Und braucht erst gar nicht an unser Haus
Wie man so schön sagt: Glück im Unglück. Nun gut, vielleicht war es nicht direkt ein Unglück, eher eine dumme Zufälligkeit. Ich, Hannelore, habe ein erfülltes Familienleben geführt. Mein Mann, Andreas, war rechtschaffen und ruhig; und wie er mich und unsere beiden Söhne geliebt hat, das erlebt man selten. Er war wie gemacht für die Familie, gehörte zu den Männern, die glauben, es gibt keine bessere Ehefrau auf der Welt… Doch alles hätte auch ganz anders kommen können wenn da nicht diese komische Begebenheit im Dorf gewesen wäre.
Damals war ich, Hannelore, ein nettes Mädchen, hatte gerade das Abitur gemacht, mich per Fernstudium an der Technikerschule eingeschrieben und arbeitete auf der Post im Dorf. Mein Verlobter zu jener Zeit war Matthias, ein junger, bodenständiger Mann aus dem Dorf, gerade aus der Bundeswehr zurückgekehrt, und er meinte es ernst mit mir.
Matthias, halt dir das Mädel warm, schärfte ihm seine Mutter ein. Die Hanne kommt aus gutem Hause, ihre Eltern sind fleißig, ihr Vater trinkt nicht, sie wird dir eine feine Frau. Hübsch ist sie und vernünftig, macht sogar noch Schule nebenbei und arbeitet.
Mach dir keine Sorgen, wir sind ja zusammen, und bald frage ich sie, ob sie mich heiraten will, lachte Matthias. Mach du dich mal innerlich auf eine Hochzeit gefasst, Mutter!
Und es wäre wohl alles so gekommen, wenn nicht dieser eine Abend gewesen wäre. Im Dorfgemeinschaftshaus spielte ein Walzer, die Pärchen drehten sich auf der Tanzfläche. Der etwas angeheiterte Landwirt Holger bat dann die Vera zum Tanz. Ob sie gleich merkte, dass Holger beschwipst war, weiß ich nicht, aber sie schlug ihn nicht ab damals gab es viele Jungs, aber nicht alle konnten Walzer tanzen. Deshalb tanzten die Mädchen oft miteinander. Ich drehte mich auch gerade mit meiner Freundin Ute im Kreis.
Niemand hatte damit gerechnet, als Holger plötzlich, wegen seinem wackeligen Schritt, zusammen mit Vera stürzte. Ute und ich waren gerade daneben und stolperten auch über Holgers Beine, landeten obendrauf.
Natürlich kam Gelächter über die Ungeschickten auf. Ute fiel noch halbwegs elegant, ich aber lag zu meinem Entsetzen obendrauf, und mein schönes Chiffonkleid rutschte hoch, sodass alle meine Beine und mein Unterkleid sehen konnten.
Schnell zog ich den Rock zurecht, sprang auf. Mir war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Mein Blick fiel verzweifelt auf Matthias und er lachte laut, am lautesten von allen. Statt mir zu helfen oder zur Seite zu stehen, amüsierte er sich köstlich über mein Malheur, mein Verlobter, der Mann, auf den ich mich sonst so verlassen hätte.
Und er lacht auch noch! schoss es mir durch den Kopf. Total beschämt verließ ich fluchtartig den Saal.
Meinen Weg durch die dunkle Dorfstraße hörte ich nur meine klappernden Absätze und in meinem Kopf hallte das dumme, grollende Gelächter aus dem Vereinsheim wider. Matthias lachte am lautesten. Er, der mich lieben sollte, hat dagesessen und sich über meinen peinlichen Moment amüsiert.
Zuhause vergrub ich mein Gesicht in das Kissen und weinte bis Mitternacht. Meine Mutter machte sich Sorgen, ging immer wieder zur verschlossenen Tür meines Zimmers.
Hannelore, was ist denn passiert? Sag doch wenigstens was! So schlimm kanns doch gar nicht sein? Sie klopfte und seufzte, doch sie bekam keine Antwort.
Nichts, Mama, war alles, was sie hörte.
Das schöne, weinrote Chiffonkleid, Zeuge meiner Hoffnung auf ein glückliches Leben mit Matthias, lag nun zerknüllt auf dem Boden. Morgens hatte ich keine Tränen mehr. Die Entscheidung fiel wie von selbst kühl und fest:
Genug. Ich werde ihm das nie verzeihen. Nicht das Lachen an sich, sondern, dass er nicht zu mir stand, als ich es am nötigsten gebraucht hätte. Mitgelacht hat er, sogar mit dem Finger auf mich gezeigt.
Was ist denn passiert? wollte Mama am nächsten Morgen wissen.
Er braucht das Haus nicht mehr betreten, Mama, sagte ich entschieden.
Ihr habt euch etwa gestritten? Ach, was gibts nicht alles bei jungen Leut’, das gibt sich wieder!, seufzte meine Mutter, halb erleichtert.
Schlimmer. Ich bin tief enttäuscht. Dann erzählte ich ihr, was geschehen war. Mama, mir war so peinlich, dass alle mein Unterkleid gesehen haben und er?… hat nicht einmal versucht, mir beizustehen.
Meine Mutter stand hinter mir, auch wenn manche im Dorf meinten, ich hätte Matthias zu leichtfertig aufgegeben.
Du hast eine stolze Tochter, sagte Bäckerin Monika zu ihr im Laden, Ach, es ist doch gar nichts gewesen. Ein bisschen ausgelacht, das vergeht.
Monika, du verstehst das nicht. Nicht das Lachen ist entscheidend, sondern, dass Matthias einfach dastand wie ein Klotz. Er sollte für sie da sein und hat sie ausgelacht das zeigt den Charakter. So einen Schwiegersohn brauchen wir hier nicht!
Matthias hats akzeptiert, kam nicht mehr. Er wusste, ich würde bei meiner Entscheidung bleiben.
Das Dorf hatte zu reden. Hinter vorgehaltener Hand kicherten sie noch lange, wie Hannelore beim Fest ihr Unterkleid zeigte. Aber ich biss die Zähne zusammen, ging weiter zur Post, nahm Pakete an, zahlte Renten aus und keiner wagte einen dummen Spruch. Stolz war ich schon, das musste ich mir bewahren.
Im Dezember fuhr ich zur Winterklausur nach Hannover. Dort war alles laut und fremd. Nach der dörflichen Stille waren die Straßenzüge voller Straßenbahngetrappel und Menschengerede fast zu viel für mich. Ich lebte im Vierbettzimmer im Studentenwohnheim. Abends, unter der Decke, lernte ich Prüfungsaufgaben.
Die letzte Prüfung Mechanik war die härteste. Am Morgen tranken wir Mädels noch Tee, dann ging’s los.
Im stickig warmen Prüfungssaal spielte ich nervös mit dem Knopf meines Blazers. Ich zog meine Aufgabe und starrte nur noch wie versteinert: Balken auf Biegung berechnen. Komplett Blackout.
Schwere Aufgabe? hörte ich neben mir.
Da saß ein junger Mann im einfachen Strickpullover, dunkles, leicht gewelltes Haar, wache graue Augen. Er tat, als würde er noch nachdenken, aber in seinen Augen blitzte Humor.
Das kannst du laut sagen, mir fällt nichts mehr ein, flüsterte ich, Tränen nah am Kommen.
Ich hätte einen Spickzettel…, bot er leise an. Hab für Mechanik ne Eins. Ich kritzel dir die Formeln.
Bloß nicht! Die schmeißen mich sofort raus, entgegnete ich erschrocken.
Doch er blinzelte nur schelmisch, schrieb fix auf einen Zettel, und als der Prüfer am Fenster stand, ließ er ihn mir unter der Hand auf den Schoß fallen.
Ich duckte mich doch dann sah ich: Da standen nicht nur Formeln, sondern in Druckbuchstaben: Halt durch. Das packst du! Gehen wir nachher ins Kino? Alexander.
Ich musste leise auflachen, hielt mir schnell die Hand vor den Mund. Ich sah zu Alexander und er grinste aufmunternd, voller Wärme.
Mechanik schaffte ich mit gut. Vor der Klasse wartete er bereits auf dem Flur, lehnte am Fenster.
Wie siehts aus, fällt Kino heute aus oder wagen wirs?, fragte er, hielt mir einen Apfel hin.
Ich nahm den Apfel, lächelte, und spürte, wie die Kühle im Herzen von damals plötzlich wich.
Warum ausfallen? Klar komm ich mit! Danke nochmal für die Formeln, lachte ich.
Wir gingen ins Kino, und später streiften wir durch das verschneite nächtliche Hannover. Alexander erzählte von sich: Er kam aus einem kleinen Ort, studierte auch berufsbegleitend, arbeitete auf dem Bau. Er war anders als die Burschen im Dorf: ruhig und zugewandt, humorvoll ohne Spott.
Einen Tag vor der Heimfahrt, an der Straßenbahnhaltestelle im Schneetreiben, nahm er plötzlich meine Hand.
Hanne, sagte er, wir kennen uns noch nicht lange, aber ich bin jemand, der nicht zurückweicht, wenn er erkannt hat, was zählt. Schau nicht auf meinen alten Pullover. Ich bau uns ein schönes Haus, willst du mitkommen?
Ich sah ihn an, die Schneeflocken tauten im Haar und plötzlich wusste ich: Hier ist mein Glück. Nicht beim dummen Gelächter im Vereinsheim sondern hier, draußen an der Haltestelle, mit diesem Mann, der sich trotz aller Unsicherheit traute, mir zu schreiben.
Ja, ich will, sagte ich leise.
Zurück im Dorf war ich glücklich.
Mein Mädchen, du strahlst ja! Hast deine Prüfungen bestanden… Aber da ist mehr: Bist du etwa verliebt?, fragte Mama beim Kaffeekochen.
Ja, Mama. Alexander lebt im Landkreis, hat mich eingeladen, zu ihm zu ziehen. Er ist anders, aufrichtig und zuverlässig.
Dann wünsche ich dir alles Glück, Hanne. Nicht mehr und nicht weniger, lächelte sie.
Am Abend schlenderte ich am Vereinsheim vorbei, aus dem Musik und Stimmen drangen. Durch das vereiste Fenster sah ich Matthias in der Ecke, tanzend mit irgendeinem Mädchen. Ich musste grinsen, zog mein Wolltuch fester und ging weiter durch die Dunkelheit nach Hause.
Bald kam Alexander, hielt um meine Hand an, dann wurde geheiratet, und ich zog aus dem Dorf mit zu ihm. Wir führten ein schönes Leben, zogen wundervolle Kinder groß, und waren glückliche Großeltern. Ich war wirklich glücklich mit Alexander.
Im Dorf ging das Leben weiter. Matthias heiratete zweimal, dann lebte er einfach so mit einer Nachbarin zusammen, die zehn Jahre älter war. Trank, stritt so, wie Mama immer einmal gesagt hatte:
So einen Schwiegersohn braucht man nicht mal am Gartenzaun.Und braucht erst gar nicht an unser Haus zu klopfen.
Wenn ich heute zurückschaue, dann weiß ich: Manchmal entscheidet ein einziger kurzer Moment, wie sich ein ganzes Leben entfaltet. Ein gestolperter Walzerschritt, ein fremdes Lachen, ein fremder Mut. Damals war ich enttäuscht, doch ich habe meinen Stolz nicht verloren und vielleicht gerade deshalb mein wahres Glück gefunden.
Alexander ist noch immer jemand, der mir heimlich Zettel in die Manteltasche schiebt, wenn ein schwieriger Tag bevorsteht. Manchmal tanzen wir gemeinsam in der Küche, barfuß, während der Tee aufkocht und die Enkel durchs Haus tollen. Und dann denke ich an damals, an das dörfliche Kichern und mein zerknülltes Chiffonkleid. Es ist ja fast zum Lachen, wie viel Gewicht man einer peinlichen Sekunde geben kann und wie leicht es plötzlich ist, wenn einen die richtige Hand hält.
Das Dorf hat längst neue Geschichten. Hannelore und Matthias das ist nur noch eine Anekdote unter vielen. Doch für mich war es der Anfang von allem, was danach kam. Und wenn ich heute manchmal die Post auf dem Dorf öffne, mit Alexander an meiner Seite, dann wissen wir beide: Das wahre Glück zeigt sich eben nicht im Glanz des Chiffonkleids, sondern darin, wer dich aufhebt, wenn du mal fällst und an deiner Seite bleibt, wenn das Leben einen Walzer spielt, wie du ihn noch nie getanzt hast.





