Mutters Kirschkuchen
Helga Schneider wählte an diesem Morgen bereits zum dritten Mal die Nummer ihres Sohnes. Die ersten beiden Male klingelte das Telefon nur, dann sprang gleich die Mailbox an. Sie kannte dieses Geräusch auswendig. Das bedeutete, dass Paul den Anruf sah und absichtlich nicht ranging.
Beim vierten Versuch nahm er schließlich ab.
Mama, ich bin gerade in einer Besprechung.
Du bist immer in einer Besprechung.
Weil ich arbeite. Was ist denn los?
Helga schürzte die Lippen. So war es immer. Als würde sie nur wegen Belanglosigkeiten anrufen und ihn von Wichtigem abhalten. Dabei wollte sie bloß wissen, wie es ihm geht, ihn an den Samstag erinnern.
Es ist nichts, ich wollte nur fragen, wann ihr am Samstag kommt. Ich backe einen Kuchen, deinen liebsten, mit Kirschen.
Mama, wir hatten doch schon gesprochen. Am Samstag klappt es nicht. Annika muss ein Projekt abgeben, sie arbeitet den ganzen Tag.
Und du kannst nicht alleine kommen? Ich habe dich seit einem Monat nicht gesehen.
Paul seufzte so schwer, als würde sie verlangen, dass er die Nordsee durchschwimme.
Drei Wochen, Mama, kein Monat. Wir waren doch am 23. Dezember bei dir.
Am 22., Paul.
Was soll’s. Hör zu, ich bin wirklich in einer Sitzung. Ich rufe dich abends zurück, ja?
Helga Schneider sah auf die Uhr. Zehn Uhr. Für Paul beginnt der Abend frühestens um neun. Wenn er überhaupt noch anruft. Das war schon öfter so.
Gut, sagte sie. Ruf bitte an.
Er legte schnell auf, nicht einmal richtig verabschiedet.
Helga blieb mit dem Telefon am Fenster stehen. Draußen fiel nasser, schwerer Schnee. Im Hof schwankten die alten Linden im Wind. Alles wie vor dreißig Jahren, als sie mit Ernst die Wohnung bezogen hatte. Nur Ernst war seit zwei Jahren fort, und Paul war nein, nicht fremd, einfach anders geworden.
Sie legte das Telefon aufs Fensterbrett und ging in die Küche. Der Tee war längst kalt. Sie setzte das Wasser wieder auf und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch eine alte Zeitung von gestern, Artikel über Straßen und Kommunalpolitiker, langweilig. Sie wollte die Zeitung beiseitelegen, doch streifte mit der Hand einen Haufen alter Hefte, die zu Boden fielen.
Mechanisch hob sie sie auf. Es waren Pauls Schulhefte, die sie oben im Schrank aufbewahrt hatte. Weshalb sie sie gestern herausgenommen hatte, wusste sie schon gar nicht mehr. Vielleicht wollte sie ausmisten. Sie hatte ein Heft aufgeschlagen, ein paar Zeilen gelesen und es dann weggelegt. Zum Wegwerfen hatte sie keine Kraft.
Und heute hielt sie das Heft wieder in der Hand.
Helga schlug ein kariertes, blaues Heft auf. Auf dem Umschlag stand in krakeliger Handschrift: Tagebuch. Paul Schneider. 6. Klasse. Nicht lesen!!! Drei Ausrufezeichen. Sie lächelte. Zwölf war er damals gewesen. Offen, fröhlich, erzählte alles. Dann wurde er schweigsamer. Sie dachte, das sei Pubertät. Aber auch als Erwachsener blieb die Wand zwischen ihnen.
Sie blätterte weiter. Pauls Schrift war krumm, aber lesbar.
15. September. Heute hat Benni einen neuen Hamster mitgebracht. Er heißt Krümel. Die Lehrerin sagte, Hamster sind nicht erlaubt, aber wir haben ihn im Ranzen versteckt. In Mathe ist Krümel rausgekrabbelt, zu Marie auf den Tisch. Marie hat gekreischt, alle haben gelacht. Die Lehrerin schickte Benni raus. Ich hatte Mitleid mit Krümel. So klein, bestimmt hat er Angst.
Helga lächelte. Benni Keller war Pauls bester Freund. Bis zur neunten Klasse, dann zogen die Kellers nach Hamburg.
Sie las weiter. Kleine Einträge über Schule, Freunde, Fußball. Nichts Besonderes. Ein ganz normaler Junge. Ihr Junge.
23. September. Heute hat Mama geschimpft. Ich hab vergessen, nach der Schule Bescheid zu geben. War bei Benni, wir haben ein Flugzeug gebaut. Mama schrie, ich sei verantwortungslos, dass sie sich Sorgen machte, fast bei der Polizei angerufen hätte. Ich sagte, ich habe es nur vergessen. Sie meinte, ich liebe sie nicht. Das stimmt nicht. Ich hab sie sehr lieb. Ich habs nur vergessen.
Helga hielt inne. Sie erinnerte sich. Paul kam erst um sieben heim, sie hatte sich halb verrückt gemacht, alle angerufen, die sie kannte. Und er hatte einfach mit seinem Freund gespielt, die Zeit vergessen. Sie hatte ihn so angeschrien, dass er den ganzen Abend in seinem Zimmer geblieben war.
Es war ihr plötzlich unangenehm, fast so, als würde sie jemanden ausspionieren. Doch sie konnte nicht aufhören zu lesen.
12. Oktober. Habe eine Eins in Geschichte bekommen. Wollte Mama erzählen, aber sie war am Telefon, mit Tante Gerda. Sagte was über Tabletten und Papa. Ich stand eine Weile da, aber sie schaute mich nicht an. Bin dann in mein Zimmer. Sie hat später nicht gefragt.
Helga erinnerte sich. Paul war aus der Schule gekommen, schüchtern im Flur. Sie sprach mit ihrer Schwester, Ernst hatte damals hohen Blutdruck, neue Medikamente. Paul wollte was erzählen, sie winkte ihn weg, später, sagte sie. Und dann vergaß sie es.
Der Teekessel pfiff. Helga blieb am Tisch sitzen. Sie blätterte um.
28. Oktober. Heute wollte Papa mit mir in den Park mit dem Fahrrad. Aber Mama sagte, Papa soll zu Hause bleiben, Rücken, er braucht Ruhe. Papa wollte gehen, schaute mich entschuldigend an, blieb zu Hause. Ich fuhr allein. War langweilig.
Helga schluckte. Ja, Ernst hatte Rückenschmerzen, Paul wollte Fahrrad fahren. Sie war überzeugt, das Richtige zu tun, den Mann zu schonen.
Sie las weiter, und das Herz wurde ihr schwer.
15. November. Habe Mama gefragt, ob ich in den Schwimmverein darf. Benni ist dort, ihm gefällts. Mama sagt, das sei zu teuer und Schwimmen macht krank. Besser ich lerne daheim. Ich habe nicht widersprochen. Sie hättes eh nicht erlaubt.
2. Dezember. Mama kaufte mir eine neue Jacke, blau mit roten Streifen. Hab gesagt, sie gefällt mir nicht, die Jungs würden mich auslachen. Mama war beleidigt, meinte, sie hat sich Mühe gegeben, und ich sei undankbar. Ich hab mich geschämt und die Jacke angezogen. Benni meinte, ich sehe aus wie ein Clown. Hab sie nie mehr getragen. Hab gesagt, sie ist zu klein. Mama hats geglaubt.
18. Dezember. Elternsprechtag. Mama erzählte der Lehrerin von meiner Fünf in Chemie. Ich bat sie, das nicht zu tun, aber sie meinte, Lehrer müssen es wissen. Dann wussten es alle. Paul, der schlechte Schüler. Thorsten hat den ganzen Tag gehänselt. Ich wollte ihn schlagen, habs aber gelassen. Mama hätte gesagt, ich sei ein Rüpel.
Helga schloss das Heft. Ihre Hände zitterten. Sie trat ans Fenster. Der Schnee fiel weiter, der Hof war leer. Früher spielten hier immer Kinder, jetzt niemand. Alle sitzen drinnen, an ihren Bildschirmen.
Paul sitzt auch in seinem neuen Haus, mit seiner Frau. Ohne sie.
Sie schlug das Heft nochmals auf. Noch mehr Einträge.
9. Januar. Silvester vorbei. Mama hat viel gekocht. Tisch war voll. Papa und ich konnten nicht alles essen. Mama war beleidigt, fand, wir hätten es nicht gewürdigt. Papa sagte, es war lecker, einfach zu viel. Mama schwieg den ganzen Abend. Ich versuchte, alles zu essen, aber mir war schlecht. Ich sagte nichts, wollte sie nicht traurig machen.
14. Februar. Es gibt ein Mädchen, das ich mag. Sie heißt Lena. Sie sitzt in der zweiten Reihe. Wollte ihr eine Karte schenken, aber Mama sagte, ich sei zu jung für solchen Unsinn. Ich solle mich auf die Schule konzentrieren, nicht auf Mädchen. Ich schenkte Lena keine Karte. Sie redete eine Woche nicht mit mir.
3. März. Mama kam wieder in die Schule. Sie redete mit dem Sportlehrer, ich müsse keinen Dauerlauf machen wegen Lunge. Meine Lunge ist normal. Ich hab nur einmal nach dem Laufen gehustet, sie meinte gleich, ich werde krank. Jetzt halten mich alle für ein Weichei. Ich hasse es, wenn Mama in die Schule kommt.
Helga legte das Heft in den Schoß. Etwas schnürte ihr die Brust zu. Sie erinnerte sich. Paul hatte nach dem Sportunterricht gehustet, sie hatte Angst vor einer Bronchitis und wollte ihn beschützen.
Und er hasste sie dafür.
Nein, er hat das einfach als Kind so geschrieben. Das verstand er damals noch nicht.
Sie las weiter.
22. März. Habe Mama gebeten, bei Benni zu übernachten. Sein Geburtstag. Mama sagte nein, ich müsse zu Hause sein, sie könne sonst nicht schlafen. Ich sagte, ich bin schon zwölf. Sie meinte, ich sei immer noch ihr Kleiner. Bin ich nicht. Hab aber nicht weiter diskutiert. Benni meinte später, ich sei ein Muttersöhnchen.
17. April. Mama hat in meinem Schulranzen gekramt. Sie wollte mein Heft sehen. Ihr fiel dabei Lenas Zettel in die Hände. Sie las ihn durch, riss ihn auseinander. Fragte, wer Lena sei und was das solle. Sagte, ich soll mich nicht für Mädchen interessieren. Jetzt weiß ich nicht, wie ich Lena noch unter die Augen treten soll.
Helga drückte das Heft fest an sich. Sie erinnerte sich an diesen Zettel. Etwas über Hausaufgaben, nichts Schlimmes. Sie hatte ihn zerrissen, dachte, sie tue das Richtige. Der Junge soll lernen und nicht mit Zetteln spielen.
Die weiteren Einträge wurden düsterer.
12. Mai. Ich will Mama nichts mehr erzählen. Sie hört eh nicht zu oder macht alles anders. Wenn ich was will, entscheidet sie, dass etwas anderes besser ist. Papa sagte, Mama liebt mich, aber auf ihre Weise. Ich bin müde von dieser Liebe.
29. Mai. Letzter Schultag. Alle waren fröhlich. Benni fährt in den Ferien ins Zeltlager. Ich wollte auch, aber Mama sagt, ich soll zur Oma ins Dorf. Ich will nicht zur Oma. Es ist langweilig. Aber Mama ist das egal. Das Ticket hat sie schon gekauft.
Helga klappte das Heft zu. Ihr Herz schlug hart und unregelmäßig. Sie stand auf, trank hastig Leitungswasser.
War das die Anklage eines Zwölfjährigen?
Aber sie hatte ihn doch geliebt. Sie kümmerte sich. Sie wollte doch immer nur das Beste.
Sie kehrte zurück, setzte sich wieder, öffnete das Heft erneut, hoffend, noch etwas Gutes zu finden. Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag gehabt.
10. Juni. Ich bin im Dorf bei Oma. Hier ist wirklich langweilig. Oma ist nett, will, dass ich viel esse. Sie sagt, ich sei zu dünn. Ich bin nicht zu dünn, ich bin normal. Mama hat angerufen, gefragt, wie es mir geht. Ich sagte: Alles gut. Wollte sie nicht traurig machen. Aber ich will heim. Oder mit Benni ins Lager. Aber nicht hierher.
25. Juni. Bald gehts heim. Papa will mich mit dem Auto holen. Ich vermisse ihn. Er gibt keine Ratschläge, ist einfach nur da. Mama redet immerzu, gibt Ratschläge, verbietet Dinge. Ich bin müde.
Der letzte Eintrag war im August.
23. August. Ich höre auf, Tagebuch zu schreiben. Es bringt nichts. Meine Gedanken ändern eh nichts. Mama und Papa sind wie sie sind. Ich werde einfach schweigen und so tun, als wäre alles gut. Es ist einfacher.
Helga legte das Heft auf den Tisch. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Nur war ihr eiskalt. Als hätte man sie mit kaltem Wasser übergossen.
Da begann es also, mit zwölf, in der sechsten Klasse. Sie dachte, Paul wird erwachsen, wolle mehr Freiraum. Stattdessen entfernte er sich damals, still, weil er merkte, dass Worte keinen Wert hatten.
Sie schaute aufs Telefon. Paul hatte versprochen, abends anzurufen. Ob er wohl anrufen würde?
Und was sollte sie sagen? Dass sie sein Tagebuch gefunden und gelesen hatte? Dass sie jetzt begriff, wie sie ihn erzogen hatte?
Nein. Er würde es falsch verstehen. Oder sagen, das sei längst vorbei, er habe alles vergessen. Aber vergessen hatte er es eben nicht. Sonst wäre er nicht so fremd jetzt.
Annika das war es. Seit die in seinem Leben war, war alles anders. Paul kam seltener, rief seltener an, und dann, nach der Hochzeit, war er fast aus ihrem Leben verschwunden.
Helga hatte nie laut gesagt, dass sie Annika nicht mochte. Aber sie mochte sie tatsächlich nicht. Annika war kühl, immer höflich, immer freundlich, aber innerlich leer. Sie nahm Paul mit in ihren eigenen Kosmos, in dem für Helga kein Platz war.
Vielleicht war Paul aber auch freiwillig gegangen?
Vielleicht hat er nur auf einen Anlass gewartet?
Helga ging ins Wohnzimmer, tippte eine Nachricht: Paul, ich muss dringend mit dir reden. Komm bitte am Samstag vorbei. Es ist wichtig.
Gesendet. Zwei Häkchen. Gelesen.
Keine Antwort. Fünf Minuten, zehn Minuten. Halbe Stunde. Stunde.
Helga legte sich aufs Sofa. Schloß die Augen. Die Sätze aus dem Tagebuch geisterten ihr durch den Kopf. Ich bin müde von dieser Liebe. Ich erzähle ihr nichts mehr. Es ist einfacher so.
Als sie wieder aufwachte, war es draußen dunkel. Auf dem Handy eine Nachricht: Mama, Samstag klappt wirklich nicht. Nächstes Wochenende?
Helga starrte lange auf die Nachricht. Dann stand sie auf, ging in die Küche. Das Heft lag noch auf dem Tisch.
Sie steckte es in einen Plastikbeutel. Holte die anderen Hefte aus dem Schrank, packte alles dazu. Knotete den Beutel zu, stellte ihn an die Tür.
Morgen würde sie alles wegwerfen.
Oder vielleicht doch nicht.
Sie ging zurück und schrieb: Gut. Nächsten Samstag. Ich warte.
Die Antwort kam schnell: Abgemacht.
Helga schaltete das Licht aus. Legte sich ins Bett, konnte nicht schlafen. Was würde sie Paul sagen? Zeigen, dass sie das Tagebuch gefunden hat? Sagen, dass sie es gelesen und verstanden hat?
Was denn überhaupt? Dass sie eine schlechte Mutter war?
Nein. Sie war nicht schlecht. Sie liebte ihn nur zu viel. Wollte zu sehr beschützen. Hatte zu viel Angst um ihn.
Für ihn war es ein Erdrücken.
Vielleicht zurecht.
Helga atmete tief durch. Draußen wütete der Wind, irgendwo knallte eine Haustür. Von oben klapperten die Nachbarn, das Wasser rauschte. Alles wie immer. Nur in ihr war es leer.
***
Am Samstag stand Helga früh auf. Sie putzte nochmals, obwohl alles sauber war. Backte Kirschkuchen. Setzte Wasser auf. Deckte den Tisch.
Paul hatte auf zwei Uhr zugesagt.
Um halb zwei saß sie bereits am Fenster und hielt Ausschau nach seinem Auto. Ein heller Passat mit abgedunkelten Scheiben. Er hatte es letztes Jahr gekauft, sei ein solides Auto, sagte er. Helga verstand nichts von Autos.
Um zwei war er nicht da.
Um zwanzig nach zwei schrieb sie: Bist du unterwegs?
Antwort gleich: Ja, hänge im Stau. Bin in einer halben Stunde da.
Um drei kam er. Allein.
Helga öffnete die Tür, sah gleich, wie müde er aussah. Schatten unter den Augen, die Schultern hingen. Die Umarmung war kurz und steif, er ging in die Wohnung.
Es riecht nach Kuchen, sagte er.
Ich habe gebacken. Deinen Lieblingskuchen.
Danke, Mama.
Er zog die Jacke aus, hängte sie auf. Ging in die Küche, setzte sich. Helga schenkte Tee ein, legte ein Stück Kuchen auf. Paul aß mechanisch, hastig, als müsse er gleich wieder los.
Annika ist nicht mitgekommen? fragte Helga.
Nein. Sie muss arbeiten.
Auch am Samstag?
Sie hat Abgabetermin.
Helga nickte, setzte sich gegenüber, betrachtete ihn beim Essen.
Paul, begann sie, ich muss mit dir reden.
Er hob den Blick. Da war etwas Misstrauisches zu sehen.
Worum gehts?
Um uns. Um dich und mich.
Er legte die Gabel ab, lehnte sich zurück.
Mama, wenn das wieder darum geht, dass ich zu selten komme…
Nein. Nicht nur. Aber auch.
Helga stand auf, holte den Beutel mit den Heften aus dem Schrank, legte ihn auf den Tisch.
Paul sah auf den Beutel.
Was ist das?
Deine alten Schulhefte. Ich habe sie gefunden und aufgeräumt.
Er runzelte die Stirn.
Wozu das?
Ich wollte wegwerfen, bin dabei auf dein Tagebuch gestoßen.
Pauls Gesicht veränderte sich. Er spannte sich sichtbar an.
Tagebuch?
Ja. Sechste Klasse. Erinnerst du dich?
Er schwieg, starrte auf den Beutel, als wäre eine Bombe drin.
Ich habe es gelesen, sagte Helga leise. Es tut mir leid, aber ich habe es gelesen.
Paul sprang auf, der Stuhl kratzte.
Du hast MEIN Tagebuch gelesen?
Ich wollte nicht… es war Zufall…
Zufall? Da stand Nicht lesen drauf!
Ich weiß. Aber…
Du hast nie darüber nachgedacht, Mama! Nie! Du hast immer gemacht, was du wolltest!
Helga wich zurück, als hätte er sie geschlagen.
Paul, ich wollte doch nur verstehen…
Was denn verstehen? Warum ich weggezogen bin? Warum ich seltener komme? Du verstehst es wirklich nicht?
Er riss den Beutel an sich.
Das ist alles zwanzig Jahre her. Ich war ein Kind! Du kannst nicht loslassen!
Ich will ja, flüsterte Helga. Ich weiß nur nicht, wie.
Paul sah sie lange an, setzte sich dann langsam wieder. Legte den Beutel auf den Schoß.
Weißt du, Mama, als ich vor drei Jahren in meine Wohnung gezogen bin, habe ich zum ersten Mal richtig Luft bekommen. Niemand hat mich kontrolliert, ich musste niemandem Rechenschaft ablegen. Weißt du, wie das ist?
Helga schwieg.
Ich liebe dich, Mama. Aber in deiner Nähe kann ich nicht sein. Es ist zu schwer.
Warum? Was habe ich falsch gemacht?
Paul seufzte.
Du hast nichts falsch gemacht. Nur… du hast zu viel gemacht. Zu sehr gesorgt. Zu viel kontrolliert. Ich konnte ohne dein Okay nicht mal atmen.
Ich wollte, dass du glücklich bist.
Das weiß ich. Aber Glück kann man nicht aufzwingen. Das muss jeder selbst finden.
Helga senkte den Kopf.
Und Annika? Macht sie dich glücklich?
Ja, sagte Paul schlicht. Sie versucht nicht, mich zu verändern. Sie nimmt mich einfach, wie ich bin.
Helga presste die Lippen zusammen. Ihr Hals schnürte sich zu.
Da ist also der Fehler. Ich konnte nicht richtig lieben.
Mama, du konntest es. Auf deine Weise. Aber ich bin erwachsen. Ich brauche etwas anderes.
Er stand auf, nahm den Beutel mit den Heften.
Ich nehme sie mit, ja?
Nimm sie, nickte sie.
Paul zog die Jacke an, griff nach den Autoschlüsseln.
Ich muss los. Annika wartet.
Du hast nicht mal den Kuchen aufgegessen, flüsterte Helga.
Er drehte sich um, sah auf den Tisch, auf das Kuchensück, dann zu seiner Mutter. In seinen Augen lag Mitleid.
Entschuldige, Mama. Ich bin satt.
Er ging hinaus. Helga blieb allein in der Küche. Sie hörte, wie unten die Tür zufiel, das Auto startete, davonfuhr.
Dann setzte sie sich und weinte.
***
Zwei Monate vergingen. Paul rief selten an. Einmal tauchte er für eine halbe Stunde mit ein paar Einkäufen auf, sagte, sie hätten mit Annika eine große Renovierung und wenig Zeit. Helga hielt ihn nicht auf.
Sie rang sich dazu durch, nicht mehr von allein anzurufen auch wenn es schwer fiel. Jeden Tag den Impuls den Hörer zu nehmen, seine Stimme zu hören, fragen, wie es geht. Aber sie verbot es sich. Sie wollte nicht noch einmal aufdringlich sein.
Im März rief Paul an.
Mama, wir haben am Samstag Einweihung. Wir möchten dich einladen.
Helga stockte.
Einweihung?
Ja. Renovierung ist durch. Wir feiern mit Freunden, Annikas Eltern, und du bist natürlich dabei. Kommst du?
Natürlich, sagte sie rasch. Natürlich komme ich.
Prima. Drei Uhr. Ich schicke dir die Adresse.
Paul schickte sie sofort. Ein neues Viertel am Stadtrand, moderne Häuser mit Glasfronten. Sie war nie dort gewesen.
Helga bereitete sich die ganze Woche darauf vor. Kaufte ein neues Kleid, dunkelblau, dezent. Backte wieder Kirschkuchen, wickelte ihn in Folie, steckte ihn in einen Behälter. Sie packte ein kleines Geschenk eine selbstgestickte, weiße Leinentischdecke.
Am Samstag war sie früh wach. Zog sich an, schminkte sich ein bisschen. Sah in den Spiegel. Ganz passabel. Noch nicht alt.
Sie rief ein Taxi. Der Fahrer war jung, spielte laute Musik. Helga schaute aus dem Fenster, sah, wie alt und neu einander abwechselten. Immer größere Häuser, immer breitere Straßen.
In vierzig Minuten war sie da. Das Haus hoch, der Eingang modern, alles sauber. Ein Spielplatz, junge Mütter mit Kinderwagen.
Sie fuhr mit dem Fahrstuhl, spiegelnd, hinauf in den neunten Stock. Suchte die Wohnung, klingelte.
Annika öffnete.
Frau Schneider! Kommen Sie rein! Sie lächelte breit, die Augen jedoch kalt.
Helga trat ein. Der Flur hell, neu, es roch nach Farbe und Gebäck.
Paul, deine Mutter ist da! rief Annika.
Paul kam aus dem Zimmer, umarmte Helga.
Hallo Mama. Gut angekommen?
Ja. Mit dem Taxi.
Hättest du Bescheid gesagt, ich hätte dich abgeholt.
Wollte dich nicht aufhalten.
Annika nahm ihr den Kuchen ab.
Oh, Sie haben Kuchen gebacken! Wie süß! Danke!
Sie trug den Kuchen in die Küche. Helga zog den Mantel aus, Paul hängte ihn in den Schrank.
Komm, ich zeige dir die Wohnung.
Er führte sie herum. Großes Wohnzimmer, Fenster mit Blick über die Stadt. Ein helles Schlafzimmer, ein kleines Arbeitszimmer, moderne offene Küche.
Es ist schön, sagte Helga. Sehr schön.
Annika hat alles geplant. Das Design ist ihr Werk.
Annika kam mit einem Tablett herein.
Was hab ich? fragte sie.
Mama bewundert die Wohnung.
Annika lächelte.
Das hat viele Monate gedauert. Ich wollte es hell und freundlich.
Ist dir gelungen, nickte Helga.
Es klingelte. Pauls Freunde kamen, junge Paare, laut, gelöst. Dann Annikas Eltern ein großer Herr mit Brille, eine rundliche Frau mit gefärbten Haaren. Sie grüßten höflich, aber distanziert.
Alle versammelten sich im Wohnzimmer. Annika verteilte Wein, Paul erzählte Geschichten vom Renovieren, zeigte Fotos. Alle lachten, bestaunten, redeten.
Helga saß am Rand des Sofas, schwieg. Für diese Gespräche war sie nicht gemacht. Design, Marken, Reisen ihr blieb die Hälfte fremd.
Schon lange in Rente? fragte Annikas Mutter.
Seit zwei Jahren.
Bestimmt einsam, so allein daheim?
Manchmal, sagte Helga.
Haben Sie ein Hobby? Stricken, sticken?
Ich sticke manchmal.
Wie nett! Ich kann das leider nicht.
Sie lachte, wandte sich ihrem Mann zu. Helga spürte, wie es in ihr zog. Wie nett. Als sei sie ein kleines Kind, das für seinen Kritzleien gelobt wird.
Sie stand auf.
Entschuldigung, wo ist bitte Ihre Toilette?
Im Flur, rechts, antwortete Annika.
Helga ging hinaus. Schloß sich ein, betrachtete sich im Spiegel. Das Gesicht war blass, die Augen traurig. Eine alte Frau. Sie fühlte sich tatsächlich alt und fremd unter all den Jungen.
Sie wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht, trocknete sich ab. Draußen war alles ruhig. Stimmen aus dem Wohnzimmer, Musik, irgendwas Modernes.
Sie schlich sich ins Arbeitszimmer. Sie wollte einfach nur ein bisschen weg von dem Lärm. Das Zimmer war klein, ein Schreibtisch am Fenster, Bücher, ein Lesesessel. Auf dem Tisch ein Laptop, Papiere. Im Regal Bilder: Paul und Annika am Strand, Paul mit Freunden, Annika lachend.
Helga trat näher. Paul sah glücklich aus, entspannt, ein anderer Mensch. Auf der untersten Ablage lag ein blaues Heft sein Tagebuch.
Helga nahm es in die Hand, blätterte. Dieselbe Kinderschrift, dieselben Einträge.
Da kam ihr ein verrückter Gedanke: Was, wenn sie jetzt aus dem Tagebuch vorliest? Vor allen? Was, wenn Annika sieht, wie Paul gelitten hatte, dass er Nähe braucht, Verständnis? Vielleicht würden sie dann Helga mit anderen Augen sehen, nicht als klammernde Mutter, sondern als jemanden, der immer da war.
Sie drückte das Heft an die Brust. Das Herz schlug bis zum Hals. Das war töricht. Paul würde wütend werden.
Aber was, wenn es der einzige Weg war?
Sie ging ins Wohnzimmer. Alle saßen am Tisch, aßen, tranken.
Da ist Frau Schneider! rief Paul. Mama, komm, wir stoßen an.
Helga blieb stehen, legte das Tagebuch auf den Tisch. Leise, aber so, dass es alle sahen.
Annika schaute hin.
Was ist das?
Pauls Tagebuch. Sechste Klasse, sagte Helga.
Paul wurde blass.
Mama, was soll das?
Ich möchte euch etwas vorlesen. Es ist wichtig.
Mama, bitte nicht.
Doch sie blätterte schon.
Hier zum Beispiel der Eintrag vom 15. September: Heute hat Benni einen Hamster mitgebracht…
Mama, Hör auf! rief Paul.
Doch Helga fuhr fort, die Stimme zittrig, aber fest:
Ich hatte Mitleid mit Krümel. So klein, bestimmt hat er Angst. Seht ihr? Paul war schon immer sensibel, empfindsam.
Frau Schneider, begann Annika, doch Helga schnitt ihr das Wort ab.
Und hier der 23. September: Heute hat Mama geschimpft
Es reicht! rief Paul, riss ihr das Heft weg. Bist du verrückt?!
Es wurde still. Alle starrten sie an. Annika stand auf.
Paul, bitte nicht so laut
Nicht so laut? Sie liest mein KINDERTAGEBUCH vor allen vor!
Das sind doch keine Fremden, flüsterte Helga, das sind deine Freunde, deine Frau. Sie sollen wissen
Was sie wissen sollen? Dass meine Kindheit unglücklich war? Dass du mich erdrückt hast? Die wissen das ohnehin!
Helga wich zurück.
Paul
Ich habe dich gebeten. Lass mein Leben in Ruhe. Lass mich atmen. Und jetzt das! Wieder entscheidest du, was richtig ist!
Ich wollte nur
Du wolltest mich zurück! Diesen kleinen Paul, der von dir abhängig war. Aber den gibts nicht mehr, Mama. Ich bin erwachsen. Ein anderer.
Er ging zur Tür, öffnete sie.
Bitte geh jetzt.
Helga stand inmitten des Raums. Alle blickten sie verlegen, mitleidig an.
Paul, wir können doch reden, sagte Annika leise.
Nicht jetzt. Nicht so.
Helga griff nach dem Mantel, zog ihn über zittrigen Händen an. Paul stand daneben, schaute weg, das Gesicht hart.
Es tut mir leid, flüsterte sie.
Keine Antwort.
Sie ging hinaus. Die Tür schloss sich leise. Sie stand auf dem Flur, hörte Stimmen drinnen, gedämpft, rätselnd.
Sie fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter, trat auf die Straße. Es war kühl, der Wind riss ihr an den Haaren. Sie ging planlos los, wusste nicht wohin, blieb stehen, rief ein Taxi.
Sie wartete lange. Zwanzig Minuten. Starrte zu den Fenstern im neunten Stock hinauf. Dort leuchtete Licht. Dort spielte ein Leben, für das sie nicht mehr bestimmt war.
***
Drei Wochen vergingen. Kein Anruf von Paul. Helga rief auch nicht an. Sie wusste, wenn sie es täte, würde er nicht abnehmen oder etwas Endgültiges sagen.
Sie lebte wie im Nebel, erledigte ihre Hausarbeit, schaute Fernsehen, kochte, ohne Appetit. Schlief schlecht.
Die Schwester rief an, fragte nach. Helga sagte, alles in Ordnung. Die Schwester glaubte ihr nicht, bohrte aber nicht nach.
Im April kam der Frühling, der Schnee war weg, erste Blätter sprossen an den Bäumen, im Hof spielten Kinder mit Bällen und Fahrrädern.
Helga saß am Fenster, betrachtete sie und erinnerte sich, wie Paul früher hier herumgetollt war.
Das Telefon läutete.
Sie zuckte zusammen. Paul.
Ihr Herz schlug schneller. Sie nahm ab.
Mama?
Hallo, Paul.
Stille.
Wie gehts dir?
Gut. Und dir?
Auch gut.
Wieder Pause.
Hör mal, Mama. Ich muss dir was sagen.
Helga umklammerte das Telefon.
Sag es.
Ich hab viel nachgedacht, nach der Sache. Es geht so nicht weiter.
Ich weiß, flüsterte sie. Es tut mir leid. Ich hätte nicht
Es geht nicht nur darum. Es geht darum, dass du mich nicht loslässt. Und ich unter dauerndem Schuldgefühl lebe.
Paul, ich will nicht, dass du Schuldgefühle hast
Aber ich habe sie. Immer, wenn ich nicht drangehe. Immer, wenn ich absage. Immer, wenn ich deine traurigen Augen sehe.
Helga schloss die Augen.
Was willst du denn sagen?
Ich glaube, wir brauchen mehr Abstand, wirklichen Abstand. Nicht nur räumlich, sondern auch emotional.
Du willst keinen Kontakt mehr?
Doch. Aber anders. Nicht als Mutter und Sohn aus Verpflichtung, sondern als Erwachsene, die sich aus freien Stücken treffen.
Das verstehe ich nicht, flüsterte Helga.
Paul seufzte.
Ich komme nicht mehr jede Woche. Ich rufe nicht mehr regelmäßig an. Ich melde mich, wenn ich es kann und will. Und du solltest das akzeptieren. Ohne Vorwürfe, ohne Versuche, alles wie früher zu haben.
Helga schwieg, ihr Hals wie zugeschnürt.
Hörst du mich, Mama?
Ja.
Und du bist einverstanden?
Sie wollte Nein schreien. Sie wollte sagen: Das ist nicht fair. Du bist mein Sohn, ich habe ein Recht auf dich, du bist alles, was mir blieb.
Aber sie sagte:
Ja. Einverstanden.
Gut. Danke.
Wieder eine Pause.
Ich melde mich, versprochen.
Okay.
Tschüss, Mama.
Tschüss.
Er legte auf.
Helga saß am Fenster. Blickte in den Hof, auf die spielenden Kinder, Frauen mit Einkaufstüten, durchfahrende Autos.
Das Leben ging weiter. Einfach ohne sie.
Sie stand auf, ging in die Küche. Setzte Tee auf. Holte eine Tasse. Setzte sich an den Tisch.
Auf dem Tisch lag die Zeitung. Sie breitete sie aus, las über Straßen, Wahlen, das Wetter.
Egal.
Nichts war wichtig.
***
Ein Monat verging. Kein Anruf von Paul, auch Helga rief nicht an. Sie akzeptierte die Regeln, wartete.
Im Mai wurde es warm. Die Apfelbäume blühten im Hof, es duftete nach Leben. Helga öffnete die Fenster, ließ frische Luft herein.
Sie ging häufiger raus, spazieren, im Park sitzen, Vögel füttern. Manchmal traf sie Nachbarinnen, redete mit ihnen über das Wetter, die Preise, die Gesundheit.
Gewöhnliche Gespräche. Über nichts.
Aber sie lenkten ab.
Eines Morgens, beim Anziehen zur Runde, klingelte das Telefon.
Paul.
Sie nahm ab.
Hallo, Mama. Wie gehts?
Gut, und dir?
Auch gut. Hör zu, wir haben Neuigkeiten.
Welche?
Annika ist schwanger.
Helga hielt den Atem an.
Wirklich?
Ja. Drei Monate jetzt, alles läuft gut.
Helga ließ sich auf den Stuhl sinken.
Das das ist wunderbar, Paul.
Ja. Wir freuen uns sehr. Wollten es dir selbst sagen.
Danke, dass du anrufst.
Stille.
Mama, ich möchte, dass du im Leben unseres Kindes bist. Als Oma. Aber
aber mit Abstand, ergänzte sie.
Ja. Mit Abstand.
Helga schloss die Augen. Es tat weh. Aber sie lächelte. Stimme und Lächeln zusammen.
Ich verstehe. Ich werde eine gute Oma sein. Keine aufdringliche.
Danke, Mama.
Paul ich hab dich lieb.
Pause.
Ich dich auch. Auf meine Art.
Ich weiß.
Er verabschiedete sich, legte auf.
Helga saß da. Das Telefon auf dem Tisch, draußen zwitscherten die Vögel, spielten die Kinder, irgendwo lief Musik.
Sie dachte daran, dass bald ein Enkelkind kommen würde. Oder eine Enkelin. Ein kleiner Mensch, der neu in diese Welt tritt.
Und sie würde Oma sein. Nicht die, die erziehen will oder das Leben erklärt, sondern einfach nur da ist. Irgendwo fern. Auf Abstand.
Vielleicht ist das richtig.
Vielleicht konnte sie nie richtig lieben. Nie wirklich loslassen. Nur klammern.
Aber sie konnte lernen.
Sie musste.
Helga stand auf, trat ans Fenster. Schaute in den Hof, auf die Bäume und das Himmelblau.
Das Leben ging weiter.
Und sie würde weitergehen.
Irgendwie.
Sie zog sich an, verließ die Wohnung, stieg die Treppe hinunter, ging hinaus. Durch vertraute Straßen, an bekannten Gesichtern vorbei. Niemand kannte sie wirklich, niemand brauchte sie.
Einfach eine ältere Frau.
Eine von vielen.
Im Park setzte sie sich auf eine Bank, holte Brot heraus, streute es den Vögeln hin. Spatzen kamen herbei, pickten, hüpften herum.
Sie sah ihnen zu und dachte: Sie sind frei. Fliegen, wohin sie wollen. Sind an niemanden gebunden.
Und doch war sie gebunden. An einen Sohn, der verloren war. An eine Vergangenheit, die nicht zurückkam.
Aber vielleicht ist es genau das: loslassen. Auf der Bank sitzen, die Vögel füttern, den Himmel anschauen. Und wissen, da draußen gibt es einen Menschen, der einmal alles bedeutete. Und jetzt einfach nur noch da ist.
Und das reicht.
Es muss reichen.
Helga stand auf, klopfte die Krümel von Rock. Ging langsam heim.
Sie machte sich Tee, setzte sich ans Fenster, nahm endlich das Buch, das sie immer lesen wollte. Schlug die erste Seite auf.
Das Telefon blieb still.
Und das war in Ordnung.




