In nur vierzig Minuten

In den Fluren der Physiotherapie war das Deckenlicht noch ausgeschaltet, nur über dem Schwesternzimmer brannte eine lange weiße Röhre, und so wirkte der Linoleumboden grau wie Wasser vor dem Schnee. Hannelore Seifert legte ihre Tasche auf die Knie, zog den Terminzettel heraus, obwohl sie die Uhrzeit genau kannte, und sah ihn an seinem gewohnten Platz. An der Wand, unter einem Schaubild mit Halsübungen. Der Mantel war ordentlich neben ihn auf den Sitz gelegt, die Thermoskanne zwischen den Schuhen, die Hände ruhend auf einem Stock obwohl sie sich sicher war, dass er ihn kaum brauchte.

Er saß dort, als wohnte er nicht wartend, sondern gehörte längst zum Inventar.

Hannelore Seifert schaute auf die Uhr ihres Handys. Dreiunddreißig Minuten blieben bis zu ihrer Behandlung. Also war er wie immer vor ihr da.

Zum ersten Mal war er ihr im November aufgefallen, als sie zur Elektrotherapie eine halbe Stunde zu früh erschien und sich noch über ihre rechtzeitige Planung freute. Der Flur war leer, eine Putzkraft wischte in der Ecke, nur dieser Mann saß an der Wand und trank aus dem Deckel seiner Thermoskanne kleine Schlucke, ohne den Kopf in den Nacken zu legen. Damals dachte Hannelore Seifert, er habe sich in der Zeit geirrt. Vielleicht sei er ein ehemaliger Offizier die seien oft so. Oder einfach einer dieser Menschen, die nicht anders können.

Später begegnete sie ihm am Busbahnhof, wo sie auf den Regionalbus zum Friedhof wartete. Der Bus würde erst in fünfzig Minuten fahren, der Schalter war noch geschlossen, aber er stand schon an Bahnsteig drei, mit der Thermoskanne und demselben ausdruckslosen Gesicht, in dem kein Hauch von Ungeduld lag. Er eilte nicht, tigerte nicht herum, fluchte nicht leise. Es wirkte, als sei das frühe Kommen für ihn die eigentliche Aufgabe, die Fahrt selbst eher Nebensache.

Das dritte Mal traf sie ihn in der Stadtbücherei, wo mittwochs Geschichten vorgelesen wurden. Kein Lesezirkel, einfach acht, höchstens zehn Menschen, die zuhören und reden wollten. Hannelore Seifert besuchte diese Treffen seit Januar, nachdem der Arzt gemeint hatte, dass es für das Gedächtnis besser sei, nicht allein in der Stille zu bleiben. Sie wusste das ohnehin, aber wenn so ein weißbekittelter Mensch es sagt, ist es, als bekomme man eine Erlaubnis. Sie kam zwanzig Minuten früher, um die Jacke in Ruhe abzulegen, nach dem Bus durchzuatmen und sich im Lesesaal auszuruhen, wo niemand Fragen stellte. Auch diesmal war er schon da. Er schaute den Gummibaum beim Fenster an, als wäre es ein alter Bekannter, der keine Unterhaltung erfordert.

Seitdem suchte sie ihn mit den Augen. Nicht absichtlich und doch bewusst. Es gibt eben Menschen, die sieht man von selbst. Nicht, weil sie laut oder schön sind, sondern weil sie sich besonders behutsam in die Welt einfügen.

Heute in der Praxis trug er ein kariertes Hemd unter einer offenen Strickjacke. An einem Ärmel fehlte ein Knopf. Hannelore Seifert bemerkte es, sah aber schnell weg, als hätte sie etwas zu Privates entdeckt. Der Mann hob den Kopf, nickte ihr zu, als erkenne er sie stumm wieder.

Sie sind auch früh dran, sagte er.

Seine Stimme war leise, klar, und seine Worte sprach er, als hätte er sie vorher abgemessen.

Sie meisten noch früher, entgegnete Hannelore Seifert.

Er lächelte schief.

Ja, das stimmt.

Das interne Telefon an der Rezeption klingelte. Die Schwester, ohne aufzusehen, erklärte jemandem, das Gerät sei noch belegt, und er solle warten. Aus einem Zimmer kam eine Frau mit Kopftuch, die ein Handtuch gegen ihre Schulter presste. Der Flur roch plötzlich nach Rheumasalbe, die offensichtlich schon zu Hause in Massen einmassiert worden war. Hannelore Seifert konnte diesen Geruch nicht leiden, er zog in Schals ein. Sie wechselte einen Sitz weiter, dachte dann, das sei kindisch, und rutschte wieder zurück.

Der Mann tat so, als hätte er das nicht bemerkt. Dafür war sie ihm dankbar.

Sie war ja selbst immer vorsorglich zu früh. Nicht vierzig Minuten; zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig. Zum Bahnhof mindestens eine halbe Stunde im Voraus. In der Praxis wie es gerade passte, aber meist auf Vorrat. Zur Bücherei immer vor allen anderen, bis auf die Bibliothekarin und eben diesen Mann. Sie erklärte sich das ganz pragmatisch: Der Bus kommt, wann er will. Der Aufzug kann stecken bleiben. Am Marktplatz steht man ewig an der Ampel. Und es ist angenehm, ruhig zu sitzen und nicht in letzter Minute zu hetzen, sich nicht entschuldigen zu müssen, nicht die Blicke der anderen zu spüren.

Das war wahr. Aber nicht die einzige Wahrheit.

Nachmittags, wenn sie zu Hause war, hörte sie nach vier den Kühlschrank summen. Leise, aber früher war es ihr nie aufgefallen. Dann knackten Rohre im Bad, sobald die Nachbarn Wasser aufdrehten. Und von rechts dröhnte der Fernseher der Nachbarin die Nachrichten klangen, als würde gestritten. Hannelore konnte das Radio anmachen, Suppe kochen, Küchenschränke abwischen, obwohl die längst sauber waren. Doch wenn sie erst um sechs das Haus verlassen musste, wurde die Stunde davor unruhig. Sie begann um viertel nach fünf, sich fertig zu machen, vergewisserte sich dreimal, dass der Herd aus war, obwohl sie morgens nicht gebügelt hatte, legte ihr Tuch von einer Tasche in die andere, schaute immer wieder auf die Uhr. Am Ende zog sie den Mantel an und ging, als würde schon jemand auf sie warten.

Aber es wartete niemand. Draußen war es einfach leichter, ein Mensch mit einem Ziel zu sein.

Wann sind Sie dran?, fragte der Mann.

Um neun Uhr zwanzig.

Ich um zehn.

Hannelore rechnete. Es war Viertel vor neun.

Sie sind also fünfundvierzig Minuten zu früh.

Heute habe ich den Bus gut erwischt.

Und wenn nicht?

Wäre ich trotzdem zu früh gekommen.

Er sagte das ohne jede Ironie. Hannelore Seifert bemerkte, dass sie ihn fragen wollte, aber nicht wusste, wie, ohne neugierig oder aufdringlich zu wirken. In ihrem Alter erlaubte man sich Fragen, die man sonst nicht stellte, und erklärte sie mit Offenheit. Das mochte sie nicht. Sie selbst hasste es, wenn man sie in der Schlange fragte, zu welchem Arzt sie ginge, was ihr fehle, ob sie Kinder hätte.

Sie schwieg.

In der Bibliothek hatte er einmal neben ihr gesessen. Es wurde eine Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert gelesen, und die junge Bibliothekarin mit Nasenpiercing las klar und ungekünstelt. Nach dem Vorlesen plauderte man, ohne Anspruch auf Tiefgründigkeit. Einer meinte, früher sei besser geschrieben worden, eine andere erinnerte sich an das Wohnen zur Untermiete, jemand ging mittendrin, weil der Bus fuhr. Der Mann schwieg meist, einmal sagte er, ihm gefalle in der Geschichte, wie der Held das Gespräch immer wieder verschob, in der Hoffnung, es löse sich von selbst. Hannelore drehte sich zu ihm.

Das haben Sie schön gesagt.

Ach, das geht wohl vielen so.

Nicht bei jedem.

Er zuckte die Schultern und schraubte die Thermoskanne zu. Seine Finger waren breit, um die Nägel kleine Flecken von Jod. Offenbar salbte er sich selbst. Hannelore wollte seinen Namen wissen, aber die Bibliothekarin brachte ein Teller mit Gebäck, das Gespräch verlief sich.

Am Busbahnhof half er ihr einmal, ihre Tasche auf die Bank zu heben, obwohl sie nicht schwer war.

Danke, sagte sie.

Keine Ursache.

Auch zum Friedhof?

Nein, ich fahre bis Tannenwald.

Was ist dort?

Da ist ein Schwimmbad.

Sie schaute ihn skeptisch an, er lachte wirklich.

Nicht für mich. Ich bringe samstags meinen Enkel hin.

Aha.

Sie nickte, als würde das alles erklären. Doch das tat es nicht. Den Enkel hätte er auch kurz vor knapp bringen können. Oder wie viele in letzter Minute.

Der Bus hatte an diesem Tag Verspätung, sie verbrachten fast eine Stunde nebeneinander. Zwei Frauen stritten über den Platz, der Mann vom Kaffeewagen putzte die Theke mit Zeitungspapier. Die Anzeige blinkte Minuten, die nichts bedeuteten. Der Mann wurde nicht nervös. Er goß aus der Thermoskanne Tee in den Deckel, zögerte und fragte:

Möchten Sie auch?

Eigentlich nahm Hannelore nie etwas von Fremden. Hier machte sie eine Ausnahme.

Der Tee war kräftig, mit Hagebutte.

Sehr gut, sagte sie.

Hat meine Frau so gemacht. Ich versuchs ähnlich, aber bei ihr wars besser.

Er sagte das ohne diese besondere Stimme, mit der viele schon vorab auf einen Verlust hinweisen. Hannelore erwiderte kein Mein Beileid oder ist das lange her?. Sie reichte den Deckel vorsichtig zurück.

Danach grüßten sie sich wie alte Bekannte. Er hielt einmal die Tür zu ihrem Behandlungszimmer auf, in der Bücherei schob er für sie den Stuhl zurecht, am Busbahnhof erklärte er, dass der Fahrplan samstags neu sei. Er hieß Helmut Albrecht. Das fand sie zufällig heraus, als die Bibliothekarin Namen für ein Treffen in der Stadtgeschichte notierte.

Hannelore bemerkte dann, dass sie auf eine Erklärung wartete. Als ob ein Mensch, dem man öfter begegnet, irgendwann einen Sinn erklären muss. Das war eigentlich albern und ein wenig peinlich. Die Menschen sind keinem Plot verpflichtet. Und doch wartete sie.

Die Erklärung kam Ende März, als in der Praxis das Heizsystem zu früh abgeschaltet wurde und alle in den Mänteln saßen. Draußen taute der schmutzige Schnee, Wasser tropfte vom Blechdach überm Eingang, und im Flur tickte die Zeit wie ein Metronom. Hannelore kam, wie immer früh, und sah, dass Helmut Albrecht schon da war. Ohne Thermosflasche, sondern mit einer Einkaufstasche. Ein Baguette ragte heraus.

Kommen Sie heute direkt vom Einkaufen?, fragte sie.

Ja, habs kombiniert.

Sehr praktisch.

Praktisch, wiederholte er, aber es klang nicht überzeugend.

Er stellte die Tüte zwischen die Füße und schielte immer darauf, ob das Brot umfiel. Es war völlig überflüssig, sodass Hannelore schließlich meinte:

Helmut, darf ich etwas fragen? Sie brauchen nicht zu antworten.

Er wandte sich sofort zu ihr, ohne Scheu.

Fragen Sie ruhig.

Warum sind Sie immer so früh da?

Die Schwester lachte am Ende des Flurs ins Telefon. Jemand schlug eine Tür zu. Hannelore bereute die Frage bereits; sie klang beinahe kindlich, als hätte sie zwölf statt achtundsechzig erlebt.

Helmut Albrecht strich sich über das Knie, als glätte er einen unsichtbaren Faltenwurf.

Eigentlich habe ich damit wegen meiner Frau angefangen.

Es war klar: Nun kam keine Geschichte, sondern eine Art Ablaufplan.

Bei ihr fing es vor dem Rausgehen an. Kein richtiger Anfall, mehr Unruhe. Sie hatte Angst, sich zu verspäten, dann wieder, dass wir zu früh seien und dumm aussähen, dann wieder Angst zu spät zu kommen. Wenn wir mit Reserve losgingen, war sie ruhiger. Ich fing an zu kalkulieren: Bus früher, Umsteigen mit Luft, rechtzeitig da, hinsetzen, dann gings ihr gut.

Er stockte, schaute auf seine Schuhe, die Tüte, die Lampe über dem Schwesternzimmer.

Und als sie nicht mehr war, habe ich einfach weitergemacht. Erst aus Gewohnheit, dann merkte ich: Komme ich genau pünktlich, gehts mir schlecht. Im Kopf ist Lärm, man hat das Gefühl, etwas vergessen oder jemanden nicht bis zum Ende begleitet zu haben. Komme ich früher, setze mich hin, trinke einen Tee, schaue die Leute an dann passt es.

Hannelore ließ ihn reden. Sie mochte, dass er es nicht ausschmückte. Nichts von großen Erinnerungen, kein Pathos. Einfach eine Erklärung, wie man sagt, warum man die Schlüssel immer in der linken Tasche trägt.

Und zu Hause, fügte er nach einer Pause hinzu, ist es vorm Rausgehen am schlimmsten. Wenn man schon angezogen ist und noch nicht auf dem Weg. Das mag ich nicht.

Hannelore lächelte zart.

Das mag ich auch nicht.

Er schaute sie an.

Sie sind auch immer zu früh?

Ja. Ich habe immer geglaubt, das liegt am Charakter. Oder an den Bussen. Ehrlich gesagt: Ich will einfach nicht zu Hause sitzen und dem Kühlschrank zuhören.

Sie wurde verlegen. Der Satz klang seltsam, wie aus einer schlechten Geschichte. Doch Helmut Albrecht nickte ernst, als hätte er alles verstanden.

Genau das ist es.

Sie saßen noch eine Weile schweigend. Nicht peinlich, mehr beschäftigt. Wahrscheinlich probierte jeder die Geständnisse des anderen an wie einen fremden Handschuh, der überraschend passte.

Dann öffnete Helmut seine Tasche, holte einen kleinen Pappbecher und die Thermoskanne, die doch dazwischen unter dem Brot lag.

Heute ohne Deckel, sagte er. Hab ich vergessen. Den Becher hab ich vom Automaten. Möchten Sie?

Ja, gerne.

Der Tee war nicht so stark wie am Bahnhof, aber warm. Hannelore hielt den Pappbecher mit beiden Händen und blickte nicht ihn an, sondern auf das Schaubild für Nackenübungen, wo eine gezeichnete Frau mit unrealistischer Frische lächelte.

Gehen Sie am Mittwoch in die Bibliothek?, fragte Helmut Albrecht.

Wenn der Blutdruck mich lässt.

Ich halte Ihnen einen Platz frei.

Aber bitte nicht vierzig Minuten vorher.

Er lachte wieder.

Gut. Fünfunddreißig reichen.

Die Schwester trat aus dem Zimmer und rief Hannelore Seifert beim Nachnamen. Sie stand auf, stellte den leeren Becher aufs Fensterbrett und merkte plötzlich, dass noch so viel Zeit bis zum Termin blieb, obwohl doch eigentlich alles schon begonnen hatte. Manchmal ist das so, wenn Warten selbst endlich gefüllt ist.

Ich bin gleich zurück, bellte sie überflüssig.

Ich bleib sitzen, sagte Helmut und rückte ihre Tasche näher zu sich, damit sie besser vorbeikam.

Nach der Behandlung gingen sie zusammen hinaus. Draußen war es feucht, aber windstill. Bis zur Bücherei waren noch zwei Tage, bis Samstag mit dem Schwimmbad länger, der nächste Arztbesuch war erst in einer Woche. Hannelore hat sonst immer den kürzesten Weg an der Apotheke vorbei zur Haltestelle genommen. Heute gingen sie langsamer, am Park vorbei, wo der Asphalt schon schwarz aus dem schmelzenden Schnee herausleuchtete.

Sie gingen nur bis zur Ecke. Dort trennten sich die Wege.

Müssen Sie da lang?, fragte Helmut Albrecht.

Nein, sagte Hannelore Seifert und richtete den Schulterriemen. Aber ich kann auch noch ein Stück in diese Richtung.

Sie gingen noch einige Schritte weiter, als wären es bis zum Beginn von etwas Neuem genau vierzig Minuten.

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Homy
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In nur vierzig Minuten
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