Vor etwa einem Monat, als ich abends von der Arbeit heimkam, wurde ich nicht wie gewohnt von einer aufgeregten Marie und Johannes begrüßt, sondern von stiller Besonnenheit. Marie blickte mich mit großen Augen an, Johannes zog fragend eine Braue hoch.
Mama! Du bist doch nicht böse, oder?
Hast du etwa unsern Kasimir für eine Million Euro verkauft?, entgegnete ich scherzhaft. Kasimir ist unser haarloser Kater, ein reinrassiger Peterbald mit so einem Stammbaum, dass wir gegen ihn alle wie einfache Streuner wirken. Sogar Johannes, dessen väterliche Familie auf eine alte Schleswig-Holsteiner Linie zurückgeht. Wer wirklich wollte, könnte Kasimir wahrscheinlich für eine Million Euro verkaufen. Na ja, zumindest annähernd.
Nein, ach was, beteuerte Marie schnell, ganz im Gegenteil!
Was heißt denn ‘im Gegenteil’?, fragte ich. Hast du etwa für eine Million noch einen Kater gekauft?
Marie lächelte plötzlich, als hätte sie eine wirklich gute Nachricht für mich.
Nein, Mama! Alles war komplett kostenlos! Ich habe nichts bezahlt!
Nun musste Johannes so lachen, dass ich schließlich eine Erklärung verlangte. Im Grunde war mir klar, was geschehen war, aber ich fragte mich, wie schlimm es diesmal wirklich war.
Die Katastrophe hatte ihren Umfang. Maries Klassenkameradin Leonie hatte am Straßengraben ein winziges Kätzchen gefunden und mit nach Hause genommen. Aber zu Hause ging es nicht dort gabs schon einen Hund, keine Chance. Also schleppte Leonie das Kätzchen mit in die Schule, beide völlig verstört, das eine mager und fauchend, das andere mit großen, traurigen Augen: Kann sie jemand nehmen?
Mama, verstehst du, erklärte mir Marie leise, niemand wollte sie. Und mir tat sie so leid
An dieser Stelle hätte ich am liebsten zum Besen gegriffen. Denn am meisten tat ich mir in diesem Moment selbst leid mit diesen müden Augen, die schon einmal durch so ein Theater mussten. Vor acht Jahren hatte Johannes auf unserem Parkplatz ein winziges, blindes Katzenbündel gefunden. Drei Wochen mühten wir uns mit der Flasche ab und dann starb das Kätzchen eines Nachts einfach weg. So ist das manchmal bei sehr jungen Tieren sie überleben einfach nicht. Danach kam Kasimir zu uns. Aber das Loch von damals schmerzte noch lange nach.
Kaum schilderte Marie die Situation, pochte dieses alte Loch in mir gleich wieder auf, während mein Kopf bereits die Risiken durchspielte. Es war so leicht abzusehen, dass das Kätzchen keine Überlebenschancen hatte Ich hatte definitiv nicht geplant, jetzt schon wieder eine Katze aufzunehmen.
Na, zeig, was du da umsonst bekommen hast.
Ich bekam einen Karton vorgesetzt. Darin ein Haufen alter Tücher und darauf Ein wahres Schreckgespenst, wie man es im Deutschen manchmal sagt. Kleiner als Maries Handfläche, fahlgrau, so abgemagert, dass die Hand mit ihr leichter schien als ohne sie. Ein abgetakeltes Katzengestell mit großen, angstvollen Augen. Verständlich, warum niemand sie wollte.
Mit Marie sprach ich pflichtbewusst darüber, dass man Verantwortung für das übernimmt, was man zähmt aber eigentlich war längst klar: Das Bündel Elend würde vorerst bei uns bleiben. Wer sonst hätte es nehmen sollen? Und ehrlich: Einen weiteren Kater hatten wir eigentlich nicht gebraucht.
Da bei uns schon ein Baby und Kasimir herumwuselten, schoben wir das Kätzchen erst mal für einen Tag in Quarantäne. Quarantäne hieß: separates Zimmer, großer Karton, weiche Unterlage, Wärmflasche, Katzenklo und zwei Stofftiere. Alle vier Stunden wurde das Gerippe gefüttert. Unser Familienrhythmus war dabei überraschend praktisch: Johannes schläft spät ein, Marie steht früh auf, unsere Ronja wacht sowieso nachts auf. So fand sich stets jemand, der füttern konnte gut, Ronja noch nicht, aber immerhin der, der mit ihr wach wurde.
Zwischen den Fütterungen verbrachte Marie viel Zeit im Quarantäne-Zimmer, aus Sorge, die Kleine könnte sich einsam fühlen.
Dass Kuschelbedürfnisse offenbar bestanden, merkte ich in der ersten Nacht: Da lag die Kleine zufrieden unter der Decke auf dem Sofa vom Karton war nur noch ein leerer Hotelkasten am Rand. Wie dieses Winzling aus dem geschlossenen Karton auf die Couch geklettert war, blieb ihr Geheimnis. Eine kleine Katzen-Houdini, die sich mit dünnen Beinchen hochhangelte und jeden Kommentar verweigerte
Beim Tierarzt hob dieser das winzige Bündel mit zwei Fingern aus der Box und staunte:
Was für eine Schönheit!
Die Schönheit funkelte ihn mit ihrem besten Koboldblick an und fordert: Miauu!
Brav!, lobte der Tierarzt.
Ich beschäftigte mich vor allem damit, wie man dieses Leichtgewicht duscht, abtrocknet oder überhaupt berührt, ohne dass es dabei zerbricht. Kein Gramm zu viel, schwächer als eine Eiskristallflocke im Sommerregen. Doch der Tierarzt war wenig zimperlich er seifte sie kurzerhand ein, hielt sie unterm Wasserhahn, rubbelte sie trocken, so, wie meine Oma einst meine Strumpfhosen gewaschen hatte. Das Bündel nahm alles hin, ohne zu protestieren war ihm alles egal, oder war der Schreck so groß, dass er gleich ins Unterbewusstsein verbannt wurde?
(Denken Sie nicht zu viel darüber nach, wie viel Unterbewusstsein in so einem Katzenschädel steckt)
Der Arzt klopfte anerkennend mit der Zunge, untersuchte und behandelte das Tier und erklärte, dass sie im Ganzen okay sei, abgesehen von schlimmster Auszehrung, Blutarmut und Schwäche.
Du hast sie gerettet, sagte er zu Marie. Im Straßengraben hätten die Flöhe sie schon gefressen.
Eigentlich hat Leonie sie gerettet, erwiderte Marie ehrlich. Ich habe sie bloß mit nach Hause genommen.
Und aus welcher Klasse bist du? fragte der Tierarzt sachlich.
Aus der Sechsten.
Dann hast du sie wirklich gerettet.
Seine Stimme ließ erkennen: Der sechste Jahrgang ist kein besserer Platz für ein sterbendes Kätzchen als ein Straßengraben.
Gereinigt war unser Gespenst etwas aufgeplustert, und glich langsam einer echten Katze. Die ersten anderthalb Wochen lag sie fast nur reglos herum, oder fraß. Sie kämpfte mit allerlei Magenbeschwerden, die mich nahe an die Verzweiflung brachten ich wollte auf keinen Fall schon wieder ein leidendes Kätzchen verlieren. Regelmäßig prüfte ich, ob sie noch atmete, ob sie etwas gefressen hatte und wie das Ergebnis aussah. Der Tierarzt erkannte unsere Stimme schon am Telefon. Als wir wieder einmal wegen Verdauungsproblemen kamen, streichelte er das Tier und sagte gutgelaunt:
Jetzt können Sie aufhören, sich Sorgen zu machen Sie haben mit dieser Katze jetzt garantiert viele Jahre zu tun!
Wie krank der Mensch doch manchmal tickt. Wenige Wochen zuvor hätte ich um kein Geld der Welt ein abgemagertes Straßenwesen ins Haus geholt. Aber kaum lernten wir sie kennen, bangen und sorgen uns, wird die Nachricht, dass sie bleibt, zum besten Geschenk des Monats.
Ach, ihr hättet diesen Schatz mal sehen sollen! Wie die Geier aus dem Dschungelbuch: ein wandelndes Gerippe, aber plötzlich voller Leben.
Zunächst hielten wir die Kleine für ein Mädchen. Kurz vor dem nächsten Tierarztbesuch sah ich sie genauer an doch vielleicht eher ein Kater? Auf dem Fußweg zur Praxis diskutierten Marie und ich, wie das neue Familienmitglied heißen sollte. Am Vorabend hatte ich ihr die Geschichte vom kleinen Hausgeist Fritzchen gezeigt, seitdem rief sie ständig: Fritzi! Fritzi! Das klang für Marie genau wie ein Name, der zu diesem Hundeblick passte. So wurde das Kätzchen zu Fritzi erklärt.
Der Tierarzt stellte dann doch fest: Sie ist ein Weibchen. Aber da hatte sie schon ihren Namen so blieb sie Fritzi. Oder auch Frida, Franzi, Franzl, und, wenn wir förmlich sein wollen, Franziska. Oder was Ronja ruft: Hiiiii!
Inzwischen hat unsere hundert Gramm Katze fast ein halbes Kilo auf den Rippen, ist selbstbewusster und immer öfter Mittelpunkt abendlicher Kuschel-Events. Schön ist sie immer noch nicht, doch jeder, der abends mit ihr schnurrend auf dem Schoß sitzt, wird warm ums Herz. Ich weiß selbst nicht genau, warum.
Übrigens erläuterte unser Tierarzt, dass sie dreifarbig sei. Aber da ist doch alles grau in grau!, dachte ich. Doch tatsächlich: da blitzt ein weißer Flaum, darunter hellgrau, und über die ganze Stirn zieht sich ein beiger Streifen wie eine Domino-Maske vom Haaransatz bis zum Kinn. Dreifarbig. Fast wie die deutsche Flagge, nur nicht so ordentlich.
Heute nun begegnete ich hinterm Haus einer riesigen, wilden Katze kräftig und völlig zutraulos, mit einem besorgten Blick in die Büsche. Als sie mich sah, verschwand sie scheu, schaute aber immer wieder zu uns zurück. Auch sie war dreifarbig. Ich sagte ihr, dass es Fritzi gut geht.
Und vielleicht ist das der Sinn von allem: Manchmal stolpert man über ein Häuflein Elend, das niemand will, nimmt es widerwillig auf und merkt erst im Nachhinein, dass eben diese spontane Fürsorge und das daraus wachsende Leben unser eigenes inneres Loch ein kleines bisschen füllt. Wer bereit ist, sich einzulassen, bekommt mitunter mehr zurück, als er je erwartet hätte.




