen achtundfünfzigjährigen Mann, Blutdruck und Cholesterin, der nur wollte, dass Tee richtig und Hemden ordentlich sind. Und wohl auch stöhnte über seine Gesundheit. Lässt sich nicht lange aushalten.

Mitleid hatte sie nicht. Es fühlte sich an wie nach einem langen Zahnschmerz, der einfach aufhört keine Freude, aber die Abwesenheit von Schmerz ist schon genug.

Im Februar zeigte sich Pauls Gesundheit problematisch. Durch die unrhythmische Tabletteneinnahme früher hatte sie alles exakt gemanagt , mal vergessen, mal doppelt genommen. Sie sah die Packungen durcheinander in der Schublade. Einmal schluckte er zwei Pillen, weil er gestern die Einnahme verpasst hatte. Sie schwieg. Der Arzt hatte es ihm selbst erklärt.

Sein Blutdruck stieg. Er wurde blass, klagte über Ohrensausen. Schlafstörungen. Eines Morgens meinte er:

Mir ist schwindlig.

Geh zum Arzt, sagte sie.

Würdest du mich anmelden?

Ruf selber in der Praxis an. Die Nummer steht auf deinem Versicherungskärtchen.

Er blickte sie an. Sie trank ihren Tee.

Ich weiß die Anmeldung nicht mehr so.

Paul, du bist ein schlauer Mensch. Abteilungsleiter. Das kriegst du hin.

Er schaffte es allein. Kam mit einem neuen Medikament nach Hause. Zettel mit Anweisung. Zusaätzlich zur alten Therapie, jetzt noch eines.

Hier, legte er den Plan auf den Tisch.

Gut, erwiderte sie.

Holst dus in der Apotheke?

Ich bin morgen eh in der Stadt, geb mir das Geld dafür.

Er war einen Moment sprachlos. Früher hatte sie das aus der Haushaltskasse gezahlt, alles selbst geregelt. Jetzt eben so.

Er gab das Geld. Sie besorgte das Mittel, stellte es dazu. Kein Hinweis, keine Tabelle er musste es künftig allein regeln.

Im März kam das Tauwetter. Schnee verwandelte sich in Drecklachen, auf dem Hof spielten Kinder. Helga ging einfach spazieren, ohne Stöcke, einfach so durch den Park. Sie kaufte sich eine schöne Frühlingsjacke mit Gürtel, hellbeige, keine formlosen Sachen mehr. Sah sich im Spiegel im Laden und dachte, wie lang sie sich nichts mehr zum reinen Vergnügen gekauft hatte.

Im selben Monat kamen Jens und seine Frau Eva für ein paar Tage zu Besuch. Jens, stattliche vierzig Jahre alt, dem Vater jung sehr ähnlich, aber sanfter im Wesen. Eva war freundlich und bodenständig. Sie brachten ein Glas Honig und eine Pralinenschachtel mit.

Am ersten Abend saßen alle gemeinsam. Helga kochte alles: Bratkartoffeln, Matjessalat, Sülze nach Mutters Rezept. Paul war ruhig, schwieg viel. Jens erzählte vom Job, von den Kindern, Eva fragte neugierig nach Helgas Kursteilnahmen.

Malst du etwa? staunte Jens.

Lerne ich gerade. Aquarell.

Toll! Zeigst du mir was?

Helga holte ihre Übungsblätter: Apfel, Blumenvase, Aussicht aus der Bibliothek. Jens musterte alles ernst, Eva lobte die Bilder.

Mama, du siehst richtig frisch aus!

Einfach mal wieder beim Friseur gewesen, lachte Helga.

Sie bemerkte, dass Jens verstohlen seinen Vater anschaute. Paul aß Sülze, schwieg. Irgendwas stimmte zwischen den Männern nicht, das spürte Jens, fragte aber nicht.

Am nächsten Tag, Eva war einkaufen, kam Jens in die Küche, wo Helga gerade Maultaschen formte.

Mama, bei euch alles okay?

Wieso?

Na ja… Papa ist so abwesend. Ist er krank?

Hat mit Blutdruck Probleme. Ging zum Arzt. Ist jetzt, mit Tabletten, selbst verantwortlich.

Jens schwieg. Knetete ein Stück Teig zwischen den Fingern.

Habt ihr Streit?

Nein, sagte Helga. Und das stimmte: Keinen Streit, einfach parallele Existenz.

Mama, sag mir Bescheid, falls…

Jens, alles gut. Sie schaute ihn an. Ehrlich. Mir gehts gut.

Er schien es zu glauben tatsächlich, ihr ging es wirklich gut, das war das Erstaunliche.

Sonntags reisten sie ab. Die Wohnung wurde still, leer. Helga spülte ab, wischte den Herd. Paul sah fern.

Spätabends kam er in die Küche, goss sich Wasser ein. Stand am Fenster.

Jens sieht super aus, sagte er.

Ja, stimmt, antwortete Helga.

Und die Kinder sind auch… er verlor den Faden.

Ja.

Er trank aus, stellte das Glas ab, ging. Sie blieb noch in der Küche und sah in die Dunkelheit mit leisen Schneeflocken, die letzten des Jahres.

Im April bekam Paul eine hypertensive Krise. Nicht schlimm, kein Notarzt, aber morgens steigerte sich das Schwindelgefühl so sehr, dass er sich gleich im Flur setzen musste. Er rief nach Helga.

Helga. Mir gehts schlecht.

Sie kam, betrachtete ihn: rote Wangen, Schwitzen.

Komm ins Schlafzimmer, sagte sie.

Sie half ihm ins Bett. Holte das Messgerät. 185 zu 110. Nicht gut.

Nimm die Notfalltablette in deinem Nachttisch, Captopril. Hinlegen, nicht aufstehen. In einer halben Stunde messe ich nochmal.

Und du?

Bin in der Küche.

Sie stellte Wasser auf, beobachtete den Wasserkessel. Hörte, wie er seine Tablette suchte. Nach einer Stunde war sein Blutdruck bei 160 zu 95. Schon besser.

Bleib heute zu Hause, sagte sie. Geh nicht raus.

Ich müsste zur Arbeit…

Ruf an, sag, du bist krank. Du bleibst hier.

Er blieb. Sie brachte Tee und Zwieback, nicht weil er darum bat, sondern einfach so. Es gibt einen Unterschied zwischen ich will mich nicht kümmern und ich schaue zu, wie es jemandem schlecht geht.

Er lag da und starrte an die Decke.

Helga, sagte er nach langem Schweigen.

Ja?

Ich habe mich die letzten Monate ganz schön blöd benommen.

Sie sagte nicht gleich was. Setzte sich an die Bettkante.

Ja, Paul, sagte sie ruhig. Ziemlich blöd.

Na ja… Er starrte an die Zimmerdecke. Die Beförderung… Ist irgendwie in den Kopf gestiegen. Dachte, jetzt ändert sich alles. Dass ich wirklich was geschafft hab.

Hast du ja auch. Abteilungsleiter.

Aber du… Er stockte. Das klang jetzt falsch.

Ich weiß, was du sagen wolltest, sagte sie leise.

Sie stand auf, nahm die Tasse. Ging zurück. Das war keine Versöhnung. Keine Umarmungen, keine Tränen, keine großen Worte. Einfach: Er sagte blöd, sie stimmte zu. Fertig.

April verging, der Mai kam. Sie ging weiter zum Walking und zur Aquarellstunde. Lerne Anita besser kennen, die sie prompt ins Theater einlud. Sie besuchten das städtische Schauspielhaus, gute Plätze im Parkett. Helga war seit zehn Jahren nicht mehr im Theater. Sie saß dort, trank ihren Pausen-Orangensaft, sah den Schauspielern zu und dachte: Es ist schön, einfach Zuschauer zu sein.

Sie war sechsundfünfzig und begriff langsam: Das war kein Ende, sondern etwas völlig anderes.

Mit Paul lebten sie weiter nebeneinander her. Keine Kritik am Essen mehr, keine Erwähnung von Münstermanns Frau. Manchmal normale Hausgespräche. Mitunter saßen sie abends zusammen: er schaute fern, sie las ein Buch, das Anita empfahl. Es war friedlich, fast normal, aber mit dem Unterschied, dass Helga sich nicht mehr verpflichtet fühlte.

Einmal bat er sie, online Tabletten zu bestellen das sei günstiger.

Ich kann das nicht, sagte er. Du kannst das besser.

Es ist ganz einfach. Namen eingeben, in den Warenkorb legen, Apotheke auswählen.

Du meisterst das doch viel besser.

Klar. Aber du lernst das auch.

Er lernte es wirklich. Saß lang über dem Handy, fragte sie einmal, wo klicken. Sie erklärte. Dann bestellte er selbst.

Sie merkte, dass es auch wichtig war: Nicht alles für den anderen zu tun, was er selbst kann. Früher dachte sie, helfen heißt alles für ihn machen. Heute wusste sie: Das ist kein Helfen, das ist sich selbst aufgeben.

Im Juni wurde es heiß. Sie kaufte sich ein Sommerkleid, leicht und geblümt. Zog es an und fand: Sieht gut aus. Nicht wie eine Bäuerin. Sondern wie eine Frau, die sich mal ein schönes Kleid gönnt.

Ehe im fortgeschrittenen Alter verläuft unterschiedlich, das wusste sie. Manche Paare, die sie kannte, quälten sich, andere waren innig, andere todunglücklich. Bei ihnen war es etwas Viertes: kein Krieg, kein Friede, aber auch keine Gleichgültigkeit. Jeder für sich, aber unter einem Dach.

Was aus dieser Beziehung wird, wusste Helga selbst nicht. Manchmal dachte sie an Giselas Frage nach Scheidung. Wischte die Idee nicht weg, aber hatte keine Eile. Erst einmal sich selber verstehen.

Der Sommer verstrich normal. Sie fuhr alleine für zwei Wochen nach München zu Jens, das erste Mal seit Jahren ohne Paul. Er blieb zu Hause, meinte, er habe zu viel Arbeit. Sie packte ihren Koffer, nähte als Geschenk für die Enkeltochter eine selbst gestickte Kissenhülle hatte sie im Internet gelernt und fuhr los.

Die zwei Wochen mit Jens, Eva und den Enkeln, Steffen (sechs) und Marlene (vier), waren die besten seit Langem. Sie nahm die Kinder mit ins Grüne, kochte ihnen Brei, badete Marlene, las vor. Es war eine andere Art der Fürsorge: nicht ausufernd, nicht Pflicht, sondern gern gegeben.

Abends redete Jens mit ihr über alles Mögliche, fragte nach zu Hause. Sie antwortete ehrlich: Sie kommen aus, es ist kompliziert. Jens nickte, gab keine Ratschläge. Er war ein guter Sohn.

Zurück kam sie braungebrannt und entspannt. Paul holte sie im Flur ab, sagte: Da bist du ja wieder. Trug den Koffer. Es war wenig aber immerhin.

Der August war drückend schwül. Sie stellte einen kleinen Ventilator ins Schlafzimmer, kaufte sich am Markt eine halbe Wassermelone, isst die eine Hälfte selbst, stellt die andere für Paul in den Kühlschrank. Er isst und sagt danke. Zum ersten Mal seit Jahren dankt er für das Essen.

Und im September, als morgens die gelben Pappeln wieder rauschten und es kalt wurde, passierte das, worauf sie im Grunde vorbereitet war.

Freitagabend, er kam um acht, das Gesicht grau, ging unsicher. Sie saß in der Küche, ein Buch in der Hand.

Helga, rief er von der Tür. Mir ist schlecht.

Was ist passiert?

Wohl wieder Blutdruck. Kopfschmerzen. Und hier, zeigte auf die Brust, drückt’s irgendwie.

Sie stand auf, sah ihn an.

Seit wann?

Heute Mittag gings los. Hab auf Besserung gehofft.

Tablette genommen?

Um drei. Halft wenig.

Setz dich.

Er setzte sich. Sie holte das Messgerät. 190 zu 115. Schlechter als im April.

Paul, sagte sie ruhig. Das ist ernst. Wir rufen besser einen Arzt.

Ach, Arzt, vielleicht noch eine Pille…

Nein. 190, Brustdruck. Das geht nicht mit einer Pille weg. Du brauchst medizinische Hilfe.

Dann ruf du an…

Sie hielt inne. Stand mit dem Gerät im Arm, sah ihn an.

Sie sah ihn: graue Haut, erschrocken, die Hand auf der Brust. Ein kranker, alter Mann mit Angst. Und sie fühlte: Nicht Gleichgültigkeit. Mitgefühl. Ehrliches, mitmenschliches Mitleid.

Aber sie erinnerte sich auch: Dass er sie monatelang durchsichtig ansah. Ihr Worte sagte, die nicht ungesagt werden können. Dass sie lang vor ihm aufgehört hatte, für ihn zu existieren.

Sie wusste, was sie jetzt tun würde und was nicht.

Paul, sagte sie ruhig. Du hast dein Handy. Die Nummer vom Notarzt kennst du.

Er blickte sie entgeistert an.

Was?

Ruf selbst an. Wähle die 112. Sag die Adresse, beschreibe die Symptome. Sie kommen.

Helga… in seiner Stimme war Hilflosigkeit, fast kindlich. Du hilfst mir nicht?

Ich habe dir geholfen: Blutdruck gemessen, gesagt, es ist ernst. Den Rest machst du selbst.

Aber…

Paul. Sie legte das Messgerät auf den Tisch. Ruf selber den Notarzt. Du bist erwachsen. Abteilungsleiter. Das schaffst du.

Sie verließ die Küche. Ging durch den Flur ins Schlafzimmer. Zog die Tür zu. Nicht zu laut, nicht absperren, einfach nur zugezogen.

Wenig später hörte sie seine Stimme: leise, leicht zitternd.

Hallo. Ja, Notarzt. Adresse…

Sie schenkte sich einen Tee ein. Kamillentee, weil sie den mochte. Mit der Tasse ging sie in die Küche, ruhig vorbei an ihm, der mit dem Telefon in der Hand sprach. Er blickte sie verstohlen an. Sie stellte sich ans Fenster, sah hinaus in die dunkle Nacht.

Der Hof unten war leer. Das Licht über dem Eingang war gelb, spiegelte sich im nassen Asphalt. Die Blätter der Pappeln waren schon fast alle abgefallen, dunkel vom Regen, lagen unten. Auf der Bank am Haus saß niemand.

Er beendete das Gespräch. Stille.

Sie kommen, sagte er.

Gut, erwiderte sie.

Kommst du mit ins Krankenhaus…?

Sie wandte sich vom Fenster um, sah ihn. Graues Gesicht, Hand auf der Brust, ängstlicher Blick. Sie empfand Mitleid, echtes. Er ist ein alter, kranker Mann. Da war kein Triumph, kein Rachegefühl.

Nein, Paul, sagte sie weich. Ich fahre nicht mit. Das machen die Ärzte.

Helga…

Der Notarzt kümmert sich. Das ist deren Job.

Sie nahm die Tasse, ging ins Schlafzimmer, zog die Tür zu. Sie setzte sich ans Fenster und blickte dieses Mal in ein anderes Fenster das in der Wand, wo eine Pappel steht und fern die Lichter des fünfstöckigen Gebäudes leuchten. Aus der Küche hörte sie Geräusche. Dann war es wieder still. Später der Fahrstuhl.

Nach zwanzig Minuten war der Notarzt da. Sie hörte, wie er öffnete, fremde Stimmen im Flur, geschäftig, bestimmt. Worte wie Blutdruck, EKG, eventuell Klinik. Paul antwortete, mit einer Art Schuldgefühlsstimme wie ein Schuljunge.

Dann hörte sie:

Sie haben eine Ehefrau?

Und Pauls Stimme:

Ja. Aber sie… fährt nicht mit.

Pause. Dann die neutrale Stimme des Arztes:

Verstanden. Kommen Sie, wir fahren jetzt in die Klinik.

Die Tür klickte, der Fahrstuhl fuhr. Dann war es ruhig.

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Homy
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