Der Bauch fing schon in der letzten Vorlesung an zu schmerzen. Übelkeit kam dazu, und vor den Augen flimmerte es schwarz. Eigentlich müsste ich es irgendwie noch aushalten … Doch die Schmerzen wurden stärker, und Franziska lag schon halb auf der Seite und presste mit den Fingern ihrer linken Hand auf die schmerzende Stelle.
Sie hob die Hand, verließ leise den Hörsaal. Natürlich hatte sie erwartet und war im Grunde vorbereitet auf diese Tage, doch gerade heute hatte sie die Tabletten vergessen und auch bei Maria waren keine zu holen.
Na ja, nur noch diese eine Vorlesung, dann rasch in den Bus und weiter zum Hauptbahnhof. Zu Oma für das Wochenende. Dort am Bahnhof gibt es eine Apotheke. Und danach etwas mehr als eine Stunde mit der Regionalbahn, und sie ist bei Oma. Und Oma … bei der ist alles gleich viel besser.
Die Vorlesung schien heute endlos lang. Franziska war völlig am Ende. Die Schmerzen wurden schlimmer. Doch endlich war die Quälerei des Stillsitzens vorbei, und sie stolperte aus dem Universitätsgebäude hinaus.
Draußen empfing sie Schmuddelwetter eine Mischung aus Schnee und Regen. Die Mutter hatte es gesagt: “Zieh die Winterjacke an!” Aber nein, sie musste unbedingt leicht bekleidet raus. Und jetzt fast Winter. Die Jacke zu kurz, die Jeans zu dünn … Ach, könnte ich doch jetzt einfach bei Oma sein!
Draußen wurde der Schmerz etwas schwächer, er verzog sich wie in einen Hinterhalt, lauerte, bereit für den nächsten Ansturm. Natürlich kam und kam der Bus nicht. Franziska bekam nasse Füße.
Beim Warten setzte der Schmerz wieder mit voller Kraft ein. Ein neuer Angriff, wie richtige Krämpfe. Die Leute hasteten durch das Schneegestöber, jeder mit seinem Kram beschäftigt, drängelten an der vor Schmerzen erstarrten Studentin vorbei. Ihr war zum Heulen zumute …
Im Bus gab es keinen Sitzplatz. Es wurde schwarz vor Augen. Aber als junge Frau schämt man sich, jemanden um einen Sitzplatz zu bitten, und Franziska hielt tapfer durch.
Schon kamen die Zweifel: “Hoffentlich ist … hinten alles in Ordnung.” Sie drehte sich mit dem Rücken zum Fenster. Durch den Bodenzug in der Bus wurde ihre Beine eisig kalt. Sie wollte nur noch zu Oma.
Am Bahnhof war der Apotheken-Kiosk geschlossen. Bis zur Regionalbahn waren es noch etwa 40 Minuten. Franziska setzte sich auf eine der Bänke in der Bahnhofshalle, beugte sich nach vorne und drückte ihre Tasche fest an den Bauch, das half etwas gegen den Schmerz. Sie tat so, als ob sie auf der Tasche schlafen würde. In Wahrheit presste sie die Tasche so fest gegen die schmerzende Stelle, zählte bis hundert und versuchte, ruhig zu atmen.
Stell deine Füße hoch, mitsamt der Tasche!, hörte sie plötzlich eine Stimme.
Eine Reinigungskraft wischte gerade im halb leeren Wartesaal den Boden.
Ich kann nicht!
Warum denn nicht?
Mir tut der Bauch weh
Soll ich vielleicht den Rettungsdienst holen?, fragte die Putzfrau mitleidig, offensichtlich ganz verständnisvoll.
Nee, ich schaff das schon…
Genauso verkrampft, die Zähne zusammengebissen vor Schmerz, fuhr sie später in der Regionalbahn weiter.
Wie sie schließlich zu ihrer Oma nach München kam, weiß sie gar nicht mehr so recht.
Die Oma erkannte gleich beim Anblick ihrer durchnässten Enkelin, den dunklen Augenringen, der Stirn voller Falten, dem Frösteln was los war.
Omi, gib mir bitte Buscopan!
Komm erst mal rein, setz dich. Zieh alles aus, du bist ja komplett durchnässt.
Und dann begann das, was nur Omas können: dieses kleine Paradies der Fürsorge.
Immer noch Nylonstrumpfhosen! Und keine Socken!, schimpfte sie liebevoll, während sie sich um Franziska kümmerte.
Oma, warum müssen wir Frauen das alles ertragen?
Tja Kind, bis ich geheiratet habe, wars bei mir genauso, danach wurde es besser, beruhigte sie die Enkelin.
Und schon steckte Franziska in kratzigen Wollsocken, einem langen T-Shirt, Omas kariertem Flanellbademantel und in deren geliebtem, selbst gestricktem dunkelgrünen Schal.
Und die Tabletten? rief sie aus dem Bad.
Erst mal drei Löffel heiße Hühnersuppe, los, auch wenn du nicht magst.
Beim Tisch stellte die Oma schon die ersehnten Tabletten neben die Suppenschüssel, rührte in einem Glas irgendein medizinisch saures Heißgetränk und goss einen Tee aus handverlesenen Kräutern auf.
Hühnersuppe, Medizin und Omas liebevolle Fürsorge zeigten bald Wirkung: der Schmerz ließ nach, Schweiß brach aus, und sogar der Schal war nicht mehr nötig. Oma rieb ihr noch den Bauch mit irgendeiner Salbe ein und sprühte etwas Medizinisches in den Mund.
Am liebsten wäre Franziska direkt am Küchentisch eingeschlafen. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss das Glück.
Doch das Glück hörte nicht auf. Es erwartete sie in Omas Federbett und zwischen weichen Kissen. Sie fiel auf das Bett wie ein Sack voller Steine, und als Oma die Decke von allen Seiten ordentlich hineinsteckte, konnte Franziska sich kaum mehr bewegen.
Kurz vorm Einschlafen ging ihr durch den Kopf:
“Ich will gar nicht heiraten! Niemand auf der Welt kann so lieben wie unsere Omas.”



