Drei Jahre Renovierung ohne Besucher: Ein Haus bleibt leer

Drei Jahre Renovierung ohne Gäste

Martina stellt die Tasse auf das Fensterbrett und spürt, wie Thomas im Flur erstarrt. Sie merkt es im Rücken, obwohl sie ihm den Rücken zukehrt und aus dem Fenster sieht. Die Pause ist so lang, dass man darin versinken könnte.

Du hast die Tasse aufs Fensterbrett gestellt, sagt er schließlich. Er fragt nicht. Er stellt fest.

Ja, Thomas. Ich habe die Tasse aufs Fensterbrett gestellt.

Da ist lackiertes Holz. Heißes hinterlässt Spuren.

Ich weiß.

Warum dann?

Martina dreht sich um. Er ist achtundvierzig, und er sieht auch genau so aus kein Jahr älter, kein Jahr jünger. Er steht im Türrahmen der Küche, trägt ein graues Freizeitshirt; in der Hand wie immer die Wasserwaage. Die Wasserwaage, fast wie für andere das Smartphone.

Weil ich sonst keinen Platz habe, antwortet sie. Der Tisch ist mit Folie abgedeckt. Der zweite Stuhl steht verkehrt herum da. Der Boden im Flur ist noch nicht trocken nach dem Grundieren. Ich trinke meinen Tee seit drei Jahren im Stehen am Fenster, Thomas. Seit drei Jahren.

Er blickt auf die Tasse. Dann auf sie. Dann wieder auf die Tasse.

Ich lege eine Unterlage drunter.

Lass nur.

Aber es bleibt eine Spur.

Soll sie.

Er blinzelt. So schaut er, wenn er nicht weiß, ob sie scherzt. Martina weiß es selbst oft kaum noch.

Martina, was soll denn …

Genug, sagt sie leise, das Wort sinkt wie ein Stein in den Raum. Genug, Thomas.

Er versteht nicht sofort. Fragt nach: Was, genug?

Ich packe meine Sachen.

Stille. Draußen hupt ein Auto, dann ist es wieder ruhig. Thomas lässt die Wasserwaage sinken.

Wegen des Fensterbretts?

Nein. Nicht wegen des Fensterbretts.

Martina trinkt ihren Tee aus und stellt die Tasse wieder ab gezielt, entschieden, ohne schlechtes Gewissen.

Sie ist fünfundvierzig. Sie arbeitet als Buchhalterin in einer kleinen Firma, liest gern vor dem Schlafen, hat im Büro einen kleinen Kaktus, den sie Franz genannt hat, und sie hat seit Ewigkeiten keine Freundin mehr eingeladen. Drei Jahre, genau genommen.

Sie geht ins Schlafzimmer.

Drei Jahre ist es her, dass sie gemeinsam diese Zwei-Zimmer-Wohnung im fünften Stock eines roten Backsteinbaus in einer ruhigen Straße in München gekauft haben. Damals war sie glücklich, wirklich, körperlich glücklich. Sie erinnert sich, wie sie mit Thomas in den kahlen Räumen stand, Tapeten abblätternd, lackierte Holzböden. Sie schaute aus dem Fenster auf die knackenden Kastanien und dachte: Das ist es. Unser Zuhause.

Thomas war damals irgendwie anders. Oder es kam ihr so vor. Er lief durch die Räume, maß Wände mit dem Maßband aus, notierte alles in sein Notizbuch, und in seinen Augen brannte ein Feuer. Das Feuer, das sie immer geliebt hatte das eines Menschen, der weiß, was er will und es mit den eigenen Händen bauen kann.

Schau mal, Martina, sagte er, zeigte ihr einen karierten Zettel mit Skizzen. Hier machen wir eine offene Küche-Wohnzimmer-Zone. Da bauen wir Regale vom Boden bis zur Decke ein. Und da machen wir Spots mit Dimmer, für das Licht.

Wunderschön, sagte sie. Und es war die Wahrheit.

Wir machen alles in Ruhe, alleine. Richtig. Einmal fürs Leben.

Genau dieses Einmal fürs Leben hätte ihr zu denken geben müssen. Nicht einfach nur Handwerker sparen. Da war etwas Tieferes.

Die ersten sechs Monate war es ein Abenteuer. Sie lebten mitten im Umbau. Martina kochte auf der Elektroplatte, weil der Gasanschluss fehlte. Sie schliefen auf einer Matratze am Boden, weil kein Platz für ein Bett war. Sie aßen von Papptellern, weil es keinen Abwasch gab. Das war zwar unbequem, aber auch irgendwie romantisch. Damals.

Dann änderte sich etwas. Langsam, wie wenn das Fundament eines Hauses allmählich nachgibt.

Thomas arbeitete jedes Wochenende und oft auch unter der Woche an der Wohnung. Er war Bauleiter, kannte sich mit Materialien und Bauweisen besser aus als die meisten Profis. Das war gut, manchmal sogar großartig. Das Problem war nicht sein Wissen.

Das Problem war, dass er nicht aufhören konnte.

Anfangs bemerkte Martina das kaum. Zum ersten Mal wurde es ihr nach acht Monaten mulmig, als sie mit ihrer Freundin Nadine im Café saß und Nadine fragte:

Na, bald fertig? Ich will endlich vorbeikommen, du hast mich auf Bratkartoffeln eingeladen!

Bald, sagt Thomas, antwortete sie. Zu Silvester soll alles fertig sein.

Silvester feierten sie mitten in der Renovierung. Keine Gäste im Wohnzimmer dort standen Böcke und Gipskartonplatten. Sie aßen zu zweit auf der fast fertigen Küche. Fast.

Thomas, lass uns nächstes Jahr richtig feiern, sagte Martina beim Sekt.

Natürlich, sagte er. Sobald ich die Decke mache und Parkett lege, laden wir ein.

Die Decke war im März fertig. Aber dann stellte sich raus, dass im Bad die Leitungen falsch gelegt waren und Thomas das nicht ertragen konnte. Dann war das Balkonfenster dran: Schaum abgesunken, drei Millimeter Spalt. Thomas fand es mit der Fühlerlehre.

Damals scherzte Martina noch darüber. Sie sagte ihren Freundinnen: Mein Mann kämpft mit drei Millimetern. Und sie lachten. Auch sie lachte. Es war noch lustig.

Das Wohnzimmer-Parkett legten sie im Mai, als man das Fenster öffnen konnte. Martina half beim Tragen und beim Säubern mit dem Staubsauger. Thomas arbeitete stumm und konzentriert wie ein Chirurg und kontrollierte jeden Streifen mit Wasserwaage und Laser. Einige Dielen nahm er wieder auf, weil der Abstand nicht passte.

Thomas, das sieht doch niemand, sagte sie einmal.

Ich sehe es, erwiderte er.

Hier war das erste Mal, dass Martina in seinen Worten etwas spürte, das sie innehalten ließ. Sie war nicht verletzt, nur gestoppt. Mit dem Lappen in der Hand sah sie auf seinen nackten Nacken und hatte das Gefühl, etwas Wichtiges verstanden zu haben, aber noch nicht sagen zu können, was.

Das Parkett wurde im Juni fertig. Es war wirklich schön helles Eichenholz, perfekte Fugen, makellos. Martina fuhr mit der Hand darüber und sagte ehrlich:

Es ist schön.

Kommt noch Lack drauf, sagte Thomas. Hab schon einen deutschen ausgesucht, besonders kratzfest.

Wann?

Nächste Woche.

In der nächsten Woche stellte er fest, dass die Leiste an einer Ecke einen halben Millimeter abstand. Der Lack musste warten.

Damals, im Juni, rief Martina Nadine an. Sie trafen sich in der Eisdiele. Nadine fragte:

Na, wann darf ich endlich kommen?

Bald, sagte Martina. Und schwieg.

Ist etwas?

Nein. Aber weißt du, ich habe das Gefühl, das wird nie fertig.

Das ist bei Männern so die ziehen das ewig raus.

Nein, du verstehst nicht. Er zieht es nicht hinaus. Es ist, als ob er gar nicht fertig werden will. Als ob der Umbau alles entschuldigt. Dass keine Gäste kommen. Dass nichts steht, wo es sein soll. Dass kein richtiges Leben beginnt.

Nadine schaut sie ernst an.

Hast du ihm das gesagt?

Immer wieder. Er sagt immer, es fehlt nur noch ein bisschen und dann wird alles perfekt.

Und? Willst du perfektes?

Martina schweigt.

Ich will einfach nur zuhause sein, sagt sie leise.

An jenem Abend zeigte Thomas ihr Farbmuster. Zwanzig Proben auf dem Küchentisch. Alle weiß, aber in Nuancen.

Hier, Martina warmweiß mit Creme, kaltweiß mit Grau, hier mit minimal Blau, winziger Unterschied, aber im Tageslicht entscheidend. Der hier wäre am besten.

Für Martina war es alles einfach nur weiß. Einfach weiß.

Thomas, mir ist das egal.

Er schaut sie an, wie einen Alien.

Wie, egal? Wir wohnen doch hier!

Ja wir wohnen hier. Wir lebende Menschen in einer lebendigen Wohnung. Wir unterscheiden diese Nuancen nicht!

Doch! Sie merken es, nur nicht bewusst.

Gut, sagt sie müde. Such du aus.

Er sucht aus. Immer hatte er ausgesucht. Anfangs noch war das angenehm. Dann merkte sie, dass sie immer weniger gefragt wurde. Dann gar nicht mehr. Nicht böse, einfach nebensächlich. Ihr Wort zählte gar nicht. Sagte sie Ich mag diese Fliesen, erklärte er, warum die schlechter seien als andere. Schlug sie ein Sofa vor, zeigte er ihr, dass es die Zonen im Raum durcheinander bringt. Sagte sie gefällt mir, meinte er, so ist es richtiger.

Sie hörte auf, mir gefällt zu sagen. Warum noch?

Im Herbst des zweiten Jahres besucht Thomas alter Freund Sebastian aus Hamburg die beiden. Er ruft an, fragt, ob er eine Nacht bleiben kann. Martina freut sich. Sie kauft gut ein, holt richtiges Geschirr raus, putzt den Tisch.

Thomas sagt, Sebastian kann nicht bleiben, weil im Schlafzimmer gearbeitet wird.

Es wurde dort nicht gearbeitet. Ein normales Bett stand da, ein voller Kleiderschrank. Martina wusste das genau.

Thomas, fragt sie ruhig nach dem Telefonat, welche Arbeiten?

Er zögert kurz.

Der Boden muss in einer Ecke raus. Sebastian riecht sonst das Material.

Hier riecht es nicht.

Warum soll er die Wohnung in so einem Zustand sehen?

In welchem Zustand?

Nicht fertig eben.

Martina sieht ihn an. Ihr wird schwindelig. Nicht metaphorisch, sondern wirklich. Sie begreift: Er schämt sich. Schämt sich vor dem eigenen Freund für die Wohnung, die er gebaut hat, weil sie nicht so ist wie in seinem Kopf. Dafür lügt er sogar.

Gut, sagt sie nur.

Sebastian kommt, trinkt drei Stunden Tee in der Küche, isst im Restaurant mit Thomas, schläft im Hotel. Martina isst daheim allein.

In der Nacht kann sie nicht einschlafen. Sie blickt an die Decke, makellos weiß, keine Naht. Ein perfektes Dach über dem perfekten Bett in einem Raum, in dem zwei Jahre kein Gast war.

Im zweiten Winter wird ihre Mutter krank. Nur Grippe, nichts Ernstes, aber sie ist allein, und Martina besucht sie zweimal die Woche durch ganz München. Manchmal bleibt sie über Nacht. Thomas hat nichts dagegen. Er streicht in dieser Zeit das Wohnzimmerfenster mit speziellem Lack, in zwei Durchgängen mit je 24 Stunden Abstand.

Eines Abends kommt Martina früher heim und erwischt Thomas im Flur sitzend, Lupe in der Hand er prüft den Anschluss zwischen Sockelleiste und Wand.

Was ist passiert?, fragt sie, als sie den Mantel auszieht.

Hier ist ein Spalt, sagt er, schaut nicht hoch.

Sie fragt nicht wie groß. Sie weiß, die Antwort lautet in Millimetern.

Thomas, fragt sie, hast du heute gegessen?

Pause.

Weiß nicht.

Heute Morgen?

Da war… irgendwas.

Sie macht ihm Nudeln, ein Ei. Er kommt, sitzt, schaut auf den Teller.

Danke.

Bitte.

Sie essen schweigend. Draußen fällt Schnee. Auf dem Tisch ein Katalog mit Beschlägen für den Flurschrank, den sie ein Jahr vorher verabredet haben.

Thomas, sagt sie.

Hm?

Erzähl mir was. Nicht vom Umbau.

Er sieht sie an, als hätte sie ihn gebeten, Chinesisch zu sprechen.

Was denn?

Irgendwas. Wie war dein Tag. Was hast du gedacht. Was beschäftigt dich. Was Lustiges oder Trauriges. Egal was nur nicht über Lücken und Materialien.

Er schweigt einen Moment. Dann:

Auf der Baustelle heute einer von den Jungs hat den Estrich nicht armierungsmäßig gemacht. Ich hab ihn rausgeworfen.

Das ist die Arbeit.

Ja.

Sonst nichts?

Er denkt nach. Ehrlich. Martina sieht, dass er wirklich angestrengt überlegt, ob ihm etwas anderes einfällt nichts mit Materialien, Fugen, Maße. Ihm fällt nichts ein.

Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht.

Nach dem Gespräch blickt sie ins Dunkel. Denkt: Wann ist das passiert? Dass aus einem lebendigen Menschen Funktionen werden? Oder war er schon immer so? Nein. Sie erinnert sich: Frisch verliebt fuhren sie abends nach Garmisch und Thomas erklärte ihr die Sternbilder. Er zeigte Cassiopeia, Großer Bär, die Plejaden und sie sah sie.

Wo sind die Plejaden geblieben?

Im dritten Jahr hört sie auf, den Freundinnen zu versprechen, dass es bald fertig ist. Es wäre gelogen. Die Renovierung hört nie auf. Thomas findet neue Fehler. Oder wechselt die Meinung: Die Fliesen im Bad doch zu wenig widerstandsfähig, die passende Farbe weicht beim Trocknen ab, der Türgriff gut, aber das Scharnier knarzt bei Kälte. Jeder Fehler ist der Anfang einer Endlosschleife.

Martina kauft sich eine schlichte Nachttischlampe. Stoffschirm, nichts Besonderes. Stellt sie auf die Kommode. Abends sieht Thomas sie und fragt:

Wo kommt die her?

Gekauft.

Warum? Wir wollten Spots einbauen.

Ich will abends lesen.

Spots werden besser sein.

Wann?

Keine Antwort.

Genau, sagt sie. Die Spots kommen, wenn sie irgendwann kommen. Aber jetzt will ich lesen.

Die Lampe bleibt eine Woche stehen. Dann bringt Thomas eine andere Lampe mit Metallgehäuse und stellt sie hin, weil sie besseres Licht macht. Martinas Lampe landet in der Ecke, dann im Regal, schließlich findet sie sie im Abstellraum bei den Grundierungen.

Sie sagt nichts. Holt die Lampe zurück aufs Nachttischchen.

Thomas stellt sie wieder weg.

Sie stellt sie zurück.

Er schweigt. Sie schweigt.

Die Lampe steht auf dem Tisch. Ein kleiner Sieg und eine kleine Tragödie. Denn in einer normalen Wohnung, in einer normalen Beziehung, wäre das gar kein Sieg oder Verlust. Es wäre einfach eine Lampe.

Im dritten Frühling, im April, schreibt Martina Nadine aus dem Büro:

Nadine, magst du übers Wochenende mal rausfahren? In einen Kurort, so drei, vier Tage? Ohne Männer.

Nadine sagt gleich: Klar! Wann?

Im Mai fahren sie zusammen nach Bad Tölz in eine kleine Pension. Martina nimmt sich frei. Thomas wundert sich, aber sagt nichts. Gerade hat er die nächste Baustelle im Bad eröffnet.

Im Zimmer der Pension hat Martina ein einfaches Holzbett, eine bunte Tagesdecke, das Fenster offen zum feuchten Wald. Alles ein bisschen abgenutzt, nicht perfekt, kleine Kratzer und schiefe Kanten. Und sie merkt plötzlich, dass sie glücklich ist. Einfach so. Sie legt sich aufs Bett, schaut an die Decke, wo ein feiner Sprung entlang läuft und bricht in Tränen aus.

Nadine liegt daneben. Sie fragt nicht. Sie ist nur da.

Ich lebe in einem Museum, sagt Martina irgendwann. Verstehst du? In einem schönen, perfekten, toten Museum.

Nadine schweigt. Dann fragt sie:

Hast du ihm das gesagt?

Ja.

Und?

Er sagt, bald wird’s besser. Immer.

Vielleicht hilft gemeinsam zur Beratung gehen?

Thomas sagt, Therapie ist nur für richtig Kranke. Er hat einfach eine Renovierung.

Sie liegen. Draußen rauscht der Wind im Wald, und Martina denkt: Das hier hat mir gefehlt. Das Fenster. Der Wald. Der Sprung an der Decke. Die bunte Decke, einfach so gekauft, ohne Wasserwaage und Plan. Leben.

Nach vier Tagen kommt sie nach Hause. Es riecht nach Putzmittel. Thomas empfängt sie im Flur, zeigt die umgebaute Nische im Bad. Sie zieht sich aus, geht ins Bad, sieht die Nische.

Schön, sagt sie.

Siehst du? Jetzt ist alles symmetrisch. Vorher war die rechte Seite eineinhalb Zentimeter breiter.

Ich sehe es.

Ich habe eine Woche überlegt, wie ich das machen kann, ohne die Fliesen kaputt zu machen. Dann habe ich es geschafft.

Gut gemacht.

Sie geht ins Schlafzimmer, zieht sich um, legt sich hin, starrt an die perfekte Decke.

Im Juni folgt ein Gespräch, das sie nicht mehr vergisst. Es ist Sonntagabend, acht Uhr. Thomas pinselt irgendwas im Abstellraum. Martina kocht und hört ihn drinnen hantieren, Kreppband rascheln.

Thomas! ruft sie.

Was?, klingt es dumpf zurück.

Essen ist in zwanzig Minuten fertig!

Aha.

Sie deckt den Tisch. Nach zwanzig Minuten kommt er nicht. Auch nach vierzig nicht. Sie klopft an die Tür.

Essen wird kalt.

Fünf Minuten!

Fünf Minuten werden eine Stunde.

Sie isst allein. Räumt ab. Spült ab. Er kommt gegen halb elf. Sieht den leeren Tisch.

Oh, ich habe die Zeit vergessen.

Weiß ich.

Soll ich mir was aufwärmen?

Mach das selbst.

Sie geht ins Schlafzimmer, liest, oder tut zumindest so. Als er kommt, fragt sie ohne aufzusehen:

Thomas, bist du glücklich?

Lange Pause.

Na ja… Ja, glaube schon.

Sicher?

Was ist das für eine Frage, Martina?

Eine normale.

Er liegt sich dazu, schweigt. Dann sagt er:

Wenn ich mit dem Abstellraum fertig bin, mache ich den Balkon. Dann ist die Wohnung komplett.

Sie klappt das Buch zu.

Verstehst du, dass du mir damit gerade die Antwort gibst?

Wie?

Ich frage, ob du glücklich bist. Du erzählst vom Balkon.

Er findet keine Antwort, liegt nur still.

Gute Nacht, sagt Martina.

Gute Nacht.

Das Licht bleibt noch an. Sie starrt an die Decke, hört seinen Atem und denkt, dass sie in einem anderen Leben jetzt reden würden. Über eine Serie, über ihre Mutter, über das neue Menü im Café. Einfach reden.

In diesem Leben ist da Stille. Perfekt wie die Decke.

Daran denkt sie am Morgen, als sie die Tasse aufs Fensterbrett stellt. Jetzt hat das Wort genug schon lange auf sie gewartet. Die Tasse hat es nur hervorgeholt.

Sie packt methodisch und ohne Tränen. Nur was ihr gehört kommt mit. Ein paar Bücher. Die Kosmetik. Kleidung. Die Lampe mit Stoffschirm. Pass, Unterlagen, Ladegerät. Den kleinen Kaktus Franz, den sie vor einem halben Jahr aus dem Büro nach Hause brachte, weil es im Haus keine lebenden Pflanzen gab. Thomas sagte nichts gegen Franz. Kakteen hinterlassen keine Spuren.

Thomas steht im Türrahmen und beobachtet, wie sie ihre Sachen einpackt.

Martina.

Was?

Lass uns reden.

Worüber?

Na, worüber schon. Du packst.

Ja.

Wegen der Tasse?

Thomas, bitte. Du weißt es genau.

Ich weiß gar nichts. Wirklich.

Martina hält inne. Sie schaut ihn an. Er steht im Türrahmen, groß, ohne Wasserwaage, und sieht wirklich ratlos aus. Ehrlich ratlos; das war ungewohnt. Sie hat ihn lange nicht so gesehen.

Thomas, wir wohnen hier drei Jahre.

Ja.

Wir hatten in dieser Zeit kein einziges normales Abendessen mit Gästen. Nicht ein Mal.

Weil die Wohnung noch nicht…

Weil die Wohnung nie fertig wird! Verstehst du das? Nie. Du findest immer etwas, was du verbessern musst. Das ist deine Art. Das ist nicht schlimm aber ich kann das nicht mehr. Ich will nicht mehr auf einer Baustelle leben.

Bald…

Nein, sagt sie weich, aber bestimmt. Nicht bald. Es ist nicht eine Frage von Geduld. Ich habe hier drei Jahre als Gast gewohnt. Ich habe leise getreten, um nichts zu zerkratzen. Ich habe Tassen auf Untersetzer gestellt, meine Lampe weggeräumt, keine Freundinnen eingeladen, weil es dir peinlich war. Ich…

Die Stimme zittert, sie macht eine Pause.

Ich will leben. Einfach leben. Mit Kratzern im Parkett und Kaffeeflecken auf dem Fensterbrett. Gäste sonntags. Deine alte Jacke über dem Stuhl. Alles, was zu einem belebten Zuhause gehört. Aber wir haben kein lebendiges Zuhause.

Er schweigt lange. Dann fragt er leise:

Wohin gehst du?

Zu meiner Mutter erstmal.

Für wie lange?

Weiß ich nicht.

Sie schließt die Tasche, nimmt Franz, geht vorbei in den Flur, zieht die Jacke an, schnürt die Schuhe, ohne dem perfekten Parkett Beachtung zu schenken.

Martina, ruft Thomas ihr nach.

Ja?

Ich… Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist.

Doch. Du hast es nur nie drüber nachgedacht.

Die Tür fällt ganz leise ins Schloss. Ganz ordentlich, wie alles hier.

Er bleibt zurück.

Thomas steht noch einen Moment im Flur, geht dann ins Wohnzimmer, setzt sich auf das Sofa. Das Sofa hat er ausgesucht, drei Monate Stoffmuster gewählt. Es ist robust, fusselfrei. Er sitzt in seinem perfekten Wohnzimmer und sieht sich um.

Die Wohnung ist wirklich schön. Helles Mauerwerk, warme Wände, Parkett ohne Spalte, nahtlose Decke, Regale vom Boden bis zur Decke. Das Licht blendet nicht, fast klinisch, der Balkonluftzug ist dicht. Die Bäder gefliest, Fuge an Fuge.

Er sieht all das und fühlt etwas Seltsames, keine Zufriedenheit. Eher ein leichtes Unwohlsein im oberen Magen.

Im Regal stehen Bücher, die Martina nicht mitnahm. Ein paar, die sie fast nie las jedenfalls nicht am Sofa im Lichte, sondern zwangsweise vor dem Schlafengehen.

Er steht auf, geht in die Küche. Die Tasse steht am Fensterbrett. Er sieht keinen Fleck. Der Tee ist längst kalt.

Er spült die Tasse. Dann geht er ins Schlafzimmer, legt sich angezogen aufs Bett was er sonst nie tut und starrt an die Decke.

Die Decke ist perfekt.

Eine Stunde, vielleicht zwei vergeht, Zeit ist seltsam. Dann steht er auf, geht in den Abstellraum. Da stehen Farbreste, Malerflies, Werkzeuge, alles geordnet. Er findet eine kleine Fliesenprobe, die er bei der Arbeit dabei hatte. Hält sie in der Hand. Legt sie zurück.

Im Abstellraum ist nichts übrig. Nur er.

Am Abend wärmt er sich irgendetwas aus dem Kühlschrank auf, spürt den Geschmack kaum, spült ab. Die Wohnung ist still. Früher war immer etwas los: Hämmern, Rascheln, Gerüche von Lack oder Grundierung. Jetzt: reine, perfekte Stille.

Er schaltet den Fernseher an. Nach zwanzig Minuten schaltet er ihn verwirrt aus.

Dann nimmt er das Handy, sieht lange Martinas Namen im Display. Ruft nicht an. Denkt nach.

Er denkt nicht daran, wie er sie zurückholen könnte. Eher, was sie gesagt hat. Über die Gäste. Die Lampe. Dass sie drei Jahre als Gast in seiner Wohnung lebte. Dieser Begriff trifft ihn besonders. Gast. Im eigenen Heim.

Er erinnert sich an Sebastian. An den Anruf damals die Geschichte mit der Baustelle im Schlafzimmer. Warum? Schon da konnte er sich die Wahrheit nicht eingestehen. Sagte sich: nicht vorzeigen, es ist noch nicht fertig. Aber das stimmte gar nicht. Die Wohnung war längst bewohnbar. Aber sie war nicht das, was er sich erträumt hatte.

Er wollte die perfekte Wohnung erschaffen. Arbeitet und arbeitet und erreicht es nicht, weil perfekt wie ein Horizont immer unerreichbar bleibt.

Martina begriff das. Er nicht.

Oder er wollte es nicht sehen.

Er macht einen Rundgang, schaltet in jedem Zimmer das Licht an. Stoppt im Wohnzimmer bei den Regalen.

In den Regalen steht alles penibel geordnet. Bücher nach Größe, Dekogegenstände perfekt abgemessen. Alles funktioniert, alles harmoniert.

Irgendwo in der Mitte der dritten Regalreihe steht ein kleines Glasherz. Leicht rötlich, ein wenig schief, handgemacht. Martina hatte es vor Jahren auf dem Viktualienmarkt gekauft. Damals fragte er: Wozu? Das sammelt nur Staub. Ich mag es, sagte sie nur. Das Herz blieb; Thomas tolerierte es als kleine Konzession.

Jetzt nimmt er es in die Hand. Es ist warm, oder er stellt es sich so vor.

Er denkt drei Tage lang nach. Drei Tage, in denen er so gut wie nichts tut, was isst, schlecht schläft, auf Arbeit Fehler macht. Ein Kollege sagt: Thomas, alles gut? Alles bestens, antwortet er.

Am vierten Tag schreibt er Martina:

Martina, können wir reden?

Sie antwortet nach einer Stunde: Klar.

Er ruft an. Sie nimmt nach zwei Mal Klingeln ab.

Hallo, sagt er.

Hallo.

Wie gehts?

Gut. Bei Mama ist alles ok.

Pause. Er hört ihren Atem, weiß nicht, was er sagen soll. Für solche Gespräche fehlt ihm Übung; sie kann das.

Martina, ich habe nachgedacht die letzten Tage.

Hab ich gemerkt.

Weißt du, was ich sage?

Ungefähr.

Ich… ich verstehe, dass ich etwas Wesentliches übersehen habe. Besser gesagt ich habe vor lauter Renovieren das Eigentliche vergessen.

Sie sagt nichts.

Du hast über Gäste gesprochen. Über die Lampe. Ich weiß das jetzt. Damals habe ichs nicht verstanden. Oder wollte es nicht.

Warum sagst du das jetzt?

Weil ich will, dass du zurückkommst.

Lange Stille.

Thomas…

Nicht sofort, aber irgendwann. Ich meine es ernst. Lass es uns neu probieren. Anders. Ich weiß nicht, ob ich es kann. Aber ich will es probieren.

Sie schweigt lange. Er hört, wie sie am Telefon wohl gerade eine Tasse stellt. Vielleicht aufs Fensterbrett, vielleicht auf den Tisch. Egal.

Du weißt, dass ich probiers nicht reicht?, sagt sie endlich.

Weiß ich.

Du weißt, dass ich nicht zurückkommen kann und dann alles wie früher ist?

Weiß ich.

Ich glaub es nicht. Nimms nicht übel. Du bist jetzt erschrocken, sagst die richtigen Dinge. Aber das ist nicht einfach, wie einen Nagel einschlagen.

Weiß ich.

Was schlägst du exakt vor?

Er schweigt. Dann:

Ich schlage vor, dass wir uns erst mal treffen. Richtig unterhalten, nicht am Telefon.

Okay, sagt sie nach kurzem Überlegen. Treffen wir uns.

Sie treffen sich im Café, neutraler Boden, nicht die Wohnung. Ein ganz normales Café, wackelige Stühle, Tafel mit Kreide-Menü. Martina erscheint in ihrer beigefarbenen Lieblingsjacke, sieht müde aus, aber gelassen.

Sie bestellen Kaffee. Thomas schaut sie an und merkt, dass er sie lange nicht mehr so angesehen hat: einfach nur angeschaut, ganz ohne Nebenberechnungen zu Spalten oder Kanten.

Wie gehts deiner Mutter?

Besser. Sie hat neue Blumen gekauft, steckt im Garten. Sie fands schön, dass ich bei ihr war.

Das freut mich.

Pause.

Thomas, sagt sie. Es geht nicht um den Umbau. Nicht darum, dass du alles perfekt machen willst das ist an sich gut. Aber du hast das Ziel verloren. Die Wohnung sollte ein Werkzeug für unser Leben sein. Für dich wurde sie Selbstzweck.

Ja, sagt er.

Sagst du das nur so oder hast dus wirklich verstanden?

Er nimmt die Kaffeetasse, stellt sie ab.

Du kannst es nicht wissen, sagt er endlich ehrlich. Ich weiß es selber nicht genau. Aber ich weiß, so kann es nicht weitergehen. Als du weg warst, blieb von der Wohnung nur eine schöne Hülle.

Martina sieht ihn an.

Schöne Hülle, wiederholt sie leise.

Ja.

Gut, dass du das verstehst.

Kommst du zurück?

Sie schaut lange aus dem Fenster. Draußen nieselt es, die Passanten hasten, am Laden gegenüber stehen erste Tulpen, zerzaust vom Wind.

Ich versuche es. Aber nur mit Bedingungen.

Welche?

Erstens einen Monat lang kein Umbau. Kein Nagel, keine Probe, kein Katalog. Einfach leben.

Einverstanden.

Zweitens: Kommenden Sonntag laden wir Nadine, ihren Mann und Sebastian ein. Richtiger Abend, richtige Gäste. In unserer Wohnung, so wie sie ist.

Er nickt.

Drittens: Wenn du wieder aus jeder Schramme ein Drama machst, sag ich es dir direkt. Und du musst zuhören.

Einverstanden.

Du weißt, das ist nicht einfach für dich?

Ich weiß, sagt er. Aber ich versuchs.

Martina sieht ihn noch einmal prüfend an. Dann sagt sie: Gut.

Sie gehen zu Fuß nach Hause, obwohl es noch nieselt. Sie laufen eng beieinander, jeder trägt etwas Martina ihren Kaktus in der Jacke, Thomas ihre Tasche. Vor dem Haus bleibt sie stehen, sieht zum fünften Stock hinauf.

Schönes Haus, sagt sie.

Ja, sagt er.

Sie nehmen den Aufzug. Er schließt auf, sie geht voran. Stellt Franz auf das Fensterbrett, ohne Unterlage.

Thomas sieht zu, auf den Kaktus auf dem lackierten Brett.

Er sagt nichts.

Martina geht in die Küche. Er hört, wie sie den Wasserkocher füllt. Dann läuft Wasser, dann klickt der Knopf.

Er setzt sich im Wohnzimmer auf das Sofa, schaut ins Regal. Das Glasherz steht immer noch nicht ganz mittig.

Er rückt es nicht zurecht.

Am Sonntag rufen sie Nadine an. Nadine lacht und ruft: Endlich! Sebastian kann nicht kommen, aber verspricht es für später. Nadines Mann bringt Wein, Nadine Kuchen, Martina kocht Bratkartoffeln, wie seit drei Jahren versprochen.

Sie decken im Wohnzimmer. Thomas sortiert die Teller nicht ganz symmetrisch. Er rückt einen zurecht, hält dann inne und lässt ihn schief.

Es ist laut, beengt. Nadine stößt ein Weinglas um, Rotwein läuft über die Tischdecke. Alle erschrecken. Kurz zuckt es in Thomas, er sieht Martina an.

Martina schaut zurück. Nicht ängstlich, nicht nervös einfach nur wach.

Thomas nimmt eine Serviette, tupft das Rotwein-Fleck. Sagt:

Halb so wild.

Nadine atmet aus. Martina lächelt leicht, kaum sichtbar.

Nach dem Essen bleiben sie lange sitzen, erzählen, lachen, trinken Tee. Als die Gäste gehen, ist es Mitternacht. Martina wäscht ab, Thomas trocknet. Sie schweigen, aber anders als früher.

Der Fleck geht sicher wieder raus, sagt er.

Vielleicht bleibt er ja, sagt sie.

Dann ist es halt so.

Sie blickt ihn an, reicht ihm einen Teller.

Thomas, sagt sie.

Ja?

Es war ein schöner Abend.

Ja, sagt er. War es.

Sie machen fertig. Im Wohnzimmer stehen noch Tassen, der Rotweinfleck auf der Decke, das Glasherz im Regal, Franz auf dem Fensterbrett.

Thomas schaut auf das alles. Denkt: Morgen sollte das Fleck raus, bevor er richtig eintrocknet. Und dass der Blumentopf ohne Unterlage eine Spur auf dem Lack hinterlassen wird. Dass eine Tasse schief steht.

Dann denkt er daran, dass Martina heute zweimal gelacht hat. Beim Katzenwitz von Nadine. Dann bei einem Toastversprecher von Nadines Mann. Sie lachte wie früher, wie damals, als er auf sie sah und dachte: Ja, das ist sie.

Sie geht ins Schlafzimmer, hält in der Tür an.

Kommst du?

Gleich.

Er sieht noch einmal ins Wohnzimmer. Auf den Fleck, Franz, das Herz.

Macht das Licht aus.

Sie liegen nebeneinander. Sie liest schon, ihre Lampe mit Stoffschirm steht auf dem Nachttisch und strahlt warm.

Er starrt an die Decke.

Martina.

Hm?

Hörst du mich eigentlich, wenn ich von Fugen und Millimetern rede?

Sie legt das Buch beiseite und sieht ihn an.

Ja, ich höre dich.

Was denkst du dann?

Sie überlegt. Ehrlich.

Dann bist du sehr weit weg.

Ja, sagt er. Wahrscheinlich.

Sie schlägt das Buch wieder auf.

Er denkt: Vielleicht klappt es, vielleicht nicht. Drei Jahre sind lang, und in ihr hat sich etwas verändert, in ihm auch. Es ist wie ein Riss: Man kann spachteln, sieht den kaum noch, aber der Stoff bleibt nicht mehr wie am Anfang. Das weiß er besser als jeder andere.

Daran denkt er, bis er langsam einschläft. Dann noch etwas, ganz am Rand zwischen Schlaf und Wachen: Morgen früh bringt er Franz zurück auf eine Unterlage, sonst bleibt ein Kreis im Lack.

Er macht die Augen auf.

Die Decke ist immer noch gleich. Perfekt. Keine Risse.

Neben ihm blättert Martina um.

Er schließt die Augen. Franz bleibt bis morgen. Franz kann warten.

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Homy
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