Ein Geschenk zum siebzigsten Geburtstag

GESCHENK ZUM SIEBZIGSTEN

Stell dir vor, er wurde siebzig und hatte in seinem Leben drei Kinder großgezogen. Ganz alleine. Seine Frau war vor dreißig Jahren gestorben, und er tja, er hat nie wieder geheiratet. Hat nicht geklappt, hat niemanden gefunden, das Leben ist halt manchmal so. Was solls, es gab so viele Gründe, aber am Ende zählt doch eh nur, wie es gekommen ist.

Er hatte genug zu tun. Die beiden Jungs waren echte Unruhestifter und ständig am Raufen. Er hat sie von einer Schule zur nächsten geschickt, bis sie endlich an einen richtig guten Physiklehrer gerieten. Der hat sofort gemerkt, wie viel Talent die Jungs hatten plötzlich war der ganze Ärger wie weggeblasen!

Seine Tochter, die war auch nicht unkompliziert. Sie hatte total Schwierigkeiten, mit Gleichaltrigen klarzukommen. Die Schulpsychologin meinte schon, er solle sie zum Psychiater bringen. Aber dann kam ein neuer Deutschlehrer an die Schule, der einen Schreibzirkel gründete. Ab dem Moment hat sie nur noch geschrieben, Tag und Nacht. Ihre Geschichten wurden erst in der Schülerzeitung abgedruckt, dann überall in Literaturclubs. Du kannst dir denken, wie stolz er war.

Die Jungs bekamen nach der Schule beide ein Stipendium an einer renommierten technischen Uni in München, und seine Tochter ging zum Literaturstudium nach Heidelberg.

Plötzlich sass er alleine im Haus. Und erst da merkte er so richtig, wie still es war zum Heulen still.

Er hat angefangen zu angeln, im Garten zu werkeln und ein paar Schweine zu halten. Platz war ja genug das große alte Haus am Rand eines kleinen Dorfs an der Elbe, riesiges Grundstück. Er verdiente plötzlich ganz gut, viel besser als als Werksingenieur. Damit konnte er den Kindern alte, aber gute Autos kaufen, ihnen mal ein bisschen was zustecken, ihnen mit Klamotten aushelfen. Und schwupps war er wieder kaum weniger beschäftigt als vorher.

Das ganze Gestüt, der Garten, der kleine Hof, der Verkauf von Fleisch und Obst all das hat ihm echt Spaß gemacht. Zack, waren zehn Jahre vorbei, und der siebzigste Geburtstag stand vor der Tür. Groß feiern wollte er nicht. Die Söhne arbeiteten längst an irgendwelchen geheimen Anlagen fürs Verteidigungsministerium, konnten nicht weg am Wochenende. Die Tochter tingelte ständig zu Literaturveranstaltungen im ganzen Land. Er hatte gar nicht vor, sie einzuladen.

Ach, das pack ich auch allein, dachte er. Gibt eh nix zu feiern. Bin ja sowieso allein. Er wollte wie gewohnt seinen Hofrundgang machen und sich abends in der Küche mit einer Flasche Whisky hinsetzen, seine Frau im Stillen anstoßen und ihr erzählen, was aus den Kindern geworden ist.

Der Tag kam, er war wie immer früh auf den Beinen die Schweine brauchen schließlich ihr Spezialfutter im Morgengrauen. Doch als er raustrat, noch unter dem letzten Sternenlicht, stand mitten auf der Wiese vor dem Haus etwas Seltsames. Ein langes, in Plane gewickeltes Etwas.

Wasn das? murmelte er, und plötzlich ZACK knallten überall Strahler an. Und von allen Seiten stürmten Leute auf ihn zu: Beide Söhne mit ihren Familien, die Tochter, Freunde, Nachbarn und seine Tochter war dabei mit einem großgewachsenen, schüchternen Kerl mit dicker Brille. Alle hatten Luftballons in der Hand, tröteten auf Partyröhrchen, ließen Knallbonbons und Umarmungen regnen.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa!

Von dem seltsamen Ding auf der Wiese hatte er schon längst wieder vergessen. Die Jungs haben ihn gleich abgefangen, bevor er sich ins Haus flüchten konnte wo ihre Frauen schon angefangen hatten, die Tische zu decken.

Warte, Papa, warte mal! sagte die Tochter und zwinkerte. Lass dir die Augen verbinden!

Na gut, warum nicht, dachte er. Sie band ihm ein festes Tuch um den Kopf, drehte ihn ein paarmal im Kreis und führte ihn ja, wohin eigentlich?

Was habt ihr denn wieder ausgeheckt? fragte er.

Das ist unser Geschenk an dich, sagte einer der Jungs mit Grinsen.

Ich hoff, nix Teures meinte er etwas nervös. Ich brauch wirklich nichts.

Ach Papa, beruhigte ihn der andere, das ist nur ein kleines Zeichen der Wertschätzung.

Dann standen sie vor dem in Stoff eingewickelten Etwas. Die Tochter riss ihm die Augenbinde ab, laute Musik dröhnte aus den Boxen, Trommelwirbel.

Die Kinder packten von drei Seiten an und zogen die Plane runter und da strahlte unter den Scheinwerfern: Ein Opel Kapitän Baujahr 1961 sowas wie der Traumwagen seiner Jugend! Ihm wurde schwindlig vor Freude, fast wär er umgekippt, aber sie stützten ihn und setzten ihn auf einen Stuhl.

Er konnte nur noch murmeln: Mein Gott, mein Gott, mein Gott

Die Tochter sprühte ihm Wasser ins Gesicht. Beruhig dich, Papa! Du wolltest doch immer so ein Auto haben!

Das muss doch ein Vermögen gekostet haben! japste er.

Ach, Geld ist nicht alles, meinte der eine Sohn. Komm, steig mal rein! Wir wollen ein Erinnerungsfoto machen.

Er öffnete die Autotür und wollte sich hinsetzen aber auf dem Fahrersitz stand ein Pappkarton.

Und das?, fragte er.

Na, mach schon auf! rief die Tochter lachend.

Er nahm die Schachtel, öffnete sie zwei neugierige Äuglein blickten zu ihm hoch. Ein kleines, helles Fellknäuel ein echter Siamkater. Genau wie der, den sie früher einmal mit seiner verstorbenen Frau hatten, erinnerst du dich? Bommel. Die Kinder als Kleinkinder haben den so geliebt.

Natürlich erinnern wir uns, Papa! sagten die Kinder.

Das mit dem Einsteigen ins Auto hatte sich erst mal erledigt. Lieber ging er mit dem Kätzchen nach oben, in sein Zimmer, zeigte ihm die Fotos der verstorbenen Mama.

Ihm liefen die Tränen übers Gesicht.

Siehst du, Marta, siehst du? Ich habs geschafft. Sie haben nichts vergessen. Siehst du das?

Aber lange ließen ihn die Kinder nicht allein an diesem Tag. Unten wurden liebevoll gedeckte Tische aufgebaut, es gab kleine Festreden, Geschichten und dann flüsterte ihm die Tochter plötzlich ins Ohr, dass sie im vierten Monat schwanger sei und mit ihrem Partner gerne erstmal bei ihm wohnen würde. Sie kann ihr neues Buch überall schreiben, sagt sie. Und ihr Freund der fährt die nächsten Tage nach Süddeutschland, um seine Eltern zu holen. In zwei Wochen wollen sie in der Dorfkirche Hochzeit feiern.

Bist du einverstanden, Papa? fragte sie leise.

Das klingt wie ein wunderschöner Traum, sagte er gerührt und küsste sie auf die Stirn.

Der Tag verging mit Lachen, Essen, guten Getränken, alten Anekdoten. Alle fühlten sich pudelwohl.

Am Abend ging er zum Grab seiner Frau auf dem Dorffriedhof, saß lange dort und redete mit ihr.

Das Leben bekam wieder neuen Sinn. Vor allem mit so einem Wagen! Er musste sich noch passende Oldtimersachen bestellen, und bei nächster Gelegenheit mit dem Kapitän nach Hamburg cruisen.

Im Schlafzimmer schnurrte das kleine Siamkätzchen.

Tomke, nannte er ihn. Tomke. Tomke reckte sich, murrte, rollte sich zusammen. Der Mann schlief ein, streichelte das warme, flauschige Bäuchlein.

Am nächsten Morgen stand er wieder früh auf. Schweine füttern, Tomaten gießen, raus auf den Fischsteg der Alltag wartete schon.

Unten schliefen noch die Tochter und ihr Freund. Die Jungs mit ihren Familien waren schon abgereist, das Haus wieder ruhig.

Tomke folgte ihm überall hin, kletterte in den Futtertrog, verhedderte sich in den Angelseilen, wollte sogar die Köder fressen. Der Mann lachte, unterhielt sich mit dem kleinen Schlingel.

Als wär ich wieder jung, sagte er liebevoll und kraulte Tomke den Rücken. Tomke miaute, packte sein Handgelenk und biss ganz leicht in die Finger.

Na du kleiner Räuber!, rief er lachend.

Die Geschichte ist eigentlich ganz simpel.

Sie ist nur ein Erinnern für alle, die noch zu ihren Eltern fahren könnten.

Wartet nicht fahrt einfach los.

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Homy
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