Als ich bei der Hochzeit meiner besten Freundin ankam, entdeckte ich auf dem Geschenketisch einen kleinen Koffer, den ich vor zwei Jahren verloren hatte. Zuerst dachte ich, er sieht meinem nur ähnlich. Der Koffer war alt, dunkelblau, mit einer leicht abgeschrammten Ecke. Aber als ich näher hinsah, entdeckte ich einen kleinen silbernen Aufkleber an der Seite ein verblasstes Herz, das ich damals im Sommerurlaub draufgeklebt hatte.
Mir wurde ganz flau im Magen.
Das war wirklich mein Koffer.
Ich schaute mich um. Die Feier fand im Garten eines traditionsreichen Hotels bei München statt. Überall wurde gelacht, Kellner wirbelten mit Tabletts herum, Musik dudelte leise im Hintergrund. Niemand schien sich groß zu wundern nur ich stand da wie vom Donner gerührt.
Da rief plötzlich hinter mir jemand meinen Namen.
Hanna? Du bist ja endlich da!
Ich drehte mich um und sah sie die Braut: Katharina. Sie strahlte, ganz in Weiß, mit ein bisschen zerzausten Haaren vom Wind sie sah wunderschön aus.
Du siehst umwerfend aus, brachte ich mechanisch hervor.
Danke! Sie fiel mir freudig um den Hals. Ich freue mich echt, dass du hier bist.
Ich deutete auf den Koffer.
Kathi sag mal, woher hast du eigentlich diesen Koffer?
Sie schaute hin und lachte.
Ach, der ist schon alt. Den hab ich vor einiger Zeit gefunden.
Wo denn?, hakte ich nach.
In einer Wohnung.
Mir schlug das Herz bis zum Hals.
Welche Wohnung denn?
Katharina schaute mich kurz irritiert an.
Bei Felix.
Als sie den Namen aussprach, saß mir plötzlich ein Kloß im Hals.
Felix war der Mann, mit dem ich zusammengewohnt hatte vor zwei Jahren. Derjenige, der eines Morgens einfach weg war. Ohne Vorwarnung. Ohne Abschied.
Ich schluckte.
Wie lange kennst du Felix schon?
Sie runzelte die Stirn.
Schon länger.
Wie lange genau?
Sie zögerte ein wenig.
Ein paar Jahre schon.
Genau in dem Moment ertönte hinter uns eine Männerstimme:
Kathi, der Fotograf sucht dich!
Ich drehte mich um.
Und da stand er.
Felix ein paar Meter entfernt, im dunklen Anzug, die Hände lässig in den Taschen. Er sah noch genauso aus wie damals. Nur dass er jetzt der Bräutigam war.
Unsere Blicke trafen sich.
Hanna flüsterte er.
Katharina blickte zwischen uns hin und her.
Kennt ihr euch etwa?
Keine Antwort. Es war kurz total still.
Ich zeigte mit dem Finger auf den Koffer.
Der gehört mir.
Um uns herum spürte man, wie sich etwas anspannte.
Was redest du? fragte Katharina leise.
Ich wandte mich an Felix.
Sagst dus ihr oder soll ich?
Er atmete einmal richtig tief durch.
Kathi, es gibt da etwas, das du wissen solltest
Sie schaute ihn entgeistert an.
Was ist mit euch los?
Ich machte den Koffer auf.
Drinnen lagen tatsächlich noch meine Sachen: ein altes Tuch, ein Polaroid vom Ostseeurlaub, und ein kleiner, gefalteter Zettel der Zettel, den ich in der Nacht vor seinem Verschwinden geschrieben hatte.
Ich nahm den Zettel in die Hand und faltete ihn auf.
Das ist meine Handschrift, sagte ich ruhig.
Katharina sah zu Felix.
Felix?
Er fuhr sich nervös durch die Haare.
Als wir uns kennengelernt haben Ich habe damals mit Hanna zusammengelebt.
Katharina wurde kreidebleich.
Wie bitte?
Ich dachte, das mit uns wäre vorbei, erklärte er hastig. Es war damals eine schwere Zeit.
Ich schnaubte leise.
Interessant. Ich habes auch erst geglaubt, als ich heimkam und die Wohnung plötzlich leer war.
Langsam drehten sich die Köpfe der Gäste zu uns.
Katharina ging einen Schritt zurück.
Du hast also sie verlassen und dann was mit mir angefangen?
Felix schwieg.
Das war Antwort genug.
Sie blickte vom Koffer zu mir.
Wusstest du, dass ihr heute hier heiratet?
Nein, sagte ich. Ich habs erst vor zehn Minuten geschnallt.
Eine Böe hob die Tischdecke an.
Katharina nahm langsam ihren Schleier ab.
Felix stimmt das alles?
Er öffnete den Mund, aber er brachte kein Wort heraus.
Ich schloss den Koffer, nahm ihn, und ging Richtung Ausgang vom Garten.
Mit jedem Schritt hörte ich, wie hinter mir die Musik stoppte und das Flüstern anfing. Ich drehte mich nicht um.
Ich dachte nur, wie verrückt das Leben manchmal spielt dass ausgerechnet eine Hochzeit dazu da sein kann, das ganze alte Zeug wieder hervorzuzaubern, genau dann, wenn dus am wenigsten erwartest.
Mal ehrlich, ich frag dich jetzt ganz offen: Wenn du an Katharinas Stelle wärst, würdest du nach sowas die Hochzeit weitermachen?





