Birnchen
Es lebte einst ein Vater mit seinen drei Töchtern. Zwei davon, Liesel und Sabine, waren wahre Schönheiten helle Haare wie Hanf, blaue Augen, rosige Wangen das halbe Dorf Münster staunte ihnen nach. Die dritte, die kleine, zierliche, leicht bucklige Birnchen, fiel da aus dem Rahmen. Nur ihre großen, wacheblauen Augen funkelten so strahlend in ihrem schmales Gesicht. Die Arbeit auf dem Feld fiel ihr schwer, und im Haushalt konnte sie den älteren Schwestern kaum nachkommen.
Für Liesel und Sabine standen die Bewerber Schlange junge Burschen aus dem ganzen Münsterland. Die Freier füllten das Vorzimmer, doch nach Birnchen sahen sie kaum. So beschlossen die Schwestern: Solange unsere Birnchen keinen Mann findet, geben wir auch keinen unserer Freier die Hand!
Doch niemand hielt um Birnchens Hand an, egal wie die Schwestern sie schmückten oder wie viel Rouge sie auf ihre Wangen legten. Die Freundinnen begannen schon zu spotten: Während ihr versucht, die kleine Birne zu verheiraten, bleibt ihr am Ende selber allein!
Birnchen hörte diese Reden und ihr Herz wurde schwer nicht für sich, sondern für ihre lieben Schwestern. Eines Nachts, als alle schliefen, packte sie ein kleines Bündel, warf sich einen alten, grauen Schal um und glitt hinaus in das Traumlicht des mondhellen Morgens.
Sie wanderte die ganze Nacht über die gepflasterten Wege durch das tiefe Sauerland. Alles war wie aus weißem Nebel Birnchen ging weiter und hatte keine Angst, bis der dunkle Wald von Teutoburg vor ihr stand. Da wurde ihr mulmiger: Was, wenn der Bärenkönig noch wach ist? Doch sie nahm allen Mut zusammen, betrat den Wald und folgte einem schmalen Pfad ins Dickicht.
Langsam wurde es Morgen. Birnchen war erschöpft, aber der Weg nach Köln war noch weit. Sie ließ sich unter einem Haselbusch nieder, legte den Kopf auf das Bündel und schlief, eingehüllt vom Tuch, ein. Wer weiß, wie lange sie wurde erst durch das rhythmische Hämmern einer Axt geweckt. Gerade als sie aufsetzte, stürzte mit einem lauten Geräusch eine alte Eiche zu Boden! Vor Schreck wollte sie fliehen da stand ein kleiner, kräftiger, alter Mann mit weißem Bart und Axt vor ihr.
Birnchen erschrak noch mehr, aber der Alte lächelte freundlich: Hab keine Angst, mein Kind, ich tue dir nichts.
Wer seid Ihr, Opa? Fast hätte ich von Eurem Baum einen Schlag bekommen!
Ich bin der Waldhüter, antwortete er. Ich lebe gleich hier nebenan, schlage tote Bäume für das Feuerholz. Aber du? Was tust du hier allein im Wald?
Birnchen erzählte von ihrem Kummer und der Sorge um ihre Schwestern. Der Alte strich sich den Bart und sprach: Du bist eine gute, warmherzige Seele. Bleib doch bei mir in der Hütte, du kannst meine Enkelin sein. Gefällt es dir nicht, bring ich dich selbst nach Köln.
Birnchen willigte dankbar ein und blieb beim Waldhüter. Sie führte den kleinen Haushalt, sorgte sich um den Ofen, brachte Wasser vom Bach. Der Alte war freundlich, erzählte Geschichten von seltsamen Pilzen und geheimnisvollen Pflanzen, brachte Birnchen allerhand bei: wann man Kräuter schneidet, wie man Salben rührt, Tinkturen zieht und Beeren haltbar macht. All sein Wissen gab der Alte an sie weiter, und Birnchen sog alles auf wie Bienen Honig im Mai.
Die Zeit verstrich wie im Traum, bis der Tag kam, an dem der Alte seine letzten Worte sprach: Trauere nicht zu sehr, meine Birne, alles hat seine Zeit. Begrabe mich im Moos, geh nach Hause. Hilf künftig den Menschen mit deinem Wissen, wie ich dem Wald half.
So starb der Alte, Birnchen trug ihn zu Grabe, weinte ein wenig, dann machte sie sich auf den Weg zurück zum Hof.
Daheim hatten Liesel und Sabine in Birnchens Abwesenheit längst geheiratet; stattliche Brüder aus dem Nachbardorf, lebten zu sechst im neuen Haus nahe dem Markt. Als Birnchen eintrat, herrschte Staunen und vielerlei Freude: Die kleine Schwester lebt! Sie bekam ihr eigenes Kämmerlein, half den Schwestern im Haushalt, kannte für jede Krankheit eine Kur, wusste, wie man das Feld düngt, störende Kräuter vertreibt und den Tieren zu Gesundheit verhilft. Bald war ihre Familie gesegnet mit reicher Ernte, gesunden Hühnern und fröhlichen Kindern.
Schnell erfuhren die Leute in Münster davon und kamen zu Birnchen für Rat. Sie half allen, nahm keine Bezahlung manchmal ein Stück Käse, ein Glas Honig, ein buntes Tuch von den Armen forderte sie nichts.
Im selben Ort lebte eine Kräuterfrau, die alle Alte Edelgard nannten. Viele fürchteten sie, denn in ihr wohnte eine dunkle Kraft. Als die Menschen zu Birnchen strömten, wurde Edelgards Hütte gemieden. Sie sann auf Rache. Eines Morgens kam sie zu Birnchen.
Guten Tag, liebe Birne! Du bist doch die Tochter des Herrn Jakob, nicht wahr? Ich habe solche Schmerzen im Arm, könntest du mir helfen?
Setz dich doch, liebe Frau, ich schaue mir das gleich mal an. Birnchen berührte die Hand und lächelte: Sicher, dass es dieser Arm ist? Lass mich mal den anderen sehen.
Natürlich ist es dieser! Seit Tagen kann ich kaum Brot schneiden.
Birnchen schüttelte den Kopf: Hier ist kein Schmerz, liebe Frau.
Wie bitte! Schau, wie krumm die Finger sind!
Birnchen wunderte sich, blieb aber dabei: Wie es auch sei, deine Hände sind gesund.
Wenn du meinst … Schon besser nach so einem netten Gespräch. Danke dir, Birnchen. Schau, als Dank schenke ich dir diesen kleinen Spiegel eine Schönheit wie du sollte sich bewundern dürfen!
Birnchen nickte höflich: Hab Dank, liebe Frau. Gute Worte sind besser als bittere.
Doch Edelgard hatte den Spiegel verhext und heimlich mit Flüchen belegt.
Mit den Tagen geschahen seltsame Dinge: Birnchens Buckel schien zu verschwinden. Sie wurde aufrechter und kaum noch hinkend. Im Spiegel lächelte ein frisches, fast neues Gesicht zurück. Edelgard sah, dass ihr Zauber nicht wirkte, und kam erneut: Diesmal klagte sie über Rückenschmerzen, aber heimlich wurde sie selbst immer schwächer.
Birnchen bereitete ihr Tee aus Baldrian und Johanniskraut, Edelgard gab ihr zum Dank einen Kamm aus Elfenbein: Du solltest solch reiches Haar täglich pflegen hier, nimm!
Wieder bedankte sich Birnchen: Lass jedes gute Wort und jede Gabe tausendfach zu dir zurückkehren.
Mit den Wochen wurde Birnchen noch schöner, das Haar glänzte, die Wangen leuchteten. Aber Edelgard wurde alt und hager wie ein dürrer Ast, konnte kaum noch laufen, lag nur noch stöhnend in der Hütte. Sie rief Birnchen zu sich, doch Liesel und Sabine hielten sie zurück: Geh nicht, Schwesterchen, da stimmt etwas nicht!
Aber Birnchen lächelte nur sanft: Abends ist jeder klüger. Wartet ab!
Am nächsten Morgen stand Birnchen in frischer Kleidung parat, wusch sich mit jungfräulichem Wasser und packte einen kleinen Korb: Waldhonig, Äpfel aus dem Garten, duftende Kräuter.
Als die Schwestern sie sahen, staunten sie: Du bist ja schöner als je zuvor! Was für ein Wunder!
Birnchen schritt über den taufrischen Hof zur Hütte der Alten. Kaum wollte sie das Tor heben, da krachte es zu und ließ sich nicht mehr öffnen.
Oma Edelgard! Schließ auf, ich kann nicht zu dir!
Drinnen war ein Tumult, es polterte, Lehmklumpen schlugen an den Kamin, Stimmen riefen durcheinander: Lass sie nicht herein, ihr kommt nichts nah, ihr widersteht unser Zauber nicht, Unheil prallt an ihr ab, alles kehrt zu ihrer Wohltat zurück!
Birnchen klopfte erneut: Oma, ist alles in Ordnung? Ich wollte dich nur besuchen.
Keiner antwortete, doch plötzlich wieherten Esel, bellten Hunde, muhten Kühe oder war es nur das seltsame Wirrwarr des Traumes? Das ganze Haus schien zu beben, als ob es davonfliegen wollte.
Dorfbewohner liefen zusammen, starrten auf das Spukhaus solche Angst hatte niemand je gehabt. Aber Birnchen klopfte das dritte Mal: Oma, öffne doch! Ich bringe Honig, Äpfel, heilende Kräuter für dich.
Sie streckte den Korb durch das Zauntor und stellte ihn am Weg ab. In diesem Moment stieg schwarzer Rauch aus der Hütte, dicker als auf jedem Brand. Raben schwärmten aus den Fenstern, als die ganze Hütte blitzartig verkohlte und mit einem letzten Zischen zu Asche zerfiel.
Die Menschen rannten, schleiften Wasser, wollten retten aber das Haus war längst zu einer Häuflein Kohle geworden.
Die Sonne kam heraus. Kaum traf der Strahl auf die Asche, verflog jeglicher Rauch. Zurück blieb nur die Spur der Großmut: Wo der Korb gestanden hatte, wuchsen im Sommer Himbeersträucher, dicke, süße Früchte im Überfluss. Bald nannten die Leute das nun fröhliche Dorf Himberndorf.
Birnchen wurde noch lieblicher, eine neue Freude wohnte in ihr. Und bald kam ein Zimmermann aus dem Nachbarsort wie aus dem Nichts und hielt um ihre Hand an. Sie lebten glücklich, voller Harmonie, und mit den beiden Schwestern war Frieden und Freude im ganzen Haus. Für Bitternis war nie mehr Platz.
Und alle Leute des Himberndorfs sagen bis heute: So viel gute Ernte wie damals und solche Heilkraft wie aus Birnchens Hand gab es nirgends sonst im ganzen deutschen Land.




