Als ich heute unerwartet früher von der Arbeit nach Hause kam und die Tür zu unserer Wohnung in München aufschloss, lag auf dem Küchentisch ein Zettelhandgeschrieben, deutlich in der Schrift meines besten Freundes und adressiert an meine Frau.
Mein erster Gedanke war, dass es sich um eine Verwechslung handeln musste. Sebastian und ich kennen uns seit dem Gymnasium. Ich habe ihm vor jedem Urlaub den Wohnungsschlüssel anvertraut; er war sogar mein Trauzeuge auf unserer Hochzeit. Und nun lag dieser Zettel genau da, wo meine Frau jeden Morgen ihren Kaffee trinkt.
Langsam nahm ich den Zettel in die Hand.
Ich schaue heute Abend vorbei. Er kommt vor acht nicht heim.
Mir wurde flau im Magen. Die Wanduhr zeigte 17.50 Uhr.
In diesem Moment hörte ich ein Geräusch aus dem Schlafzimmer. Die Tür öffnete sich, und meine Frau Annemarie trat hinausgekleidet in ein Kleid, das sie zu Hause sonst nie trägt. Sie blieb stehen, als sie den Zettel in meiner Hand bemerkte.
Du warum bist du schon so früh hier? fragte sie leise.
Gute Frage, antwortete ich. Und warum kommt Sebastian heute Abend vorbei?
Ihr Gesicht wurde kalkweiß.
Einige Sekunden herrschte absolute Stille. Nur das leise Summen des Kühlschranks war zu hören.
Es ist nicht so, wie du denkst, murmelte sie schließlich.
Funktioniert dieser Satz eigentlich jemals? fragte ich zurück.
Sie öffnete den Mund, blieb mir aber die Antwort schuldig.
Ich griff nach dem Schlüssel, der auf dem Tisch lag. Der Ersatzschlüssel für unsere Wohnung, den ich Sebastian vor einem Jahr gegeben hatte.
Wie lange geht das schon?, fragte ich.
Annemarie blickte zu Boden.
Es ist nichts Ernstes.”
Diese Worte trafen mich härter als jede Beichte.
Heißt das, es läuft etwas?
Sie widersprach nicht.
Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken und rang nach Fassung. Mein Kopf war voll von Bildernalle diese Abende, an denen sie angeblich mit Freundinnen ausging, all die Male, als Sebastian zufällig in der Nähe war.
Hat er es angefangen?, fragte ich leise.
Annemarie schüttelte den Kopf.
Es spielt keine Rolle.
Doch, für mich schon.
In diesem Moment vibrierte ihr Handy auf dem Tisch. Auf dem Display erschien: Sebastian.
Wir starrten beide auf das Gerät.
Sie wagte nicht abzunehmen.
Ich griff jedoch hin und nahm ab.
Hallo?
Auf der anderen Seite entstand eine Pause.
Ich hätte nicht gedacht, deine Stimme zu hören, sagte Sebastian nach kurzem Zögern.
Ja, da gibt es wohl einiges, was ich nicht erwartet habe.
Er seufzte.
Lass uns doch reden”
Oh, wir werden reden”, sagte ich. Heute Abend. So wie verabredet.
Ich legte auf und blickte Annemarie an.
Er wird kommen, oder?
Sie nickte langsam.
Gut, sagte ich. Dann soll er kommen.
Die nächsten zwei Stunden waren die längsten meines Lebens.
Ich saß immer noch auf diesem Stuhl, betrachtete den Zettel und dachte darüber nach, wie merkwürdig es ist, von den beiden Menschen, denen man am meisten vertraut hat, doppelt hintergangen zu werden.
Fünf vor acht klingelte es.
Ich öffnete die Tür.
Sebastian stand mit einer Flasche Dornfelder-Wein vor mir.
Als er mich sah, wich jede Farbe aus seinem Gesicht.
Ich dachte, du wärst bei der Arbeit.
Pläne ändern sich.
Er sah an mir vorbei zu Annemarie, die in der Küche stand.
Wir können das erklären, sagte er leise.
Nein, erwiderte ich. Das könnt ihr nicht.
Ich legte den Zettel zwischen uns auf den Tisch.
Nur eine Frage: Wer von euch beiden dachte eigentlich, dass ich es nie erfahre?
Sebastian öffnete den Mund, aber sagte nichts.
Dann tat ich etwas, womit sie wahrscheinlich beide nicht gerechnet hatten.
Ich nahm den Schlüssel vom Tisch und warf ihn ihm hinüber.
Den brauchst du nicht mehr.
Dann schnappte ich mir meinen Koffer, den ich vor einer Stunde gepackt hatte, und stellte ihn an die Tür.
Annemarie sah mich mit Tränen in den Augen an.
Wohin gehst du?
An einen Ort, an dem ich nicht belogen werde.
Drei Wochen später reichte ich die Scheidung ein.
Und vor zwei Tagen erfuhr ich, dass Sebastian und Annemarie keinen Kontakt mehr habendenn er hat bereits eine neue Freundin.
Manchmal, so scheint es, holt einen das Schicksal schneller ein, als man denkt.
Aber ehrlich gesagt frage ich mich immer noch:
Wer hat mehr verratendie, die mich betrogen hat, oder der Freund, der eigentlich mein Vertrauen hätte schützen sollen?




