Greta, schau es dir doch mal selbst an, sagte ihre Kollegin Birgit und stocherte mit dem Löffel im lauwarmen Kaffee herum. Der Mann hat Geld, einen Anzug, gepflegte Hände. Eine eigene Wohnung, ein Auto. Was willst du denn noch?
Ich weiß nicht, Greta blickte aus dem Fenster des Cafés Kaffeepause, in dem sie jeden Dienstag Mittag machten. Irgendwas passt nicht. Ich kanns nicht erklären.
Passt nicht! Birgit schlug die Hände zusammen. Du bist 27, Greta. Siebenundzwanzig. Nicht mehr achtzehn, wo man Prinzen auswählen kann. Ein guter Mann läuft nicht einfach vorbei, den muss man schon festhalten und nicht loslassen.
Das sagst du wie meine Mutter.
Weil deine Mutter klug ist! Und ich auch. Hör lieber auf uns.
Greta trank ihren Kaffee aus und schwieg. Was sollte sie Birgit schon erklären? Dass dieser Holger, 32, Betriebsleiter bei einer Baugesellschaft, makellos gekleidet, glatt, als käme er aus einem Fotoshooting, bei all dem in ihr ein diffuses Unbehagen auslöste, das sie nicht benennen konnte? Dass er zu korrekt sprach? Zu gleichmäßig lächelte? Dass sie ihn in drei Monaten nicht einmal ungekämmt, verärgert oder ratlos gesehen hatte eben als Mensch?
Birgit hätte das nicht verstanden. Ihre Mutter auch nicht. Nur ihre Oma Anna-Margarethe, 78, die im Nachbarhaus wohnte, schaute sie manchmal an, als wüsste sie längst um alles.
Kennengelernt hatte Greta Holger auf einer Geburtstagsfeier. Greta war in einem schlichten blauen Kleid, kam zu spät, kannte fast niemanden und wollte schon gehen, da setzte sich Holger zu ihr, hellgraues Jackett, Taschentuch akkurat gefaltet.
Sind Sie auch zufällig hier? fragte er.
Warum zufällig?
Sie schauen aus, als suchten Sie den Ausgang.
Greta lachte. Er war ein guter Gesprächspartner, erzählte unterhaltsam, hörte aufmerksam zu, und sein Blick glitt nie dorthin, wohin er nicht gehörte schon das war eine Seltenheit. Am Ende bot er ihr an, sie nach Hause zu fahren. Sein Auto: bequem, roch nach Leder und etwas Teurem. Er öffnete ihr die Tür. Fragte, ob sie bis zur Haustür wolle. Drängte sich nicht auf, verschwand aber auch nicht.
Gut erzogen, dachte Greta.
Dann folgten Treffen: Restaurant, Kino, Spaziergänge am Rheinufer. Holger brachte ihr ohne Anlass Blumen, dachte daran, dass sie keinen Koriander mochte, und schenkte ihr ein Buch, das sie beiläufig mal erwähnt hatte. Ihre Mutter erzählte es der Tante, die das ganze Haus informierte, und überall schallte das Urteil: guter Mann festhalten!
Ihr Vater, Hermann Hausmann, 58, Schlosser, wortkarg und bodenständig, traf Holger beim Abendessen, gab ihm die Hand, betrachtete ihn lange und sagte nur:
Gut. Mal sehen.
Papa, was soll das heißen, mal sehen? lachte Greta.
Nichts. Wir warten ab.
Hermann konnte Gefühle nicht in Worte kleiden. Er fühlte Menschen über den Händedruck, den Blick, wohin jemand am Tisch schaute. Holgers Händedruck war vorschriftsmäßig, aber eigenartig leer. Als ob jemand das Richtige tut, aber nichts fühlt. Doch Greta strahlte, also schwieg ihr Vater.
Nach einem halben Jahr machte Holger einen Antrag. Nicht kniend und mit Orchester, aber schick: im selben Restaurant wie beim ersten Abend, kleine Schachtel, Ring mit einem echten Stein, nicht riesig, aber echt. Greta sagte ja, ihr war schwindelig und froh und dennoch spürte sie diese leise, bittersüße Note die sie versuchte zu übertönen.
Sie rief Oma an.
Oma, er hat gefragt. Ich hab zugesagt.
Am anderen Ende schwieg es.
Bist du froh? fragte Anna-Margarethe.
Ja. Klar.
Klar ist keine Antwort, Kind. Bist du froh?
Greta schwieg selbst.
Ich… weiß nicht, Oma. Es fühlt sich gut an. Aber irgendwie… ich kanns nicht erklären.
Musst du auch nicht. Komm Sonntag vorbei, ich backe Apfelkuchen.
Annagretas Apfelkuchen war das beste Heilmittel. Sie kam, setzte sich in die winzige Küche an den runden Tisch, Oma stellte ihr die Teetasse mit den riesigen Kornblumen hin, schnitt den Kuchen und schwieg erstmal.
Oma, warum bist du so still?
Ich warte, bis du selbst redest.
Was denn?
Was in deinem Gesicht steht.
Greta blickte auf das Kuchenstück.
Ich versteh ihn nicht, Oma. Wir kennen uns ein halbes Jahr, und ich versteh ihn nicht. Immer ausgeglichen, immer korrekt. Nie hat er ehrlich geschimpft, war nie ratlos. Als würde er nicht wirklich leben nur spielen.
Anna-Margarethe rührte in ihrem Tee, obwohl sie keinen Zucker drin hatte.
Weißt du, was ich gelernt habe? Schau nicht, wie ein Mann beim Date ist. Schau, wie er daheim ist. Mit Eltern am Tisch. Wenns schiefgeht. Wenn er müde ist. Wenn was schiefgeht und ers reparieren muss. Da lebt der echte Mensch nicht am Rhein.
Muss ich ihn dann gleich verlassen?
Hab ich nicht gesagt schau einfach genauer hin. Und hetz dich nicht mit Hochzeit, bis du das gesehen hast, von dem ich rede.
Greta nickte. Der Rat klang richtig. Aber Mutter hatte schon Zeitschriften mit Hochzeitskleidern, alle gratulierten da hielt sie nicht an.
Eine Woche nach der Verlobung besuchte sie Holgers Mutter: Waltraud Putzig, dreizimmerige Altbauwohnung mit Decken wie Kathedralen, drinnen alles wie in einem Museum. Kristall im Schrank, Porzellanfiguren, Teppiche, die nicht verrückt werden durften.
Waltraud öffnete ihr in der Schürze und mit dem Blick, als sei der Besuch ein Opfer.
Treten Sie ein, sagte sie, und in diesem Treten Sie ein steckte alles: Ich schau dich mir an, Erstverdienst, Hier habe ich das Sagen.
Beim Essen erzählte Waltraud von Krankheiten: ihre, die der Nachbarin, der Schwester dritten Grades. Holger hörte zu, nickte, schob seiner Mutter Salat zu. Greta wurde nur wenig gefragt, saß mit aufgeklebtem Lächeln, dachte an Omas Rat, und beobachtete.
Es gab zu beobachten.
Als Greta um Salz bat, rührte Holger sich nicht. Als sie die Teller abräumen wollte, sagte Waltraud lassen Sie mal, mach ich, in einem Ton, der nicht verriet, ob es Gastfreundschaft oder Prüfung war. Als Greta von ihrer Arbeit als Buchhalterin in einer kleinen Firma sprach, wiederholte Waltraud: Buchhalterin? Das ist schön. Ein stiller Beruf. Das still klang wie unwichtig.
Auf dem Rückweg fragte sie Holger:
Ist deine Mutter immer so?
Wie?
Na… streng.
Holger lachte.
Sie ist halt so. Sehr direkt. Du gewöhnst dich dran.
Sie wirkt, als hätte sie was gegen mich.
Sie ist zu allen so. Nimm das nicht persönlich.
Greta musterte ihn. Er war gelassen, keine Spur Unruhe war das gut oder schlecht? Sicherheit oder Gleichgültigkeit?
Die Hochzeit war schlicht im Mai. 25 Leute im Café, ohne quatschige Spiele. Greta bestand darauf, Holger war einverstanden. Waltraud saß in der ersten Reihe und musterte sie, als wartete sie auf das Ergebnis einer Prüfung.
Hermann Hausmann hielt eine kurze, krumme Rede:
Tochter, ich wünsch dir, dass es dir gut geht. Und dass einer da ist, der das versteht.
Alle klatschten. Holger lächelte. Greta sah ihren Vater an, und erst später verstand sie: Das war Sorge in seinem Blick. Leise, verborgen, väterlich.
Sie zogen zu Holger, zweite Wohnung im fünften Stock, alles top renoviert, ordentlich. Greta brachte ihre Sachen mit, verteilte Bilder. Holger betrachtete sie und meinte, da müssten Rahmen im gleichen Stil her. Sie nahm die Fotos wieder ab und verstaute sie im Schrank.
Von da an fing es an.
Keine Dramen, keine Schreie alles höflich. Doch Greta merkte bald: Neben ihr wohnte jemand, der sehr gut aussah, aber nicht wirklich im Leben stand.
Kleinigkeiten zuerst. Holger bekam den Wasserkocher nie an und fragte Greta, obwohl er seit fünf Jahren hier wohnte. Er wusste nie, wo die Ersatzpatrone für den Drucker war. Wusste nicht, wann der Filter der Dunstabzugshaube fällig ist. Eines Sonntags war das Brot alle, und Holger sah sie an, als ob das ganz alleine ihre Aufgabe sei. Wenn sie meinte, er könne zum Bäcker gehen hundert Meter! entgegnete er:
Ich bin grad erst aufgestanden, will mich waschen.
Ich auch.
Holger rasierte sich, zog sich akkurat an, ging schließlich zum Bäcker, kam mit Brot zurück und auch mit einer Torte, die so viel kostete, dass man davon drei Tage essen konnte. Greta sagte nichts Birgits Stimme im Kopf: Willst du wirklich wegen Brot streiten?
Nein. Greta wollte nicht streiten. Sie wollte es verstehen.
Dann begannen Waltrauds Anrufe. Ein eigenes Kapitel. Sie rief Holger zweimal täglich an: morgens, wie hast du geschlafen, abends, wie war das Essen. Ging er nicht dran, klingelte sie gleich nochmal. War er im Bad, rief sie Greta an.
Greta, Holger geht nicht ans Handy. Ist er daheim?
Ja, Waltraud, im Bad.
Sagen Sie, er soll mich zurückrufen. Mein Blutdruck, Sie wissen schon.
Waltrauds Blutdruck stieg immer dann, wenn Holger nicht sofort erreichbar war. Erprobte Taktik.
Greta schlug Holger einmal zaghaft vor:
Kannst du deiner Mutter nicht sagen, sie soll seltener anrufen? Zwei Mal am Tag…
Sie macht sich Sorgen. Sie ist allein.
Ich verstehs. Aber sie ist erwachsen.
Greta, das ist meine Mutter.
Das klang, als wäre alles weitere damit erledigt. Greta verstummte.
Sie schwieg oft. Aus Gewohnheit. Ein übler Splitter unter der Haut, den man nie zieht.
Waltraud kam bald auch unangekündigt vorbei, nur kurz, blieb dann drei Stunden, inspizierte den Kühlschrank wie das Gesundheitsamt, bemängelte, warum dieser Quark gekauft, nicht jener. Räumte in der Küche um angeblich, damit es praktischer sei danach fand Greta weder Kelle noch Reibe. Einmal, als sie eine Geranie auf der Fensterbank entdeckte, die Greta von ihren Eltern mitgebracht hatte, meinte sie, die ziehe nur Krankheiten an.
Keine Geranien. Keine Fotos in beliebigen Rahmen. Brot nur aus der Backstube Huber zwei Straßen weiter, weil es dort am besten sei. Fenster so und nicht anders öffnen, Bettwäsche stets bügeln.
Greta bügelt Bettwäsche.
Ihre Mutter riet am Telefon: Sei höflich zur Schwiegermutter. Das wird sich noch einspielen. Ihr Vater fragte nur:
Gehts dir gut?
Es geht, Papa.
Es geht ist nicht gut.
Greta lachte. Wie Oma beim klar.
Das Sonderbare daran: Holger verstand gar nicht, was nicht stimmte. Er fand, er lebte einwandfrei. Arbeitete, brachte Geld nach Hause, trank nicht, ging nicht aus. Samstags fuhr er seine Mutter zum Markt. Sonntags war Mittagessen Pflicht da gab es keine Ausnahmen. Greta bat einmal um einen Sonntag zu zweit sie hatten sich ewig nicht mehr gesehen.
Mama wartet.
Einmal lässt sich das verschieben!
Sie hat gekocht, sonst ist sie enttäuscht.
Ich nicht?
Er sah sie an, als hätte ein Kind etwas Unverständliches gesagt.
Greta, das ist meine Mutter. Sie ist eben nicht mehr jung.
Waltraud: einundsechzig, morgens Nordic Walking, Aquarellkurse, fährt selbst Auto. Greta lag oft abends wach und dachte an das alles, während Holger beim alten Menschen speiste.
Da rief sie Florian an.
Florian, ein Schulfreund seit der achten Klasse. 28, Polier auf dem Bau, immer leicht zerzaust, trug Jacken, die nie schick waren, und kümmerte sich null um Einstecktücher weil er keins hatte. Als Greta für Prüfungen paukte, brachte er Kuchen von seiner Mutter. Bei ihrer ersten großen Liebeskrise saß er nachts stumm neben ihr, weil er nichts zu sagen wusste, aber ahnte, man sollte nicht weggehen. Niemals war er mehr als ein Freund. Einfach immer da einfach Flo.
Hi, sagte sie ins Handy. Hast du Zeit?
Für dich immer. Was ist los?
Nichts. Muss reden.
Sie trafen sich im Park. Florian trug die Jacke, die nicht passte. Greta dachte: Aber er sieht darin nach Mensch aus nicht wie ein Plakat. Sie lief plaudernd an seiner Seite, er schwieg, hörte zu, runzelte die Stirn.
Und, was machst du nun? fragte er irgendwann.
Wie meinst du?
Sag’s ihm?
Versuch ich. Er hört nicht hin.
Florian schwieg.
Greta, er hört nicht nicht. Er wills nicht hören, weils so einfach ist. Das ist was ganz anderes.
Greta blieb stehen.
Meinst du, ich täusche mich?
Florians Blick wanderte über sie, so, dass sie lieber wegschaute.
Ich glaub, du kennst die Antwort längst.
Sie wusste es. Aber zu wissen und auszusprechen das waren zwei Welten.
Die Gartenlaube tauchte im Juli auf. Eigentlich schon früher, in Waltrauds Kommentar beim Tee: Ihre alte Laube bei ihrem Schrebergarten sei morsch, eine neue zu teuer und allein schaffe sie es sowieso nicht.
Greta vergaß es. Aber eine Woche später fragte Holger beim Abendessen:
Dein Vater ist doch handwerklich geschickt. Vielleicht schaut er sich Waltrauds Laube mal an?
Wie anschauen?
Den Aufwand einschätzen.
Er ist kein Bauunternehmer. Er ist Schlosser.
Aber du sagtest, er sei goldwert mit Werkzeugen. Mama wäre dankbar.
Greta fühlte ein Unbehagen, das sie noch nicht fassen konnte.
Holger, die Gartenlaube kann man bestellen. Oder Arbeiter mieten.
Zu teuer.
Dann halt sparen.
Holger nickte, und das Gespräch schien abgeschlossen. War es aber nicht.
Waltraud rief nächsten Tag an ausnahmsweise selbst.
Greta, könnten Sie Hermann fragen, ob er am Wochenende kurz die Laube anschaut? Ganz unverbindlich, ich backe auch Kuchen.
Greta schluckte. Mit Kuchen bezahlt man nicht, wollte sie sagen, sagte aber nur:
Ich frage mal.
Hermann kam vorbei, denn so war er eben: Würde nie Hilfe abschlagen. Schaute. Sagte: Zu alt, braucht eine neue, erklärte, wies geht. Waltraud nickte, spendierte Kuchen und: Hermann, könnten Sie das nicht machen? Sie können das doch. Wir wären dankbar.
Was kosten die Materialien ungefähr? fragte Hermann.
Er kalkulierte, nannte eine Summe. Waltraud verzog den Mund.
Das ist ja viel. Gehts nicht günstiger?
Günstiger hält nicht so lang.
Und, wenn Sie schon bauen, vielleicht auch beim Material…
Sie sprach es nicht aus. Es war sowieso klar.
Hermann schwieg eine Weile.
Ich denk drüber nach.
Er erzählte es seiner Tochter, und die spürte, wie Ärger in ihr aufstieg.
Papa, du fährst da nicht kostenlos bauen.
Ich weiß schon.
Das ist nicht normal.
Ich weiß, Greta.
Ich spreche mit Holger.
Das Gespräch war anstrengend. Holger kam spät, sie legte alles sachlich dar:
Holger, deine Mutter will, dass mein Vater umsonst ihre Laube baut und das Material noch dazu bezahlt.
Holger pausierte kauend.
Wir könnten uns am Material beteiligen.
Beteiligen? Mein Vater ist nicht verpflichtet, für deine Mutter gratis zu arbeiten. Ihr seid nicht einmal eng verwandt.
Schon bald…
Und?
Sein Blick war leer, nicht wütend, nur… fremd.
Greta, sie ist alt und allein. Sie braucht Hilfe.
Nicht wirklich alt und nicht allein. Sie hat dich.
Ich kann nicht bauen.
Dann nach Unternehmen suchen oder selbst anpacken aber meinen Vater nicht ausnutzen.
Holger legte die Gabel weg.
Du tust so, als wären wir kriminell. Es ist ein Hilfegesuch.
Hilfe ist, wenn es freiwillig ist. Das hier hat einen anderen Namen.
Welchen denn?
Dreistigkeit, Holger.
Stille. Greta schaute ihn an, wartete auf: Du hast recht. Oder: Ich spreche mit Mama. Oder irgendwas, das zeigte, er steht hinter ihr.
Er sagte:
Beleidige nicht meine Mutter.
Greta verließ wortlos den Tisch.
Nachts lag sie wach und dachte an Annagretas Worte: Sieh dir an, wie jemand ist, wenn was getan werden muss. Genau das hier. Es hätte nur einen einzigen solchen Abend bedurft.
Morgens fuhr sie zu Oma.
Oma öffnete, holte Tee.
Erzähl.
Greta berichtete vom Lauben-Drama, Waltraud, Holger. Oma hörte ruhig zu.
Und, wie fühlst du dich? fragte sie, als alles besprochen war.
Wütend. Und… beschämt. Dass ich das früher nicht gesehen habe.
Beschämt musst du nicht sein. Wir sehen Leute wie wir sie sehen wollen. Nenn das nicht Dummheit Hoffnung. Hoffnung ist gut, manchmal aber teuer.
Woher weiß man, dass man wirklich einem falschen Mann begegnet ist? Vielleicht bin ich zu kritisch? Ist das überall so?
Oma schwieg lange, dann:
Nein. Wenn einer deiner ist, Greta, dann zweifelst du nicht ständig an dir. Du bist einfach zusammen und alles ist ruhig. Wenn du ständig an dir selbst zweifelst, ist das meist ein Zeichen: Deine Gefühle stimmen. Du willst nur nicht glauben.
Aber Beziehungen sind immer Arbeit.
Arbeit, ja. Aber richtige Arbeit ist, wenn beide gemeinsam tragen. Was du beschreibst, ist, wenn du alles ziehst und er auf dem Schlitten mitfährt und erklärt, warum das richtig ist.
Greta betrachtete Omas Hände, fleckig, knorrig Hände, die ihr Leben lang schufteten: Backen, Nähen, Graben, liebevolles Streicheln. Annagretas Mann Ludwig starb vor zwanzig Jahren, sie sprach noch heute von ihm: Ludwig hätte das, Ludwig würde jenes. Leise, ohne Pathos.
Oma, hast du dich mit Opa viel gestritten?
Und wie. Ich war nie einfach.
Und dann?
Vertragen. Weitergemacht. Zusammen. Sich vertragen heißt nicht, dass einer stumm tut als wär alles okay. Es heißt, beide hören und ändern was. Sonst ist es Aufgabe, keine Versöhnung.
Greta schwieg.
Weißt du schon? fragte Oma.
Noch nicht ganz. Aber bald.
Während Greta noch zauderte, war ihr Vater doch nochmal zu Waltraud gefahren. Einfach, weil er nicht nein sagen konnte. Schaute die Laube an, dann die Materialien, dann stimmte irgendwas wieder nicht und schwupps, lief das Ganze wochenlang. Waltraud half mit Tee, lobte: Hermann, goldene Hände! Das war nett nur eines war anders: Fürs Material zahlte sie nie. Hermann zahlte aus eigener Tasche, Das regeln wir noch, meinte Waltraud immer vage.
Greta erfuhr davon zufällig, rief entrüstet Holger an.
Holger, kannst du bitte jetzt das mal mit deiner Mutter klären? Mein Vater ist kein kostenloser Handwerker!
Sie hat gesagt, das regeln wir.
Drei Wochen Arbeit, kein Cent. Das geht so nicht.
Holger verzog das Gesicht.
Greta, nun stell das nicht so dar. Sie hat das Geld halt nicht sofort. Sie ist nicht reich.
Mein Vater ist auch nicht reich. Er arbeitet hart.
Ich spreche mit ihr.
Wann?
Sonntag, beim Essen.
Ich will, dass du heute oder morgen anrufst. Das kann nicht warten.
Sein Blick den sie schon kannte. Müde. Genervt. Wieder eine Störung seiner glatten Routine.
Morgen.
Morgen rief er nicht an. Auch nicht übermorgen.
Bis Waltraud selbst anrief.
Greta, ich weiß, Holger hats erzählt. Wir sind Ihnen und Hermann so dankbar. Aber meine Rente ist grad schmal, so eine Summe auf einmal… Kann er vielleicht noch warten?
Steht die Laube denn schon?
Na ja… fast.
Also ist alles fertig. Mein Vater hat gebaut, Material gekauft. Finden Sie nicht, noch länger zu warten ist unfair?
Ihre Stimme wurde kälter.
So ein Ton in der Familie! Wir sind doch eine Familie.
Familie heißt nicht umsonst.
Ich werde Holger von ihrem Ton erzählen!
Tun Sie das.
Sie legte auf. Ihre Hände zitterten, nicht vor Angst, sondern Erschöpfung.
Holger kam heim, sein Gesicht verriet alles.
Du hast meine Mutter grob behandelt.
Ich habe klar gesagt, es reicht.
Du hast ihr Verhalten unfair genannt. Sie ist gekränkt.
Und du hast nie klar mit deiner Mutter gesprochen seit Wochen nicht.
Stille.
Holger, auf wessen Seite stehst du eigentlich?
Pause.
Ich stehe nicht auf einer Seite. Ich will Frieden in der Familie.
Frieden auf Kosten meines Vaters?
Er schwieg. Das war schlimmer als jede Antwort.
Greta rief Florian an, wieder trafen sie sich im kühlen Spätsommer im Park.
Hatte er eine Antwort auf die Seiten-Frage? fragte Flo.
Nein.
Dann weißt du ja alles.
Ja, sagte Greta. Aber irgendwie… es fällt schwer. Da steckt Zeit, Hoffnung, Pläne drin. Und jetzt?
Flo schwieg. Dann leise:
Greta, ein halbes Jahr ist nicht dein Leben.
Klingt so leicht.
Ist es nicht. Aber besser als drin bleiben.
Sie sah ihn an. Er blickte weg, zum grauen Brunnen, jetzt schon abgestellt für den Herbst.
Flo, meinst du, ich mache das Richtige, wenn ich gehe?
Er schwieg besonders lang.
Ich denke, du kannst gar nicht anders. Du bist so. Du hältst es nicht aus, wenn dich niemand hört.
Das traf. Sie war so. Woher wusste er das genauer als Holger nach all den Monaten?
Sie kam spät heim. Holger schlief schon. Sie wusste: Am nächsten Tag wird gesprochen zum letzten Mal.
Doch es kam anders.
Drei Tage später rief ihr Vater aufgeregt an.
Greta, stell dir vor, ich komme zu Waltrauds Garten, frage nochmal nach dem Geld… und da ist die Laube weg.
Wie weg?
Abgebaut. Keine Bretter, keine Balken, nur noch die Betonplatte. Waltraud steht da, in Tränen. Meint, nachts habe jemand alles abgetragen. Die Nachbarn sagen, ein Mann, ein Sprinter, alles ordentlich eingeladen, nichts zerstört einfach sauber abgebaut.
Greta starrte aufs Handy, verwundert.
Frag mal rum, ob wer was gesehen hat.
Schon gemacht. Eindeutig: nachts, ruhig abgebaut.
Sie legte auf, rief Florian an.
Flo.
Ja.
Warst du das?
Lange Pause.
Nun ja.
Himmel. Wieso?
Dein Vater hat Zeit und Geld reingesteckt. Ich hab alles sauber abgebaut, nichts beschädigt. Fahre das Material jetzt zu deinem Vater, der kanns am eigenen Garten aufstellen oder verkaufen. Seine Arbeit, sein Material. Soll er es auch bekommen.
Greta schauderte kurz vor Ergriffenheit.
Ist dir klar, was das für ein Theater gibt?
Ist mir klar.
Sie will zur Polizei.
Soll sie. Ich habe nur abgebaut, was aus Hermanns Materialien gebaut war. Sollen sies erstmal nachweisen.
Flo…
Jemand musste für deinen Vater eintreten, weil er selbst nie fragt. Das hab ich gemacht. Auf meine Weise.
Sie schwieg lange.
Warum tust du das? fragte sie, ahnte aber die Antwort.
Weil er dein Vater ist. Pause. Und weil du das verdient hast. Dass einer sowas macht.
Abends gab es den Eklat. Waltraud tobte, Holger stürmte nach Hause wie beim Weltuntergang.
Die Laube ist weg! Wusstest du das?
Heute Morgen erfahren.
Das war dein Florian? Dein Freund?
Ja.
Holger raste aus, ging im Wohnzimmer auf und ab.
Das ist kriminell. Meine Mutter will Anzeige erstatten.
Soll sie, sagte Greta überraschend ruhig. Soll sie ruhig. Es gibt keine Zahlung für Material, keine Quittung. Sie solls erklären.
Holger schwieg.
Und weißt du, Holger, während du hier über Kriminalität wettest: Du hast meine Frage nie beantwortet. Auf wessen Seite stehst du?
Das ist Unsinn. Es gibt keine Seiten.
Doch. Du hast immer deine Mutter gewählt. Dein gutes Recht. Aber ich bin es leid, Nummer zwei zu sein.
Unsinn.
Vielleicht. Aber ich gehe jetzt.
Stille.
Wie bitte?
Ich ziehe aus. Geb mich bitte die nächsten Tage in Ruhe, ich packe meine Sachen.
Holgers Gesicht: nicht Wut, nicht Trauer Verwirrung wie bei jemandem, dem einfach der Plan gesprengt wurde, weil er alles richtig gemacht hatte.
Wegen einer Gartenlaube?
Wegen einem Jahr mit dir. Die Laube war nur der Tropfen.
Drei Tage packte Greta. Holger blieb weg, schlief vermutlich bei seiner Mutter. Greta transportierte Bücher, holte die in der Schublade vergessenen Fotos, brachte alles zu den Eltern. Hermann half wortlos beim Tragen.
Bis zuletzt, als sie die letzte Kiste trug, umarmte ihr Vater sie fest und schweigend.
Sag was, Papa.
Was soll ich sagen. Schade, aber du machst das richtig.
Woher weißt du das?
Weil du so bist, Greta. Du könntest nicht anders. Würdest dich lange quälen, aber niemals darin bleiben.
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. 58 Jahre, Hände rau, nach Öl und Zuhause duftend. Der verlässliche Mensch.
Eine Woche später rief Birgit an.
Hab schon gehört. Was war da los?
Länger zu erklären.
Ich habs immer geahnt, dass da was nicht stimmt.
Greta musste fast lachen.
Birgit, du hast gesagt, ihn nicht loslassen!
Na ja, wusste ja nicht alles.
Eben.
Offiziell gab sie die Verlobung zurück, schrieb Holger eine Nachricht. Er antwortete nicht. Den Ring legte sie beim letzten Besuch aufs Fensterbrett. Waltraud verzichtete auf den Gang zur Polizei jemand hatte ihr wohl erklärt, dass das ohne Zahlungsnachweise aussichtslos wäre.
Florian brachte Hermann das Material. Der stapelte die Balken im Schuppen.
Gute Balken, sagte Florian.
Hilfst du beim Aufbau?
Ich komm vorbei.
Sie schüttelten sich die Hand. Hermann nickte Florian zu mehr als viele Worte.
Im Park trafen Florian und Greta sich wieder, jetzt Anfang September. Die Luft war klar, die Blätter begannen gelb zu werden.
Und? Wie gehts? fragte Florian.
Müde, gesteht sie. Nicht vom Gehen. Von der Zeit, in der ich nicht gegangen bin.
So ist das.
Flo, sie blieb stehen, sah ihn an. Darf ich fragen: Bist du längst… nicht mehr nur ein Freund für mich?
Er wich nicht aus. Schwieg nur einen Moment.
Ja. Schon lange.
Warum hast du nie was gesagt?
Weil du glücklich warst. Oder es dachtest. Da mischt man sich nicht ein.
Greta betrachtete ihn. Die falsche Jacke, ein bisschen verwuschelte Haare, Arbeiterhände, kein Einstecktuch, nie. Und ein ehrlicher, klarer Blick, den sie oft nicht ganz zu Ende gelesen hatte.
Flo, ich weiß nicht, was in mir vorgeht ehrlich. Ich komm grad aus etwas Schwerem. Ich bin noch nicht wieder ganz ich. Ich brauch Zeit.
Ich weiß.
Du drängst nicht?
Nie. Hab ich noch nie.
Das entsprach acht Jahren Freundschaft. Immer da, nie gedrängt. Kam nachts, wenns ihr schlecht ging. Schwieg, wenns besser war. Redete, wenns sein musste. Brachte Gerechtigkeit, ohne vorher ein Wort zu verlieren.
Flo.
Ja?
Danke. Für die Laube.
Er lächelte schwach.
War gute Arbeit. Gerade gebaut. Schade, dass sie nicht da steht.
Papa baut sie bei sich wieder auf.
Ich helfe.
Sie gingen weiter. Die Blätter rauschten. Greta dachte: Vor einem Jahr, im blauen Kleid, hatte sie hier ja gesagt und sich selbst nicht zugehört. Dachte an Omas Satz: Wirkliches erkennt man nicht am Rheinspaziergang. Dachte daran, dass neben ihr jemand schon acht Jahre geht und sie doch alles und mehr über ihn wusste.
Es war ein seltsames Gefühl. Keine Schmetterlinge, kein Taumel. Etwas Leises, Standfestes. Wie das Gefühl der Erde unter den Füßen beim sicheren Schritt.
Sie nannte das noch nicht Liebe. Das, was hinter ihr lag, tat noch weh. Doch irgendetwas in ihrem Innersten wusste: Das hier ist nicht das Ende. Vielleicht ein Anfang. Langsam, behutsam, echt.
Abends rief sie Oma an.
Und? Wie gehts dir, Kind?
Ich lebe, Oma.
Das ist schon was.
War heute mit Florian unterwegs.
Anna-Margarethe schwieg kurz.
Und?
Nichts. Nur geredet.
Schon klar.
Oma, woher weißt du immer alles?
Weil ich dich 27 Jahre kenne. Und Florian acht. Und gesehen hab, wie er dich ansieht. Nur du hast es nie gesehen.
Greta lachte leise.
Warum hast du nie was gesagt?
Manche Sachen muss man selbst herausfinden. Fremde Worte öffnen keine Herzen.
Du bist weise.
Alt, verbesserte Anna-Margarethe. Alt und manchmal auch weise. Beides kommt selten getrennt.
Oma, was wäre dein wichtigster Ratschlag so wie in den Sprüchen?
Ein längeres Schweigen.
Der wichtigste? Ganz einfach: Guck nicht, wie dich einer liebt an Festtagen. Sieh, wie an einem gewöhnlichen Werktag an dich gedacht wird. Wenn keiner zuschaut und nichts zu beweisen ist da liegt die Wahrheit.
Lange saß Greta noch da, das Telefon in der Hand.
Werktag. Kein Feiertagslicht, keine Scheinwelt. Eine Nacht mit Werkzeug auf fremder Parzelle. Kuchen in Prüfungszeiten. Stillsein um drei Uhr morgens. Material, ordentlich im Kombi verstaut weil es richtig ist.
Werktagssituationen, wenn niemand hinsieht.
Was daraus mit Florian wird, wusste sie nicht. Vielleicht gehen sie noch lange vorsichtig gemeinsam weiter, wie auf dem ersten Eis im Winter, unsicher, obs hält. Vielleicht klappt es nicht, Freundschaft ist das eine mehr das andere. Vielleicht scheitern sie, erschrecken.
Aber dies wusste Greta sicher: Es würde ehrlich sein. Was immer passiert es wäre zwischen zwei, die einander wirklich kennen. Nicht wie ein Titelbild, nicht im edlen Anzug mit Tuch in der Brusttasche, sondern echt: mit zu großen Jacken, Muttis Blechkuchen, Nächten im Auto und Lauben für Gerechtigkeit.
Sie trat auf den Balkon. September. Kalt, es roch nach Blättern und Regen. Kinderlachen aus dem Nachbarhof. Es war gut. Es war leben.
Greta nahm sich vor, am Wochenende beim Vater vorbeizuschauen. Vielleicht half Florian, wegen der Laube.
Die Laube bei ihm würde solide werden. Fest, gerade, vernünftige Balken. Da könnten sie im Sommer Tee trinken. Vielleicht würde Oma kommen sie liebte die Natur.
Nicht viel. Aber echt.
Und das, hatte Anna-Margarethe gesagt, reicht absolut für ein Leben. Alles andere kommt, wenn man nicht hetzt und genau hinschaut.
Greta stand noch lange auf dem Balkon, dann schloss sie die Tür. Draußen begann es zu dämmern. Es war Zeit fürs Abendessen. Zeit, weiterzuleben.
Da blinkte eine Nachricht von Florian auf: Morgen Lust? Ich kenne einen Laden, da gibts Eintopf wie bei Mama.
Greta schaute lange auf die Nachricht, bevor sie antwortete. Nicht weil sie es nicht wusste sondern weil sie den Moment festhalten wollte: Wenn noch fast alles offen ist, wenn man noch keine neuen Fehler gemacht hat, wenn eben alles noch sein kann.
Dann schrieb sie:
Gerne. Wann?
Und fast sofort kam zurück:
Sieben? Ich hol dich ab.
Sie lächelte. Ein wenig, vorsichtig. Wie jemand, der gerade beginnt, wieder zu vertrauen.





