Als Kind träumte ich davon, endlich erwachsen zu sein dann könnte ich tun und lassen, was ich will: essen, was mir schmeckt, ins Bett gehen, wann ich möchte, rausgehen, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Heute muss ich über mein kleines, naives Ich lachen. Die Realität hat mich am Tag erwischt, an dem ich zum ersten Mal allein in einer Wohnung in München gewohnt habe: putzen, kochen, Miete zahlen, Rechnungen, Einkaufen… und das alles mit einem Gehalt, das gerade den Lebensstandard einer studentischen WG ermöglichte. Ich dachte, Freiheit heißt entscheiden, was ich zum Abendbrot esse. Dass sie eigentlich bedeutet, Münzen zusammenzuzählen und zu überlegen, ob sie für Reis und Spülmittel zugleich reichen, hat mir niemand verraten.
Eines Tages ist mir aufgefallen, dass ich wochenlang nicht mehr ruhig gefrühstückt habe. Ich bin aufgestanden, habe geduscht, das Bett irgendwie gerichtet und bin zur Bushaltestelle gehetzt. Unterwegs fiel mir ein, dass ich noch auf einen Arbeits-Mail antworten, das WLAN zahlen und mein Girokonto überprüfen muss abenteuerlich, wie nah am Limit ich jedes Mal bin. Die Erwachsenen-Freiheit entpuppte sich als To-Do-Liste und nicht, wie erhofft, als erfüllter Traum.
Wenn ich dann abends heimkam, fiel die Müdigkeit auf mich wie eine Dachziegel von oben. Ich öffnete den Kühlschrank und hoffte, hier hätte irgendetwas im Alleingang gekocht dem war nie so. Also: Spülen, Schneiden, Kochen, nochmal Spülen. Für das Abendessen gab es oft einfach Brot mit Gouda nur, um den Pfannen nicht zu begegnen. Doch selbst dann war von Abschalten keine Spur, denn mein Kopf flüsterte: Die Wasserrechnung ist hoch, ich muss den tropfenden Wasserhahn prüfen, die Klamotten von heute Morgen fangen an zu müffeln, weil sie seit Stunden in der Waschmaschine liegen.
Meine Freundinnen Sabine, Anneliese, und Jutta wiederholten unermüdlich: Lass uns doch mal treffen! Aber jedes Mal stand einer auf dem Abstellgleis: Überstunden, kranke Verwandte, leeres Portemonnaie, Ausgelaugtsein. Als Teenager trafen wir uns beinahe täglich, mittlerweile verging ein Monat, ohne dass wir uns gesehen haben. Und wenn wir uns dann endlich beim Italiener um die Ecke in Berlin wieder trafen, drehten sich die Gespräche um Müdigkeit, Rechnungen und Rückenschmerzen. Frisch aus der Uni, klangen wir wie Rentnerinnen mit achtzig.
Das Schlimmste war, zu begreifen, dass es echte Erholung gar nicht gibt. Selbst das Wochenende ist eine Liste voller Aufgaben: Waschen, Putzen, Wochenplan erstellen, Einkaufen, irgendetwas reparieren, das garantiert im falschen Moment kaputtgeht. An einem Samstag ertappte ich mich dabei, wie ich beim Bodenwischen fast losheulte Selbst wenn ich frei habe, habe ich keine Freiheit. Als Kind nannte ich das Freiheit, jetzt erledige ich einfach alles, was die Erwachsenen damals für mich gemacht haben nur ohne jemanden, der mir hilft.
Und die Arbeit? Nun. Ich dachte, dass Arbeit Erfüllung bringt. Niemand hat mir erzählt, dass das auch heißt, zu lächeln, wenn man keine Lust darauf hat, dumme Bemerkungen zu ertragen, ständig wechselnde Ziele zu jagen, und zuzusehen, wie ein Großteil des Gehalts für Dinge draufgeht, die man nie sieht. Einmal saß ich und rechnete, ob ich mir ein Mittagessen leisten kann oder lieber die Karte für die S-Bahn kaufe. Das sagt einem niemand im Kinderzimmer. Keiner erklärt einem das Leben als Erwachsenen als Endlosschleife von Kopfrechnen mit Euros.
Erwachsen werden? Ich dachte, das sei Freiheit. Eigentlich ist es ein seltsames Gleichgewicht zwischen chronischer Müdigkeit, Verantwortung und ab und zu einer winzigen Verschnaufpause.



