Das erstaunliche deutsche Leben

EIN WUNDERBARES LEBEN

Bei der Hochzeit meiner Freundin Mathilda feierten wir zwei Tage lang: ausgelassen, reichlich und mit großer Freude. Der Bräutigam war so charmant wie Alain Delon und beeindruckend bescheiden trotz seines außergewöhnlich attraktiven Äußeren. Das gesamte Gästeensemble betrachtete Heinrich verstohlen: himmelblaue Augen, für einen Mann fast unverschämt lange und dichte schwarze Wimpern (warum schenkt die Natur das nur Männern, zum Teufel?), ein entschlossener Kiefer, eine klassische Nase und samtweiche Haut mit einem Anflug von Sonnenschutz. Noch ein letzter Treffer: fast zwei Meter groß und breite Schultern. Wären wir nicht so loyal zu Mathilda, hätten wir uns wohl alle um diesen prächtigen Mann am Hochzeitstisch gestritten. Heinrich war wirklich ein Glücksgriff.

Na, was für ein Prachtexemplar hast du dir da geschnappt! stürmten wir auf Mathilda los. Jede von uns bemühte sich, das unglücklichste und einsamste Gesicht zu ziehen, falls Heinrich noch ähnlich schöne ledige Verwandte hätte.

Mädels, ach was, lächelte Mathilda. Ich habe Heinrich wegen seiner Ehrlichkeit und seiner bodenständigen Art glücklich geliebt. Er kommt aus einem Dorf, wuchs bei seiner Großmutter auf und führt den Hof mit viel Geschick. Wir haben uns durch Zufall kennengelernt als meine Eltern ihr Wochenendhaus in seinem Dorf kauften. Er ist sensibel, zuverlässig und fleißig. Ein richtiger Mann, sage ich euch! Es war schwer, ihn zu überzeugen, mit mir in die Stadt zu gehen etliche Nächte gingen für unsere Gespräche drauf.

Heinrich zeigte sich nicht nur geschickt im Umgang mit der neuen Familie, sondern auch im Beruf: innerhalb weniger Jahre lernte er viel über edle Getränke, Düfte, Politik, Kunst, Reisen, den DAX, Sport und legte seinen regionalen Dialekt ab. Er setzte sich ans Steuer eines bequemen Wagens, den der frischgebackene Schwiegervater bereitgestellt hatte, und bekam außerdem eine sehr respektable Position natürlich beim selben Schwiegervater. Wer die junge Familie mit der Wohnung beschenkt hat, sage ich nicht; das könnt ihr euch selbst denken.

Im zweiten Jahr der Ehe offenbarte Heinrich eine Schwäche für weiße Socken. Ausschließlich in strahlend weißen Socken bewegte er sich durchs Haus und zu Besuch, ohne Hausschuhe, trug sie sogar in Gummistiefeln und stand mutig ohne Schuhe auf schmutzigem Flur. Diese Liebe zu weißen Socken teilte Mathilda nicht, aber sie wischte ergeben zweimal täglich die Böden und kaufte Bleiche. So bekam Heinrich seinen Spitznamen: Socke.

Dass Heinrich eine Geliebte hatte, erfuhr Mathilda im achten Schwangerschaftsmonat. Die Geliebte war jedoch ebenfalls schwanger in exakt gleichen Wochen. Socke wurde aus dem Haus geworfen, entlassen, verflucht und noch am selben Tag beweint. Danach folgten zähe, klebrige Herbsttage voller Tristesse. Mathilda lag meist auf dem inzwischen riesig erscheinenden Bett und betrachtete schweigend die Decke mit trockenen Augen:

Ich weine später. Jetzt ist das für das Baby nicht gut.

Mathilda lag stumm wie Lenin im Mausoleum auf ihrem blöden Bett. Wir, wie treue Wachen, wechselten uns an ihrer Seite ab, um die Freundin mit Schweigen zu unterstützen.

Wir würden am liebsten schluchzen, das Buch des Schicksals aufschlagen und die Seiten der Verräter herausreißen. Doch wir mussten schweigen und warten.

Bei der Entlassung aus der Klinik lärmten wir, schüttelten Luftballons, bettelten das Personal um eine Tasse Tee an und wollten mit ihnen zusammen in die Abendsonne zu Bären und Zigeunern ziehen wünschten allen Glück und Gesundheit. Der frischgebackene Opa übertraf alle: Er schlich sich am Tag zuvor, voller Emotionen und mit dem Versprechen an die Pflegerinnen, alles wieder gut zu machen, unter Mathildas Fenster und schrieb mit Kreide eine riesige krumme Botschaft: Danke für meinen Enkel! Dann versuchte er zu singen, wurde aber von der Security gestoppt. Der Security-Mann zeigte sich anschließend sehr freundlich und lud den glücklichen Großvater zu einem Umtrunk in sein Kabinett ein ganz ohne Störung des öffentlichen Friedens.

Am Tag der Entlassung war der Opa frisch, lebendig und, wie ich mich erinnere, erstrahlte sogar. Er weinte vor Glück und Stolz genau richtig und von Herzen. Wir weinten und lachten, küssten Mathilda, blickten scheu ins blaue Kuvert und schwiegen bewusst über das klassische Näschen von Papa bei dem kleinen Karl. Nur Mathilda weinte selbst in diesen Momenten nicht:

Später. Man weiß ja nie, wie sich das aufs Stillen auswirkt.

Mathilda schwieg noch zwei weitere Monate mit uns dann ging sie Heinrich besuchen. Ohne Zündhölzer oder Säure, aber mit großem Wunsch zu schreien und zu weinen. Vorwürfe machen, an den Wänden rütteln, beschämen, bloßstellen und versuchen, von ihrer angestauten Qual loszukommen, die sie an das Bett fesselte, indem sie ihre unnötige Last dem Verräter zurückwarf dem Zerstörer ihrer Hoffnungen, ihres kleinen Familienglücks, in dem sie sich selbst sah: selbstgestrickte Socken für die liebsten Männer an gemütlichen Abenden, lachende Karl, der mit Heinrich und ihr spazieren geht, und natürlich Heinrich so vertraut, so notwendig für sie und das Kind.

Mathilda wollte auch unbedingt in die Augen dieser schamlosen Kreatur schauen, die mit fremdem Mann schlief. Die Augen würden garantiert dreist und wahrscheinlich sehr schön sein. In diese Augen wollte Mathilda spucken. Fest entschlossen sie würde einfach spucken; und wenn nötig, sogar kratzen.

Wo genau sie auf Heinrich und seine Geliebte treffen sollte, erfuhr Mathilda zufällig von den initiativereichen Hausgroßmüttern während eines Spaziergangs mit dem Kind. Die guten Omas hielten Mathilda auf, erinnerten daran, dass Heinrich eigentlich ein Halunke sei, zeichneten den Weg zum Nest der Liebenden und empfahlen mögliche Racheaktionen. Mathilda war verstört, innerlich weinend, wollte eigentlich gehen, ohne die Hausnummer zu hören aber sie ging dann doch nicht.

Da stand sie also, Mathilda, vor dem Hauseingang des alten Plattenbaus und musste nur noch zum fünften Stock hinauf ab dann konnte sie spucken oder schreien.

Im ersten Stock dachte Mathilda, dass bei ihrem aktuellen Pech vermutlich niemand daheim sein würde und sie umsonst Zeit vertat. Im zweiten Stock erschien ihr, dass das gar nicht schlecht wäre, wenn niemand da wäre. Im dritten Stock hörte Mathilda den verzweifelten Kinderschrei vom fünften Stock.

Die Tür öffnete ein dünnes, tränenverschmiertes Mädchen, das so gar nicht zum Bild einer Verführerin passte, die ihren gutgläubigen Mann einfing.
Während Mathilda verwundert die schluchzende, vierzig Kilo leichte Rivalin betrachtete, brüllte das Baby weiter aus der Tiefe der Wohnung.

Guten Tag, Mathilda. Heinrich ist nicht hier, er hat uns vor zwei Wochen verlassen. Und wo er ist ich weiß nicht, schluchzte das Mädchen und setzte sich auf den Boden.

Mathilda hatte plötzlich keinen Lust mehr auf Krawall. Sie wollte in das Zimmer gehen, das Baby beruhigen, dieser ratlosen Mutter helfen. Und danach vielleicht sagen: Wer fährt, muss auch die Schlitten ziehen, du Trumpf! Ja, das müsste man unbedingt sagen. Und dabei möglichst herablassend und verächtlich schauen. Als betrogene Seite steht ihr das ja zu.

Das Baby war trocken. Die Lider geschwollen, eine Ader trat auf der Stirn hervor, die Stimme heiser ganz klar, das Kind hatte Hunger. Der kleine Junge schrie vor Hunger, so laut er konnte, während seine seltsame, hilflose Mutter auf dem Flur lag und heulte.

Wie sie mit leeren Blicken die Schränke absuchte nach Babynahrung und vergeblich im leeren Kühlschrank kramte das hat Mathilda später noch schwer erinnert. Wie sie auf dem Küchentisch einen Zettel fand mit einer grausam unfertigen Abschiedsformel: Bitte verzeiht mir

Das Mädchen weinte verzweifelt, erzählte Mathilda wie einer engen Freundin , dass sie nirgendwo hin könne mit diesem Mietzimmer, aber bald müsse. Dass die Milch weg ist, Heinrich weg ist und Geld eh nie da war. Dass sie sehr traurig und beschämt ist und wie spät alles ist. Sie wusste nichts und bat um Verzeihung. Mathilda solle sie ruhig schlagen, das wäre wohl angebracht. Und der Junge hieß Paul das sollte Mathilda sich merken, für alle Fälle. Paul war neun Tage älter als Karl.

Mathilda hetzte dann sofort nach Hause Karl würde in zwanzig Minuten die Brust verlangen. Das Rennen war nicht einfach: Zwei prall gefüllte Taschen von Christine zogen an ihren Armen, die schwer atmende Christine lief nebenher und hielt den satteren Paul. Mathilda rannte und überlegte, wohin sie noch zwei Betten stellen könnte.

Drei Jahre später feierten wir die Hochzeit von Christine, vier Jahre darauf die von Mathilda. Mathildas Mann kann weiße Socken nicht ausstehen er findet, das Leben sollte bunter sein und liebt seine Frau, seinen Sohn und seine zwei Töchter. Christine ist Mutter von vier Jungen, ihr Mann gibt die Hoffnung auf eine Tochter nicht aufAm Nachmittag, als wir das letzte Glas Sekt auf das Glück von Mathilda und ihrer neuen Familie erhoben, war der Garten voller Lachen, Sommerlicht und Kinderstimmen. Paul und Karl jagten sich mit bunten Luftballons, die kleinen Töchter verteilten Marmeladenkekse an die Gäste und Christine schimpfte liebevoll, weil die beiden Jungen zu laut waren. Die Vergangenheit hatte an Glanz verloren, die alten Wunden waren kaum noch spürbar.

Mathilda beobachtete alles aus dem Schatten einer Kastanie, ein Lächeln auf den Lippen und dabei ein Leuchten in den Augen, das man nur sieht, wenn jemand Frieden geschlossen hat mit sich, mit der Welt, mit alten Fehlern und allem, was hätte anders laufen können. Der Mann, der weiße Socken ablehnte, kam zu ihr, legte ihr eine Hand auf die Schulter und flüsterte: Du hast das Leben wirklich wunderbar gemacht.

Wir, die Freunde aus alten Tagen, saßen zusammen und staunten. Nie hätten wir damals gedacht, wie viel Wärme, Güte und Mut aus dem Schmerz wachsen können. Es gab keine Märchenendung für uns aber das hier, das war tiefer und echter. Mathilda zwinkerte uns zu, als wollte sie sagen: Jetzt kann ich endlich weinen. Und dann, als Karl voller Energie Purzelbäume schlug, liefen ihr Tränen über das Gesicht. Aber sie lachte dabei und alle um sie herum lachten mit.

So ging der Tag zu Ende, die Sonne versank und der Garten war erfüllt von einem stillen, glücklichen Versprechen: Das Leben kann manchmal schwer sein und immer aufs Neue schön.

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Homy
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