Nach vier Monaten intensiven Nachrichten vereinbarte ich ein Treffen mit meinem 52-jährigen Verehrer – er begann das Gespräch direkt mit fünf Beschwerden

Nach vier Monaten täglicher Nachrichten habe ich mich endlich auf ein Treffen mit einem 52-jährigen Kandidaten eingelassen kaum kam er an, eröffnete er das Gespräch mit fünf Beschwerden.

Man sagt, die Vorfreude auf einen schönen Anlass sei oft süßer als das Ereignis selbst. In Ankes Fall zog sich das Warten auf das Treffen fast vier Monate lang und wurde zum kleinen Online-Drama Tag für Tag neue Episoden.

In dieser Zeit hat sie die Vorlieben von Thomas bis ins Detail kennengelernt, die Namen seiner Freunde aus Schulzeiten behalten und sich selbst an seine seltsame Gewohnheit gewöhnt, jeden Morgengruß mit drei Punkten zu beenden.

Anke ist fünfundvierzig das ist das Alter, in dem man zu einem Date nicht mit schlotternden Knien geht, sondern mit dem ironischen Forscherblick: Mal sehen, welcher Typ heute vor mir steht, denkt sie beim Fertigmachen.

Sie gehört zu jenen Frauen, die einen schlichten Kaschmirpullover so zu tragen wissen, als wäre es ein eleganter Umhang und mit ihrem Humor jedes peinliche Schweigen aufs angenehmste entschärfen.

Thomas, der gerade seinen 52. Geburtstag gefeiert hat, zeigt sich in den Chats als ernster, reflektierter Typ mit einem Hauch Ironie und, was besonders charmant ist, sehr zuverlässig.

In unserem Alter, Anke, schreibt er abends, sucht man keine Feuerwerke mehr, sondern Wärme. Man will eine Frau, die ohne Worte versteht.

Na dann halt ohne Worte, schmunzelt Anke und tuscht die Wimpern. Hauptsache, die Worte, die doch fallen, lösen nicht sofort Fluchtreflexe aus.

Das Treffen findet in einem kleinen Café statt mit sanfter Beleuchtung und dem Duft nach Zimt. Anke ist zum vereinbarten Zeitpunkt da, ordentlich, souverän, in bester Stimmung für einen schönen Abend. Sie sieht einfach großartig aus.

Thomas kommt fünf Minuten später. In Wirklichkeit ist er etwas kleiner als auf seinen Fotos und hat diesen Blick, als hätte er gerade einen Fehler im Kassenbuch entdeckt.

Er setzt sich ihr gegenüber, lächelt kurz und sagt Hallo. Kein Kompliment, kein freundliches Schön dich zu sehen.

Thomas scannt Anke gefühlt von Kopf bis Fuß, als würde er eine Inventur machen. Dann schlägt er Kaffee und Kuchen vor darauf einigen sie sich.

Anke, beginnt er im Ton eines Oberstudienrats, ich habe unsere Gespräche lange analysiert. Fast vier Monate. Und jetzt, da ich dich persönlich sehe, möchte ich gleich fünf Dinge klarstellen.

Innerlich hört Anke, wie ihr guter Abend in Tausend Scherben zerbricht. Sie stützt das Kinn auf die Hand und nickt.

Fünf Beschwerden? Klingt spannend. Ich höre.

Thomas erkennt die Ironie nicht und zählt den ersten Finger ab.

Auf einem Foto im blauen Kleid wirkst du ganz anders. Jetzt sehe ich, dass du deutlich markanter bist. Das kann einen Mann irreführen. In unserem Alter sollte man ehrlich sein.

Anke schmunzelt innerlich: Markant schon besser als wuchtig. Danke dafür.

Beschwerde Nummer zwei: Reaktionszeit
Deine Antworten kommen manchmal viel zu langsam. Zum Beispiel vor drei Wochen, da schrieb ich dir um 14:15 und bekam erst um 16:40 eine Antwort. Männer hassen warten. Das ist respektlos.

Da war ich, glaube ich, gerade im Meeting…, beginnt Anke, doch Thomas zählt schon den nächsten Finger ab.

Dritte Beschwerde: Treffpunkt
Warum sind wir hier? Das Café ist zu edel. Ich hatte ein einfacheres vorgeschlagen. Dein Wahlverhalten zeigt, dass dir der Konsum wichtiger ist als das Wesentliche.

Anke blickt auf das Latte Macchiato und verspürt kurz den Drang, es ihm über den Kopf zu gießen. Ihre Neugier siegt jedoch.

Warum überhaupt das Kleid? Wir treffen uns bloß auf einen Kaffee. Es ist zu auffällig für den Nachmittag. Die Schmuckstücke sind auch zu viel. Eine Frau sollte mit Tiefe beeindrucken, nicht mit Glanz. In meinem Alter suche ich Substanz nicht Fassade.

Beschwerde Nummer fünf: Selbstständigkeit
Du hast das Café ausgesucht, sagst oft ich alleine. Du gibst einem Mann keinen Raum, sich als Mann zu fühlen. Ich brauche eine Frau, die sich Rat holt und nicht dauernd Unabhängigkeit demonstriert. Wir müssten das ändern, wenn wir zusammen wären.

Er beendet und verschränkt die Arme, als erwarte er nun Reue oder Dankbarkeit für seine Offenheit.

Anke schaut ihn an und wird sich plötzlich klar: Die vier Monate Chat waren nur eine bequeme Maske für einen peniblen Manipulator. Wärme suchte er nicht er suchte jemanden zur Selbstbestätigung.

Weißt du, Thomas, sagt sie sanft, fast liebevoll, ich habe auch analysiert. Fünf Minuten haben gereicht.

Was denn für einen Schluss? fragt er mit schmalem Blick.

Du bist wirklich ein erstaunliches Exemplar. Fährst quer durch Berlin und stellst einer Frau, die du zum ersten Mal siehst, die Rechnung für Stil, Aussehen und ihre Persönlichkeit. Das nennt man Selbstbewusstsein auf hohem Niveau.

Thomas verzieht das Gesicht:

Ich bin halt ehrlich.

Nein, schüttelt Anke den Kopf. Du bist nicht ehrlich. Du bist unglücklich und misst die Welt mit einem schiefen Maßstab. Gefallen dir meine Fotos nicht? Geh ins Museum da verändern sich die Ausstellungsstücke nicht. Wartezeiten zu lang? Hol dir einen Tamagotchi. Das Kleid passt nicht? Ich habe es für mich ausgesucht, nicht für dich.

Sie erhebt sich, richtet die Tasche und sieht ihn ruhig an:

Und noch eins. Wenn dein Ego schon bei dem Wort alleine bricht, suchst du keinen Romanze, sondern Therapie. Mit fünfundvierzig weiß ich mein Leben so zu schätzen, dass ich es nicht mit jemandem vergeude, der neue Bekanntschaften mit einer Mängelliste beginnt.

Wohin gehst du? Und der Kaffee? murmelt Thomas.

Den Kaffee trinkst du allein. Das spart Ressourcen. Und ein Tipp: Wer will, dass ihm jeder ins Gesicht schaut sollte besser zum Zahnarzt gehen.

Zu Hause blockiert Anke Thomas sofort auf allen Messenger-Kanälen. In ihrem Alter bedeutet Gemütlichkeit nicht nur eine warme Decke und Ruhe sondern auch ein Handy ohne Menschen, die einen in ihr schiefes Schema pressen wollen.

Wie sehen Sie das: War das ein misslungener Flirt oder ein perfekt inszeniertes Theaterstück? Sollte man den Kontakt weiterführen, wenn man schon ab der ersten Minute für alles zahlen muss, was einen ausmacht?

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Homy
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