Habt ein Jahr Geduld mit uns

Ein Jahr Geduld, bitte

Schau mal an, eine richtige Königin, was! In meinem eigenen Haus darf ich nicht mal im Bademantel rumlaufen! polterte Jürgen, als er seine fast ausgetrunkene Teetasse mit einem lauten Knall auf den Holztisch stellte. Sollen sie doch froh sein, dass ich überhaupt einen anhabe ich hätte auch ohne rumrennen können! Und außerdem: Ich hab diese Quadratmeter mit dreißig Jahren Arbeit bezahlt, da ist das wohl mein gutes Recht!

Brigitte seufzte und blickte müde zu ihrem Mann. Mit zusammengepressten Lippen lauschte sie den Geräuschen von nebenan. Ein Uhr nachts. Ihre einst gemütliche, ruhige Wohnung wirkte jetzt wie eine surreale Mischung aus Bahnhofskiosk, Durchgangszimmer und billigem Friseursalon. Aus dem ehemaligen Wohnzimmer, inzwischen zum Behandlungsraum umfunktioniert, drang ausgelassenes Gelächter einer weiteren Kundin und das charakteristische Reißen von Wachsstreifen.

Reg dich nicht so auf, Jürgen, sonst geht dein Blutdruck wieder hoch, sagte Brigitte erschöpft und stützte kümmerlich ihr Kinn mit der Hand. Aber Recht hast du, mir reicht dieser ganze Zirkus auch langsam.

Dann muss da endlich mal ein Machtwort gesprochen werden! Oder wir werfen sie am besten gleich raus, dann kann sie sehen, wie sie klarkommt.

Früher hätte Brigitte ihrem Mann widersprochen. Sie hätte eingewendet, dass ein Rauswurf der überambitionierten Schwiegertochter zwar das Problem lösen würde, aber auch bedeuten könnte, dass sie Sohn und Enkel verlieren. Doch nach beinahe drei schlaflosen Nächten war ihr alles egal. Hauptsache, die eigene Seele und das tägliche Leben blieben heil

Vor fünf Jahren, als Sebastian seine Iris das erste Mal mit nach Hause brachte, schwebte Brigitte im Glück. Sie dachte, Sebastian hätte sich nun gefestigt. Und Iris kam nicht allein ihr Bauch war deutlich gerundet.

Mama, haltet uns nur ein Jahr aus, bat Sebastian damals. Uns bleibt eh nix anderes übrig, zu dritt schaff ich das nicht allein. Wenn Iris wieder arbeitet, wird alles leichter

Ein Jahr Heute konnte Brigitte selbst darüber nur noch bitter lachen.

Im ersten Jahr nach der Geburt von Moritz schwiegen sie. Junge Mutter, Hormone, Nachwirkungen der Geburt das war unantastbar. Die Großeltern halfen, wie sie konnten: Brigitte kochte Gemüsebreie und Suppen, Jürgen schob mit Moritz im Kinderwagen durch den Park, während Iris mit ihrem Handy und dem Mittagsschlaf beschäftigt war.

Im zweiten Jahr wagte Brigitte vorsichtige Gespräche übers Arbeitengehen, denn sie wollte die sensible Iris nicht verschrecken. Die Großeltern wären bereit, auf Moritz aufzupassen, der Kindergarten rückte auch näher.

Wie bitte? hatte Iris geantwortet. Für die gesunde Entwicklung braucht er meine mütterliche Energie!

Egal wie sehr die Rentnerin bemühte, Iris blieb bei ihrer Meinung: Das Kind brauche seine Mutter. Dabei verbrachte Iris gar nicht so viel Zeit mit Moritz, sondern schob vieles auf die Schwiegereltern ab.

Im dritten Jahr, als Moritz den Kindergarten besuchte, wechselten die Ausflüchte.

Die haben da ständig Seuchen! Moritz ist eh dauernd krank. Wenn ich ihn täglich bringe, arbeite ich nur noch für Medikamente und schwäche noch dazu sein Immunsystem!

Mit vier Jahren platzte Brigitte der Kragen. Sie stellte Iris vor die Wahl: Beide gehen arbeiten und sparen auf eine eigene Wohnung oder sie müssen ihr Nest verlassen.

Was soll ich jetzt arbeiten? wehrte sich Iris. Moritz kommt doch bald in die Schule, wir bereiten uns gerade vor.

Doch Brigitte ließ nicht locker. Sie wusste, dass Iris seltener mit Moritz lernte, als ein Frosch auf dem Kirchturm pfeift. Am Ende musste Iris nachgeben allerdings auf ihre Art.

So fand die schlaue Iris eine geniale Lücke: Sie belegte einen Schnellkurs für Haarentfernung. Nach wenigen Wochen hatte sie ein hübsches Zertifikat im Rahmen und verkündete stolz, jetzt sei sie Kosmetikerin.

Seitdem wurde die Wohnung der Schwiegereltern zum improvisierten Salon.

Nur übergangsweise, versprach Iris. Sobald ich Routine und Kundschaft habe, miete ich mir ein Studio.

Aber wie das immer so ist nichts dauert länger als ein Provisorium. Zuerst übte Iris an Freundinnen, fast ohne Verdienst. Dann öffnete sie die Tür für alle und setzte ihre Preise lächerlich niedrig an. Kundschaft gabs genug, aber der Verdienst blieb mickrig.

Dafür wurde Iris umso selbstbewusster und fordernder. Rasch setzte sie in der fremden Wohnung ihre eigenen Regeln durch.

Herr Schröder, wie oft denn noch: Bitte laufen Sie nicht im Bademantel durch die Wohnung Sie verunsichern meine Kundinnen! stellte sie Jürgen ab. Und Sie, Frau Schröder, bitte benutzen Sie das Bad nicht länger als zehn Minuten. Die Mädels müssen sich vor der Behandlung frisch machen.

Vor ein paar Wochen gab es richtig Streit, als Brigitte abends Fisch brutzelte.

Sie vertreiben mir alle Mädchen mit ihrem Gestank! jammerte Iris und riss die Fenster auf.

Nun durfte Brigitte nicht mehr mal in ihrer eigenen Küche kochen. Aber das war noch nicht das Schlimmste.

Iris lebte ihren gewohnten Rhythmus weiter: Bis in den Mittag schlafend, gemächlich in den Tag startend, abends die ersten Kundinnen. Es passte ihr bestens: Tagsüber war Moritz im Kindergarten, später hüteten die Großeltern das Kind. Nur die Großeltern waren am Ende.

Der Kundinnen-Trubel dauerte jedes Mal bis Mitternacht. Sebastian und Moritz verschliefen den Krach im hinteren Zimmer, aber die Schwiegereltern mit dem Schlafzimmer direkt neben Iris Studio wussten längst nicht mehr, wie sich erholsame Nächte anfühlten.

Eine Lösung hätte es gegeben. Brigitte schlug Iris immer wieder vor, ein Studio zu mieten bei so viel Zulauf. Doch Iris wollte nicht.

Dann arbeite ich ja nur noch für die Miete! Und wenn ich die Preise erhöhe, kommt eh keiner mehr.

Und wir? Wann schlafen wir mal wieder? Du hast hier Kundinnen bis in die Nacht! protestierte Brigitte.

Ich schufte doch nicht zum Spaß bis nachts, entgegnete Iris. Je schneller wir sparen, desto schneller lassen wir euch in Ruhe!

Iris war nicht kompromissbereit. Brigitte hatte längst das Gefühl, dass Iris weniger auf das Wohl der Familie als vielmehr auf ihre eigene Bequemlichkeit und Kontrolle aus war.

Doch damit war jetzt Schluss.

Du hast recht, sagte Brigitte zu Jürgen. Das war heute die letzte Kundin in unserer Wohnung.

Um ein Uhr nachts beendete Iris ihre Arbeit. Dann kamen die Schwiegereltern ins ehemalige Wohnzimmer und unterbrachen sie beim Zählen der Einnahmen.

Jetzt ist Schluss mit diesem Zirkus, donnerte Jürgen. Ab sofort gibt es hier keine fremden Leute mehr.

Was soll das heißen? riss Iris erschrocken die Augen auf. Wovon soll ich denn meinen Sohn ernähren?

Du findest schon was. Arbeit gibt es genug, wenn man will, entgegnete Jürgen.

Ihr wollt, dass ich für ein paar Euro an die Kasse gehe mit meinem Abschluss?! empörte sich Iris.

Da kam der verschlafene Sebastian aus dem hinteren Zimmer.

Was macht ihr denn so einen Lärm mitten in der Nacht? Lasst mich schlafen, ich muss früh raus zur Schicht.

Schlaf ist heilig, mein Junge, mischte sich Brigitte ein. Aber wir möchten in unserer eigenen Wohnung auch mal wieder Ruhe haben.

Also, knüpfte Jürgen an. Entweder du mietest ein Studio, suchst dir was Richtiges oder du ziehst aus. Deine Entscheidung.

Iris wurde rot. Sie brach in Tränen aus, schlug theatralisch die Hände vors Gesicht, schrie und manipulierte. Als Moritz aus dem Schlaf schreckte und zu weinen begann, schob sie die Schuld auf die Schwiegereltern, behauptete, sie wollten wohl den Enkel nicht haben.

Doch Brigitte und Jürgen blieben standhaft. Einige Tage später zog die junge Familie in eine kleine Zweizimmerwohnung in einem abgelegenen Wohngebiet.

Zwei Jahre vergingen. Zwei Jahre absolute Stille. Brigitte und Jürgen schliefen wieder aus, kochten, was sie wollten, und liefen in ihrem Zuhause herum, wie es ihnen gefiel. Nur der Kontakt zu Sebastian war selten, und Moritz sahen sie nur, wenn Iris es gerade für nötig hielt.

Dann, an einem verregneten Mittwoch, stand Sebastian vor der Tür abgemagert, mit tiefen Augenringen und einer vollgepackten Sporttasche.

Mama, Papa kann ich bei euch schlafen? murmelte er beschämt und senkte den Blick.

Natürlich wiesen sie ihn nicht ab. Eine halbe Stunde später saßen sie gemeinsam am Küchentisch, tranken Tee und hörten Sebastian zu.

Als wir ausgezogen sind, ging bei Iris alles den Bach runter, erzählte Sebastian. Die Vermieterin wollte kein Kommen und Gehen im Haus. Ins Kosmetikstudio wollte Iris nicht sie sagte, das sei ja schon fast unbezahlt. Am Ende war wieder ich allein der Versorger.

Vor einem halben Jahr wurde Sebastian dann gekündigt. Erst lebten sie von den Rücklagen und dem, was Iris Eltern ab und zu gaben. Irgendwann arbeitete Sebastian als Lagerarbeiter, nur um irgendwie durchzukommen.

Statt nun auch Iris mal Verantwortung übernimmt? Nichts davon.

Irgendwann hatten wir nicht mal mehr Geld für die Miete, sagte Sebastian leise. Ich habe gebeten, sie solle sich umsehen, meinetwegen auch als Kassiererin. Ich konnte einfach nicht mehr. Wißt ihr, was sie geantwortet hat?

Behutsam legte Brigitte ihre Hand auf Sebastians.

Sie hat vorgeschlagen, dass ich einen Kredit aufnehme! Wir könnten doch zwei, drei Monate davon überbrücken bis ich was Ordentliches finde, und danach kämen wir schon irgendwie klar.

In diesem Moment, so sagte Sebastian, fielen ihm die Schuppen von den Augen. Er blickte in den leeren Kühlschrank, auf die unbezahlten Rechnungen, auf die Frau, die mit ihm durchs Leben gehen sollte und erkannte nur ein schwarzes Loch auf zwei Beinen. Iris wäre bereit, ihn in Schulden zu stürzen, nur um weiterhin faul zu Hause zu hocken.

Ich habs nicht mehr ausgehalten. Ich hab einfach still gepackt und bin gegangen. Morgen mach ich beim Amtsgericht den Scheidungsantrag sagte Sebastian mit schwerem Seufzer. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht, aber so kann ich nicht mehr. Sie soll endlich erwachsen werden oder mir Moritz geben. Sonst liegt er auch eines Tages träumend auf dem Ofen.

Noch lange sprachen sie an diesem Abend. Kein Vorwurf, kein Wühlen in alten Wunden. Nur Zukunftspläne und Freude an der gemeinsam verbrachten Zeit. Natürlich würde es schwer werden. Aber gemeinsam ließ sich alles bewältigen.

Jugendsünden kosten teuer, aber sie sind die besten Lehrmeister. Und Iris? Die war nun ganz allein mit einer Welt, in der niemand mehr geplant hatte, sie auf dem Rücken zu tragen.

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Homy
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Die scheinbare Ehefrau, das echte Herz