Vor kurzem wurde ich siebzig Jahre alt. Wie es der Zufall wollte, hat meine Frau ihren Geburtstag nicht erlebt sie ist verstorben. Am Tag der Feier war ich von meinen drei Söhnen umgeben ihren Ehefrauen und meinen Enkelkindern. Mein ganzes Leben habe ich mir eine Tochter gewünscht, und jetzt bitte ich meine Kinder um eine Enkelin. Sie versprechen es mir mit einem Lächeln.
Am nächsten Morgen gehe ich zum Friedhof, um meine verstorbene Frau zu besuchen. Dort treffe ich die Ehefrau meines alten Freundes auch er ist kürzlich gestorben. Wir beginnen zu sprechen, schweifen in Erinnerungen an unsere Jugend ab. Wir setzen uns in ein kleines Café, und sie beginnt mich auszufragen.
Du hattest früher eine Beziehung mit einer Frau aus Sachsen. Warum hat es damals nicht geklappt?
Damals war es anders. Ihre Eltern wollten, dass sie einen Sachsen heiratet, und ich bin Bayer.
Hast du Kontakt zu deiner Tochter?
Welche Tochter?
Ja, welche Tochter? Deine Tochter heißt Lieselotte. Deine Freundin, als sie erfahren hat, dass sie schwanger war, haben ihre Eltern sie ins Dorf geschickt. Sie hat erfahren, dass du mit einer anderen Frau verheiratet bist und hat dir nichts gesagt.
Völlig aufgelöst eile ich nach Hause. Ich weiß nicht, wie ich es meinen Kindern erzählen soll; ich fürchte, sie werden mich verurteilen, weil ich meine Tochter suchen will.
Doch meine Kinder stehen mir zur Seite. Sie sagen, sie hätten immer von einer Schwester geträumt. Wir beginnen die Suche. Es stellt sich heraus, dass meine sächsische Tochter in Hamburg lebt. Die Suche wird leichter, denn wir kennen ihren Namen und ihren Nachnamen. Zu jener Zeit war ich krank, sehr krank. Ich war sicher, dass ich es schaffen würde.
Eine Woche später erwache ich in meinem Zimmer. Neben mir liegt ein Mann.
Du hast gute Arbeit geleistet, du hast es geschafft.
Ich musste, ich suche meine Tochter. Alle warten auf mich zu Hause.
Ich habe bemerkt, dass deine bayerische Familie nicht von hier wegzieht die Ärzte klagen schon, weil deine Verwandten täglich unter deinem Fenster stehen. Übrigens, sie sind gerade da.”
Der Mann hilft mir zum Fenster. Meine Kinder, deren Ehefrauen, meine Enkel, eine alte Frau und ihre Tochter stehen vor dem Fenster, und ein hübsches Mädchen mit schwarzen Haaren rennt hin und her.
Mensch, das ist meine Enkelin! Ich habe eine Enkelin!Der Mann lächelt und nickt mir zu. Ich öffne das Fenster, und der Jubel draußen trägt einen Windstoß voller Leben in mein Zimmer. Die kleine Enkelin winkt mir eifrig zu, ihre schwarzen Haare glänzen in der Sonne. Plötzlich geben meine Beine nach, aber meine Hände sind fest am Fenstersims ich will jeden Moment aufsaugen.
Mein ältester Sohn ruft: Papa, komm das ist Lieselottes Tochter, sie will dich kennenlernen! Die alte Frau aus dem Café schiebt Lieselotte nach vorn. Ihre Augen begegnen meinen, und in ihnen sehe ich Jahre von Sehnsucht, Zweifel, aber auch Hoffnung. Wir lächeln uns an, und ohne ein weiteres Wort weiß ich, dass etwas Unausgesprochenes zwischen uns zu einem Band geworden ist.
Mein Herz schlägt laut, und all die Verluste, die Trauer und die verpassten Jahre fügen sich zu einem unerwarteten Frieden. Zu sehen, wie meine bayerische und sächsische Familie sich umarmen, wie alte Geschichten und neue Zukunft zusammenfließen, lässt mich erkennen: Familie ist kein Name, kein Ort, sondern eine Brücke, die manchmal erst im letzten Sommer des Lebens geschlossen wird.
Willst du mich mal drücken? frage ich die kleine Enkelin. Sie stürmt ins Haus, rennt die Treppe hoch und wirft sich lachend in meine Arme.
Für einen Moment ist alles vollkommen.





