Brief ohne Absender

Brief ohne Adresse

Ich fand den Brief in einer alten Kiste, zwischen Quittungen und Garantieurkunden, als ich nach der Renovierung das obere Regal über dem Flur aufräumte. Der Umschlag war nicht verschlossen, ohne Briefmarke, ohne Postleitzahl. Auf der Vorderseite nur ein krakelig geschriebener Satz: Für Irmgard Schulte. Persönlich. Kein Nachname, keine Straße. Erst hielt ich es für einen albernen Streich oder einen Entwurf, der zufällig in unsere Wohnung geraten war. Aber der Brief war echt, geschrieben auf zwei Seiten linierten Schulheftpapiers, viermal gefaltet.

Die Handschrift erkannte ich nicht. Innen stand in schlichten Worten: Frau Schulte, falls Sie noch leben, verzeihen Sie, dass ich so spät schreibe. Ich hätte es Ihnen 1987 sagen müssen, aber ich habe mich nicht getraut. Ihr Mann hat damals den Zug nicht verpasst. Er ist nicht gefahren, weil er mich getroffen hat. Ich habe ihn um Hilfe gebeten, und meinetwegen war er dann an dem Ort, wo es passiert ist. Sie konnten Ihr Leben lang etwas anderes glauben. Aber es stimmt nicht. Wäre ich nicht zu ihm gegangen, hätte er den Zug noch erwischt. Verzeihen Sie.

Darunter stand die Unterschrift: Andreas, Sohn vom Karl aus dem sechsten Haus. Und das war alles.

Ich setzte mich direkt auf den Hocker im Flur. Irmgard Schulte war unsere Nachbarin von unten gewesen. Sie lebte dort schon, als ich noch mit meinen Eltern dort wohnte. Eine leise Frau, immer in dunkler Strickjacke, das Haar ordentlich geflochten. Ihr Mann kam ums Leben, als ich ungefähr zehn war. Die Erwachsenen flüsterten, es sei ein Unfall gewesen. Später hieß es, er hätte seinen Zug verpasst, wäre umgekehrt, und auf der Baustelle sei dann eine Platte auf ihn gefallen. Ich verstand damals kaum etwas, behielt aber im Kopf, wie Frau Schulte jahrelang aus dem Küchenfenster in den Hof blickte und mit kaum jemandem sprach.

Das Merkwürdige war: Unser Haus wurde vor zwölf Jahren abgerissen. Alle wurden umgesiedelt. Meine Eltern zogen in einen anderen Stadtteil, dann starben sie. Die Wohnung fiel mir zu. Aus ihren Sachen hatte ich den Umschlag hervorgezogen. Wie er überhaupt zu uns gekommen war, wusste ich nicht.

Ich zeigte den Brief meinem Mann. Er las ihn und meinte nur:

Schmeiß ihn weg. Wozu brauchst du das?

Ich weiß nicht. Aber wenn sie noch lebt, sollte sie ihn bekommen.

Und wenn nicht?

Dann will ich wenigstens wissen, wer ihn gebracht hat.

Er zuckte die Schultern. Für ihn war das eine alte, fremde Geschichte. Aber mich ließ sie nicht los. Wahrscheinlich, weil ich Irmgard Schulte noch so gut in Erinnerung hatte. Sie hatte keine Kinder, Verwandte haben wir nie gesehen. Nach der Umsiedlung war sie verschwunden, wie Nachbarn eben manchmal verschwinden. Man lebt zwanzig Jahre Seite an Seite, weiß, wie der andere hustet, wann er den Müll rausbringt und plötzlich weiß man nicht mal mehr, in welchem Viertel er sein Leben verbringt.

Ich fing einfach an. Rief meine ehemalige Nachbarin, Tante Ilse, an, die ein bemerkenswertes Gedächtnis für sämtliche Hausbewohner hatte. Sie überlegte lange, sagte dann:

Irmgard wurde wohl nach Berlin-Buch oder vielleicht Marzahn versetzt. Nein, warte, ich glaube, ich habe irgendwo ein Notizbuch mit Nummern.

Am nächsten Tag rief sie zurück und diktierte mir eine Berliner Festnetznummer, notiert unter Irmgard S., neue Whg. Ich wählte nicht vergeben.

Dann fuhr ich zu unserem alten Hof, beziehungsweise dorthin, wo er einmal war. Jetzt standen dort zwei neue Wohnhäuser, ein Café und eine Paketstation. Drei alte Pappeln standen noch an der Parkplatzecke. Ich blieb kurz stehen, als könnte das irgendetwas ändern, und betrat schließlich den kleinen Lebensmittelmarkt nebenan. An der Kasse saß eine Frau um die sechzig, ich fragte vorsichtshalber, ob sie wisse, ob hier früher jemand aus alten Zeiten arbeite. Sie rief den Wachmann, der sich tatsächlich als Sohn der Hausmeisterin aus unserem Haus entpuppte. Mich erkannte er nicht, aber den Namen meiner Eltern erinnerte er sofort.

Irmgard Schulte? Ich glaube, sie lebt noch. Sie kam nach Rangsdorf, nicht nach Buch. Meine Mutter hat irgendwo noch Kontakt zu ihrer neuen Nachbarin, sie schickten sich mal Weihnachtskarten.

Ich wunderte mich selbst, warum ich mich so in diesen Umschlag verbissen hatte. Aber ich konnte nicht aufhören. zwei Tage später bekam ich eine Adresse von einer Frau, die auf derselben Etage wohnte wie Irmgard Schulte in ihrem neuen Haus. Ich rief an. Die Frau war erst misstrauisch, dann wurde sie freundlicher.

Irmgard lebt noch. Sie läuft schlecht, aber schafft alles allein. Sagen Sie bitte erst, wer Sie sind und was Sie wollen. In letzter Zeit gibts viel komisches Zeug.

Ich sagte die Wahrheit: Dass ich damals eine Etage höher gewohnt hatte, jetzt den Brief gefunden hätte, und nicht wüsste, ob ich ihn überhaupt vorbeibringen sollte.

Am anderen Ende war es kurz ruhig.

Bringen Sie ihn. Aber lieber nicht abends.

Ich fuhr am Samstag, fast zwei Stunden mit S-Bahn und Bussen. Das neue Haus war hoch, eher unauffällig. Der Eingang sauber, auf der Fensterbank eine Plastikblume, vor dem Fahrstuhl stand ein kleiner Kinderroller. Ich erwartetet unbewusst etwas vom alten Haus zurückzusehen natürlich war nichts davon erhalten.

Irmgard Schulte öffnete die Tür selbst. Ich erkannte sie nicht sofort. Sie war klein und schmal geworden, aber ihr Blick war derselbe: aufmerksam und irgendwie schon vorsichtig. Ich nannte meinen Namen, erinnerte an meine Eltern. Sie nickte und sagte:

Kommen Sie rein. Ich erinnere mich noch an Ihre Mutter. Sie hat sonntags immer Kohlpudding gebacken.

Bei ihr war es ordentlich. Auf dem Tisch eine Zeitung, daneben eine Brille im Etui, auf der Fensterbank Pelargonien. Ich hielt ihr den Umschlag hin und hatte sofort das Gefühl, jemandem eine fremde Schuld gebracht zu haben, die der Mensch längst gelernt hatte, allein zu tragen.

Ich habe ihn bei den Papieren meiner Eltern gefunden, sagte ich. Ich weiß nicht, wie er dahin kam.

Sie nahm den Umschlag, sah erst die Aufschrift an und öffnete ihn einige Sekunden nicht. Dann fragte sie:

Haben Sie ihn gelesen?

Ich hätte lügen können, tat es aber nicht.

Ja.

Das ist richtig so. In meinem Alter sollte man für keine Geheimnisse mehr spielen.

Sie las den Brief langsam, zweimal. Sie weinte nicht, stöhnte nicht auf. Sie legte die Blätter auf den Tisch und strich sie glatt, als sei es eine Telefonrechnung.

Ich wusste, dass damals etwas nicht gestimmt hat, sagte sie. Nicht das hier aber überhaupt.

Ich schwieg.

Mir wurde gesagt, er hätte den Zug verpasst. Aber er hat nie Züge verpasst. Nie. Er ging immer früh los, war stets der Erste, auch wenn er bis in den anderen Stadtteil musste. Ich habe es zigmal wiederholt, alle sagten mir, er hätte sich eben aufgehalten, sei vielleicht abgelenkt gewesen. Möglich. Aber nicht bei ihm.

Sie stand auf, holte ein altes Foto aus dem Schrank. Ein Mann im kurzärmeligen Hemd, sehr ernst, daneben die junge Irmgard Schulte, noch vollschlank, mit schrägem Lächeln, als höre sie gerade ihren Namen rufen.

Deshalb habe ich nie wirklich geglaubt, was man mir erzählt hat. Er war jemand, der, wenn er sagte, er nehme den Zug um 14:20 Uhr, pünktlich da war. Jahre habe ich gedacht, man hat mir nur gesagt, was bequem war. Ein Unfall und fertig. Aber offenbar trug jemand daran fast vierzig Jahre.

Ich fragte, ob sie Andreas, den Sohn von Karl aus dem sechsten Haus, kannte. Sie schmunzelte sogar.

Na klar. Der Rothaarige. Später hat der eine Ausbildung gemacht. Sein Vater war oft mit meinem Mann angeln. Dann war ers also.

Und dann wurde es unangenehm. Sie hatte schon einmal einen Versuch erhalten, diesen Brief zu bekommen. Vor etwa fünfzehn Jahren klingelte mal jemand, aber sie machte nicht auf. Später fand die Nachbarin eine Notiz im Briefkasten: Irmgard, ich muss Ihnen etwas über Johann sagen. Ohne Unterschrift. Damals war sie noch geschwächt nach einem Krankenhausaufenthalt, hatte hohen Blutdruck, war schwindlig. Sie nahm an, es seien Schwindler oder Verrückte und warf den Zettel weg.

Im Nachhinein sehe ich, dass jemand es wirklich versucht hat.

Wir unterhielten uns in der Küche weiter, das Gespräch glitt vom Brief zum Alltag. Sie erzählte, wie schwer sie sich nach der Umsiedlung mit dem neuen Haus tat, wie sie im alten jede Stufe kannte und jetzt alles gleich aussieht. Die Rente reicht gerade so, aber Beschweren schiene ihr peinlich, anderen gehe es schlimmer. Die Nachbarin bringt Medikamente. Dann sagte sie:

Sie fragen sich bestimmt, wozu das jetzt noch?

Ich war ehrlich:

Doch, schon.

Weil du irgendwann so oft hören musst, dein Mensch sei irgendwie selber schuld, dass du nur noch mit dir selbst streitest und daran ermüdest. Und jetzt steht es da. Ich habe es nicht erfunden.

In diesem Moment wusste ich, warum ich mich mit dem Umschlag auf den Weg quer durch die halbe Stadt gemacht hatte.

Beim Verabschieden bat sie, den Brief behalten zu dürfen. Im Flur fragte sie dann:

Wie, glauben Sie, ist er eigentlich zu Ihnen gekommen?

Da fiel mir eine kleine Sache wieder ein: Mein Vater half oft den Nachbarn mit Formularen, Schreiben, Beschwerden, Briefen. Er hatte eine schöne Handschrift und viel Geduld. Vielleicht hat dieser Andreas ihn gebeten, den Brief weiterzuleiten und durch den Tod meines Vaters, den Umzug, das Aufräumen kam alles durcheinander. Der Umschlag landete unbeachtet in der Kiste und blieb dort über zehn Jahre.

Ich erzählte Irmgard Schulte davon. Sie nickte.

Das würde passen. Ihr Vater war zuverlässig.

Hier hätte alles enden können, aber es kam anders. Eine Woche später rief Irmgard Schulte mich an ihre Stimme fest, fast geschäftsmäßig.

Ich habe ihn gefunden.

Wen?

Andreas. Über meine Nachbarin. Deren Neffe arbeitet im Amt in dem Ort, wo Andreas einen Garten hat. Die Welt ist klein.

Ich war überrascht.

Und?

Er kommt am Dienstag. Er hat gefragt, ob ich das will. Ich fände es gut, wenn noch jemand dabei wäre. Sind Sie da?

Ich bat um halben Tag Urlaub und fuhr hin. Andreas war kein rothaariger Junge mehr, sondern ein schwerer Mann um die siebzig, mit einer Tüte Äpfel in der Hand und so viel Unsicherheit im Blick, dass man kaum hinschauen mochte. Kaum saß er, fing er an, sich zu entschuldigen, doch Irmgard Schulte bremste ihn.

Setzen Sie sich erst. Sonst reden Sie zu viel durcheinander.

Sie saßen sich wortlos lange gegenüber am Küchentisch, ich fühlte mich fehl am Platz, aber ich blieb.

Andreas berichtete stockend. Damals sei er neunzehn gewesen. Sein Vater stürzte vom Schuppendach und brach sich ein Bein. Zuhause war niemand, die Mutter auf Schicht. Auf dem Weg zum Bahnhof bat er Johann, Irmgards Mann, um Hilfe, den Vater zum Auto des Nachbarn zu bringen. Johann half, sagte dann, er käme ohnehin zu spät zum Zug, gehe über die Baustelle, das sei kürzer zum Bus. Danach geschah alles sehr schnell. Andreas erfuhr noch am selben Tag vom Tod, hatte Angst, schuld zu sein. Die Angst wurde größer, als er Irmgard auf der Beerdigung sah. Dann heiratete er, zog weg, begann zu trinken, hörte auf, wurde krank, und immer schob er das Gespräch vor sich her, das nie stattfand.

Irmgard Schulte hörte ausdruckslos zu. Nur einmal fragte sie:

Warum sind Sie nicht wenigstens nach einem Jahr gekommen, oder nach fünf?

Er sagte ehrlich:

Weil die Scham von Jahr zu Jahr nur größer wurde.

Kein großes Versöhnen, keine Worte wie aus dem Bilderbuch. Sie vergab ihm nicht, sagte nicht, dass sie alles verstehe. Fragte nur, ob sein Vater noch lebe. Er verneinte. Dann schenkte sie uns Tee ein, stellte einen Teller Gebäck auf den Tisch. Nichts Besonderes Tee, ein paar Kekse, eine gewöhnliche Küche aber das Gespräch war so schwer wie selten. Niemand sah den anderen an, alle blickten aufs Wachstuch.

Als Andreas gegangen war, blieb Irmgard Schulte lange im Flur stehen, hielt sich an der Tür fest. Ich fragte, wie es ihr gehe.

Es geht, sagte sie. Jetzt geht es.

Ich half beim Abwaschen, wischte den Tisch. Der Brief lag neben der Zeitung. Nicht mehr wie ein fremdes Stück Schuld, das versehentlich ins Haus gekommen war, sondern wie ein Dokument, das endlich angekommen war.

Bevor ich ging, räumte Irmgard den Umschlag behutsam in eine Schublade und sagte:

Seltsam. So viele Jahre ging der Brief ohne Adresse und kam doch an.

Seitdem telefonieren wir manchmal. Nicht oft, ohne großes Gefühlsduselei. Ich bringe ihr Futter für die Hofkatzen vorbei, wenn ich in die Richtung komme. Sie fragt, wie es meinen Kindern geht und ob mein Rücken nach der Arbeit am Computer noch hält. Und an diesen Umschlag denke ich gelegentlich, wenn ich wieder mal eine Kiste voller vermeintlich nutzloser Papiere sortiere. Von außen sieht es wie Gerümpel aus, das man jahrelang herumräumt. Aber manchmal liegt darin ein unausgesprochener Teil einer Geschichte, auf den jemand ein halbes Leben gewartet hat.

Ich habe für mich gelernt, dass selbst Dinge, die scheinbar keinen Zweck mehr erfüllen, für jemanden einen tiefen Sinn bedeuten können und dass auch Briefe ohne Adresse manchmal ihr Ziel erreichen.

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Homy
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