Mit dem Herzen fühlen, mit dem Verstand prüfen

Mit Herz messen, mit Verstand prüfen

Ach, Mädels, ich glaube, meine Schwiegermutter dreht völlig durch! Gestern kam sie einfach mit einem Topf voll Sauerkraut-Eintopf vorbei! Stellt euch das mal vor! Mein Eintopf passt ihr wohl nicht, ihr Sohn habe sich halt so dran gewöhnt! Sonja schob ihre Kaffeetasse beiseite und zog ihr Weinglas näher. Woher, bitte, woher kommen nur solche Frauen? Werden wir irgendwann auch mal so? Falls ja, bringt mich in den Wald, damit ich den Heimweg nie wieder finde!

Sonja, beruhig dich! Lisa tätschelte verständnisvoll Sonjas Hand. Vielleicht ist sie in den Wechseljahren. Es ist doch auch langweilig für sie. Schließlich ist dein Mann ihr einziger Sohn. Und womit soll sie sich jetzt beschäftigen, außer ihm ständig Gutes zu tun? Sei froh, dass sie Eintopf bringt! Sag Danke und bitte um noch mehr! Dann musst du weniger kochen. Lass sie doch machen.

Von wegen! Dann zieht sie am Ende noch bei uns ein! Es reicht mir ja schon, was sie jetzt anstellt. Erinnerst du dich an das Set, das ich vor Weihnachten gekauft hab?

Das Geschenk?

Genau. Das hat sie weggeschmissen!

Wie bitte? Lisa balancierte die Teekanne so ungeschickt, dass die Tischdecke zitronengelb wurde.

Das sei gesundheitsschädlich! Die Unterhosen wären unpassend! Sonja musste auflachen, um nicht zu schreien. Ich hab ihr lieber gar nicht gesagt, was das gekostet hat. Sonst hätte sie mich direkt verschlungen.

Dir kann man auch nichts recht machen! Sie sorgt sich halt um deine Gesundheit, und du siehst nur das Schlechte. Lisa lachte, wurde dann aber ernst. Sag mal, warum durchsucht sie denn eigentlich deine Unterwäsche?

Frag sie doch selbst! Sonja schleuderte ihre Serviette auf den Tisch und begann die Pfütze aufzusaugen. Was mache ich hier bloß? Kriege ich nie wieder sauber!

Atme! Olga, die bis dahin schwieg, nahm Sonja die Serviette weg und reichte ihr stattdessen den Kaffee. Du bist total angespannt in letzter Zeit. So geht das nicht.

Wer wär das nicht! Mädels, solange wir zur Miete gewohnt haben, war alles viel entspannter! Sie kam nie vorbei. Ich konnte stundenlang im Schlafanzug rumlaufen, während ich Aufträge durchdachte. Ihr klarzumachen, dass Homeoffice auch Arbeit ist, kannst du vergessen. Und dass ich fast genauso viel verdiene wie ihr Sohn, will sie nicht sehen. Aber seit wir die Wohnung gekauft haben, fühle ich mich wie eine Amöbe unterm Mikroskop. Sie kommt, wann es ihr passt. Macht, was sie will und das alles, weil sie beim Eigenkapital geholfen hat. Jetzt bin ich scheinbar ihr Leibeigener! Sonja schluckte schwer.

Wechsel die Schlösser.

Kann ich nicht. Mein Mann gibt ihr garantiert trotzdem einen Schlüssel. Ist halt seine Mama. Dann herrscht Krieg! Ich kann auch gleich die Scheidung einreichen!

Ach, jetzt hör aber auf! Wegen so was? Sonja, das hätte ich nicht von dir gedacht! In der Schule warst du die Kratzbürste schlechthin, wo ist diese Sonja hin?

Im Feuer nicht erfüllter Hoffnung verbrannt. Sonja nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas und atmete aus. Ach, Mädels, ich jammere schon genug. Ich muss mich echt zusammenreißen und mal Tacheles reden! Sonst drehe ich noch durch. Mein Kind fragt schon, warum ich immer so wütend bin. Was soll ich sagen? Oma macht mich fertig? Ihr habt recht, so geht es nicht weiter…

Eben! Ich such mir einen verwaisten Mann! Da steht dann niemand mit Eintopf an, außer mir selbst. Lisa winkte der Kellnerin. Sollen wir uns einen Nachtisch bestellen? Nervenfutter und so.

Ja… Sonja tupfte sich die Augen mit der Ecke der Serviette und lächelte endlich wieder. Wollt ihr mal das Foto vom Hochzeitstorte sehen, die ich letzte Wochen gemacht hab? Ich hab mich selbst übertroffen!

Gemeinsam beugten sie sich über Sonjas Smartphone.

Wahnsinn!

Sonja! Wie hast du DAS hingekriegt? Das schwebt ja richtig! Einfach traumhaft!

Betriebsgeheimnis! Mein Sohn kam drauf, als er seine Lego-Konstruktion baute. Ich hab schnell abgeschaut. Der Transport war nervenaufreibend, aber ich hab schon sechs Aufträge für die nächsten zwei Monate. Nur wie ich das alles schaffe, weiß ich beim besten Willen nicht.

Dann setz doch deine Schwiegermutter zum Babysitten ein! Soll sie sich mal mit dem Kleinen beschäftigen.

Ach, Lisa, wie naiv bist du denn! Sonja lachte. Das interessiert sie nicht. Dann klagt sie sofort über alle möglichen Schmerzen.

Und wenn dein Mann mit dem Kleinen zu ihr fährt?

Sonja hielt mitten in der Bewegung inne.

Olga! Du bist ein Genie! Dann sind beide aus dem Weg und ihr ist geholfen. Ihr Sohn bekommt ihren Eintopf auf ihren Tellern, blitzsauber. Ich muss dem Kleinen nur ein paar Bonbons zustecken. Dann hält sie der schon auf Trab.

Die Freundinnen lachten wissend. Nach Süßem wurde Sonjas Sohn immer zum kleinen Wirbelwind. Sonja achtete bei Kindergeburtstagen streng darauf, dass er nicht zu viel abkriegte.

Und, Olga, wie läufts bei dir? Lisa drehte sich zu ihrer stillen Freundin. Wird dir deine Schwiegermutter nicht zur Last?

Lisa, wie denn auch? Die Hochzeit ist doch gerade mal ein paar Monate her! Sonja leckte den Löffel ab und verzog das Gesicht. Wer kippt so viel Zucker in eine Baiser-Torte?

Vielleicht solltest du denen zeigen, wie es geht! Lisa lachte, wurde aber bei Olgas Miene sofort still. Was ist los?

Ich weiß nicht… Es ist alles so ruhig. Ich höre Sonja zu und frage mich, ob das normal ist.

Vielleicht hast du tatsächlich das große Los gezogen: eine vernünftige Schwiegermutter. Lisa zuckte mit den Schultern. Nicht jeder bekommt ein Feuerwerk wie Sonja. Schwiegermütter wie ihre gibt es nur einmal auf der Welt.

Vielleicht… Olga erinnerte sich an ihre Schwiegermutter, Ingrid Weiß.

Olga, ich bin kein Lebkuchenherz und auch kein Lottoschein, um jedem zu gefallen. Du kennst mich gar nicht richtig. Ich bin ein bisschen schwierig, leicht beleidigt wir werden aneinander reiben, das sag ich gleich. Wichtig ist mir aber Familie. Und Felix Glück. Wenn er dich gewählt hat, wird schon was dran sein. Ich seh jetzt keine besonderen Qualitäten, außer dass du hübsch bist vielleicht auch klug, Examen mit Auszeichnung. Alles andere zeigt die Zeit. Ratschläge bekommst du nicht, ihr seid schließlich erwachsen. Helfen kann ich, falls nötig. Schauen wir dann weiter.

Ingrids ehrliche Worte hatten Olga damals überrumpelt. Merkwürdig, wenn jemand sich so selbst beschreibt. Vor allem, wenn man sich kaum kannte.

Olga hatte Felix auf der Hochzeit eines Freundes kennengelernt, abseits der euphorischen Brautstraußfängerinnen. Sie war in hohen Stilettos fast einen Kopf größer als Felix.

Warum versuchst du nicht, den Blumenstrauß zu fangen? Willst du nicht heiraten?

Nicht wirklich.

Wieso das? Träumen nicht alle Frauen davon?

Vom Heiraten?

Na klar.

Da bist du aber falsch informiert. Klar gibts welche, aber vielen gehts um was anderes als einen Stempel im Ausweis.

Um was denn?

Um geliebt zu werden. Und zu lieben. Das ist alles.

Ist das der Grund, warum du beim Brautstrauß-Spiel nicht mitmachst?

Nö. Ich kann auf den Schuhen kaum stehen, geschweige denn hüpfen.

Sie unterhielten sich den ganzen Abend und gingen gemeinsam heim. Felix brachte sie bis zur Tür, küsste ihre Hand zum Abschied und holte ihre Nummer.

Die halbe Nacht streichelte Olga im Bett die Hand, die geküsst wurde, und dachte, ihre Oma hätte gesagt: «Endlich!», und sie musste leise auflachen.

Emilie Fröhlich hatte ihre Enkelin allein großgezogen, nachdem der Sohn verstarb und Olgas Mutter zum Arbeiten nach München ging. Erst kamen Briefe, ab und zu Geld und kleine Geschenke, dann Funkstille. Emilie wollte schon die Polizei einschalten, doch dann schrieb Olgas Mutter, sie hätte neu geheiratet und bekäme ein Kind. Anfangs war Olga froh, merkte aber, ihre Familie bestand fortan einzig aus ihrer Oma. Die Mutter hatte sie gestrichen, ein neues Leben aufgebaut. In den folgenden Jahren kam kein einziger Brief, kein Anruf kein Interesse.

Olga schämte sich für diese Zeit. Als Teenager voller Wut ließ sie ihren Frust an ihrer Oma aus, gönnte ihr keine ruhige Minute. Doch zu Hause wartete immer ein Teller Suppe und eine liebevolle Hand, die ihr sanft über das in pechschwarz gefärbte Haar strich.

Mit fünfzehn wurde Oma Emilie schwer krank, und Olgas Leben drehte sich schlagartig. Keine Freunde mehr, keine Feiern es gab nur noch Krankenhaus, Medikamente und Schule. Plötzlich wurde Olga wieder vernünftig. Wenn Emilie ihre Stimme verlor, drückte Olga ihre Hand und hielt die Tränen zurück.

Olga, lerne! Du bist jetzt auf dich gestellt. Ich kann dir nicht helfen. Wie lange ich durchhalte, weiß ich nicht. Lass mich in Ruhe gehen, damit ich mir um dich keine Sorgen machen muss!

Olga staunte über die Kraft, mit der die Oma gegen ihre Krankheit kämpfte. Sie sollte laut Ärzten nur ein Jahr haben, doch Emilie hielt drei durch und ging, als Olga mitten im Studium war.

Die Mutter kam erst zwei Monate nach der Beerdigung.

Konnte die Kinder nicht verlassen… rechtfertigte sie sich verlegen.

Sie war empört, dass Emilie Wohnung und den kleinen Garten Olga hinterlassen hatte.

Das ist unfair. Man muss teilen, mein Kind.

Olga war wie von Sinnen. Weinte, schrie, ließ all den angestauten Schmerz heraus, den sie all die Jahre verschwiegen hatte. Sie dachte wieder an die langen Nächte am Krankenbett, an das kaum hörbare Atmen, das sie anflehte:

Schlag weiter! Hör nicht auf! Nur dann ist sie bei mir!

Olga wusste, das war pure Selbstsucht. Sie sah, wie schlecht es Emilie ging, konnte es aber nicht ändern. Mit dem Tod ihrer Oma blieb sie ganz allein zurück. Die Mutter war ihr gleichgültig und Verwandte gab es keine.

Die Mutter hörte alles wortlos an, packte und verschwand für immer.

Olga riss sich zusammen. Sie musste ihre Versprechen der Oma halten. Das Studieren fiel ihr leicht, sie war immer strebsam. Das Schwierigste war, Studium und Arbeit zu verbinden. Lisa, deren Vater eine große Möbelkette besaß, half ihr mit einem Job aus.

Mein Papa ist skeptisch, aber ich weiß, du schaffst das.

Schillernd, schön und clever Lisa war beruflich erfolgreich, aber in der Liebe oft unglücklich.

Immer nur merkwürdige Männer! Warum taucht mein Märchenprinz nicht auf? Höchste Zeit für das nächste Kind, und er lässt auf sich warten!

Ein Heim und eine große Familie waren Lisas Traum sie hätte ohne Zögern ihre Kanzlei dafür aufgegeben.

Lisa und Sonja waren die engsten Menschen für Olga. Schulfreundinnen, die unterschiedlich aufwuchsen: Lisa als Einzelkind in wohlhabenden Verhältnissen, Sonja allein mit Mutter, manchmal sogar ohne Brot am Tisch. Sonja wohnte oft bei Olga, und Lisa saß mit ihnen bei Emilie am Tisch und lobte die Knödel, die nur die Oma konnte. Die half auch, als Olgas Mutter das Erbe anfechten wollte.

Die solls nur wagen! Ich zerlege sie im Gericht!

Lass gut sein, Lisa. Ich glaub, sie hats eh verstanden.

Trotzdem sprach Lisa heimlich mit Olgas Mutter. Es gab keinen Prozess aber auch nie wieder eine Mutter.

Dafür gab es Felix. Zwei Jahre waren die beiden zusammen, dann Hochzeit. Lisa fing den Brautstrauß, winkte Felix’ besten Freund Tim heran.

Tanzen wir?

Olga und Sonja beobachteten amüsiert Lisas Flirts und drückten fest die Daumen. Nur hatte es diesmal wieder nicht geklappt. Nach einem Monat verließ Lisa Tim ohne Begründung.

Nicht mein Typ! sagte sie bestimmt, als Olga nachfragte.

Sie kannten sie zu gut, um sie zu bedrängen. Offenbar war es einfach nicht der Richtige.

Tim blieb oft bei Olga und Felix zu Besuch, doch Lisa ging ihm aus dem Weg.

Warum, Lisa? fragte Olga. Er ist doch eigentlich nett.

Sei vorsichtig mit netten Typen. Er ist mir zu undurchsichtig.

Olga verstand nicht, was Lisa meinte. Tim war kommunikativ, hilfsbereit, Humor hatte er auch. Er kannte Felix Mutter gut und lobte Olga immer in den höchsten Tönen woraufhin Ingrid jedes Mal gequält lächelte.

Ein Jahr verging, dann noch ein weiteres, und Olga war plötzlich schwanger. Die Freude kam so unerwartet, dass sie es selbst kaum glauben konnte. Eigentlich hatten sie schon alles für eine künstliche Befruchtung vorbereitet, weil Ärzte meinten, die Chancen auf natürlichem Weg seien gleich null. Felix war eingeweiht und unterstützte sie.

Es ist ein Wunder, Felix! Olga weinte, als seine Mutter zum Geburtstag vorbeischaute. Mein Geschenk für dich!

Das schönste! Felix nahm sie glücklich in die Arme, warf aber einen Blick zur Mutter, die nur den Kopf schüttelte.

Was denn, Mama? fragte er später beim Heimfahren.

Ich weiß nicht, Sohn. Das ging mir alles zu schnell.

Was willst du damit sagen?

Ingrid drehte sich zu Felix und sah ihn eindringlich an.

Vertraust du deiner Frau?

Mama!

Vertraust du ihr? wiederholte sie beinahe zwanghaft.

Voll und ganz! Und ich will nie wieder solche Andeutungen hören! Felix schlug das Lenkrad herum, wich einem Gullydeckel aus und starrte sie an. Ich versteh dich nicht. Andere freuen sich aufs Enkelkind.

Ich freue mich ja jetzt. Jetzt wirklich. Ingrid schaute nachdenklich aus dem Fenster.

Nach vier Jahren kam Henrik zur Welt und Olga war ganz Mutter. Ingrid hielt sich zurück, sobald sie aber um Hilfe bat, war sie da.

Olga! Hallo! Bist du noch bei uns? Lisa schwenkte die Hand vor Olgas Gesicht. Was ist los?

Ach, ich war nur in Gedanken… Olga schüttelte den Kopf, verscheuchte die Schwermut. Genug von mir. Lisa, wie siehts aus mit deinen Verehrern?

Olga schielte aufs Handy. Zwei Stunden schon, und Ingrid hatte nicht ein Mal angerufen, um zu fragen, wann Olga heimkommt. Vielleicht war Ingrid tatsächlich das, was man sich als Schwiegermutter wünscht. Schon dass sie Olga zu diesem Mädelsabend überredet hatte, war Gold wert.

Geh raus, triff dich mit deinen Freundinnen, sonst verpasst du das Leben. Ich bleib bei Henrik!

Danke Viel mehr wusste Olga nicht zu sagen. Zu Ingrid hatte sie ein kühles, höfliches Verhältnis, Aber sie hatte immer das Gefühl, es gäbe da einen kleinen, scharfen Stein zwischen ihnen, auf den man treten kann und nie heil bleibt. Was dieser Stein war, konnte sie nicht sagen.

Mit halbem Ohr hörte sie Lisas Anekdoten über Männer und rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. Was war bloß los? Eigentlich war doch alles gut

Da klingelte ihr Handy unverhofft laut, und Olga zuckte zusammen, verschüttete fast ihr Glas.

Olga… Ingrids Stimme war so dumpf, dass Olga sie erst gar nicht erkannte. Olga…

Was dann geschah, verdrängte Olgas Erinnerung. Sie wusste nicht mehr, wie die Freundinnen ihr ins Gesicht klatschten, um sie zu wecken. Wie sie das Taxi riefen, während Lisa hektisch telefonierte und Sonja ihr kühles Wasser brachte. Sie wusste auch nicht mehr, wie sie zuhause ankam und Ingrid, plötzlich um Jahrzehnte gealtert, Lisa wortlos Henrik überreichte und sagte:

Fahrst du mit mir, bitte? Ich hab solche Angst…

Felix war in einen offenen Kanalschacht gefahren, das Auto überschlug sich und er wurde frontal von einem LKW gerammt.

Olga verschwand in einem Schleier aus Trauer und Schmerz. Sie putzte obsessiv die Wohnung, um sich abzulenken, kümmerte sich um Henrik und schlug Ingrid vor, zumindest vorübergehend bei ihnen einzuziehen. Doch Ingrid wollte nicht.

Es geht nicht. Hier sind noch seine Sachen, sein Zimmer. Manchmal glaube ich, er kommt gleich durch die Tür und will Pancakes.

Die hat er nie bei mir verlangt…

Ein bisschen muss doch jeder von uns was Eigenes gehabt haben, oder? Ingrid lächelte traurig. Wenn er bei mir war, durfte ich nie Pfannkuchen machen, meinte, deine wären leckerer.

Henrik lief zwischen Mama und Oma hin und her, strich mit seinen Händchen über ihre Gesichter. Er verstand nicht, warum beide so traurig waren und wo Papa geblieben war.

Mit jedem Tag spürte Olga, wie Ingrid sich in Henriks Nähe wieder öffnete, und so bat sie die Oma immer öfter, mit dem Kleinen Zeit zu verbringen. Zu sehen, wie Henrik seine Großmutter umarmte, gab Olga das Gefühl, alles richtig zu machen.

Als die Silvesterzeit heranrückte, wurde alles wieder schwerer. Sie verdrängte den Gedanken, dass das ihr erstes Silvester zu dritt in den Alpen hätte sein sollen Felix langgehegter Wunsch, Skifahren zu lernen.

Ich werde die Pisten erobern und du baust mit Henrik Schneemänner!

Lerne erst mal geradeaus auf Skiern zu stehen! zog Olga ihn auf.

Na klar! Dich hab ich schon für mich gewonnen, dann schaff ich den Berg auch noch!

Olga wollte vor Schmerz schreien. Das gebuchte Reiseangebot wollte sie zurückgeben, aber Ingrid bestand darauf:

Oder besser wegfahren? Komm, wir drei zusammen. Wir tun uns alle mal etwas Gutes. Es ist ein Familienfest… und vielleicht erinnert sich Henrik später daran!

Olga stimmte zu.

Der Winter in Garmisch-Partenkirchen war garstig; Regen statt Schnee, wolkenverhangene Berge, nur einmal kamen sie bis zur Isar. Henrik war begeistert und sprang quietschend durch die Pfützen, blickte immer wieder fragend zu Olga ob sie auch so glücklich sei?

Schau mal, wie wild das Wasser ist Ingrid schlang die Arme um sich, ganz ergriffen. Sie starrte lange auf den Fluss. Irgendwas bewegte sie. Spontan trat Olga zu ihr und drückte sie kurz an sich. Dieser Moment überraschte sie selbst, denn sonst hielt sie Distanz, und Ingrid ebenso.

Ingrid lehnte den Kopf an Olgas Schulter.

Zum Glück hab ich euch noch…

Uns?

Ja, Olga. Nach Felix hätte ich beinahe auch euch verloren.

Wovon sprichst du? Olga sah Ingrid verwirrt an.

Tim! Ingrid spuckte den Namen fast aus, Olga zuckte leicht zusammen.

Was ist mit Tim? Sie überlegte, wann sie ihn zuletzt gesehen hatte. Bei Felix Neunter… Tim war nicht gekommen.

Er kam eine Woche nach dem… nach dem Unfall zu mir. Meinte, er hätte unterwegs gewesen, müsse mit mir sprechen.

Über was? Wollte er helfen?

Nein, Olga. Ingrid wandte sich ihr zu. Er wollte mir sagen, dass Henrik gar nicht von Felix sei.

Es war, als schlüge ihr jemand mit dem Hammer auf den Kopf.

Was?

Er behauptete, Henrik sei ein Kuckuckskind. Du hättest ihn von jemand anderem bekommen. Ich hatte den Eindruck, er meinte sich selbst, aber sicher bin ich mir nicht. Weil Felix ja Probleme hatte, und du… Du hättest so das Problem lösen wollen.

Olgas Hände fielen schwer herab, sie wich zurück.

Und du hast das geglaubt? Ihre Stimme schäumte vor Wut, Henrik starrte erschrocken.

Was denkst du denn? Ingrid hielt sie am Arm. Wäre ich noch heute bei euch, hätte ich ihm geglaubt?

Olga schaute sie lange an, dann sagte Ingrid einfach:

Ich hab ihn rausgeworfen und will ihn nie wieder sehen. Und weißt du warum? Weil er gelogen hat. Und weil Felix dir vertraut hat. Blind. Wir kannten uns nicht gut, solange du mit Felix zusammen warst. Wenn du mich aber lässt, bleib ich bei euch. Mehr brauche ich nicht. Es ist wahrscheinlich für mich wichtiger als für dich. Deswegen bitte ich…

Lass das! Olga sah Ingrid an. Du brauchst nicht zu bitten. Wir sind eine Familie. Wie meine Oma immer sagte: Was ist das für eine Familie, die nicht zusammenhält? Das wäre doch gar nichts.

Eben! Ich will auch keine bedeutungslose Familie sein. Ingrid drückte Henrik an sich. Friert dir, mein Schatz? Los, wir müssen los zum Abendessen. Erzähl mir von deiner Oma, Olga.

Sie gingen durch die regennassen Straßen und redeten und redeten. Zum ersten Mal sprach Olga mit Ingrid offen, ohne Vorsicht. Nach einer Weile fragte sie doch:

Sag mal, warum hat Tim das überhaupt gemacht?

Keine Ahnung, Olga. Manchmal tun Menschen etwas, das gesunde Menschen nie nachvollziehen werden. Einfach Bosheit… und man darf nie nachgeben. Felix war immer erfolgreicher als er. Vielleicht wurmt ihn das noch immer. Wer weiß? Jedenfalls ist er für uns kein Thema mehr.

Für mich auch nicht…

Olga verschwieg, dass Tim auch sie besucht hatte, neun Tage nach Felix Tod. Sie war kaum ansprechbar, Lisa hatte stattdessen mit ihm geredet. Was Lisa da schrie, wusste sie nicht mehr, nur, dass sie Tim dann krachend die Türe vor der Nase zuschlug.

Was ist passiert? Olga hob den Kopf.

Nicht der Rede wert, und wenn er nochmal kommt, jagst du ihn fort. Dieser Mensch ist kein Freund. Nicht einmal ein Feind. Schlimmer.

Jetzt begann Olga Lisa zu begreifen.

Die letzten drei Tage verbrachten sie nur im Gespräch. Henrik schenkte wechselweise beiden Frauen sein Lachen, schaute ihnen immer wieder prüfend in die Augen. Sie, die sich zwischen Erinnerungen und Plänen an Felix festhielten.

Ein halbes Jahr später zog Olga ihre lange nicht getragenen Stilettos hervor und stöhnte.

Chinesische Folterwerkzeuge!

Schönheit kennt keinen Schmerz! Ingrid lachte, half Olga ins Kleid.

Kann man nicht im Ballerina-Schuhen schön sein?

Mit dem langen Kleid? Da wischst du über den Boden. Nimm die Flats mit, da kannst du später wechseln.

Sie packte Henrik und schob Olga den Blumenstrauß zu.

Los, wir müssen los, sonst kommen wir zu spät.

Um Gottes willen, Lisa bringt mich um, wenn ich ihren großen Tag verpasse.

Elisabeths Hochzeit war feierlich und hektisch zugleich. Standesbeamtin zu spät, Ringe, die Henrik mit stolz geschwellter Brust trug, Platzzuweisung aller Gäste im Affenzahn. Olga, als Trauzeugin, schmiegte sich an die am Tortenbuffet geschäftige Sonja.

Wie gehts dir? Sie lächelte über Sonjas schon recht runden Bauch hinweg.

Besser als je! Hab mit der Schwiegermutter Frieden geschlossen. Sonst gäbs jetzt keine Torte. Sonja rückte den Tortenständer zurecht. Niemandem kann man vertrauen, alles muss man selbst machen!

Was ist denn passiert?

Schau mal, die Torte! Beim Transport ist sie verrutscht oder so. Ich hab drei Tage daran gebastelt!

Trotzdem ein Meisterwerk! Lisa erschien hinter ihnen plötzlich.

Du erschreckst mich noch! Willst du gleich Patin werden?

Heute nicht, Sonja. Heute bin ich die Braut! Weswegen bist du traurig?

Ach, wegen der Sonja schob sich an den Tisch, verteidigte ihre Torte.

Lisa kicherte.

Ich wars! Hatte einfach Lust auf ein Stück.

Dass du es bist! Sonja keuchte empört.

Vorwürfe später, ich muss tanzen! Lisa entwischte und eilte zu ihrem Bräutigam.

Was will man bei ihr machen? seufzte Sonja, ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Ein Wirbelwind!

Wo sind deine Leute, Olga?

Da, tanzen.

Und bei dir?

Eigentlich gut, Sonja. Es ist alles gut.

Nennst du Ingrid schon Mama?

Irgendwie scheue ich mich noch.

Unsinn! Mit so einer Schwiegermutter würd ichs sofort machen

Olga dachte nach. Sie sah, wie Ingrid mit Henrik tanzte und lachte. Vielleicht hatte Sonja recht. Und das Wort, das alles beinhaltete, passte zu dieser Frau wie zu keiner anderen.

Mama

Olga flüsterte es erst, dann sagte sie laut und bestimmt:

Mama!

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Homy
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