Wochenend-Ehemann
Eine Frikadelle ruhte genau in der Mitte des Tellers, mitten im Schein labyrinthischer Küchenlichter, und Hans-Jürgen betrachtete sie, während sein Magen eigenwillig knurrte.
Inge, ich nehme mir jetzt ein Brötchen, ja? Ich hab Hunger.
Jürgen, das Abendessen ist in zwanzig Minuten fertig. Das Hauptgericht wird dann kalt.
Nur schnell, ein Happen
Kannst du wirklich nicht zwanzig Minuten warten? Ich hab alles durchgerechnet. Die Kartoffeln sind um siebzehn Uhr fünfzehn fertig, das Hähnchen in siebzehn Uhr zwanzig. Wenn du den Appetit verdirbst, isst du nachher wieder nicht richtig.
Hans-Jürgen seufzte leise und setzte sich an den Tisch. Inge stand am Kühlschrank, sortierte sorgfältig Lebensmittel, die sie gerade aus dem Edeka geholt hatten. Jedes Produkt bekam seinen Platz: Milch rechts, zweites Regal; Käse ins extra Käsefach; Yoghurts nach Datum, vorn die, die bald ablaufen.
Darf ich wenigstens Tee machen?
Mach. Aber nur einen Löffel Zucker.
Inge, ich bin erwachsen.
Du hast Diabetes in der Familie, wie oft muss ich das sagen? Dein Vater, dein Opa alle Diabetiker. EIN Löffel.
Jürgen streckte die Hand nach der Kanne aus, aber Inge war schon bei ihm, goss Tee in seinen Becher, maß den Zucker ab und stellte ihn mit stoischer Fürsorge vor ihn.
Da. Trink.
Er starrte in den Becher. Dann blickte er auf ihren Rücken, der sich schon wieder dem Kühlschrank zuwandte. Zögernd nahm er einen Schluck. Der Tee war zu schwach und fast ohne Zucker. Sagen tat er nichts.
Draußen war es dämmrig geworden. Oktober in Köln meint es mit dem Licht nicht gut. Im Neubauviertel, wo die Häuser gedrängt standen wie Playmobil-Steine, wurde es noch schneller dunkel. Die Straßenlaternen brannten gleichmäßig, Autos waren auf ihren gewohnten Plätzen. Alles wie eh und je.
Sie waren siebenundfünfzig und fünfundfünfzig. Dreißig Jahre verheiratet. Die Wohnung war so sauber wie ein OP-Saal und so ruhig wie ein Lesesaal.
***
Der Samstag begann bei ihnen immer um acht. Nicht etwa, weil sie nicht länger schlafen könnten; sondern weil dann der Plan beginnt. Inge schrieb ihn Freitagabend mit akkurat runder Schrift in ihr kariertes Notizbuch.
Acht Uhr: Frühstück.
Halb neun: Feucht wischen.
Zehn Uhr: Ein Einkauf im REWE an der Luxemburger Straße, Putzmittel separat.
Zwölf Uhr: Mittagessen.
Dreizehn Uhr: Ruhe, eine Stunde.
Vierzehn Uhr: Besuch bei Tante Elsbeth.
Siebzehn Uhr: Zurück zu Hause.
Halb sechs: Abendbrot.
Halb sieben: TV oder ein Buch.
Zehn Uhr: Schlafen.
Jürgen kannte diesen Plan auswendig. Nicht weil er ihn las er änderte sich seit fünfzehn Jahren kaum. Nur der Name der zu besuchenden Verwandten oder der Supermarkt wechselte ab und zu.
Er wischte im Flur, schob den Lappen von Wand zu Wand, und gedachte dabei dem Angeln. Wie lange war er nicht mehr losgezogen? Acht Jahre vielleicht. Das letzte Mal mit Willi aus der Abteilung, an der Aggertalsperre. Drei kleine Barsche und einen Karpfen gefangen. Am Ufer gabs dann Eintopf aus der alten Blechdose über dem Feuer. Willi erzählte Witze, das Gelächter verscheuchte sämtliche Enten.
Spät nachts war er heimgekehrt. Inge saß wach.
Weißt du, wie spät es ist?
Ich weiß, Inge. Es ist halt spät geworden.
Ich hab dich acht Mal angerufen! Das Abendessen ist im Kühlschrankklar, jetzt schmeckts nicht mehr.
Entschuldige.
Ich hab mir Sorgen gemacht!
Es tut mir leid, Inge.
Danach fuhr er nie mehr zum Angeln. Nicht dass sie es ihm verboten hätte. Es ergab sich einfach. Immer war was zu tun, irgendwas zu reparieren, irgendein Besuch, und irgendwann hörte er auf, es zu erwähnen. Weil… es einfacher war, es nicht zu tun.
Jürgen, wringst du den Lappen richtig aus? Nicht zu trocken sonst gibts Schlieren!
Er wrang ihn wie von ihr erklärt, obwohl er den Unterschied nie sah. Der Boden glänzte. Inge prahlte manchmal am Telefon: Bei mir kann man vom Boden essen. Jürgen hörte das einmal durch die Wand und dachte, dass er nie im Leben vom Boden essen wollte, selbst wenn er steriles Niveau hätte.
Der Einkauf verlief nach Plan. Das Mittagessen ebenso. Tante Elsbeth reichte Kartoffelpasteten, die von unten schwarz waren. Inge merkte behutsam, aber laut genug für alle, an: Elfi, deine Röhre heizt nicht gleichmäßig, was? Jürgen aß drei Stück und dachte, erst das Angeschwärzte macht sie so lecker.
Um siebzehn Uhr zwanzig waren sie zurück. Zehn Minuten zu früh.
Inge trug die Taschen rein, stellte den Wasserkocher an und holte die Quarkauflauf-Form aus dem Kühlschrank. Der Auflauf war perfekt geschnitten, jede Scheibe identisch.
Jürgen setzte sich, blickte auf das Gebäck und spürte auf einmal eine zarte Panik. Nicht wegen des Auflaufs. Wegen allem. Weil er wusste, was morgen sein würde. Und nächste Woche. Und nächstes Jahr.
Er trank, aß, und ging zum Fernsehen über.
***
Der Staubsauger gab am Mittwochabend seinen Geist auf saugte einfach nicht mehr. Jürgen zerlegte das Gerät auf dem Küchentisch. Es war sofort klar: Filter verstopft, die Bürste im Gelenk gebrochen. Ein Klacks für einen, der zwanzig Jahre als Ingenieur bei Siemens in Ehrenfeld ackerte.
Inge blieb in der Tür stehen.
Was machst du da?
Ich repariere. Der Filter ist verstopft, und die Bürstenhalterung ist kaputt.
Ruf doch einen Fachmann. Du musst nicht alles selbst machen.
Ich schaffe das, es ist eine Kleinigkeit!
Deinen Toaster hast du auch selbst repariert, danach war er erst ganz hinüber…
Das war damals eine andere Sache. Hier seh ich das Problem.
Jürgen…
Inge, ich bin Ingenieur…
Beim Großbetrieb, nicht beim Hausgeräte-Kundendienst. Es wird teurer, wenn du murkst.
Da bewegte sich etwas in ihm. Still, dumpf, als ob ein Stein, der seit Jahren lag, nun ins Rollen kam. Er blickte auf den Staubsauger, auf Inges Gesicht ruhig, sicher.
Ich repariere das, Inge.
Jürgen…
Ich. Repariere. Ihn.
Sie sah ihn überrascht an, dann leicht genervt und verschwand.
Er schraubte eine Stunde lang. Der Sauger funktionierte wieder, sogar besser als zuvor sauberer Filter eben! Jürgen räumte alles weg und hörte das gleichmäßige Surren mit fast kindlicher Genugtuung.
Inge sah beim Vorbeigehen kurz hin, nickte stumm und sagte nichts.
Er hatte wenigstens ein Gut gemacht erwartet.
***
Am Laternenmast am Bahnhof hing ein Zettel: Reparatur alter Technik, Geräte, Staffeleien. Adresse und Telefon Sein Plattenspieler, der uralte Dual 1229, stand ungenutzt in der Diele. Inge schlug seit Jahren vor, ihn zu entsorgen. Kommt später, sagte Jürgen immer und stellte ihn wieder zurück.
Den Plattenspieler hatte er vor der Ehe erstanden. Der Vater gab Zuzahlung. Damals hörte er Reinhard Mey und Biermann, die LPs im Wohnheim aneinandergereiht. Als er und Inge zusammenzogen, steckte sie die Platten in eine Kiste: Sammelt nur Staub. Manchmal, heimlich, prüfte er, ob sie noch da waren.
Telefonisch erreichte er niemanden. Kurzentschlossen fuhr Jürgen zu der Adresse, unweit der Severinstraße, Altbau mit abgeblättertem Putz und schweren Eichentüren.
Im dritten Stock. Er klingelte, es dauerte, dann polterten Schritte und eine leicht verwirrte Stimme öffnete.
Eine Frau in seinem Alter stand da, mit einem leinenen Kittel, bekleckst von blauer und gelber Farbe. Haare zum Dutt gebündelt, einzelne Strähnen wild. Ein grüner Farbfleck auf der Wange.
Guten Tag. Wegen der Anzeige?
Ja, ich wollte fragen
Kommen Sie rein, ich bin Sabine. Vorsicht, im Flur steht die Staffelei, stolpern Sie nicht!
Er trat ein und stockte. Es war wie ein Ateliertraum aus einer anderen Zeit, als er als Student im Architekturkurs die Werkstätten anderer betrat. Überall Leinwände, einige fertig, andere nur im Ansatz, manche dick überschichtet mit Farbe. Auf dem Fensterbrett Gläser voller Pinsel, überall Tuben, Zeitungen bemalt und zertreten, auf dem Sofa ein roter Kater, der ihn mit königlicher Verachtung musterte.
Der Raum roch nach Farbe, Leinöl, Kaffee und nach Leben.
Entschuldigen Sie das Chaos, sagte Sabine, ich bin heute früh nicht zum Aufräumen gekommen.
Ach, macht doch nichts, gab Jürgen zurück und spürte, dass es ehrlich gemeint war.
Was ist zu reparieren?
Ein Dual, alter Plattenspieler, springt nicht an. Liegt wohl am Motor.
Den kenn ich! Vielleicht Kontakte im Stecker?
Schon geprüft, es ist tieferliegend.
Sabine nickte.
Haben Sie das Gerät dabei?
Nein, zuerst wollte ich fragen. Am Telefon war niemand
Ich verliere mein Handy ständig. Gestern war es unterm Sofa. Bringen Sie das Teil doch vorbei, dann guck ichs an. Wollen Sie mir vielleicht solange helfen? Dafür gibts Rabatt!
***
Die Staffelei im großen Zimmer wackelte, das Halterungsscharnier war rausgerissen und mit einer notdürftig passenden Schraube ersetzt, die zu kurz war und sich drehte.
Sehen Sie, Sabine zeigte, Schraube rutscht durch. Meine Lösung hält halt nie…
Jürgen kniete nieder, bat um einen Schraubenzieher. Sabine kam zurück mit dreien, er wählte aus, zog den lockeren Bolzen raus, umwickelte ihn mit Isolierband, schob ihn wieder rein. Die Staffelei hielt.
Brauchen Sie dauerhaft einen M6-Bolzen mit Mutter, sagte er, gibts bei jedem Baumarkt.
M6, wiederholte Sabine, schien Mühe zu haben, es sich zu merken. Am besten schreibe ichs auf.
Sie nahm einen Pinsel und schrieb mit schwarzer Farbe auf die Zeitung am Boden: M6 Bolzen mit Mutter!!.
Jürgen lachte. Ganz unerwartet.
Sie werfen die Zeitung doch eh weg.
Nein, die kommt an den Kühlschrank. Kommen Sie, trinken wir einen Tee. Hab noch gestrige Piroggen äh, Teigtaschen mit Kraut.
Eigentlich hätte er gehen müssen. Musste nach Hause. Inge
Sehr gerne, sagte er trotzdem.
***
Sie tranken Tee in der kleinen Küche mit Blick in den stillen Hinterhof, auf der Fensterbank wucherte in diversen Töpfen etwas Grünes, das Jürgen nicht kannte. Die Piroggen lagen ohne Servietten auf der Platte, krumm und schief.
Er probierte eine. Sie war von gestern, etwas klamm, aber köstlich. Kraut mit Ei und Zwiebel, wie einst bei seiner Mutter.
Schmeckt, murmelte er.
Ehrlich? Meine Tochter hat sie mir gezeigt, bevor sie nach Hamburg zum Kunststudium zog. Zwanzig Jahre alt, schon erwachsener als ich.
Sie wohnen lange hier?
Fünfundzwanzig Jahre. Früher mit Mann, aber seit einem Jahr getrennt. Jetzt nur noch Kater Konrad und ich. Er ist der Boss hier.
Konrad hob tatsächlich bei Erwähnung des Namens den Kopf, glotzte zur Küche und legte ihn wieder ab.
Haben Sie gelitten?
Wegen der Scheidung? Anfangs sehr. Dann na ja, wie mit steifen Schuhen; erst blutet man, dann gewöhnt man sich daran. Bis man endlich aussteigt.
Jürgen sah hinaus, auf den Hof, auf den kahlen Baum, wo sich ein letztes gelbes Blatt klammerte.
Sie sind Ingenieur? fragte Sabine.
Ja. Bei Siemens in Ehrenfeld.
Interessant?
Arbeit eben. Früher mochte ich Technik sehr. Tüfteln, reparieren, basteln. Und Angeln liebte ich auch.
Angeln? Erzählen Sie mal.
Er wunderte sich. Immer, wenn er das früher erwähnte, lenkten die Gespräche schnell ab. Inge sagte immer: Da sitzt man eh nur rum. Aber Sabine hörte aufmerksam zu.
Ich fuhr als Junge jeden Sommer raus. Mit Vater. Früh los, noch dunkel. Bis zum Angelplatz dämmerte es. Flusswasser am Morgen das roch man und Stille, so dass man den Karpfen plätschern hörte.
Sabine stützte die Wange in die Hand und lauschte.
Mit Willi habe ich einen Hecht gezogen, da dachten wir, es sei ein Ast.
Er erzählte und erzählte. Erst als er auf die Uhr sah, bemerkte er, dass er schon seit zweieinhalb Stunden dort saß. Fast neun.
Mensch, er fuhr hoch, ich muss los.
Klar, danke fürs Reparieren und für die Fischgeschichten.
Fischgeschichten?
Sie erzählen schön. Man sieht das Wasser direkt vor sich.
Auf dem Heimweg dachte Jürgen: Wann hatte ihm zuletzt jemand so zugehört?
***
Inge saß in der Küche, als er kam. Auf dem Tisch stand kaltes Abendessen, abgedeckt. Ihr Gesicht war angespannt in dieser typischen Vor-streit-Stille.
Wo warst du?
Bei der Plattenspieler-Anzeige. Die Frau ist Künstlerin, bat mich um Hilfe mit einer Staffelei. Das hat gedauert.
Du hättest Bescheid sagen können.
Hab ich unterschätzt.
Ich wartete bis sieben. Hab Frikadellen gemacht. Jetzt sind sie trocken, vom Aufwärmen.
Jürgen blickte auf den Teller, dann auf sie.
Entschuldige die Frikadellen.
Es geht nicht um Frikadellen! Wir haben eine Vereinbarung. Wenn du gehst, sagst du Bescheid. Das ist Respekt.
War nicht beabsichtigt.
Du denkst nie an mich. Nie an unseren Alltag. Neulich kaufst du falschen Quark fünf Prozent standen auf dem Zettel, du bringst neun Prozent. Musste es wegwerfen.
Er hängte die Jacke auf. Die Hände ruhig, doch innen spannte sich alles.
Ich habe dort gegessen. Piroggen.
Piroggen.
Ja.
Also du gehst wegen des Plattenspielers und kommst um neun mit Piroggen heim?
Sie hat um Hilfe gebeten, ich habe Tee getrunken. Sie ist alleinstehend.
Wie heißt sie?
Sabine. Vierundfünfzig, Dozentin, seit einem Jahr geschieden.
Du kennst schon ihre Biographie.
Haben halt beim Tee geredet.
Inge räumte das Essen kommentarlos in den Kühlschrank. Präzise Bewegungen.
Dann wärm dirs selbst auf. Ich geh ins Bett.
Sie ging. Jürgen blieb allein, draußen rauschte der Regen, ganz außer Plan.
***
Dann kam noch manches Mal. Er brachte den Plattenspieler, Sabine reparierte, er holte ihn ab, sie tranken Tee, diesmal hatte Jürgen einen Kirschkuchen mitgebracht.
Dann besuchte er sie einfach so. Musste nachschauen, hast du den Bolzen schon geholt. Sie hatte den falschen: M4 statt M6. Sie lachten, er brachte gleich beide Größen mit.
Er erzählte Inge nicht davon. Oder knapp: Ich geh in die Werkstatt. Inge fragte einmal, zweimal, dann ließ sie es. Vielleicht wollte sie es nicht wissen. Ihr reichte, dass er abends zurückkam.
Einmal blieb er wieder spät. Sie betrachteten Reproduktionen von C.D. Friedrich, Sabine erklärte ihm, wie der das Licht malte, und für Jürgen war das überraschend spannend.
Inge wartete zu Hause.
Frikadellen
Hör zu, Inge.
Sie sah ihn diesmal anders an. Kein Ärger Angst. Echte Sorge.
Jürgen, was ist los?
Nichts. Ich rede einfach mit jemandem. Mir gefällt das.
Du weißt, was du sagst?
Ja. Da ist nichts er schwieg. Nichts von dem, was du denkst. Es sind nur Gespräche.
Nur Gespräche.
Ja.
Jürgen, dreißig Jahre führen wir diesen Haushalt. Ich koche, kontrolliere das Geld, organisiere, sorge mich. Ich leite die Buchhaltung bei RheinBau. Ich kriege alles geregelt. Ich denke an uns beide.
Ich weiß das.
Und du bist trotzdem lieber bei einer Künstlerin als zu Hause?
Er fand keine Antwort. Oder zu brutal, um sie zu sagen.
***
Am Freitag packte er eine Tasche. Zwei Hemden, Rasierzeug, ein Buch. Inge stand wie erstarrt im Bademantel und betrachtete ihn.
Wohin gehst du?
Ich muss allein sein. Nachdenken.
Das ist Unsinn.
Vielleicht. Ich gehe trotzdem.
Geh zu ihr?
Ich muss nachdenken.
Jürgen!
Er schloss die Tasche. Sah sie an. Ihr Rücken war streng, die Haltung wie immer, aber das Gesicht ratlos als würden alle Werkzeuge plötzlich nicht mehr funktionieren.
Ich ruf an, sagte er.
Und ging.
***
Sabine stellte keine Fragen. Als er anrief und fragte, ob er ein paar Tage auf dem Sofa wohnen dürfe, sagte sie nur: Natürlich. Hier ist Platz.
Er schlief auf dem Sofa, zwischen Leinwänden und Tuben. Kater Konrad kam nachts, rollte sich an seine Füße. Morgens gab es Kaffee aus der Bialetti, mit Kardamom. Sie sprachen über Wetter, den Regen und dass Konrad schon wieder vom Blumenstock naschte.
Inge rief oft an, erst stündlich, dann seltener. Jürgen nahm nicht immer ab aber wenn, hörte er ihre geordnete Stimme:
Hast du deine Blutdrucktablette genommen?
Ja, Inge.
Hast du warme Sachen? Es wird richtig kalt.
Hab ich.
Dienstag hast du um vier einen Arzttermin. Nicht vergessen. Hab das im Januar gebucht.
Alles klar.
Kannst du nicht einfach zurückkommen? Was fehlt dir?
Er schwieg.
Inge, ich meld mich.
Dann kamen Nachrichten von ihrer Freundin Renate: Jürgen, sind Sie verrückt? Inge ist ganz fertig! Dann rief sein Chef an, Herr Schubert, was ganz überraschend war: Jürgen, was ist los? Ihre Frau hat angerufen. Sie sind verschwunden. Dann eine SMS von Inges Cousin Martin, den er einmal im Jahr sieht.
Er begriff: Inge mobilisierte alle. Wie immer, bei Kontrollverlust. Sie sammelte Hilfen, organisierte. Ziel war diesmal er selbst.
Wie gehts dir? fragte Sabine eines Abends.
Seltsam. Angst ist da. Alles so ungewohnt.
Verständlich.
Ich habe morgens gar nicht gewusst, was ich anziehe. Hab einfach das dunkelblaue Hemd genommen. Früher suchte sie abends die Sachen raus. Wetter, Farben ich war es so gewohnt.
Sabine sagte nichts.
Sie liebt mich. Ich weiß das. Sie kann halt nicht anders lieben.
Ich glaube dir.
Nur: Ich bin bei ihr verschwunden. Aufgegangen in Terminen und Listen.
***
Am Sonntag kam Inge. Sie hatte die Adresse anhand der Telefonverbindungen nachgeschlagen. Als Jürgen öffnete, standen sie einen Moment verloren voreinander.
Darf ich rein? fragte sie.
Er trat beiseite.
Inge blickte sich im engen Flur um: Sabines Stiefel standen da, einer zur Seite gekippt. Bunter Schal, eine alte Jacke mit Farbflecken an der Garderobe. Aus dem Zimmer lugte eine Staffelei.
Sabine kam aus der Küche. Beide Frauen blickten sich an.
Guten Tag, sagte Inge.
Guten Tag, erwiderte Sabine leise.
Inge wandte sich Jürgen zu.
Gehts dir gut?
Ja.
Nimmst du deine Tabletten?
Inge
Ich frage doch nur.
Jürgen war gerade dabei, einen Gurkensalat zu schnippeln schiefe, unregelmäßige Stückchen. Inge stockte der Atem Gurken müssen ordentlich geschnitten werden.
Inge, du hättest nicht kommen müssen.
Jürgen, ich habe dir doch mein Leben gewidmet. Dreißig Jahre. Alles, was ich getan habe, war für dich!
Ich weiß das.
Warum dann?
Sabine meldete sich sanft:
Inge, darf ich als Außenstehende etwas sagen?
Sagen Sie.
Fürsorge ist, wenn der andere dabei atmen kann. Wenn einer aufhört atmen zu können, ist das keine Fürsorge mehr. Sie haben Jürgen sehr fest gehalten.
Inge schwieg lange.
Sie kennen unser Leben nicht.
Nein, sagte Sabine.
Jürgen nahm Inges Hand, sie zog sie nicht weg.
Inge, ich möchte mich scheiden lassen. Nicht weil ich dich nicht mehr mag. Ich kann so nur nicht mehr leben.
Inge sah auf die Hände. Dann löste sie sich leise. Griff nach ihrer Handtasche. Rücken gerade, Schritt fest.
Vergiss die Tabletten nicht. Oben rechts, blaue Dose.
Die Tür fiel zu.
***
Die Scheidung dauerte ein halbes Jahr. Die Wohnung blieb ihr, da bestand kein Streit. Jürgen mietete ein Zimmer in einem Haus neben Sabines, immer noch in der kleinen Altstadtstraße. Seltsam komisch war das, aber es ergab sich.
Das Leben sortierte sich langsam. Wie ein altes Haus, das nicht abgerissen, sondern nach und nach restauriert wird.
Er tat Absonderliches. Kaufte das Brot, das ihm gefiel, nicht das richtige, stand abends mit Joghurt vor dem offenen Kühlschrank, aß direkt aus der Schale. Schlief nicht mehr um zehn, sondern wann er wollte. Sah einen alten Film bis nachts um eins und verspürte dabei kindliche Freude.
Mit Sabine wurde es nicht sofort romantisch. Eher sacht, als spürten beide, dass es nicht zu überstürzen galt.
Im Frühling fuhren sie zum Angeln.
Jürgen lieh sich Ruten, sie nahmen Sabines roten Golf, der auf Steigungen hustete, und fuhren zu einem kleinen See bei Bergheim. Sabine angelte noch nie und sagte es vorher.
Sie saßen am Ufer. Der Morgen kalt, das Gras feucht, und Jürgen entdeckte, dass er die Thermoskanne vergessen hatte.
Mist, der Kaffee!
Macht nichts, sagte Sabine. Schau doch, wie schön der Nebel überm Wasser steht.
Der Nebel war weiß und hing wie Atem überm See. Die Sonne tauchte den Himmel in zartes Rosa.
Ist das nicht traumhaft? flüsterte Sabine.
Doch. Genau das.
Er zog einen Barsch aus dem Wasser. Klein, aber zappelig. Sabine jauchzte: Lass ihn frei, der ist so niedlich!
Er tat es.
Heim kamen sie ohne Beute, aber voller Matsch, weil er ausrutschte und Sabine mitriss. Sie lachten derart, dass alle Enten Reißaus nahmen.
Seine Jacke war verdreckt.
Egal, sagte Sabine, aber was für ein Morgen!
Er sah sie an verschmierten Ärmel, wildes Haar, lachendes Gesicht und dachte: Das ist Leben. Kein Plan, kein Alltag. Matschige Jacke, rosafarbener Nebel.
***
Sie heirateten im Herbst, anderthalb Jahre nach Jürgens Auszug. Klein, ein paar Freunde, Willi vom Werk, Sabines Freundin Ursula mit Kamera, Kater Konrad auf der Fensterbank unbeteiligt wie immer.
Das Leben mit Sabine war lebendig und schräg. Sie kaufte teure Farben und vergaß das Brot. Er baute Stunden an alten Radios, zerlegte die halbe Küche. Sie suchte ständig Schlüssel, er vergaß Wasserhähne.
Sie stritten manchmal ordentlich über Geld, über vertrocknete Pinsel, oder weil sein Werkzeug in den Kühlschrank wanderte. Einmal fand Sabine ihren Schraubenschlüssel dort, Jürgen wusste nicht mehr wie.
Aber: Nach jedem Streit zählte niemand nach. Stattdessen kochte einer Tee das bedeutete: Schwamm drüber. Und der andere kam dazu. Kaffee statt Schweigen.
***
Inge erfuhr von der Hochzeit über Renate. Am Anfang lebte sie im Reflex. Wohnung sauber, Essen pünktlich, Dienst bei RheinBau. Nur abends, da war es zu still, zu groß. Oft standen aus alter Gewohnheit zwei Tassen auf dem Tisch. Sie entfernte die zweite. Das schmerzte mehr als erwartet.
Ihre Chefin, Frau Schmitt, rief sie nach der Sitzung beiseite.
Inge, was ist los?
Alles ok.
Nicht seit zwei Monaten. Ich merke das.
Familiäres.
Hat ihr Mann sie verlassen?
Inge sah auf.
Woher wissen Sie…
Ich sehe es. Ging mir auch so. Mein Tipp: Putzen Sie nicht Ihre Wohnung, sondern erst Ihre Gefühle. Sprechen Sie mit wem wem Professionellem, keiner Freundin.
Inge wollte widersprechen, schwieg aber.
***
Die Therapeutin fand sie online. Die ersten drei Sitzungen sagte Inge wenig alles schien zu nackt. Beim vierten Mal fragte die Psychologin:
Wann hatten Sie zum letzten Mal Angst um sich, nicht Ihren Mann?
Sie überlegte.
Als er die Tasche packte. Da konnte ich es nicht mehr kontrollieren. Da ist alles entglitten. Meine Mutter hat immer gesagt: Inge, du musst alles im Griff behalten, sonst hauen sie ab, die Männer. Sie lebte so. Aber der Mann ging trotzdem fort.
Stille, ganz zart, wie zu Hause nie.
Das heißt, Sie hatten immer Angst beim Loslassen geht alles kaputt?
Ja.
Und wie war es wirklich?
Hält man zu fest, verliert man auch.
Das zuzugeben war schwer, brachte aber seltsame Erleichterung.
***
Auf Renates Rat ging sie ins Kulturhaus zur Aquarellausstellung. Es war Sonntag, zu Hause bedrückte sie die Wohnung.
Die Ausstellung gefiel Inge. Sie kannte sich nie aus bei Malerei, aber das Licht, die durchscheinenden Farben der Aquarelle berührten sie.
Sie betrachtete ein Flussbild, und ein Mann etwas älter, warmes, zerstreutes Gesicht sagte leise, fast zu sich:
Sehen Sie hier? Der Maler ließ die Ecke weiß. Das macht das Bild aus.
Inge folgte seinem Blick.
Hab ich nicht bemerkt.
Die meisten übersehen das. Ich bin Martin.
Inge.
Er wirkte unbeholfen. Beim Gehen blieb er mit dem Reißverschluss an der Tür hängen, bekam ihn nicht zu.
Darf ich?
Inge fand die Stelle, zog die Zähne ein der Verschluss schloss sich.
Danke, als hätte sie ihn gerettet.
Sie brauchen ne neue Jacke…
Ich geh ungern einkaufen.
Sie standen noch ein bisschen zusammen am Tor. Er gab Gitarrenunterricht im Haus, besucht jede Woche die Ausstellung.
Vielleicht sehen wir uns ja nächsten Sonntag?
Sie versprach nicht, aber sie ging eine Woche später.
***
Mit Martin war es gewöhnungsbedürftig. Er war Witwer, die Frau starb vor drei Jahren. Er lebte allein, trank jede Menge Tee, spielte abends Gitarre, vergaß oft den Wochentag und konnte stundenlang über Alltägliches sprechen. Warum wachsen alte Linden im Hinterhof so und nicht anders?
Inge versuchte zu organisieren: riet ihm zu Notizbuch, schimpfte über Chaos im Kühlschrank, begann das Umräumen seiner Gläser.
Er nahm ihre Hand.
Inge, so passts für mich. Glaub mir.
Sie sah auf das Regal, auf seine Hand. Kein Ärger, keine Erklärungen, wie Jürgen das manchmal machte. Einfach seine Hand auf ihrer.
Entschuldigung, alte Gewohnheit.
Keine schlechte aber lass es, hier ist es meins.
Dein Reich, nickte sie.
Ab da ließ sie öfter alles liegen. Nicht immer, aber öfter.
Die Psychologin hatte gesagt: Sie können nur sich kontrollieren. Nie einen anderen.
Daran dachte sie oft.
Sie fand Gefallen am Backen. Sonst immer nach Rezept, grammgenau. Renate gab ihr ein Rezept für Apfelkuchen: Kümmere dich nicht ums Rezept. Nimm Zimt so viel du willst. Inge überlegte lange, was nach Gefühl heißt. Sie nahm Zimt, vielleicht zu viel. Der Kuchen war würzig-bitter, aber der Duft so gut, dass sie die Hälfte stehend am Herd aß.
Du hast Backen gelernt? Renate erstaunt.
Lerne es noch. Mal klappts, mal nicht aber es macht Spaß.
Du hast dich verändert, Inge.
Wirklich?
Zum Guten.
Inge erwiderte nichts, ging hinaus, spürte einen Grund-Glücksmoment. Ein Lächeln, ganz ohne Grund.
***
Nach zwei Jahren trafen sie sich. Durch Zufall, im Stadtgarten. Jürgen und Sabine spazierten Richtung See, Inge saß auf einer Bank, las, wartete auf Martin, der noch Kaffee holte.
Sie sah ihn zuerst: das vertraute dunkelblaue Hemd, Sabine an Jürgens Seite, lachend.
Inge klappte ihr Buch zu.
Jürgen sah sie, blieb stehen, kam näher.
Inge. Hallo.
Hallo, Jürgen.
Sabine blieb respektvoll im Hintergrund. Das fiel Inge auf.
Du siehst gut aus, sagte er. Und meinte es. Sie war weicher geworden.
Du auch.
Oktober lag wie ein goldener Teppich über den Wegen.
Wie geht es dir? fragte sie.
Gut. Wir fahren mit Sabine nächsten Monat einfach los irgendwohin, einfach drauflos, ohne Ziel.
Wohin denn?
Noch keine Ahnung. Das ist ja das Schöne.
Inge nickte, blickte zu Sabine, die ein Blatt am Baum bestaunte.
Und du?
Mir gehts gut. Ich lerne tatsächlich Backen. Komisch, oder?
Nein.
Nicht alles gelingt. Neulich zu viel Soda genommen, der Kuchen ist explodiert und rissig, aber wir haben ihn gegessen.
Das zählt.
Martin mein Freund ist Gitarrenlehrer. Ziemlich verstreut. Ich lerne Dinge einfach liegenzulassen.
Sein Blick war liebevoll, verständnisvoll.
Ist schwer, oder?
Noch. Aber es ist spannend.
Martin kam, balancierte zwei Pappbecher und einen Tütenrand mit noch warmen Rosinenschnecken.
Inge! Wusste nicht, ob du Rosinen oder Zimt willst, hab beide geholt!
Inge lachte. Leise, frei.
Jürgen sah sie an.
Du lachst, sagte er.
Ja, überrascht sie sich selbst.
Sabine trat dazu.
Wir gehen dann mal, sagte sie freundlich, euch alles Gute.
Danke, meinte Inge. Und es war ehrlich.
Sie verabschiedeten sich. Kein Groll, nichts Ungesagtes. Ein Kopfnicken von ihm, ein Lächeln von ihr; Sabines Gruß freundlich, warm.
Inge sah ihnen nach. Sie gingen Arm in Arm, Jürgen sagte etwas, Sabine lachte.
Martin reichte ihr die Zimtschnecke.
Such dir aus!
Sie nahm Zimt. Biss hinein. Noch warm, zerbröselte.
Herbstlaub fegte über den Weg, Kinder riefen in der Ferne, Wolken schoben langsam und ziellos am Himmel vorbei.
Inge saß auf der Bank, aß das warme Gebäck und dachte: Ich hätte nie erfahren, wie es ist, jemanden zu lieben statt nur zu ordnen. Und ich hätte es nie gekonnt, wenn er damals nicht gegangen wäre.
Martin setzte sich, kramte in der Tüte und merkte, dass er die Rosinenschnecke genommen hatte, obwohl er keine Rosinen mag.
Willst du? schob er ihr den Rest hin.
Sie nahm sie.
Ja, gerne.





