Es ist schon viele Jahre her, als ich erfahren habe, dass mein Sohn seine schwangere Freundin verlassen hatte. Die Nachricht traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur aus Scham, sondern vor allem aus Mitleid für das junge Mädchen. Ich erinnere mich noch genau: eines heißen Sommertages sah ich sie zum ersten Mal, wie sie mit müden Augen und rundem Bauch Essenslieferungen auf ihrem Motorroller durch das stickige Berlin fuhr. Da wusste ich, dass ich eingreifen musste.
An einem Dienstagnachmittag klingelte ich schließlich an ihrer Wohnungstür. Sie öffnete mir in ihrer Arbeitskleidung, Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, ihr Bauch war schon deutlich zu sehen. Der Anblick tat mir im Herzen weh.
Ja?, fragte sie vorsichtig.
Ich bin die Mutter von dem verantwortungslosen Jungen, der dich verlassen hat, sagte ich offenherzig. Und ich bin gekommen, um Gerechtigkeit zu schaffen.
Tränen traten ihr sofort in die Augen.
Bitte, machen Sie keine Szene
Darum bin ich nicht hier, Kind, sagte ich ruhig. Ich habe eine ernste Angelegenheit. Kennst du einen guten Anwalt für Familienrecht? Ach, eigentlich egal. Ich habe bereits die Beratung der besten Familienanwältin in Berlin für dich bezahlt. Ihr habt morgen Termin.
Sie war völlig perplex und brachte kein Wort hervor.
Dieser Junge ist mein Sohn, aber nicht meine Prinzipien haben ihn geprägt. Er wird Unterhalt zahlen selbst wenn er dafür doppelt arbeiten muss, ohne einen einzigen Feiertag.
So kam es auch. Die Anwältin war jeden einzelnen Euro wert. Als wenig später meine Enkeltochter geboren wurde ja, meine Enkeltochter, auch wenn mein Sohn das verweigerte da kam ich ins Krankenhaus, brachte Windeln, Kleidung und das zerlegte Babybett im Kofferraum meines alten Golfs mit.
Sie müssen das doch wirklich nicht, begann sie leise.
Doch, das muss ich, schnitt ich ihr energisch das Wort ab. Ich bin die Großmutter.
Mein Sohn sprach von da an kein Wort mehr mit mir. Er warf mir Verrat und Einmischung vor, behauptete, ich hätte ihm das Leben ruiniert. Ich entgegnete nur: Dein Leben hast du selbst aus der Bahn geworfen ich versuche nur, es wieder geradezurücken.
Es sind zwei Jahre vergangen. Heute leben die junge Frau sie heißt übrigens Annemarie und meine Enkelin bei mir in meiner Dreizimmerwohnung am Rande von Berlin. Annemarie studiert abends, sie träumt davon, Krankenschwester zu werden. Ich passe auf meine Enkelin auf, und zusammen sind wir wohl die ungewöhnlichste, aber stärkste Familie in unserer Nachbarschaft. Mein Sohn hält weiterhin Abstand, aber die Unterhaltszahlungen überweist er pünktlich dank der standhaften Anwältin.
Gestern, während ich die Kleine fütterte, kam Annemarie zu mir, legte leise die Arme um mich und flüsterte: Danke, Mama.
Mama.
Und ich frage mich manchmal: Gibt es ein größeres Geschenk, als eine Tochter und eine Enkelin zu gewinnen, mag man den eigenen Sohn auch eine Zeitlang verloren haben? Manchmal ist Familie eben nicht die, in die du hineingeboren wirst, sondern die, für die du dich entscheidest, zu kämpfen.
Das ist die Geschichte von Gewissen, Verantwortung und unerwarteter Liebe.




