Liebes Tagebuch,
Annika und ich sprechen ehrlich gesagt nicht besonders viel miteinander, obwohl wir beide in München wohnen. Über gemeinsame Bekannte hatte ich gehört, dass sie gerade eine sehr schwere Zeit durchmacht. Daher beschloss ich, sie zu besuchen, um ihr ein wenig beizustehen. Annika erzählte mir, dass sie ihren Job verloren hatte, ihr Mann nur noch unregelmäßig arbeitete und sie enorme Schwierigkeiten damit hatten, die steigenden Rechnungen zu bezahlen und sich um ihre kleine Tochter zu kümmern. Mir tat meine Schwester wahnsinnig leid, und ich nahm mir fest vor, ihr in jeder erdenklichen Weise zu helfen.
Als ich wieder zu Hause ankam, lastete jedoch ein schwerer Stein auf meinem Herzen. Schon am nächsten Tag sammelte ich alles, was ich entbehren konnte warme Jacken, ausrangiertes Kinderspielzeug, Bücher und Lebensmittel und brachte es zu Annika.
Von da an war es nicht nur ich; auch viele unserer Verwandten halfen Annika über Monate hinweg. Manche brachten warme Wintersachen, andere neue oder fast ungetragene Kinderschuhe. Unsere Nachbarn schauten vorbei und brachten frisches Obst und Kartoffeln, Müsli, Kuchen an alles Notwendige hatten wir gedacht. Wir wollten Annika und ihre Familie wirklich mit allem unterstützen, was uns möglich war. Ihren Mann sah ich kaum; ich ging immer davon aus, er arbeite Tag und Nacht, damit sie über die Runden kommen.
Eines Morgens, als ich vor der Arbeit spontan bei Annika vorbeischaute, überraschte mich ein Bild: Vor ihrem Garten stand ein auffallend großer, glänzender Audi eindeutig kein günstiges Auto. Gerade in dem Moment trat ihr Mann aus der Haustür, stieg in den Wagen und fuhr davon. Verblüfft lief ich zu Annika und sprach sie direkt darauf an. Sie erklärte mir, sie hätten das Auto auf Raten gekauft; sie würden jeden Monat etwas von ihrem Ersparten und mit Hilfe eines Kredits dafür bezahlen.
Meine Verwunderung wurde noch größer. Ihr habt so wenig Geld, dass ihr kaum eure Rechnungen zahlen könnt, aber euch trotzdem so einen teuren Wagen gekauft? Wir alle haben geglaubt, ihr steckt in einer aussichtslosen Lage und dabei lebt ihr mit unserer finanziellen Unterstützung und fahrt eine Luxuskarosse durch die Stadt? Erst da wurde mir klar, dass unser ganzes Engagement längst nicht dafür eingesetzt wurde, wie wir es gedacht hatten.
Ich beschloss, mich ab diesem Zeitpunkt zurückzuziehen. Auch meiner Familie erzählte ich die ganze Geschichte, denn jeder hatte ein Recht darauf, zu erfahren, wofür seine Hilfe in den letzten Monaten wirklich verwendet wurde.
So habe ich gelernt, dass Mitgefühl manchmal auch dazu führt, hinter die Fassade zu schauen und dass ehrliche Hilfe und Vertrauen sich gegenseitig bedingen sollten.





