Dass dieser blöde Umbau dich endlich mal zum Teufel schert! brüllt Karla und schleudert die Fernbedienung gegen die Wand, knapp über Svens Kopf hinweg. Die Fernbedienung verfehlt sein Ohr nur um Haaresbreite, zerschlägt den alten Plastiklampenschirm, und Splitter prasseln auf das furnierte Regal, das sie damals zum ersten Hochzeitstag zusammen gekauft haben.
Sven zuckt nicht einmal. Er geht in den Flur, zieht krampfhaft seine groben Schnürstiefel an und murmelt in Richtung Garderobe:
Lass dir deinen Schädel mal durchchecken. Der Psychiater wartet schon.
Wo gehst du hin? Karla stürzt im Bademantel hinterher, zornig, zerzaust. Zu dieser Blondine aus der 4. Etage? Ich habe doch gesehen, wie du sie unten angegrinst hast!
Halt die Klappe, ja? Endlich hat Sven seine Schnürsenkel zu und richtet sich auf, sein breites Kreuz wirkt noch einschüchternder. Mit abfälligem Blick zu seiner Frau sagt er: Ich geh zu Mark, beim Motor helfen.
Die Tür kracht zu. Karla steht noch einen Moment starr, dann dreht sie sich um, läuft in die Küche, setzt sich auf die Fensterbank und raucht, den Qualm hinaus in den Berliner Oktoberhimmel blasend. Der Schmerz ist nur noch dumpf, wie ein bohrender Backenzahn. Wie lange noch? Fünf Jahre verheiratet, aber das letzte davon war die Hölle.
Karla glaubt, Sven würde abends wiederkommen. Er kommt nicht. Nach einem Tag ruft sie seine Mutter an, ob etwas passiert sei. Die Schwiegermutter, eine wortkarge Frau aus Neukölln, knurrt: Wozu fragste mich? Der lässt sich bei mir auch nicht blicken.
Karla wartet eine Woche. Dann einen Monat.
Erst ruft sie ihn hundertmal an. Er legt auf, ist grob: Was willst du?, Lass mich in Ruhe, Ich will dich nicht mehr sehen.
Im zweiten Monat gibt Karla auf. Sie blockiert seine Nummer, schmeißt seine alten Sneaker und die Jacke, die immer noch in der Garderobe hängt, in den Müll. Die Scheidung reicht sie nicht ein. Sie denkt: Jetzt zur Anwältin rennen? Noch nicht. So vergehen sieben Monate.
Sie gewöhnt sich daran. Lernt, allein in der Mitte vom Bett aufzuwachen anstatt ganz links. Kocht Suppe in Portionen für zwei Tage, damit nichts weggeschüttet werden muss. Sogar den Umbau macht sie selbst fertig tapeziert im Wohnzimmer die neuen, von Sven als hässlich verschrienen Bahnen. Das Leben schwappt in einen ruhigen, etwas grauen Rhythmus.
Als im Oktober eines Abends die Klingel lange und heftig geht, denkt Karla zuerst, die trinkende Nachbarin will sich wieder Geld leihen. Sie öffnet und erstarrt.
Sven steht auf der Türschwelle, dünn, unrasiert, zerknitterte Wollmütze in der Hand.
Karla weicht instinktiv einen Schritt zurück.
Du? Ach, endlich mal wieder lebst du! Ihre Stimme ist rau geworden.
Karla, fang bloß nicht wieder an, sagt Sven, betritt den Flur und lehnt sich müde an die Wand. Fünf Minuten. Lass uns reden.
Es gibt nichts zu reden, Karla verschränkt die Arme vor der Brust, versperrt die Wohnzimmertür. Ein halbes Jahr verschwunden? Geh dahin zurück. Hier ist kein Hostel.
Ich hab Mist gebaut, Karla. Richtigen Mist. Ich weiß nicht, was damals los war. Bin zu Mark, hab mit ihm ne Woche durchgesoffen… und dann gings so weiter. War zu stolz, um als Erster zurückzukommen. Du hattest mich geblockt, also war für mich klar: Ihr könnt mich mal.
Ihr? Wer sind ihr? Wer hat dich in den letzten sieben Monaten aufgefangen? Hat sie dich rausgeschmissen? Karla spürt, wie die Wut in ihr aufsteigt.
Sven hebt den Blick. Angst und Verzweiflung liegen darin.
Da war niemand, Karla. Wirklich.
Karla schnaubt.
Na gut, seufzt Sven. Okay, doch, da war eine. Blödheit. Die Nachbarin aus der 4., Annika. Dachte, jetzt ist eh alles egal, kann ich wenigstens ein bisschen Spaß haben. Paar Monate ging das so. Aber das wars nicht. Ohne dich bin ich nichts.
Dann geh doch zu Annika, Karla will ihn aus der Wohnung schieben, doch er bleibt.
Warte! Ich bin längst nicht mehr bei ihr. Die letzten Monate bei Mark auf der Klappliege, gesoffen, nachgedacht… Jetzt kam der Herbst, alles grau. Karla, verzeih mir, bitte. Lass uns neu anfangen? Ich mach alles wieder gut, mach die Wohnung fertig, such mir nen richtigen Job…
Er redet und redet, und Karla sieht sein eingefallenes Gesicht, seine ausgestreckten Hände. In ihr schmilzt etwas keine Liebe, aber Gewohnheit. Das Gefühl, dass dieser Idiot eben zu ihr gehört. Und die Einsamkeit, diese verdammte Einsamkeit, die sie mit Joghurt vorm Fernseher bekämpfte, zernagt sie langsam.
Na komm, sagt sie knapp und weicht zur Küche zurück. Willst du Tee?
Svens Miene hellt sich auf, als hätte man ihm im Lotto gewonnen. Er stolpert fast beim Schuhe-Ausziehen, setzt sich in der Küche an den Tisch wie ein geprügelter Hund, klammert die heiße Tasse und redet, springt von Thema zu Thema: Ihr Essen habe er vermisst, wie sie bei Mark fast den Motor ruiniert hätten, wie er wieder irgendeinen miesen Job geschmissen hat. Karla hört nur mit halbem Ohr zu. Rückkehr gibt es keine er ist einfach wieder da, und für sie bleibt er ihr Mann. Den Rest muss sie einfach aushalten.
So leben sie wieder zusammen. Sven gibt sich Mühe, macht Abwasch, schwingt sogar ab und zu mal den Staubsauger. Karla taut langsam auf. Über Annika oder Svens Auszug sprechen sie nicht; sie umgehen das Thema wie scharfte Glasscherben. Karla schaut nicht mehr in sein Handy, denkt sich: So dumm kann er ja nicht sein, nochmal Mist zu bauen… Sven findet Arbeit in einer Werkstatt, kommt müde, aber zufrieden nach Hause, gibt sein Gehalt ab kein Pfennig wird gehortet. Das Leben scheint ruhiger zu werden.
Die Idylle hält exakt drei Wochen.
An einem Sonntag, das Oktoberlicht grau und der erste Schneeregen peitscht ans Fenster, kommt Sven früh nach Hause. Karla brät Kartoffeln mit Pilzen, die Küche ist gemütlich warm. Sven wirft die Jacke hin und setzt sich.
Was ist? fragt Karla, den Kochlöffel schwingend. Alles okay?
Karla… Svens Stimme ist seltsam. Ich muss dir was sagen.
Karla trocknet sich die Hände am Küchentuch, setzt sich.
Was hast du diesmal angestellt?
Sven schweigt, die Hände unterm Tisch. Dann hebt er den Blick, noch panischer als damals an der Tür.
Annika… die aus der 4…. war heute im Laden.
Karla versteift sich.
Und? Was will diese Zicke?
Hör erstmal zu, bitte, und schrei mich nachher an, meinetwegen, er schluckt. Sie ist schwanger.
Draußen heult der Wind, das Öl zischt in der Pfanne.
Wie bitte? Karla spricht leise.
Schwanger. Sagt sie jedenfalls, von mir.
Langsam stellt Karla das Gas ab, steht wie erstarrt an der Arbeitsplatte. Dann wirbelt sie herum, packt den Salzstreuer und schleudert ihn an die Wand über Svens Kopf. Er zerschellt, Salz rieselt weiß über die Tapete, auf den Boden, auf Svens Schultern.
Arschloch! schreit sie so schrill, dass es fast wehtut. Wolltest du mir hier die heile Familie vorspielen?! Hab dich vermisst, verzeih mir?! Und draußen setzt du einfach ein Kind in die Welt?!
Da lief nichts mehr! schreit Sven. Das war nur ein Fehler! Ging nur drei Monate! Im Sommer war Schluss!
Und das Kind kommt vom Storch, du Genie? Karla geht auf ihn los, holt aus, er fängt ihre Hand ab.
Hör auf! Setz dich und hör zu! Er zwingt sie auf den Stuhl. Sie sagt, sie hat die Pille genommen, aber wohl geschlampt. Als wir Schluss gemacht haben, hat sie nichts gesagt. Jetzt, wo der Bauch wächst, taucht sie auf und schreit rum, dass ich zahlen soll.
Richtig so! Karla windet sich. Das geschieht dir recht!
Ich hab ihr gesagt, dass ich das Kind nicht will! Mach was du willst, aber ich mache da nicht mit!
Und sie?
Sie hat gelacht. Meinte, das sei ihr egal ich bin der Vater, notfalls DNA-Test. Jeder wird es wissen, überall zeigt man mit dem Finger auf mich und das Kind läuft die ganze Zeit durch unseren Hausflur.
Karla sitzt versteinert. Ihr ohnehin schon brüchiges Leben fällt in diesem Moment endgültig auseinander. In Svens Gesicht sieht sie seltsam leeres, schwaches, fremdes Mit-Leid.
Und was jetzt? fragt sie leise, schaut weg. Ziehst du zu ihr?
Bist du verrückt? Sven zuckt zurück. Warum sollte ich? Ich liebe dich. Ich will bei dir wohnen. Sie kann das Kind kriegen, aber ich geb keinen Cent freiwillig. Sollen sie mich halt verklagen. Kommt es dazu, dann halte ich halt Unterhalt ab, aber ich bleib bei dir.
Und das Kind? fragt Karla, sieht ihm zum ersten Mal wieder direkt in die Augen. Hast du daran gedacht? Es wächst auf bei einer hysterischen Mutter, ohne Vater, und weiß, dass du es nicht willst.
Ich habe sie nie gebeten, schwanger zu werden! brüllt er. Sie hat auch Schuld. Frauen wollen immer nur anhängen.
Und du bist der, der nicht aufpasst? fragt Karla trocken. Hast du an Verhütung gedacht?
Sven sagt nichts, sieht weg.
Genau, schließt Karla. Held.
Sie sitzen nachts schweigend in der Küche, schreien sich an, verstummen, schreien sich wieder an. Sven beteuert immer wieder, dass nur Karla für ihn zählt, Annika ihn nie interessiert habe. Karla schwankt zwischen Heulen und neuer Wut. Am Morgen schlafen beide, angezogen, wie Leichen nebeneinander auf dem Bett.
Mit dem nächsten Tag beginnt ein Alptraum, der bis Silvester dauert.
Annika, bürgerlich Annika Schuster, 28, Verkäuferin am Dönerstand, entpuppt sich als wahre Furie. Jeden Tag ruft sie Sven mit neuen Nummern an, schickt SMS voller Beschimpfungen und Drohungen, erscheint an der Werkstatt, zerrt ihn vor aller Kundschaft am Ärmel: Du bist der Vater, du Schwein, dich mache ich fertig!
Der Werkstattchef, ein aufbrausender alter Mann, ruft Sven ins Büro: Hör zu entweder du kriegst deine Tusse in den Griff oder du bist raus. Ich brauche keine Peinlichkeiten.
Sven nimmt unbezahlten Urlaub, schiebt hockend zuhause Frust. Karla umgeht ihn stumm wie ein Gespenst. Sie tut sich selbst leid, noch mehr aber dem ungeborenen Kind.
Eines Tages geht Karla all-in. Als Sven wieder brütend durch die Wohnung tigert, zieht sie sich an, schminkt sich, sagt:
Komm, wir gehen.
Was? Wohin?
Zu ihr, in die Vierte. Ich rede mit ihr.
Bist du irre? Die ist gefährlich, hat Hammerhände!
Ich geh nicht allein. Du stehst neben mir und hältst dich raus.
Kurz darauf klopft Karla an die mit Kunstleder bespannte Tür. Es wird lang gerumpelt, dann öffnet ein rundes, geschminktes Gesicht mit wirrem blonden Haar. Annikas Bauch ist jetzt deutlich sichtbar, aber noch nicht riesig.
Wow, guck mal an. Was für Besucher, grinst Annika Sven hinter Karla an. Sogar die Ehefrau? Ist jetzt Zoff angesagt?
Nur ein Gespräch, sagt Karla ruhig, ihre Hände zittern leicht. Machst du auf, oder diskutieren wir vor den Nachbarn?
Annika zögert, lässt sie dann in den engen, von Klamotten und Kartons überquellenden Flur. Der Wohnraum vermüllt, auf dem Tisch ein überquellender Aschenbecher.
Rauchst du? Karla nickt auf die Kippen.
Was geht dich das an? faucht Annika, legt dann instinktiv die Hand über den Bauch. Mein Körper, mein Ding. Also? Was wollt ihr?
Reden wir Klartext, setzt sich Karla auf den wackligen Stuhl, ignoriert das Chaos. Willst du überhaupt das Kind?
Klar, sagt Annika scharf. Krieg ich, ziehe ich auf. Allein, aber das Geld vom Vater steht mir zu.
Willst du ernsthaft, dass dein Kind einen Vater bekommt, der es nicht will? fragt Karla direkt. Sven wird nie mit ihm spielen, nie zu Feiern kommen, wird ihn eher hassen als lieben. Willst du das?
Annika grinst zynisch.
Schon recht, red dir das nicht schön. Die kommen alle irgendwann angekrochen und spielen Super-Papa!
Ich werds nicht, platzt Sven hervor. Hoff dir nicht.
Halts Maul, zischt Annika. Hauptsache, zahlen kannst du. Und du sie fixiert Karla mische dich nicht ein. Dein Mann ist halt ein Schlappschwanz. Ich krieg mein Kind für mich selbst. Aber Geld muss sein, kapisch? Sonst dreh ich noch richtig auf.
Gehts dir nur ums Geld? fragt Karla.
Klar, sagt Annika, die Hand an der Hüfte. Was dachtest du denn? Um Liebe?
Karla erhebt sich. Dann sind wir hier wohl fertig.
Nach dem Gespräch ist Karla vollends verzweifelt, Sven folgt ihr betreten.
Ich habs dir gesagt, meint er leise. Bringt alles nichts.
Halt die Klappe, murmelt Karla. Das Ganze ist dein Werk.
Mit der Zeit bringt Annika das Kind zur Welt und verlangt Unterhalt. Das Schreiben vom Familiengericht liegt bald im Briefkasten. Karla schläft schlecht, Sven trinkt fast jeden Abend Bier und wird immer wütender.
Vor Gericht erscheint Annika mit Anwalt, zwei Kumpelinnen, die bezeugen, dass Sven mit ihr zusammen war. Sven sagt knapp:
Ich bestreite nicht, dass ichs sein könnte. Aber ich will kein Vater sein. Test machen. Basta.
Die Richterin, eine schmale Frau aus Charlottenburg, nickt. Der Termin zur DNA-Analyse steht fest, das Ergebnis dauert einen Monat.
Dieser Monat ist unerträglich. Karla und Sven leben wie WG-Nachbarn. Karla denkt immer häufiger: Sollens doch machen, mir egal. Für sie ist Sven nur noch Problemquelle. Umgekehrt rennt er herum wie ein geprügelter Hund.
Das Testergebnis kommt kurz vor Silvester: Wahrscheinlichkeit 99,9 Prozent. Sven ist der Vater.
An dem Abend betrinkt sich Karla alleine. Sven verschwindet zu Mark und trinkt auch. Er kommt im Morgengrauen zurück, stinkt nach Bier, Karla schaut ihn mit verheulten Augen an.
Na, Papa? Glückwunsch.
Hau ab, knurrt er, wirft sich aufs Bett.
Silvester verbringen sie schweigend. Während die Glocken Mitternacht schlagen, stößt Sven mit O-Saft an, Karla mit Sekt. Kein Prost Neujahr.
Karla, sagt er plötzlich, während draußen die Raketen krachend verpuffen. Lass uns wegziehen.
Wohin?
Egal wohin. In den Norden zum Arbeiten, irgendwo hin, wo niemand uns kennt. Hier krieg ich nie Ruhe das Kind läuft hier rum, die Annika bohrt immer weiter. Willst du das aushalten?
Karla denkt lange nach, dann sieht sie ihn an. Ihre Augen sind leer:
Und von dir selbst kannst du weglaufen, Sven? Du bist trotzdem der Vater. Egal wie weit. Die Behörden holen sich das Geld, das Kind bleibt dein. Und das Gewissen?
Gewissen hat man, wenn man ein Kind will, sagt Sven kühl. Ich wollte keins.
Annika nennt das Mädchen Julia. Ein Foto schickt sie Sven auf sein Handy, Absender unbekannt: Ein kleiner roter Wurm, eingewickelt im Krankenhauslaken, daneben Annikas Hand mit abgesplittertem Nagellack. Glückwunsch, Papi.”
Sven zeigt das Bild Karla. Sie sieht lange hin, gibt das Handy zurück und verlässt wortlos die Küche.
Karla, was soll ich tun? fragt Sven ihr nach.
Keine Ahnung, sagt sie, blickt in den grauen Februarschnee. Irgendwie leben.
Annika bleibt hart. Sie will nicht nur Unterhalt (der vom Gericht ohnehin automatisch von Svens Konto eingezogen wird), sondern auch Extra-Kohle für Buggy, Babybett, Milchpulver, Windeln. Sven antwortet ihr wütend, sie schickt neue Fotos von Julia: Deine Tochter lacht heute, Wir baden, hast du verpasst. Das verletzt mehr als jede Drohung.
Karla merkt, dass Sven manchmal auf den Fotos verweilt. Erst hat er sie immer gelöscht, jetzt bleibt sein Blick mitunter lange hängen, bevor er sie wegwischt.
Was, doch weich geworden? fragt sie eines Abends.
Was? Quatsch, fährt Sven hoch. Guck nur, auf wen sie kommt. Sieht aus wie ich. Aber mir egal, Karla. Ehrlich.
Karla glaubt ihm nicht. Sie merkt: In Sven tobt ein Kampf. Annika hasst er, aber das kleine Mädchen mit seinem eigenen Nasenrücken wächst langsam aus ihren Bildern auch in seinen Gedanken heran. Er spricht nie drüber, Karla spürt es trotzdem.
Im März, als Karla von der Arbeit heimkommt, sieht sie etwas Seltsames: Annika steht vorm Haus mit einem neuen, teuren Kinderwagen. Neben ihr Sven, der sich über den Wagen beugt und mit einer Spielrassel wedelt.
Karla bleibt wie angewurzelt hinter der Ecke stehen. Ihr Herz rutscht in die Kniekehlen. Sie beobachtet, wie Sven über dem Wagen ein selten seliges, weiches Lächeln aufsetzt. Annika steht daneben, beide Arme in die Hüften gestemmt, genießt den Triumph.
Karla tritt langsam hervor.
Na, alles klar? fragt sie Annika kühl.
Grüß dich. Der Vater lernt heute seine Tochter kennen. Kommt ja nicht so oft vor, dass er Zeit findet, oder?
Sven, komm, wir gehen nach Hause, sagt Karla und ignoriert Annika.
Jetzt warte doch, stammelt Sven. Fünf Minuten nur
Noch geguckt? Dann los jetzt, hebt Karla die Stimme.
Wer bist du denn? Er ist der Vater, hat Rechte. Du hast ihm ja nicht mal selbst ein Kind geschenkt!
Wütend wirft Karla einen Blick in den Wagen da liegt sie, kleine Julia, große blaue Augen, ein Stupsnäschen, goldene Babylocken. Für einen Moment rührt sich etwas in Karlas Herz.
Hübsch, sagt sie leise.
Klar, erwidert Annika stolz.
Komm, wendet sich Karla an Sven. Wir müssen reden.
Er läuft ihr hinterher.
Zuhause gibts Streit.
Du rennst da wirklich hin? tobt Karla. Und erzählst mir, dass sie dir egal ist?
Ich war da nur zufällig, ehrlich!
Ehrlich? Dann zieh zu ihnen! Mach das, wenn sie deine kleine ist!
Karla, ich liebe dich!
Du liebst nur den Frieden. Jetzt hast du keinen mehr. Und ich bin nicht Statistin in deinem Drama.
Sie geht, schließt sich im Schlafzimmer ein. Sven schläft im Wohnzimmer.
Danach läuft alles aus dem Ruder. Sven fehlt öfter. Erst heißt es, er ist länger im Betrieb, dann wieder bei Mark.
Sie hält es nicht mehr aus. Ende April, draußen scheint schon die erste Sonne, geht sie selbst zu Annika.
Komm rein, sagt Annika diesmal erstaunlich freundlich. Kaffee?
Wo ist Sven? fragt Karla kalt in den Flur.
Keine Ahnung. Vielleicht zuhause? Gestern war er hier, hat Julia besucht.
Warum machst du das alles? fragt Karla. Willst du ihn für dich? Oder geht es immer noch nur ums Geld?
Geld, klar, antwortet Annika, wird dann aber ernst. Aber auch, weil ein Kind einen Vater braucht. Nicht nur finanziell. Sven liebt das Mädchen inzwischen. Du siehst es. Und behältst ihn doch nur aus Gewohnheit. Für Julia wäre es besser, wenn er bei uns bleibt.
Karla hört zu und spürt, wie ihr der Boden weggezogen wird. Manche Wahrheiten sind grausam einfach.
Zu Hause sitzt Sven an der Küchentheke, Brot in der einen, Handy in der anderen Hand, und lächelt in sich hinein. Als er Karla sieht, verschwindet das Lächeln panisch.
Wem schreibst du?
Mark…
Lüg nicht. Ich war bei Annika. Sie hat mir alles erzählt.
Sven wird blass.
Was…?
Dass du bei ihr bist, die Kleine besuchst, Spielzeug bringst, fast schon da wohnst.
Ich wohne nicht da! Aber Julia… sie ist mein Kind. Sie lacht, wenn ich sie hochwerfe. Ich kann das nicht ignorieren. Am Anfang wollte ich das alles nicht, jetzt kann ich nicht wegsehen. Sie ist eben mein Kind.
Karla setzt sich. Schaut ihn lange an.
Entscheide dich, Sven. Ich oder sie. Ich teile keinen Mann mit Annika und ihrem Kind. Nicht bei mir!
Sven schweigt. Minutenlang. Dann hebt er den Blick. Karla sieht, was er sagen wird.
Es tut mir leid, Karla. Ich hätte nie gedacht, dass es so kommt. Aber Julia ist mein Kind. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Auch wenn ich nicht weiß, ob mit Annika und mir je was wird. Aber Julia braucht ihren Vater.
Karla nickt, geht wortlos in den Flur, wirft ihre Sachen in eine Reisetasche.
Was machst du da? fragt Sven erschrocken.
Ich geh sagt sie knapp. Zu meiner Mutter, bis ich was eigenes finde. Du hast deine Familie gewählt. Viel Glück.
Karla, bitte, versteh doch! Ich geh nur zu Julia, nicht zu Annika! Sie ist mir egal!
Mir ist das klar. Aber ich mache das nicht mit. Sieben Monate war ich allein, hab dich aufgenommen, verziehen. Jetzt reichts, Sven. Leb damit, was du angerichtet hast.
Sie geht. Sven bleibt zurück, starrt aufs Handy, auf ein Bild seiner Tochter und schweigt.
Eine Woche später reicht Karla die Scheidung und die Teilung der Wohnung ein. Sven stimmt zu. Im Mai sind sie offiziell geschiedene Leute, im Juni wird die Wohnung verkauft und das Geld geteilt.
Annika nimmt Sven kommentarlos bei sich auf, er schläft auf einer Liege neben dem Babybett. Er verdient das Geld, steht nachts auf, lernt Windeln wechseln und Fläschchen machen. Als Mann gibt es ihn für Annika kaum sie sucht ihr Abenteuer nebenher, aber für Julia bleibt er da.
Über gemeinsame Bekannte hört Karla, dass es ihr gut geht, dass sie einen netten, unproblematischen Mann getroffen habe. Wahrscheinlich gelogen. Oder nicht.
Sven lebt nun in der vierten Etage. Jeden Morgen, wenn er vom Babygeschrei geweckt wird, schaut er in die Tapete und fragt sich: Wie konnte nur aus einem Fehler alles so den Bach runtergehen? Und warum ist das Wichtigste im Leben so eine kleine Tochter mit seiner eigenen krummen Nase ausgerechnet auf so schiefem Weg zu ihm gekommen?
Julia wächst auf. Den Gang durchs Treppenhaus zum Vater braucht sie nie antreten er ist immer da. Die Nachbarn reden, anfangs. Später nicht mehr. Und Sven merkt, während Julia ihre kleinen Hände nach ihm ausstreckt: Vor dem Schicksal kann man nicht davonlaufen.





