– Einen Gast muss man bewirten und ihm etwas zu trinken anbieten, – forderte der Ex-Mann, als er unangekündigt bei Vera vor der Tür stand

Einen Gast muss man bewirten forderte mein Ex-Mann, als er plötzlich bei mir auftauchte.

Als es an der Tür klingelte, blieb ich erst sitzen. Vielleicht hatte sich jemand im Stockwerk geirrt. Oder es wollte jemand zu Frau Schmidt nebenan. Schließlich stand ich auf, schlüpfte in meinen Morgenmantel und ging zur Tür.

Draußen stand Johannes.

In einer Jacke, mit großer Umhängetasche, mit dem Auftreten eines Mannes, der gerade von der Arbeit heimkommt. Neben ihm ein mir unbekannter junger Mann, vielleicht dreiundzwanzig, groß, in Turnschuhen, mit einem Rucksack. Sein Blick schweifte irgendwohin, als wüsste er selbst nicht, weshalb er hier ist.

Klara, sagte Johannes. Das ist Leonard.

Ich betrachtete Leonard. Ich wusste, dass mein Ex-Mann einen Sohn aus erster Ehe hatte, aber ich war ihm bisher nie begegnet.

Einen Gast muss man doch bewirten meinte Johannes. Nach so einer langen Fahrt.

Und trat in die Wohnung.

So einfach. Ganz ohne Begrüßung, ohne Darf ich hereinkommen. Ohne alles, was man normalerweise in fremden Wohnungen sagt. Als wären wir nie geschieden worden, als hätte es die fünf Jahre ohne Kontakt nicht gegeben, als hätte er keine junge Frau namens Svenja samt Wohnung in der Schillerstraße.

Leonard trat vorsichtig hinter ihm ein, im Gegensatz zu seinem Vater zurückhaltend. Er zog die Schuhe im Flur aus, schaute mich an wie jemand, der am falschen Ort abgesetzt wurde.

Entschuldigung, sagte er leise.

Ich blieb in der Diele stehen. Aus der Küche hörte ich Johannes an den Kühlschrank gehen. Die Tür klappte, er starrte minutenlang hinein. Dann:

Du kochst also immer noch so wenig?

Früher hätte ich längst die Pfanne geholt. Hätte angefangen, irgendwas zu schneiden, zu braten, auf Teller zu füllen. Leonard stand noch immer bei mir im Flur.

Wirklich, Entschuldigung, sagte er nochmal. Ich wusste nicht, dass er zu dir will.

Mit enttäuschtem Blick suchte Johannes den Kühlschrank ab.

Gibts wenigstens Kartoffeln? fragte er, ohne sich umzudrehen.

Gibts.

Na siehst du. Brat sie eben.

Das war keine Bitte, sondern eine Feststellung.

Leonard wich in die Küche aus, leise, ganz unauffällig, der Rucksack an den Beinen.

Setz dich ruhig, sagte ich zu ihm.

Er entspannte sich ein wenig, sah sich vorsichtig um, wie Fremde das tun, die nicht auffallen wollen. Setzte sich auf einen Stuhl.

Es ist schön bei dir, meinte er.

Danke.

Johannes schnaubte, schloss den Kühlschrank und ließ sich am Tisch nieder, reckte sich wie jemand, der eine lange Reise hinter sich hat.

Siehst du, Leo, sagte er gutgelaunt. Ich habs dir gesagt. Klara kocht gut. Sie kann das.

Leonard blickte mich an.

In diesem Blick lag ein leises Verstehen. Er schien darin erfahren, wie sein Vater mit Menschen umging und deutlich müde davon.

Ich habe keinen Hunger, meinte Leonard. Wir haben unterwegs gegessen.

Ach komm, das war doch kein Essen unterwegs. Nur belegte Brote.

Ganz normale Brote.

Brote sind kein richtiges Essen.

Ich stand an der Küchenzeile, sah auf diese beiden Männer meinen Ex und seinen Sohn an meinem Tisch und fragte mich, was ich fühle.

Wut? Ein wenig.

Überraschung? Auch.

Doch vor allem so etwas wie Neugier.

Seit wann seid ihr weg aus Berlin? fragte ich Leonard.

Heute früh. Direkt losgefahren.

Warum seid ihr überhaupt gekommen?

Leonard warf seinem Vater einen Blick zu. Johannes tat so, als ginge ihn das Gespräch nichts an und starrte aus dem Fenster.

Naja, setzte Leonard an. Papa steckt in einer schwierigen Situation.

Was für eine?

Svenja hat ihn rausgeworfen, antwortete Leonard direkt, ohne Umschweife. Es gab ordentlich Streit. Er rief mich an, ich kam vorbei, wir sprachen da meinte er, er muss halt irgendwo für ein paar Tage unterkommen.

Für ein paar Tage also, wiederholte ich.

Ja, genau.

Und zu mir?

Papa meinte, ihr habt ein gutes Verhältnis. Ich selbst wohne im Studentenwohnheim, ich kann ihn nicht nehmen.

Ich blickte Johannes an.

Er schaute mich an, als würde er nicht verstehen, wo das Problem liege.

Na wohin sonst sagte er. Ins Hotel? Das kostet nur Geld. Du wohnst doch eh allein. Platz ist genug.

Platz ist genug, wiederholte ich.

Siehst du.

Das ist dein Argument? Platz?

Klara, nun mach doch kein Theater. Johannes verzog das Gesicht. Wir haben zehn Jahre zusammen gelebt. Als wärst du mir jetzt fremd!

Ich bin deine Ex-Frau.

Und?

Und das ist eben so.

Leonard seufzte, rutschte ein Stück auf seinem Stuhl.

Papa, sagte er.

Was?

Du weißt schon, dass das ziemlich unangenehm ist, oder?

Misch dich nicht ein, Leonard.

Ich mische mich nicht ein. Ich sage es nur.

Dann lass es bitte.

Ich nahm die kleine, weiße Salzstreuerin mit blauem Hahn, die ich vor zwanzig Jahren auf dem Wochenmarkt gekauft hatte. Stell sie zurück. Meine Hände brauchten einfach etwas zu tun.

Zehn Jahre lang hatte ich diesen Mann bekocht. Bratkartoffeln gemacht, Eintopf gekocht, Frikadellen aufgewärmt, wenn er gegen Mitternacht heimkam.

Dann ging er zu Svenja.

Und nun hatte Svenja ihn rausgeworfen.

Jetzt stand er wieder hier.

Weil es hier immer etwas zu essen gab, weil die Ex-Frau eben wie ein altes Sofa ist: nicht mehr schön, aber praktisch, wenn man nichts anderes findet.

Also, stehst du jetzt endlich am Herd? fragte Johannes. Die Kartoffeln?

Ich sah ihn an.

Nein, sagte ich ruhig.

Johannes war perplex.

Warum nicht?

Weil ich nicht will.

Klara!

Johannes, sagte ich ruhig. Wir sind seit fünf Jahren geschieden. Du bist zu einer anderen Frau gegangen, dein gutes Recht. Aber seitdem bist du für dich selbst verantwortlich.

Johannes schaute mich an.

Leonard beobachtete seinen Vater.

Im Treppenhaus fiel draußen eine Tür ins Schloss.

Papa, meinte Leonard. Ich habe doch gesagt, irgendwo ins Hotel.

Das kostet halt Geld.

Ich habe Geld.

Das brauchst du für dich.

Dann eben zu Sebastian. Der hat angeboten.

Sebastian lebt mit Frau zusammen, das ist unangenehm.

Und hier ist es angenehm vielleicht?!

Das letzte Wort war lauter, als Leonard wohl wollte. Er schien selbst erschrocken und hustete verlegen.

Johannes sah seinen Sohn an wie jemanden, der einen verraten hatte.

Klara, setzte er an, nun leiser. Schon nicht mehr so fordernd wie vorhin. Wir sind doch erwachsene Leute. Zwei Tage, dann bin ich weg. Ich rede mit Svenja.

Und wenn ihr euch nicht wieder vertragt?

Johannes schwieg.

Ach, so ist das also, sagte er gekränkt. Kommt man zu Besuch und du…

Du bist kein gewöhnlicher Besucher, Johannes, unterbrach ich. Du bist mein Ex-Mann. Das ist etwas anderes.

Johannes stand auf. Ging zum Fenster, zurück.

Bin ich dir jetzt völlig fremd?

Du bist niemand mehr für mich, erwiderte ich.

Er blieb stehen.

Papa, sagte Leonard. Ist dir das nicht klar?

Was denn?

Du schleppst mich zu einer Frau, die du verlassen hast. Leonard sprach ganz ruhig, ohne Vorwurf, als würde er nur das Offensichtliche sagen. Und erwartest, dass sie dich bekocht. Meinst du das ernst?

Johannes sagte nichts.

Papa. Ich habe im Auto nichts gesagt. Ich war ruhig auf dem Weg hierher. Aber das jetzt ist zu viel…

Leonard, lass das.

Nein. Leonard legte die Gabel weg. Weißt du, was ich dabei denke, wenn ich dich so sehe?

Ich schaute den Jungen an. Im Grunde ein Fremder aber er sah seinen Vater so an, wie jemand, der schon lange versteht und bisher nur aus Höflichkeit geschwiegen hat.

Ist dir bewusst, fuhr er fort, dass sie jetzt alleine hier lebt? Dass sie eine eigene Existenz hat? Und dass du hier einfach auftauchst, ganz ohne Ankündigung?

Hab doch angerufen murmelte Johannes.

Aus dem Aufzug hast du angerufen. Das ist keine Ankündigung, das ist nur eine Info.

Johannes schwieg. Ich hatte ihn lange nicht mehr so gesehen. Oder nie so erlebt.

Zum ersten Mal an diesem Abend hatte er keine Antwort parat.

Ich stellte zwei Gläser Wasser auf den Tisch. Eines vor Leonard, das andere nicht direkt vor Johannes, einfach irgendwo hin.

Klara, sagte Johannes leise.

Ja?

Tut mir leid, falls ich dich überrumpelt habe.

Ich sah ihn an. In dieses vertraute Gesicht, die alte Falte zwischen den Brauen.

Ich bin nicht böse, Johannes, sagte ich. Schon lange nicht mehr.

Er nickte langsam, wie jemand, der das erst nach und nach begreift.

Leonard trank sein Glas leer, stellte es ab und blickte seinen Vater an.

Papa, sagte er. Lass uns zu Sebastian fahren.

Ist schon spät.

Egal. Wir rufen an.

Johannes zögerte noch einen Moment. Dann stand er auf, griff nach seiner Jacke.

Wenigstens begann er, wandte sich um zu mir.

Was denn?

Naja alles in Ordnung bei dir?

Ja, erwiderte ich. Danke, dass du fragst.

Er nickte noch einmal. Ging in den Flur.

Leonard schulterte seinen Rucksack, blieb an der Tür stehen.

Entschuldigen Sie, sagte er. Für das alles hier.

Du kannst nichts dafür, sagte ich.

Ich weiß, aber trotzdem.

Ich lächelte schwach.

Iss wenigstens was Richtiges unterwegs, sagte ich. Nicht nur Brote.

Die Tür fiel ins Schloss.

Ich ging zurück in die Küche und blieb am Fenster stehen.

Man denkt immer, nach so einem Moment müsse einem etwas besonders Kluges durch den Kopf gehen irgendeine Erkenntnis, ein Resümee. Aber nein. Man steht einfach am Fenster und schaut in den Hof.

Unten auf dem Parkplatz leuchteten Scheinwerfer auf ein Auto fuhr los. Vielleicht waren es Johannes und Leonard. Oder Nachbarn. Wen interessierts.

Das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer.

Ich nahm ab.

Guten Abend, klang eine junge Stimme. Hier ist Leonard. Ich wollte mich entschuldigen. Wegen meines Vaters.

Ich schwieg einen Moment.

Ich verstehe schon.

Gute Nacht.

Gute Nacht, Leonard.

Ich legte auf, blieb noch einen Moment am Fenster stehen, machte dann das Licht aus und ging ins Bett. Aber ich lag lange wach und dachte darüber nach, wie unterschiedlich zwei Menschen sein können Vater und Sohn. Vielleicht, weil seine Mutter und nicht Johannes ihn großgezogen hat?

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Homy
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