Der perfekte Bräutigam

Der perfekte Bräutigam

Annchen! Klaus ist ein äußerst angesehener und, was nicht unwichtig ist, erfolgreicher Mann! Und das Wichtigste: Er hat keine Geldsorgen. Also wirst du, mein Mädchen, eine schicke Dreizimmerwohnung in der Innenstadt kriegen, ein nagelneues Auto und Pelzmäntel, mein Kind, so viele, dass du sie gar nicht mehr zählen kannst. Nerz, Annchen! Vielleicht sogar einen ganzen Schrank voll. Er ist doch der perfekte Bräutigam. Besser als ihn wirst du sicher keinen mehr finden. Und ich, ehrlich gesagt, versteh einfach nicht, warum du seinen Antrag nicht annimmst!

Ich weiß nicht antwortete Annika nachdenklich und blickte zur Seite.

Es war ihr tatsächlich schleierhaft.

Als Klaus nach fast sechs Monaten Umwerben plötzlich einen Antrag machte, war sie, um ehrlich zu sein, ein bisschen perplex.

Wahrscheinlich war sie schon daran gewöhnt, dass die Männer um sie herum selten Dinge zu Ende bringen.

Optisch hatte sie es ja wirklich drauf.

Menschen, die Annika beschrieben, sagten meist: Bei ihr stimmt einfach alles. Gott hatte ihr nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch ordentlich Grips geschenkt.

Wenn Männer Annika in der Stadt oder im Café begegneten, starrten sie sie an, als könnten sie mit Blicken Löcher bohren.

Was in ihren Köpfen vorging, konnte man sich ungefähr ausmalen.

Seit ihrer Kindheit stand Annika im Mittelpunkt männlicher Aufmerksamkeit. Im Kindergarten, in der Schule, an der Uni.

Und auch an ihrem Bürojob, den sie vor ein paar Monaten begonnen hatte, wimmelte es geradezu von Verehrern.

Alle, wirklich alle männlichen Kollegen, schauten Annika immer sehr respektvoll an.

Na ja bei manchen war es eher Begeisterung, bei anderen eindeutig Schwärmerei.

Man sollte meinen, mit so vielen Verehrern wäre es unmöglich, allein zu sein.

Mal lud einer sie zum Abendessen ins Restaurant ein, der nächste ins Kino und manche wollten sogar für ein, zwei Wochen mit ihr ans Mittelmeer.

Aber: Mit dreißig war sie, die Göttin, wie sie die Männer heimlich nannten, immer noch unverheiratet.

Und das war ihrer Mutter ein echter Dorn im Auge.

Annchen, meine Liebe, protestierte Ursula, ihre Mutter. Warum schiebst du das denn immer vor dir her? Wie lange willst du denn noch allein bleiben? Weibliche Schönheit ist nicht für die Ewigkeit, mein Kind. Sie hat halt auch ein Ablaufdatum. Und wenn du weiterhin die Nase rümpfst, verpasst du am Ende sogar noch den letzten Zug. Dreißig bist du jetzt kein Mann, kein Kind. Das ist doch nicht normal!

Annika verstand das durchaus und sie gab ihrer Mutter sogar recht. Aber was sollte sie eigentlich tun, wenn …

… wenn die Männer in ihrem Umfeld partout nicht auf den Gedanken kamen, einen Antrag zu machen.

Oder genauer gesagt: gar nicht erst daran dachten.

Aus verschiedensten Gründen. Die einen hielten an ihrer Freiheit fest, bei den anderen stand schon längst ein Trauschein im Pass (und natürlich eine Ehefrau im Wohnzimmer). Wieder andere mussten einfach eine weitere Kerbe auf der Liste der Eroberungen setzen.

Annika gefiel allen aber niemand wollte mit ihr etwas Ernstes anfangen.

Nur lockere Geschichten eben.

Mal händchenhaltend durch die Stadt flanieren um anzugeben, einen draufmachen beim schicken Abendessen, ins Kino gehen, oder, na gut, gemeinsam ans Meer fahren. Immer gerne.

Aber sobald es um das Nägelein mit Köpfen geht, verschwinden die Prinzen auf weißen Pferden urplötzlich in den Nebel.

Traurig, aber wahr: Niemand rief die schöne und kluge Annika an den Traualtar.

Für belanglose Treffen war Annika inzwischen zu klug geworden.

Vielleicht können wir uns einmal die Woche treffen? fragte neulich einer schüchtern.

Nein, danke, lächelte Annika. Da hab ich mehr von, wenn ich ins Fitnessstudio gehe. Das bringt mir wenigstens was.

Nach kaum sechs Monaten in ihrem neuen Job tauchte bereits ein neuer Bewunderer auf. Annika war kaum durchs Büro gelaufen, da war sie dem Blick von Klaus-Dieter Albrecht schon nicht mehr entkommen.

Wie alle Männer im Büro war er restlos fasziniert von der Neuen. Nur hatte Klaus-Dieter tatsächlich bessere Chancen.

Im Büro trug Klaus-Dieter nämlich einen schicke Position: Stellvertretender Geschäftsführer da kam so leicht keiner gegen an.

Wer sich ihm in den Weg stellte, fand sich schnell mit der Kündigung in der Hand vor der Tür.

Zu Mittag lud er Annika gern ins Café schräg gegenüber ein angeblich, um geschäftlich zu reden, aber eigentlich erforschte er lieber Annikas Zukunftspläne. Jeden Tag Blumen und Pralinen. Und, wie durch ein Wunder, monatlich heftige Prämien für gute Leistungen.

Obwohl Annika gar nichts Besonderes gemacht hatte. Aber die Sonderzahlungen bekam immer nur sie.

Annchen, willst du mich nicht mal zu dir zum Essen einladen? säuselte Klaus-Dieter mit zuckersüßer Stimme.

Zu mir? Annika dachte kurz nach.

Ja, zu dir. Wir kennen uns jetzt schließlich nicht erst seit gestern. Zeit für den nächsten Schritt, oder?

Haben wir denn überhaupt schon eine Beziehung?

Na klar!

Danke, dass Sies sagen, Klaus-Dieter. Ich jedenfalls hatte keine Ahnung. Aber eingeladen sind Sie allerdings wohne ich nicht allein, sondern bei meiner Mutter. Wenn das für Sie kein Problem ist, nur zu!

Annika war sich sicher, dass Klaus-Dieter beim Wort Mutter das Interesse verlieren würde. Falsch gedacht.

Er ließ sich davon nicht einschüchtern er sagte sogar zu, am Freitagabend vorbeizukommen

Hartnäckig ist der Mann schon …, staunte Annika.

Klaus-Dieter war wirklich hartnäckig. Sogar etwas zu sehr.

Andere Bewerber hielten selten länger als zwei Monate durch, erst recht, wenn sie von ihrer Mutter erfuhren.

Was sie für Klaus-Dieter empfand, wusste Annika noch gar nicht so genau.

Einerseits fand sie es durchaus schmeichelhaft, dass sie umgarnt wurde und von einem, der auch noch genug Mut für ein Treffen mit ihrer Mutter aufbrachte. Das ließ auf Ernsthaftigkeit schließen. Andererseits: So richtig Herzklopfen verspürte sie bei Klaus-Dieter nicht.

Objektiv betrachtet war er tadellos.

Ein Mann mit Stammbaum quasi selbst sein leicht vornehmer Bauchansatz minderte nicht das Bild.

Kein Witz. Männer seines Alters (er war ungefähr vierzig, behauptete aber steif und fest, er sei fünfunddreißig) hatten in dieser Gegend so gut wie immer einen kleinen Wohlstandsbauch.

Von außen wirkte Klaus-Dieter wie ein alternder Superman stets im eleganten Anzug, die unterste Jackenknopf geöffnet, immer der unerschütterliche Macher-Blick.

Jüngere Frauen auf der Suche nach Sicherheit fanden solche Männer durchaus anziehend. Da fühlte man sich selbstbewusst und versorgt.

Aber Annika Annika beobachtete erstmal abwartend.

Sie wollte wohl wissen, wie lang Klaus-Dieter Durchhaltevermögen zeigte.

Und sie war gespannt, wie das Treffen zwischen Klaus-Dieter und ihrer Mutter ausgehen würde.

Sie war fest davon überzeugt, dass ihre Mutter den Bewerber gleich ablehnen würde, wenn sie bemerkte, dass er fünf oder gar mehr Jahre älter war als Annika. Das wäre dann DER Grund, um einen Korb zu geben.

Aber nein, ihre Mutter Ursula war von Klaus-Dieter regelrecht bezaubert.

Als Klaus-Dieter die Wohnung betrat, jubelte sie beinahe los:

Was für ein Mann! So einen hätte ich auch gern gehabt!

Klaus-Dieter kam selbstverständlich mit Sahnetorte in der einen und einem armvollen roter Rosen in der anderen Hand.

Galant küsste er Ursula die Hand und machte ihr ein Kompliment zu ihrem jugendlichen Aussehen.

Das genügte, um Ursulas Sprache vorübergehend lahmzulegen.

Ob die sich jetzt wohl verliebt hat?, grinste Annika, während sie beobachtete, wie ihre Mutter den ganzen Abend wie Honigkuchenpferd lächelte.

Klaus-Dieter merkte sofort, dass er bei seiner potentiellen Schwiegermutter voll punktete.

Deshalb legte er noch eine Schippe drauf: Hymnen auf Annikas Schönheit und ein zutiefst berührender Bericht über sein trauriges Single-Dasein.

Er sei doch schon vierzig (na ja, laut Pass nicht ganz, aber egal), habe Wohnung, Auto und jede Menge Geld aber niemanden, dem er das alles hinterlassen könne.

Schlimm, sowas seufzte Ursula theatralisch und warf ihrer Tochter vielsagende Blicke zu.

Von nun an schaute Klaus-Dieter immer öfter auf einen Kaffee bei ihnen vorbei.

Und schließlich machte er Annika einen Antrag. Erstaunlich genug, aber ihre Mutter hätte es im Zweifel wohl auch genommen, wäre der Antrag an sie gegangen.

Während Annika nur nervös mit den Wimpern klimperte und vor sich hin starrte (damit hatte sie beim besten Willen nicht gerechnet), stürzte sich ihre Mutter mit der Entschlossenheit einer Glucke auf den Antrag.

Annchen, an deiner Stelle würd ich ja nicht lang überlegen, grinste sie.

Ich … ich denk noch mal drüber nach … stotterte Annika.

Annika dachte lange nach. Drei Wochen vielleicht.

Aber zu einer Entscheidung kam sie nicht.

Gut, vielleicht wurde es Zeit, eine Familie zu gründen aber kann man jemanden heiraten, wenn man gar nicht sicher ist, dass man denjenigen liebt?

Annchen! Klaus ist ein angesehener und, was noch wichtiger ist: ein gemachter Mann! Und das Beste: Geldsorgen kennt er nicht, predigte Ursula. Du bekommst also eine Wohnung in der City, ein neues Auto, schöne Pelzmäntel … ein ganzer Schrank voller Mäntel! Das ist der perfekte Bräutigam. Besser geht’s nicht! Und ich versteh wirklich nicht, warum du sein Angebot ablehnst!

Aber er ist doch viel älter als ich … versuchte Annika zaghaft.

Na und? konterte die Mutter. Eben! Das ist sogar gut der schaut dann bestimmt nicht ständig anderen Frauen hinterher.

Annika schwieg.

Solche Männer wissen, was sie wollen und verschwenden keine Zeit mit Spielchen, setzte Ursula nach. Zudem ist der Altersunterschied wirklich nicht so wild. Dein Papa, Gott hab ihn selig, war zwölf Jahre älter als ich und wir waren sehr glücklich. Und du zeigst nur Attitüde.

Aber …

Kein Aber! Hör auf mich. Pack deinen Stolz ganz tief weg, sonst bleibst du für immer allein sitzen.

Der Druck wuchs: Auf der einen Seite Klaus-Dieter, auf der anderen Ursula.

Annika blieb kaum etwas übrig, als zu kapitulieren.

Klaus-Dieter war ja wirklich nicht das schlechteste Los.

Liebevoll, fürsorglich, keinesfalls geizig.

Und welch Wunder der einzige, der ihr tatsächlich einen Antrag gemacht hatte.

Immerhin war er bereit, sich an sie zu binden wie an einen Hund an der Leine.

Annika akzeptierte den Antrag, der Ring funkelte an ihrem Finger, und alles, was jetzt noch blieb, war, offiziell Ja im Standesamt zu sagen in nicht mal mehr einem Monat.

Genauer gesagt: in neunundzwanzig Tagen.

Ursula half fleißig beim Brautkleid und Menü im Restaurant, verschickte Einladungen an Verwandte, Bekannte und sogar deren entfernte Cousinen.

Klaus-Dieter erklärte großzügig, dass der Saal mindestens hundert Gäste fasst Mutter solle ruhig jeden einladen, der ihr einfällt.

Es sah nach dem perfekten Plan aus, aber Annika …

… die schwebte keineswegs auf Wolke Sieben.

Im Gegenteil sie fühlte sich wie ein Gramm Butter auf heißem Toast: irgendwie fehl am Platz.

Keine freudestrahlende Braut, keine leuchtenden Augen, kein Butterfly-Gefühl. Nur Fragen:

Ist das wirklich richtig so?

Komm schon, Annika! motzte ihre beste Freundin, als Annika ihr ihren Kummer beichtete. Dich erwartet die große Zukunft mit einem liebevollen, reichen Kerl. Vielleicht kein Märchenprinz, aber besser als dieses ewige Rumgesuche oder der Platz in der zweiten Reihe. Und Liebe? Wer redet heute noch von Liebe! Guck dich um! Liebe gibts nicht. Alle arrangieren sich, aber machen einmal im Jahr Ferien in Italien und sitzen in der eigenen Wohnung und das wollen doch schließlich alle! So einen Ring wie deinen hab ich noch nie gesehen, der ist ein kleines Vermögen wert! Also ehrlich, ich weiß nicht, warum du so zögerlich bist.

Auch Ursula bemerkte die Zerrissenheit ihrer Tochter und versuchte erneut, Annika klarzumachen, dass Klaus-Dieter ein absoluter Traummann sei. Dass sie den nicht ablehnen dürfe. Punkt.

*****

Annika saß also, elegant im weißen Brautkleid, im noch eleganteren weißen Stretch-Limousine, die randvoll mit rosa Schleifen behängt war und versuchte, sich irgendwie zu freuen …

… und nicht an Klaus-Dieters winzige, kirschkernartige Augen zu denken.

Stattdessen tat sie, was ihre Mutter immer geraten hatte: Sie drückte ihren Stolz tief hinein und suchte nach dem Inneren von Klaus-Dieter, denn das Innere zählt ja, wie Ursula zu sagen pflegte.

Aber so sehr sie auch suchte: Nix zu sehen.

Seine Seele blieb ihr ein verschlossenes Rätsel.

Also fuhren sie Richtung Standesamt dreißig Minuten noch bis zur Trauung, die Autofahrt würde in etwa so lang dauern. Sie waren natürlich etwas spät dran, weil Annika bis zuletzt gezögert hatte. Obs Angst oder Unsicherheit war, wusste sie selbst nicht mehr.

Doch da setzten wieder Mutter und Klaus-Dieter zum Doppeldruck an.
Hey, Meister, wandte sich Klaus-Dieter gönnerhaft an den Fahrer. Können Sie mal ein bisschen mehr auf das Gaspedal drücken? Wir sind spät dran.

Man konnte es ihm nicht verübeln.

Er wollte auf gar keinen Fall zu spät zu seiner eigenen Hochzeit kommen.

Aber am meisten freute er sich darauf, Annika ENDLICH in die Arme zu schließen und richtig zu küssen.

Vorher hatte er sich das nie getraut aber sehr bald, da würde ihn niemand mehr hindern können! Denn Annika gehörte dann ganz offiziell ihm.

Das war es, woran Klaus-Dieter in diesem Moment dachte. Annika hingegen hoffte insgeheim, dass der Fahrer langsamer fuhr.

Sie blickte ein paarmal fast flehend Richtung Himmel und wünschte sich, der Motor möge mitten auf der Bundesstraße kaputtgehen.

Je näher die Trauung rückte, desto weniger Lust hatte sie.

Sie hatte auch schon gewisse Wandlungen im Verhalten von Klaus-Dieter bemerkt.

Egal, wo sie waren und in letzter Zeit war er ziemlich offensiv mit dem Vorzeigen seiner Frau bei diversen Events, wie um sie allen Freunden zu präsentieren.

Seine Blicke sagten stets: Sieh hin und beneide diese wunderschöne Frau ist meine! Nur meine!

Annika dachte: Was, wenn ich nicht so hübsch wäre? Was, wenn er morgen zufällig eine noch hübschere trifft?

Fragen über Fragen und das war kein gutes Zeichen.

Sie fühlte sich einfach nicht wohl an seiner Seite.

Der Fahrer warf Klaus-Dieter einen Blick in den Rückspiegel zu und nickte.

Ein paar Sekunden später beschleunigte die Limousine sanft, und Annika musste sich ziemlich zusammenreißen, um nicht loszuheulen.

Was jetzt tun, WAS TUN? in ihrem Kopf herrschte Chaos.

Sie brauchte einen Grund. Einen wirklich guten Grund endlich aussteigen und nicht zur Trauung fahren.

Doch es fiel ihr einfach nichts ein.

Und dann

nach ein paar Minuten machte die Limousine ein scharfes Bremsmanöver, und zack! landet Klaus auf dem Teppich, vor ihr auf allen Vieren wie ein Hund.

Annika klammerte sich intuitiv an die Rückenlehne und blieb sitzen.

Sagen Sie mal, tickts noch richtig bei Ihnen? schnauzte Klaus-Dieter den Fahrer an. Wo haben Sie eigentlich Ihren Führerschein gewonnen, auf dem Oktoberfest?

Tut mir leid … Da ist gerade ein kleines Kätzchen auf die Straße gelaufen.

Was, und du kannst da nicht einfach drumrum fahren?

Es rennt hin und her. Völlig kopflos.

Dann solls halt rennen! Wenns unter die Räder kommt, selbst schuld. Hopp, weiter jetzt keine Zeit, auf eine Katze zu warten!

Wie kannst du sowas sagen, Klaus? empörte sich Annika.

Was denn? Wir kommen eh schon zu spät und jetzt riskieren wir alles wegen irgendeiner Straßekatze. Die Mutter wartet, die Gäste sowieso!

Wir MÜSSEN der Katze helfen!

Nein! Wir müssen zum Standesamt, fauchte Klaus-Dieter.

Annika runzelte die Stirn, drückte sich ans Fenster und versuchte, das Kätzchen zwischen den Autoreifen zu erspähen.

Sie sah es nicht.

Als der Fahrer wieder anfahren wollte, schrie sie plötzlich, öffnete die Tür und sprang aus dem Wagen mit Glück blieb ihr Absatz heil.

Annika! Wohin willst du? Halt! rief Klaus-Dieter, der ihr hinterherstolperte. Lass das gefälligst!

Annikas Gehör selektierte Klaus-Dieter in dem Moment aus.

Als er versuchte, sie festzuhalten, zog Annika entschlossen ihre Hand aus seinem Klammergriff.

Im strahlend weißen Brautkleid rannte sie zwischen den Autos herum versuchte, das Kätzchen zu fangen.

Als sie es endlich hatte, drückte sie das verängstigte Tier an sich, um es zu beruhigen. Das arme Ding zitterte so sehr, dass man Angst haben musste, sein Herz könnte gleich explodieren.

Annika! Was hast du da angestellt? tadelte Klaus-Dieter sie. Dein Brautkleid! Wie sieht das bloß aus? Was werden die Leute sagen, wenn sie dich so sehen? Daran hast du wohl nicht gedacht?

Ach, das Kleid wird schon sauber hauptsache, das Kätzchen lebt! konterte Annika. Es hätte sterben können. Tut das wirklich gar nicht leid?

Was, das Kätzchen? grinste Klaus-Dieter. Nö. Kein Stück.

Annika zog die Brauen hoch.

Aber dein Kleid tut mir leid; das hat schließlich einen Haufen Geld gekostet. Woran denkt man eigentlich, wenn man sowas macht?

Jetzt fing er auch noch an, ihr Vorhaltungen wegen des Geldes zu machen Annika schaute auf das pfiffige Kätzchen. Wusste ichs doch: Außen hui, innen pfui, der Herr Bräutigam!

Annika, Liebling, wir müssen jetzt fahren. Gib die Katze jemandem, der sie nimmt. Wir haben eine HOCHZEIT!

Ich geb sie aber nicht her. Das Tier hat genug gelitten. Wenn du willst, fahr du doch alleine zum Standesamt. Schade, dass ich erst jetzt gemerkt hab, wie du wirklich bist deine Seele ist echt morsch.

Was heißt hier alleine?! Bist du noch ganz bei Trost? Ich ruf sofort Ursula an, die wird dir mal ordentlich ins Gewissen reden.

Zu spät. Ich will dich nicht heiraten, Klaus-Dieter. Hier nimm deinen Ring zurück, mit Mühe zog Annika den Platinring mit Brillant vom Finger und warf ihn auf den Asphalt.

Während Klaus-Dieter und der Limo-Fahrer dem Ring hinterherhechelten, ging Annika mit dem Kätzchen zielstrebig zum Gehweg.

Kaum dort angekommen, vibrierte es in ihrer Handtasche.

Ob das wohl Klaus-Dieter war oder doch Ursula? Vermutlich beide.

Aber mit ihrem Ex (zum Glück!) oder gar mit ihrer Mutter wollte Annika jetzt partout nicht reden.

Sie wusste: Die beiden würden ihr diesen Schritt wieder ausreden wollen.

Außerdem hatte sie endgültig genug davon, die Marionette im Theaterstück anderer Leute zu spielen.

Annika, so wie das Kätzchen, hatte wirklich genug erlebt.

Jetzt wollte sie einfach eins: für sich selbst leben!

Schon als Kind hatte ihre Mutter ihr Kätzchen verbietet und ihr künftiger Ehemann versuchte gerade, sie zum Entsorgen der Katze zu überreden.

Dabei hätte er sie am liebsten noch zerquetschen lassen!

So einem Kerl wollte sie keinen Schritt mehr hinterherlaufen.

Annika, bleib stehen! hörte sie Klaus-Dieter keuchen. Sie drehte sich um, sah, wie er bereits auf sie zukeuchte, offenbar fest entschlossen, sie notfalls ins Auto zu zerren.

Annika wurde schneller. Dann rannte sie sogar.

Rennen im Brautkleid und hohen Schuhen ist keine gute Idee, aber sie hatte keine Wahl.

Gerade als Klaus-Dieter sie fast erwischt hatte, hielt neben Annika ein Auto, der Fahrer machte schwungvoll die Tür auf.

Steig ein, wenn du nicht willst, dass der Typ dich schnappt! grinste ein sympathischer Mann.

Annika blickte noch ein letztes Mal zu Klaus-Dieter, der prustend hinterherschlurfte, und sprang ohne Umschweife auf den Beifahrersitz.

Schon nach wenigen Sekunden war der Abstand zwischen ihr und dem perfekten Bräutigam doppelt so groß. Dann dreimal, viermal.

Kalte Füße bekommen? fragte der Fahrer. Ich hab den Streit grad zufällig gesehen. Ach so, ich bin übrigens Jens.

Annika. Ja, ich habs mir anders überlegt. Keine Ahnung, wo meine Augen waren, als ich Ja gesagt habe. Und wenn dieses Kätzchen nicht gerade heute zufällig auf der Straße gewesen wäre, hätte ich wohl mein ganzes Leben vermasselt.

Hübsches Tier. Also, die Katze.

Ja! Annika lächelte. Ich mochte sie gleich. Nur weiß ich jetzt nicht, was ich machen soll. Ich wohn ja noch bei meiner Mutter und sie duldet keine Tiere. Schon gar nicht nach der heutigen Aktion. Und abgeben kann ich sie auch nicht solange ich keine eigene Wohnung hab.

Wenn du willst, kann das Kätzchen erstmal zu mir. Ich wohn allein, große Wohnung stört mich nicht.

Ehrlich? Annika war sichtlich erleichtert. Und du wirfst es nicht einfach wieder raus?

Aber nein! Wer so ein niedliches Kerlchen rauswirft, muss echt ein Barbar sein. Und du kannst es jeden Tag abholen oder besuchen, wenn du willst am besten abends, ich arbeite.

Annika wusste nicht genau warum, aber sie vertraute Jens.

Vielleicht, weil er ihr zur Flucht verholfen hatte.

Oder weil er sie ganz einfach ansah nicht wie eine Trophäe, sondern wie einen Menschen.

Sie plauderten unterwegs, Annika merkte: Jens war ein anständiger Kerl.

Er brachte sie heim, fuhr mit dem Kätzchen weiter zu sich, hinterließ seine Nummer, falls Annika mal nach ihr schauen wollte.

Sie rief ihn tatsächlich noch am gleichen Abend an und kam samt Katzenfutter und Spielzeug spontan zu Besuch.

Ich dachte, das ist vielleicht ganz nützlich.

Danke, lachte Jens. Daran hatte ich gar nicht gedacht inzwischen hab ich schon zwei Pfützen unterm Bett …

Tee?

Gerne.

Annika und Jens wurden schnell gute Freunde.

Nicht nur, weil sie ähnliche Ansichten teilten sondern weil sie jetzt ein vierpfotiges, flauschiges Geheimnis verband.

Abends schaute Annika öfter vorbei; Jens erzählte gern, was das Kätzchen heute wieder angestellt hatte.

Und Annika hörte zu, lachte, schaute abwechselnd auf Jens und das Kätzchen und fühlte sich pudelwohl.

Jens, wie wärs mit Paulchen als Name? fragte Annika beim nächsten Besuch.

Finde ich gut. Ich wollte ihn auch schon so nennen. Na, kleiner, bist du einverstanden?

Miau! miaute das Kätzchen, schoss unters Sofa und betrachtete seine Menschen neugierig.

Wann werden die endlich zusammenziehen?, wunderte sich Paulchen still und jagte weiter seine erste Stoffmaus.

Auch Jens dachte da längst drüber nach. Seit Annika die Hochzeit abgesagt hatte, waren etwa sechs Wochen vergangen.

Sie suchte zwar eifrig nach einer Wohnung (Katzenfreunde!), hatte aber kein Glück.

Eines Tages schlug Jens vor, dass Annika samt Paulchen bei ihm einzieht.

Und Annika sagte Ja. Bei Mutter Ursula, die ihr den Ausbruch immer noch nicht verzieh, war das Wohnen eh nicht mehr auszuhalten.

Zumal auch Klaus-Dieter nicht lockerließ und wieder ankam Annika versteckte sich dann einfach in ihrem Zimmer.

Ihren Job musste sie auch aufgeben Sie können sich denken, warum.

Klaus-Dieter war keiner, der locker ließ.

Ich will! sagte Annika strahlend zu Jens.

Dieses Mal war es auf einen Heiratsantrag. Ein halbes Jahr nach ihrem Zusammenzug.

Die Hochzeit war klein, nur im engsten Kreis. Und natürlich mit Paulchen als Ehrengast.

Ursula ließ sich nicht blicken und meldete sich auch sonst nie wieder. Aber das war ihre Sache.

Annika, Jens und Paulchen waren jedenfalls glücklich, dass sie sich in diesem großen, verrückten Land gefunden hatten.

So war das.

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Homy
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