Nachbarin von oben
Lena, wo hast du meinen großen Topf hingestellt? Den, in dem ich immer Eintopf mache?
Frau Gerhardt, er stand mitten im Gang. Ich habe ihn da drüben ins untere Regal gestellt.
Ins untere Regal! Ich kann mich doch gar nicht so bücken, mein Rücken! Denkst du eigentlich nach, wenn du fremde Sachen wegräumst?
Ich stand am Spülbecken und schaute aus dem Fenster. Oktoberregeln hingen schwer am Himmel, träge, grau und feucht. In mir drin regnete es auch, aber noch kein Zorn. Eher dieses leise Gefühl, wenn man weiß: Das ist erst der Anfang.
***
Frau Gerhardt kam an einem Freitagabend. Viktor holte sie am Aufzug ab, trug zwei schwere Taschen und eine riesige karierten Reisetasche, eine, wie man sie auf dem Flohmarkt findet. Ich lächelte, und ich war ehrlich, denn siebzig acht ist kein leichtes Alter. Die Sanierung ihrer Wohnung kam plötzlich, ein Wasserschaden von unten, die Hausverwaltung kümmerte sich erst nach einem halben Jahr. Jetzt war dort alles entkernt, bis auf den Beton. Sie hatte einfach keinen anderen Ort. Das war keine Invasion, redete ich mir ein das war nur vorübergehend.
Das Wort vorübergehend bekam später für mich einen ganz eigenen Klang.
Ich bin sechsundfünfzig, nicht alt, nicht jung, irgendwo dazwischen. In einem Alter, in dem man seinen Wert kennt, aber noch beweglich genug ist, um nicht an jeder Kleinigkeit zu zerbrechen. Ich arbeite von zu Hause: Auftragsarbeiten in künstlerischer Stickerei für private Sammler und kleine Galerien kein Hobby, sondern mein Beruf, und das bringt gutes Geld. Dazu leite ich einen Onlinekurs für Goldstickerei und Kreuzstich. Mein Arbeitsplatz, meine kleine Ecke am Nordfenster im Schlafzimmer, Nähgarn, Rahmen, Stoffe, Ausdrucke das war nicht einfach mein Schreibtisch. Das war meine Werkstatt, mein Brot.
Unsere Wohnung Viktor und ich zwei Zimmer, aber gut geschnitten. Wir zogen vor acht Jahren hierher, als die Kinder ausgezogen waren, und endlich hatte ich Zeit, all das Überflüssige loszuwerden. Ohne Drama, ohne Tränen. Ich verschenkte, verkaufte und entsorgte alles, was uns nicht diente. Es blieb nur, was wir brauchten und was schön war. Helle Wände, wenig Möbel, keine Teppiche an den Wänden, keine Vitrinen mit Bleikristall, keine trockenen Blumensträuße als Andenken. Auf der Fensterbank drei Pflanzen, nicht mehr: ein Ficus, eine Sansevieria, ein kleiner Topf Rosmarin in der Küche. Jedes Regal kennt seinen Inhalt, jede Schublade schließt ohne Widerstand, genau so voll, wie sie sollte.
Viktor brummte anfangs. Ich komm mir vor wie im Hotel, sagte er. Dann gewöhnte er sich daran und wurde selbst ärgerlich, wenn etwas herumlag. Wir fanden unseren Rhythmus, unseren Atem in diesem Raum, zu zweit.
Und dann trat Frau Gerhardt in diesen Atem ein.
***
Die ersten beiden Tage waren fast schön. Sie richtete sich im Gästezimmer ein, das wir in Eile vorbereitet hatten: Klappcouch, halber Schrank freigeräumt. Ich stellte eine zusätzliche Lampe hin, einen Becher Wasser auf den Nachttisch, dazu ein Buch. Ich fand, das sei aufmerksam, vielleicht sogar liebevoll.
Aber am dritten Tag fand ich auf der Fensterbank im Flur eine gehäkelte Deckchen. Rund, cremig, mit feinen Spitzen. Sie lag unter dem Telefon von Frau Gerhardt, als wäre es selbstverständlich. Als gehörte dieser Platz immer ihr.
Ich nahm das Deckchen weg, faltete es ordentlich zusammen und legte es auf ihren Nachttisch.
Am nächsten Morgen lag es wieder auf der Fensterbank.
Ich begriff, dass es keine Absicht war. Gerade das machte es schwierig. Frau Gerhardt kämpfte nicht mit mir sie lebte einfach so, wie sie es gewohnt war. Für sie war das Deckchen unter dem Telefon Ordnung. Gemütlichkeit. Richtig so. Sie war aufgewachsen in einer Welt, in der viele Gegenstände Wohlstand bedeuteten. Wo eine leere Fensterbank Armut oder Nachlässigkeit war. Wo Vorräte in fünf Gläsern verschiedener Größen für Sorgfalt standen, nicht für Ballast.
Ich kam auch aus dieser Welt. Aber ich war bewusst aus ihr gegangen.
***
Am Ende der ersten Woche erkannte ich meine Küche kaum wieder. Drei neue emaillierte Töpfe in unterschiedlichen Größen standen auf der Arbeitsfläche, da sie in keinen Schrank passten. Dazu ein Plastikbaum als Deckelhalter, quietschgelb gekringelt. Im Kühlschrank war ein wildes Durcheinander: Gläser mit selbst eingelegten Gurken (die eigenen, von der Tochter geholt), ein Behälter mit Hausmacher Schmalz im Knoblauch, ein Beutel mit eingeweichten Bohnen und eine Schüssel, deren Inhalt ich nicht erfahren wollte. Mein Joghurt landete unten in der Tür, verdrängt von Meerrettich und einer Flasche selbst gebrautem Malzbier.
Ich räumte den Joghurt zurück. Frau Gerhardt räumte ihn wieder um.
Abends roch es nach Schmorkohl, gebratenen Zwiebeln und noch etwas anderem. Kraftvoll, schwer, altdeutsch. Ich sage nicht, es war unangenehm es war nur nicht mein Duft, mein Abend, mein Zuhause.
Viktor kam heim, schnupperte und meinte:
Ah, Mama hat gekocht! Riecht wie früher.
Ich blieb stumm.
***
Am Ende der zweiten Woche tauchte ein kleiner Teppich im Wohnzimmer auf, direkt vor der Couch. Synthetik, mit Rosen am Rand, wie man sie für zehn Euro im Baumarkt kauft. Frau Gerhardt erklärte, dass ihre Füße morgens froren, wenn sie aufstand. Sie legte schon ihr Leben lang einen Teppich ans Bett. Was sollte ich sagen? Dass ich diesen Teppich nicht wollte? Lächerlich kleinlich wäre das gewesen.
Ich schwieg.
Dann hing ihre Strickjacke plötzlich an unserem gemeinsamen Flurgarderobenhaken, nicht im für sie reservierten Schrank. Groß, kariert, beige-blau, rutschte sie halb auf Viktors Jacke.
Ich hängte sie wieder auf einen freien Haken bei der Badezimmertür.
Frau Gerhardt holte sie wieder zurück: Das ist zu weit weg, da kommt man schlecht ran.
Ich nickte.
Abends fragte Viktor:
Alles in Ordnung? Du bist so ruhig.
Alles ok, log ich.
Wir beide wussten, dass das nicht stimmte. Und wir entschieden beide, es zu ignorieren.
***
Ich will etwas über das Schlafzimmer erzählen, denn dort ging es um meine Arbeit und damit ums Geld. Das war keine Geschmackssache, kein Teppich-Protest.
Am Nordfenster mein Arbeitstisch, lang, hell, maßgefertigt aus Birkenholz, mit Fächern und Schubladen für Garnspulen. Darüber eine Tageslichtlampe mit neutralem Licht, wichtig für die exakten Farben beim Sticken. Daneben ein Regal: Garn und Seide, geordnet nach Farben, von kühl zu warm, wie ein Regenbogen. Kein Deko Arbeitssystem.
An meinem großen Stickrahmen: ein ernsthafter Auftrag für einen privaten Sammler in Hamburg eine verkleinerte Nachbildung eines alten Kirchenbanners, mit Goldstickerei, japanischer Seide und vergoldetem Faden. Lieferung Ende November. Anzahlung längst erhalten. Honorar: tausendzweihundert Euro.
Ich arbeitete da drei Monate dran.
Niemand durfte das Werkstück berühren. Viktor wusste das. Wir haben keine Katze. Die Kinder sind weit weg. Alles war unter Kontrolle.
Bis Frau Gerhardt kam.
***
Donnerstag, mittags. Ich musste Garn holen, einen bestimmten Ton, terracotta-gold. Den muss man vor Ort anschauen, nicht online. Ich war eine Stunde unterwegs, vielleicht mehr, war auch noch kurz in der Apotheke.
Als ich zurückkam, ging ich ins Schlafzimmer und hielt inne.
Frau Gerhardt stand am Regal und sortierte meine Garne. Sie ordnete alles nach ihrem Geschmack in Boxen. Auf dem Tisch neben meinem Stickrahmen lag eine Spule japanischer Seide, die Faden halb abgewickelt und verheddert, ein zartrosa-gold Nachschub hatte ich davon nicht. Und das Schlimmste: Am Stoff im Rahmen war eine Ecke leicht gequetscht, als hätte sich jemand aufgestützt oder versehentlich gedrückt.
Ich stand in der Tür und brachte keinen Ton heraus.
Sie drehte sich um und sagte ruhig:
Lena, hier war ja ein Durcheinander! Jetzt siehts viel besser aus.
Frau Gerhardt, sagte ich leise, gehen Sie bitte raus.
Was? Ich wollte doch nur helfen…
Ich verstehe. Bitte gehen Sie raus.
Sie ging. Gekränkt, den Mund schmal.
Ich schloss die Tür ab, setzte mich vors Werk, prüfte alles. Der Faden hatte sich nicht eingeklemmt, Gott sei Dank. Die Stoffwelle ließ sich vorsichtig glätten. Die Seidenspule konnte ich nur noch zum Teil retten: Ein Drittel musste ich abschneiden, der Faden zu extrem verdreht und zu empfindlich.
Es war keine Katastrophe. Aber ab da wusste ich: Es geht nicht mehr.
***
Abends fragte Viktor, warum seine Mutter beim Essen schwieg.
Ich erzählte es.
Er hörte zu, kaute nachdenklich, sagte dann:
Sie wollte doch nur helfen.
Ich weiß doch, sie meinte es nicht böse.
Lena, halt noch ein wenig durch. Es ist schwer für sie, hier bei uns.
Viktor, das ist mein Arbeitsraum. Ich verdiene damit unser Geld.
Ich weiß. Aber Mama bleibt ja nicht lange.
Das kleine nicht lange das hörte ich seit zwei Wochen. Ich fragte direkt:
Noch wie lange?
Die Handwerker sagen, sie sind im Dezember fertig.
Dezember. Also noch anderthalb Monate. Ich sah Viktor an. Er schaute mit diesem Blick, den ich kannte: Er liebte uns beide, wollte nicht wählen, glaubte an friedliches Durchhalten als würde sich alles von allein lösen, wenn alle freundlich blieben.
Mir wurde klar: Ich muss das lösen.
***
Ich lag nachts wach und wälzte die Optionen. Direkte Aussprache mit der Schwiegermutter? Sie wäre verletzt, würde weinen, Viktor sagen, ich wolle sie loswerden. Ein Krach? Hilft nichts. Ultimatum an Viktor? Er wäre zwischen zwei Stühlen unfair. Einfach aushalten? Nein, das war mit der ruinierten Seide erledigt.
Ich blieb beim vierten Weg. Vorsichtig, langsam, aber vernünftig: Frau Gerhardt beschäftigen, so oft wie möglich außer Haus. Und den Bau in ihrer Wohnung beschleunigen, damit sie schnell wieder in ihre eigenen vier Wände zurückwollte.
Das war keine Rache. Das war Überleben. Diplomatisch, ehrlich: Ich wollte ihr nichts Böses ich wollte mein Zuhause zurück.
***
Erst einmal kümmerte ich mich um Beschäftigung.
Frau Gerhardt war immer aktiv gewesen. In ihrem Viertel ging sie zur Bücherei, manchmal zur Kirche, im Sommer zur Tochter aufs Land. Hier war ihr langweilig, und Langeweile macht alte Menschen hyperaktiv im Rahmen des Möglichen also innerhalb unserer Wohnung.
Ich rief meine Freundin Iris an, die beim Stadtteilzentrum arbeitet. Was gibts da für Senioren?
Iris meinte:
Ach, vieles! Morgens Nordic Walking, Chor mittwochs und freitags, Filz-AG, regelmäßige Gesundheitsvorträge. Alles kostenlos, nur Ausweis mitbringen.
Wie meldet man sich?
Einfach hingehen!
Ich hab nicht gesagt: Da, gehen Sie mal hin. Das wäre zu direkt gewesen. Ich brachte es beiläufig zur Sprache.
Beim Abendessen sagte ich:
Frau Gerhardt, Sie haben doch früher gesungen? Viktor hat mir erzählt, Sie hatten eine richtig gute Stimme.
Sie wurde wach. Hatte tatsächlich immer im Laienchor gesungen.
Ich habe gehört, im Nachbarschaftszentrum gibts einen Erwachsenenchor. Die Leiterin soll freundlich sein. Kostenlos. Vielleicht wäre das was für Sie ist ja nicht leicht, hier ganz allein.
Sie winkte ab. Allein hingehen, das ist unangenehm.
Ich ließ das Thema liegen. Aber drei Tage später sprach ich es wieder an: In dem Chor treten sie an Stadtfesten auf, von den Sängern gibts Fotos in der Lokalzeitung. Das Wort Zeitung machte sie aufmerksam.
In der nächsten Woche bat sie mich um einen Wegplan zum Zentrum.
Ich zeichnete alles groß und deutlich auf gutes Papier.
Am Mittwoch ging sie um zehn aus dem Haus, kam erst um drei heim. Gerötete Wangen, glänzende Augen.
So nette Frauen dort, sagte sie beim Tee. Und der Chorleiter, Herr Urban, jung, aber streng. Da wird Loreley gesungen und noch was von Schubert. Ich hab mal eingesungen, er sagt, ich hätte ein gutes Mezzo.
Wirklich? fragte ich und meine Freude war ehrlich.
Seitdem war sie jeden Mittwoch und Freitag ein paar Stunden weg. Später kamen Nordic Walking und eine Bastelgruppe dazu. Es wohnte dort auch eine nette Frau, die sie jetzt beim Spazieren begleiten wollte.
Zuhause wurde es ruhiger. Nicht leerer, aber friedlicher.
***
Der zweite Teil des Plans war komplizierter.
Ich rief Frau Gerhardts Tochter, Sonja, an. Wir hatten nie engeren Kontakt, aber sachlich kam ich zur Sache.
Sonja, wir freuen uns über deine Mutter, aber sie würde sich wohler fühlen, wenn sie bald wieder daheim wäre. Sie hängt am eigenen Viertel monatelanger Baustellenstress ist für alte Menschen schlimm.
Sonja klagte: Die Bauarbeiter trödeln, sie verschiebt sich alles, und Kontakt läuft über einen Bekannten ihres Mannes.
Kontrollierst du das selbst? fragte ich.
Sie verneinte lief alles über den Bekannten, sozusagen Delegieren. Kaum Kontrolle.
Soll ich mich kümmern? Ich kenne Handwerker aus dem Haus, die können mal nachsehen und fachlich einschätzen, was wirklich ansteht und ob Absicht beim Verzögern besteht.
Sonja war sofort einverstanden.
Handwerkerkontakte hatte ich wirklich: Unser Nachbar im Erdgeschoss, Herr Albrecht, war jahrzehntelang Bauleiter. Ich schilderte die Lage.
Estrich gießen, Wände spachteln, Bad neu? Drei Wochen stramme Arbeit, keine drei Monate.
Er hat sich die Wohnung angesehen, mit der Truppe gesprochen. Schnell kam raus: Sie arbeiteten an mehreren Baustellen parallel, kamen bei ihr nur alle paar Tage vorbei, hatten sich schon Zahlungen gesichert.
Herr Albrecht sprach ein ernstes Wort. Er nannte drei Wochen als Frist und bot tägliche Kontrollen an.
Sonja stellte den Bauarbeitern neue Bedingungen, die begriffen, dass es jetzt ernst war, und plötzlich arbeiteten sie wie durch ein Wunder schneller.
Viktor erzählte ich nichts davon damit er gar nicht erst Partei ergreifen musste. Das war meine Baustelle.
***
Die drei Wochen gingen durchwachsen vorbei.
Es gab gute Abende, wenn Frau Gerhardt mit strahlenden Augen nach dem Chor kam, von Frau Mai erzählte, vom Besuch in der Konditorei mit der neuen Freundin, und wie viel Spaß es beim Singen gemacht hatte. Dann war sie albern und leicht, und wir drei saßen gemeinsam beim Abendessen, sie erzählte aus ihrer Jugend dann war es wirklich schön.
Aber es gab auch schwierige Tage.
Einmal stellte ich fest, dass mein geliebter Ficus von der Fensterbank in die Zimmerecke verbannt worden war. Dort stand nun der Geranientopf aus ihrem Gepäck, üppig rosa blühend.
Der Ficus nahm das Licht, die Geranie liebt das Fenster, sagte sie nur.
Am Abend ließ der Ficus schon die Blätter hängen.
Stumm stellte ich den Ficus zurück, stellte die Geranie in ihr Zimmer. Wir begegneten uns im Flur.
Sie sagte:
Man hätte ja auch fragen können.
Ich erwiderte:
Gegenseitig.
Das war der einzige Moment, an dem wirklich Spannung zwischen uns aufblitzte. Kein Drama, keine Tränen. Nur ein stummes Erkennen.
Danach entfernten wir uns beide. Beim Abendessen redeten wir über anderes.
Viktor bemerkte die feinen Risse und schwieg. Manchmal ärgerte mich dieses Schweigen mehr als alle Geranienattacken. Männer schauen manchmal nicht hin, hoffen, der Riss heilt von selbst.
Tut er nie. Nie.
***
Abends, nachdem Frau Gerhardt früh schlafen gegangen war, saß ich an meinem Arbeitstisch, arbeite ruhig unter der Lampe. Viktor kam herein, setzte sich auf die Bettkante.
Du bist auf mich böse, sagte er. Nicht als Frage, sondern als Tatsache.
Ja, ein wenig, gab ich zu. Nicht auf dich als Mensch, sondern auf die Situation.
Ich weiß, dass es dir schwerfällt.
Verstehen heißt nicht automatisch teilen, Viktor.
Er schwieg lange.
Was willst du denn, dass ich mache?
Nichts, Viti. Ich mache schon.
Er fragte nicht, was genau. Vielleicht wollte er es nicht wissen, vielleicht wollte er der Realität nicht ins Gesicht sehen. Er las noch ein bisschen, schlief ein. Ich arbeitete noch eine Stunde. Draußen tickte die Uhr, hinter der Wand atmete eine alte Frau, die nicht böswillig war, sondern nur mit ihrem Leben meine Gewohnheiten verdrängte.
Ich dachte: Das Schlimmste an Familienkonflikten ist nicht der Hass Hass ist wenigstens ehrlich. Am schlimmsten ist, wenn alle sich lieben und trotzdem ist es kaum auszuhalten. Denn niemand ist schuld, doch alle sind unglücklich.
***
Die Wohnung war sogar früher fertig als von Herrn Albrecht prognostiziert.
Sonja rief mich, nicht Viktor, Samstagmorgen an. Die Handwerker hatten Freitagabend die Baustelle geräumt, alles fertig, nur noch Lüften und Saubermachen.
Ich dankte ihr. Wir unterhielten uns noch ein wenig, und ich spürte: Sie sah mich jetzt anders nicht mehr nur als Schwägerin, sondern als tatkräftige Erwachsene.
Jetzt musste ich es Frau Gerhardt beibringen, ohne dass sie sich herausgeschmissen fühlte.
Ich beschäftigte mich den ganzen Samstag mit der Formulierung.
Am Abend, beim Essen, als sie gerade von einem geplanten Chorkonzert erzählte, lächelte ich sie an:
Frau Gerhardt, ich habe gute Nachrichten für Sie. Und bitte, keine Sorge es ist etwas Positives.
Sie schaute mich an.
Ich habe einen Bauleiter engagiert, er hat mit den Handwerkern gesprochen. Sonja sagte, alles ist fertig. Sie können in Ihre Wohnung zurück.
Sie schaute erst mich, dann Viktor an.
Hast du das organisiert selbst?
Nicht ganz allein, Herr Albrecht aus dem Haus hat geholfen. Ich wollte einfach nicht, dass Sie sich hier länger als nötig fremd fühlen. Daheim fühlen Sie sich doch am wohlsten.
Viktor schaute mich an, als sehe er mich zum ersten Mal.
Frau Gerhardt schwieg, dann stand sie auf, nahm meine Hand in ihre trocken, warm, schwer vom Leben.
Lena, du bist eine Gute, sagte sie.
Ich drückte ihre Hand einfach nur sanft.
***
Sonntag war Umzug. Viktor fuhr mit, half beim Ausladen, schaute nach dem Rechten. Ich blieb daheim und wollte nur allein sein in meiner Wohnung.
Halbe Stunde lief ich durch die Räume, in jedes Zimmer, betastete die Wände. Stand am Nordfenster am Arbeitstisch, schaute auf meinen Stickrahmen.
Dann räumte ich den kleinen Rosenteppich aus dem Gästezimmer, er lag verloren da ohne sie. Nahm das Deckchen von der Fensterbank, das sie wohl vergessen hatte, öffnete das Fenster weit, ließ kühlen Novemberwind herein.
In der Küche fand ich im Kühlschrank, zweite Etage, eine sorgfältig eingepackte Schüssel. Ich öffnete sie: Unsere liebste Soljanka, mit Viktors Lieblingsgeschmack, so, wie Frau Gerhardt sie immer mit drei Fleischsorten kochte. Sie hatte uns ein Essen für zwei Tage hinterlassen.
Ich schloss den Kühlschrank und lehnte mich dagegen.
Man kann sich wochenlang aneinander reiben und doch ein Suppentopf als Abschiedsgeschenk hinterlassen.
***
Abends kam Viktor heim. Wir aßen, sprachen wenig, in Frieden. Er spülte, ich trocknete ab normal.
Vor dem Schlafen sah er an die Decke und meinte:
Also hast du das alles mit der Baustelle gemacht, heimlich?
Ja.
Warum hast dus mir nicht erzählt?
Ich überlegte kurz.
Du hast immer gesagt, ich soll geduldig sein. Aber Geduld war für mich keine Lösung, also habe ich gehandelt. Du wolltest nicht in die Zwickmühle, zwischen deiner Mutter und mir.
Lange schwieg er.
Das war klug von dir, meinte er schließlich. Und etwas kränkend.
Ich weiß, sagte ich leise. Entschuldige.
Wir lagen nebeneinander im Dunkeln. Keiner hat alles gesagt, was in ihm steckte. Niemand führte das ehrliche Gespräch, das Psychobücher empfehlen. Es wurde leise, unauffällig geklärt durch Mühe, fast unsichtbar.
Ob das nun richtig war ich weiß es bis heute nicht genau.
***
Frau Gerhardt rief eine Woche später an. Zufrieden. Alles hell, wie sie wollte, Wände frisch, Tassen am Platz. Nachbarin besucht. Chor macht weiter. Herr Urban nimmt ihre Gruppe sogar zum Wettbewerb im Februar.
Freut mich wirklich sehr, sagte ich.
Lena, begann sie zögernd ich glaube, ich war dir zur Last im Haus.
Ich sagte nicht: Ach was, alles ok denn das wäre gelogen gewesen.
Wir sind einfach verschieden, Frau Gerhardt, antwortete ich ruhig. Das ist normal. Wichtig ist, dass es Ihnen jetzt gut geht.
Sie schwieg.
Ja, sagte sie dann. Darauf kommt es an.
***
Manchmal denke ich an diese sieben Wochen.
An den Rosenteppich, an die Töpfe auf der Anrichte, an die Geranie auf meiner Fensterbank, an die Soljanka im Kühlschrank. An Frau Gerhardts schwere Hände auf meiner. An Viktors leises Kränkend ehrlicher als alles andere in diesen Tagen.
Ich habe keinen Krieg gewonnen. Es war gar kein Krieg, nur eine Aufgabe, die ich lösen musste. Ein Zuhause, das ich verteidigt habe ohne Streit, ohne jemanden bloßzustellen.
Das war nichts Heldisches. Nur das, was man manchmal tun muss: Seine Lebensform bewahren, auch wenn ein anderer unabsichtlich sie verdrängt.
Grenzen zu ziehen heißt nicht, Mauern zu bauen oder zu schreien. Manchmal genügt es zu wissen, was man will, und stur, leise und freundlich darauf zuzugehen.
Familie ist ein seltsames Wesen. Sie überlebt selbst unter widrigen Umständen. Sie findet ihren Spalt zum Atmen. Und manchmal stellt sie dir eine Schüssel Suppe in den Kühlschrank, wenn sie geht.
***
Im November lieferte ich das aufwendige Banner ab. Der Kunde war zufrieden, überwies den Restbetrag. Ich gönnte mir einen neuen Strang goldene japanische Seide, legte sie in die Schublade am Tisch, an ihren Platz.
Am Fenster stehen jetzt genau drei Töpfe: Ficus, Sansevieria, Rosmarin. Kein Deckchen.
Es ist ruhig in der Wohnung. Es riecht nach Kaffee und etwas nach Wachs von der Kerze am Abend. Viktor liest im Sessel. Draußen ist fast schon Winter.
Alles an seinem Platz.
***
Einen Monat später fuhren wir Frau Gerhardt besuchen. Ich hatte ihr eine Schachtel Marzipan aus der Konditorei mitgebracht, von der sie mit Frau Mai so geschwärmt hatte. Sie führte uns sofort zum Renovieren. Die Zimmer hell, beige, genauso wie sie gewollt hatte. Auf jedem Fensterbrett eine Häkeldecke, vor dem Sofa der bekannte Teppich mit Rosen.
Ich sah das alles an und fühlte gar nichts. Kein Ärger, kein Überlegenheitsgefühl. Es war einfach ihr Zuhause.
Beim Tee sagte sie zu uns:
Kommt unbedingt im Februar zum Wettbewerb. Wir werden “Die Hoffnung” von Schönewolf singen. Ich will, dass ihr es hört.
Viktor sagte:
Wir kommen auf jeden Fall, Mama.
Ich sagte:
Natürlich.
***
Im Leben muss man manchmal seine eigenen Grenzen behaupten, auch ohne über andere drüberzugehen. Frieden zu schaffen, heißt nicht, alles zu schlucken, sondern liebevoll für das einzustehen, was man braucht. Und am Ende bleibt für jeden sein Platz und für jeden ein Stück Wärme davon, dass dieser Platz da ist.




