Unsere Kinder sind Stiefgeschwister

Mein Familienleben war wie ein seltsamer Nebel, der sich nicht lichten wollte, nachdem mein Mann als unser Sohn nur drei Jahre alt war bei einem Autounfall viel zu früh aus dem Leben riss. Seitdem zog ich meinen Jungen allein groß. Jeden Morgen, wenn ich ihm beim Frühstück zusah, glaubte ich, den Schatten seines Vaters in seinen Gesten tanzen zu sehen; er war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, als ob Träume ihren eigenen Willen hätten.

Als Jakob dann auf ein Gymnasium in München ging, klopfte eines Abends, kurz vor Silvester, jemand an unsere Wohnungstür. Ich öffnete und trat hinaus in einen Flur, der sich endlos auszudehnen schien. Vor mir stand eine sonderbare Frau, ihre Augen blitzten wie Straßenlaternen im Regen. Sie sagte, sie heiße Barbara und trüge wichtige Neuigkeiten bei sich. Sie bat um Einlass und ich, als sei ich in Watte gehüllt, ließ sie herein.

Unsere Unterhaltung tropfte durcheinander, Wörtern fehlte der Halt. Barbara zog ein zerknittertes Foto hervor darauf ein Junge, blass und vertraut. Dann erzählte sie, dass wir beide zur selben Zeit, in derselben Klinik irgendwo zwischen alten Pappeln und Flüsterasphalt in Regensburg entbunden hatten. Ihre Nachbarin, eine Hebamme mit Händen wie Birkenzweige, hatte damals beide Geburten betreut. Erst acht Jahre danach, als sie schwer erkrankte, gestand die Hebamme, die Jungen damals verwechselt zu haben.

Zuerst hielt ich das für einen Traum, für puren Unsinn, aber Barbara bestand so aufrichtig darauf, dass sie sogar anbot, die teuren Gentests selbst zu bezahlen. Ich schlug das aus Münzen klangen hohl in meiner Hand , aber wir ließen nicht einen, sondern vier Tests machen. Jeder davon ein weiteres verrutschtes Puzzlestück. Und jedes bestätigte: Jakob war ihr Sohn, und Markus so hieß ihr Junge war in Wahrheit mein leibliches Kind.

Ratlos saßen wir zwischen den Papieren, die plötzlich alles in Frage stellten, was ich für sicher gehalten hatte. Ich fragte leise: Aber weshalb sieht Jakob seinem verstorbenen Vater so ähnlich? Meine Stimme klang, als käme sie von jenseits eines Spiegels.

Ich zeigte Barbara ein Foto meines Mannes. Ihr Gesicht erstarrte, dann flüsterte sie: Das ist der Vater meines Kindes Verzeih

Barbara verließ meine Wohnung wie ein Schatten, und eine Woche lang schwiegen wir. Unser Leben bewegte sich wie zwei Züge in entgegengesetzter Richtung, bis wir uns eines Tages wieder trafen. Wir beschlossen, anstelle von Eifersucht das Unmögliche zu versuchen: zu vergessen, dass wir denselben Mann geliebt hatten zu vergeben, der Kinder zuliebe. Jakob und Markus, zwei Jungen mit seltsam spiegelnden Augen, waren nun Halbbrüder.

Heute ist Barbara meine Freundin. Unsere Söhne, die sich nie voneinander trennen, laufen lachend Hand in Hand durch den Englischen Garten. Vielleicht erzählen wir ihnen eines Tages, wie sie sich wirklich gefunden haben vielleicht träumen sie es sich dann selbst zusammen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: